Seite 10. Nr. 323. ____________Wiesbadener Tagblatt___________________________ Montag, 26. November 1934.
Dis Durchbruchsschlacht von Drzszint).
Von Dionys Meyer, Wiesbaden.
Schluß. (Nachdruck verboten).
Den ganzen Vormittag über harrt die Brigade auf ihrem heftig umbrandeten Posten aus. Schweres Feuer liegt auf ihr. Zähe verbeißen sich die tapferen Westfalen in die nicht minder tapferen Kaukasier. Die Verluste in ihren Reihen mehren sich. Sie sind doppelt schmerzhaft, bei sinkender Gefechtskraft und wachsendem Feind. Wie eine Jttsel in tosender Brandung, ragt der Bahnhof Rokiciny im Kampfe empor, umkämpft von kaukasischer Reiterei und verteidigt von einer zusammengeschossenen westfälischen Reiterbrrgade.
Die Augen des Grafen v. Schmettow sind nur noch auf die 13. Kavallerie-Brigade gerichtet. Wird sie halten? Das ist die bange Frage an das Schicksal. Und sie hält! Hält den Bahndamm noch, als gegen Mittag die 45. Kavallerie-Brigade abbaut und auf den Waldrand zurückgeht. _
Das russische Reiterkorps Nowikow drückt von Osten auf die 9. Kavallerie-Division, und im Westen überschreitet der Russe die Miazga. Volle 24 Stunden hat die schwache, badische Reiterbrigade den Russen überlistet und ihn mit Hilfe einiger Kanonen, die bald hier bald dort schossen, den Übertritt auf das Ostufer verwehrt.
XI.
Intermezzo. Schutzengel.
Im Walde von Laznowska-Wola rastet in einem Bauernhause eine Husarenpatrouille. Sie hatte gezwungenermaßen den Weg durch die-eisigen Fluten der Miazga genommen. Am warmen Herde trocknet sie die Attilas und Reiterhosen. Zähneklappernd wenden die Reiter die Uniformstücke. Mit Heubüschel reiben sie die Stiefel trocken. Eine Matka braut in einem Topfe Tee und zaubert nach vielen Bitten aus dem Familienbette einen Laib Brot hervor.
Mit nackten Füßen, den Reitermantel umgehangen, beaufsichtigt ein Reservist die Panjes und Malkas beim Trockenreiben der Pferde. Bitten und kernige Flüche feuern sie zu schnellerer Tätigkeit an.
Mit einem Male herrscht Totenstille: Der Kanonendonner im Osten ist verstummt, das Gewehrfeuer im Westen verebbt. Das sind trügerische Boten für den Wissenden. Ein atemlos ankeuchendes Mädchen fliegt in den Hof, sieht die Husaren und sagt: „Kosaki".
Der Unteroffizier mahnt zum Aufbruch. Die Husaren springen in die halbnassen Kleider. Nun schnell in die Stiefel. Es will nicht gehen. Nicht mit Strümpfen, noch weniger ohne Strümpfe. Da opfert das Mädchen ein Leinenhemd. Inzwischen ist die Nacht hereingebrochen. An die Pferde? Auf tmb davon!
Die ganze Nacht irren die Husaren im Forste umher, werden beschossen und gejagt, bis ihnen das Durchschreiten eines Waldsumpfes gelingt.
Sie finden eine zerschossene, deutsche Feldwache. Die Tornister der Gefallenen sind beraubt, die Ringe von den Fingern gezogen und die Uhren und Brieftaschen entwende/ Neben einem Wachholderstrauche liegt ein bärtiger Oberleutnant. Die Bajonette der Russen haben seine Brust durchbohrt. Er ist buchstäblich ausgeraubt. Nur das Notizbuch — ein kleines wertloses Ding — hat man ihm gelassen. Der Unteroffizier löst es aus den verkrampften Händen des Toten und entziffert im dämmernden Morgen die zitternde Scbrift.
Wundervoll ist dieser Brief, alles Kleinliche ist in ihm von der gewaltigen Nähe des Todes abgetan. Die Schweigsamkeit des Waldes scheint noch einmal die Seele durchdrungen und den Willen gestrafft zu haben. An eine Frau ist dieser Brief gerichtet und spricht doch zur ganzen
germanischen Welt; an eine Zeit ist er geschrieben und spricht doch für die Ewigkeit:
Er mahnt darin seine Frau, das höchste Vermächtnis, seinen Sohn, zu hüten und ihn vor Weichlichkeit und Schlappheit zu bewahren. Am Ende eines tatenreichen Lebens, das ihn als Ingenieur um den halben Erdball geführt, rühmt er noch den eigenen Entschluß, rechtzeitig das ungastliche Ausland verlassen und sich freiwillig zu den Waffen gemeldet zu haben.
Kämpfen um das Vaterland ist besser, als die Bequemlichkeit eines bürgerlichen Lebens; das Lagerfeuer traulicher, als der warme Kamin; der Kampf, Mann gegen Mann, heroischer, als das kleinliche Quälen der Menschen untereinander.
Und er schreibt ein paar Worte an die deutsche Nation. Er zählt die einzelnen Zufälle auf, die sich gegen ihn verschworen; er fühlt noch im Todeskampfe die Verantwortung für die ihm anvertrauten Kameraden; sagt, daß er ohne eigene Schuld im Kampfe unterlegen und bittet seinen Kommandeur, sich der Angehörigen seiner Kameraden anzunehmen. Das letzte Wort schließt mit dem Wunsche: Kameraden, schickt dies Buch meiner Frau!
Der Unteroffizier nimmt das Dokument an sich und nach mehrstündigem Ritt stoßen sie auf eine deutsche Ulanenschwadron, die nach Zakowice reitet.
XII.
Der Rückzug der Reiterei.
Die Heeresreiterei räumt das Kampffeld. Wie eine Erlösung klingt das Kommando: An die Pferde! Im letzten Tämmerschein der untergehenden Sonne sammeln sich die Schwadronen, marschieren durch den schweigenden Forst zur Mroga, eine Aufnahmestellung vorzubereiten. Nur die Nachhut-Eskadrons und die Sprengkommandos bleiben am Feinde kleben, lassen sich drängen und schieben und jagen hinter sich die Brücken in die Luft.
Als letzte deutsche Reiterbrigade marschiert die Brigade Bodelschwingh, nachdem sie nicht nur die Armeeabteilung opferfreudig gedeckt, sondern auch das Reiterkorps vor der Vernichtung bewahrte, aus dem Hexenkessel von Lodz heraus, und als einer der Letzten reitet . . . Oberst v. Bodelschwingh, der heldenhafte Verteidiger von Rokiciny.
Um die Mittagsstunde des 25. Novembers traben Husaren durch Brzeziny. „Wieviel kommen noch?" fragen die Einwohner. „Wir sind die Letzten!" „Wann kommen die Kosaki?" „Dort stehen bereits die ersten!" Ein Husar zeigt auf die Höhe 231, südlich von Brzeziny.
„Sie kommen, sie kommen!"
Fenster werden geschlossen und die Läden mit Eisenstangen verrammelt, den Husaren aber reichen sie Tee und Zwieback auf die Pferde und reichen ihnen zum Abschied die Hand. „Auf Widdersehen", sagen sie.
Was haben sie nicht alles in 12 Tagen erlebt, die armen Menschen! Und was wird ihnen die Zukunft noch bringen. . . ?
Nördlich Brzeziny steht tags daraus das Reiterkorps v. Richthofen in Hufeisenform zur Abwehr bereit, nachdem es die verflossene Nacht friedlich in den Dörfern mit den Kosaken Quartier bezog. Das 25. Reserve-Korps ist weiter im Rückzüge begriffen. In mehreren Reihen nebeneinander marschiert der feldgraue Heerbann, mit 16 000 Gefangenen und 64 Geschützen, begleitet von einer Handvoll Ulanen, nach Strykow.
Überall zeigen sich Spuren mörderischen Kampfes. Zerschossene Batterien, tote Kanoniere und Pferde, explodierte Munitionswagen und ineinandergeschobene Wagenburgen. Berge von Munition wurden das Opfer deutscher Granaten. . . und nebenan ein Leichenfeld,
herzzerreißenden Anblicks. Tagelang noch bergen die tiefen Schützengräben Geheimnisse grausigster Art, und bei näherem Zusehen stellen die erdfarbenen Klumpen ganze Haufen zufammengesrorener Russen dar.
Zähe wurden die Stellungen von den Sibiriaken verteidigt. Immer wieder rannten sie in die Feuerschlünde deutscher Haubitzen, den Schwung der deutschen Infanterie aber vermochten sie nicht aufzuhalten.
Die Schlacht in der Front wurde zum Kesseltreiben in den Flanken. Das hielt das ungelenke Naturkind nicht mehr aus. Der preußische Geist triumphierte über die dumpfe Masse und über die zanksüchtige, russische Führung, die den Überblick über die Kampfhandlungen verlor und Konflikte heraufbeschwor, statt zu handeln.
Noch einmal packt der zähe Gegner das Reiterkorpt v. Richthofen beim Schopf. ^Östlich Wola-Cyrusowc und bei Karmen wird die 9. Kavallerie-Division noch einmal aus den Sätteln geworfen, den Mroga-Abschnitt mit dem Karabiner zu verteidigen.
Westlich der Mroga schanzt das XXV. Reserve-Korps.^ Die Infanterie baut Schützengräben und wirft spanische Reiter und Baumsperren vor die Gräben. Mit dem 20. Armee-Korps ist Verbindung gewonnen.
Bei Dmosin überschreitet das Reiterkorps in zwei Kolonnen die Mroga. Im Morgengrauen folgen die Nachhutschwadronen. Die letzte Reiterpatrouille nimmt den Weg an der Mühle von Dmosin durch den eisigen Fluß. Die Brücke ist zerstört, das Wehr feindwärts geschleudert. Kofakcknsotnien blicken bereits ü6erj)ie Höhen.
Als die letzten Reiter die Baumsperren durchreiten — schließt sich hinter ihnen das Tor. Die Front ist zusammengewachsen, der Durchbruch geglückt.
Die geniale Tat Scheffer-Boyadels gehört bereits der Geschichte an. Tie Schlacht Lodz-Lowicze, aus der Bewegung heraus geboren, nimmt ihren organischen
Ausklang.
Ein leuchtendes Beispiel soldatischer Tapferkeit, ein ] Vorbild kameradschaftlichen Zusammenwirkens von In-i fanterie und Artillerie, von Infanterie und Heeresreiterei, | von Führung "und Gefolgschaft, von Mut und heldischer | Mannestreue, von Aufopferung und Hingabe, von Geist s und Kraft bildet der Durchbruch der Ärmeeäbteilung 1 Scheffer durch die russische Front, in der der teutonische j Geist und das echt preußisch-deutsche Soldatentum die 1 höchsten Triumphe feierte.
Im Lorbeerkranze des Reiterkorps v. Richthofen I blüht und leuchtet für ewige Zeiten ein unverwelkliches j Blatt — den Toten zum Gedächtnis, den Lebenden zur j Erinnerung, den Kommenden zum Ansporn..... - Brzeziny. ________
Literatur:
1. Briefe Er. Exzellenz Graf Eberhard v. Schmettow, i
9. Kav allerie-Division.
2. Der Durchbruch bei Brzeziny, von Major a. D. Eilsberger, J I XXV. Reserve-Korps.
3. Die Aufzeichnungen des Majors a. D. Guenther, Jäger- 3 Regiment zu Pferd 13,6. Kavallerie-Division.
4. Tagebuchblätter des Adjutanten der 3. Garde-Infanterie- 1 Division, Erbprinz Ferdinand Hsenburg-Wächteisbach.
5. Mündliche Mitteilungen des ersten Generalstabsoffiziers H der 9. Kavallerie-Division, Oberstleutnant Herwarth v. Bittenfeld.
6. Feldpostkarten von Kameraden und eigene Aufzeichnungen, ,-h I
7. Die 6. sibirische Schützendivision in den Kämpfen bei Lodz, g I Moskau 1925. Von N. Nowikow, Oberstleutnant im i 24. sibirischen Schützen-Regiment.
8. Sir Alfred Knox: Withe the Rujsian Army, 1914—1917, i London 1921. Englischer Militär-Attache in Petersburg. :
Gerichtssaal.
Eine Brandseuche gebannt.
275 Jahre Zuchthaus und 16 Jahre Gefängnis im pommrrschen Brandstistungsprozetz.
Stettin, 24. Noo. Mit dem Abschluß des Prozesses gegen Walter P a p e n f u ß (Vater) ist der Höhepunkt der Prozesse gegen die Brandstisterbande Fechtner und Genossen, die in mehreren Kreisen Pommerns zusammen mit Hofbesitzern zahllose Brandstiftungen organisiert hatten, überschritten. 26 Prozesse sind seit Ende April d. I. abgewickelt worden; 8 bis 10 Prozesse stehen noch aus. Im ganzen wurden 53 Vrandstiftungsfälle behandelt. 50 Personen standen in den bisherigen Prozessen unter Anklage. Von ihnen sind 42 verurteilt und nur 8 aus Mangel an Beweisen freigesprochen worden. Rechtskräftig geworden sind die Urteile bisher gegen 30 Angeklagte und zwar 7 Brandleger und gegen 23 Besitzer.
Geradezu erschütternd ist eine Bilanz der Strafen. Es sind bisher insgesamt 274 Jahre 9 Monate Zuchthaus, 16 Jahre 2 Monate Gefängnis und 279 Jahre Ehrverlust ausgesprochen worden. Bemerkenswert ist, daß gegen Walter Papenfuß als einen der größten Organisatoren der Brandstiftungen an Einzelstrafen bisher 32 Jahre Zuchthaus und 16 Jahre Ehrverlust ausgesprochen wurden.
In den pommerschen Kreisen Pyritz und Greifenhagen ist die Brandseuche so gut wie gänzlich gebannt. Im Kreise Randow ist die Kriminalpolizei zurzeit tatkräftig an der Arbeit, die Brandseuche zu beseitigen.
Die Wandlung des Zuchthäuslers.
Heirat im Zuchthaus. — Antrag auf Sicherungsverwahrung abgelehnt.
Montreal, einst ein gefürchteter Ein- und Ausbrecher, wurde dem Wiesbadener Gericht vorgeführt, weil die Staatsanwaltschaft Sicherungsverwahrung nach Verbüßung seiner neunjährigen Zuchthausstrafe gegen ihn beantragt hatte. Montreal wehrte sich energisch gegen diesen Antrag und erklärte: „Ich bin heute nicht mehr der Montreal von 1927. ich bin heute der Montreal von 1934. Mir mir ist eine Wandlung vor sich gegangen. Nie mehr werde ich irgend etwas Strafbares -begehen." Dann schilderte der
aus dem Zuchthaus Rheinbach vorgeführte Montreal, der noch drei Jahre zu-verbüßen hat, wie er zu den Straftaten gekommen ist. Elf Geschwister waren zu Hause, und Schmalhans war ständig Küchenmeister. Er ging zu Diebstählen über und wurde bestraft. .Dann kam die Militär- und Kriegszeit. Hier war seine Führung ebenfalls nicht di« beste. Nach dem Kriege konnte er keine Arbeit finden, denn die Vorstrafen machten sich hindernd bemerkbar, und dann fehlten ihm die Papiere. „So kam es, meine Herren", erklärt« er, „daß ich erneut zu Diebstählen überging. Mein Freiheitsdrang war groß. Ein- und Ausbrüche folgten sich auf dem Fuß. Ich stahl und rückte ab." Die Angaben des einst so gefürchteten Ein- und Ausbrechers waren so schlicht und überzeugend, daß sie ihren Eindruck nicht verfehlten. Nach den Berichten der Strafanstalt leistet« Montreal in den ersten Jahren der jetzigen Strafverbüßung noch manchen Widerstand, aber seit dem Augenblick, da in das Leben des Entgleisten eine Frau getreten ist, die ihm Halt und Stütze sein wird, ist mit ihm eine merkliche Wandlung vor sich gegangen. Montreal, der sich verstoßen, verlassen und geächtet fühlte, entschloß sich eines Tages, aus der Strafanstalt heraus ein Inserat zu erlassen, um eine Lebensgefährtin zu finden. Dieses Heiratsgesuch war nicht vergebens, denn eines Tages wurde Montreal von einer Frau im Zuchthaus besucht, bi« sich nach näherem Kennenlernen entschloß, ihm einst eine Stütze zu sein. Montreal heiratet« diese Frau vor einiger Zeit im Zuchthaus. Der letzte Bericht der Anstaltsleitung befürwortet, daß Montreal von der Sicherungsverwahrung verschont bleibt. Das Gericht schloß sich dem Antrag des Staatsanwalts nicht an und lehnte die Sicherungsverwahrung ab.
* Betrügereien mit gestohlenem Reisepaß und Scheckbuch. In Lugano wurden vor einiger Zeit einem italienischen Ehepaar die Reisepässe mit einem Scheckbuch gestohlen. Nachforschungen blieben ohne Erfolg, bis vor kurzem in Frankfurt a. M. an dem Schalter einer Bank von einem jungen Italiener fünf Schecks vorgezeigt wurden. Die Unterschrift der Schecks stimmte handschriftlich nicht mit der Unterschrift in dem vorgelegten Paß überein. Während der Bankbeamte sich zur Nachprüfung zurückzog, um gegebenenfalls die Polizei verständigen zu können, verließ der Scheckbesitzer fluchtartig die Bank unter Zurücklassung von Wertpapieren und Paß. Das gab der Bank Veranlagung, die Polizei zu verständigen. In Köln wurde der Betrüger festgenommen. Es bandelte sich um den 23jährigen Giuseppe Meschi. Patz und
Scheckbücher will er von dem großen Unbekannten erhalten haben, der seine Reise nach Deutschland aus politischen Gründen habe aufgeben müssen. Meschi wurde in das Wiesbadener Gefängnis eingeliefert, wo er vor kurzem nach einem Morgenspaziergang einen Fluchtver- s u ch unternahm, der aber mißlang. Er stand jetzt vor der Großen Strafkammer Wiesbaden. In der Verhandlung blieb er bei seiner Behauptung, Paß und Schecks von einem Unbekannten für 80 RM. erhalten zu haben. Innerhalb drei Tagen hatte Meschi sich' auf die Schecks den Betrag von 600 RM. verschafft. Das Gericht billigte dem Angeklagten mildernde Umstände zu, um ihn nochmals vor dem Zuchtbaus zu bewahren, und verurteilte ihn zu einem Jahr drei Monaten Gefängnis.
* Ein ungetreuer Rechtsanwalt. Die 4. Große Strafkammer des Landgerichts Berlin verurteilte nach mehrtägiger Verhandlung den 43 Jahre alten früheren Rechtsanwalt und Notar Dr. Friedrich Bieber wegen Untreue zu zwei Jahren Gefängnis. Das Gericht billigte dem Angeklagten in weitem Umfange mildernde Umstünde zu, sah sich aber dennoch gerade mit Rücksicht auf die Stellung des Angeklagten als Organ der Rechtspflege zu einer empfindlichen Bestrafung veranlaßt. Dr. Bieber betrieb in der Friedrichstraße eine Anwaltspraxis und ein Notariat. Obwohl ihm die Praxis ausreichende Einnahmen brachte, geriet er seit 1928 allmählich in finanzielle Bedrängnis. Dies war vor allem darauf zurückzuführen, daß gegen ihn eine Reihe von Regretzprozessen angestrengt wurden, die er verlor. Die Regretzansprüche gegen Bieber überstiegen die Summe von 65 000 RM., die er nicht aufzubringen vermochte. Es kam so weit, daß gegen Bieber Haftbefehl zur Leistung des Offenbarungseides erging. Seit April 1931 ließ sich nun Bieber dazu hinreitzen, ihm anvertraute Mandantengelder für eigene Zwecke zu verwenden. Zuerst waren es nur ganz geringfügige Beträge, die er veruntreute, mit der Zeit mehrten sich aber die Fälle und die unterschlagenen Summen wuchsen. Seine Gelder leitete Bieber über eine inzwischen zusammengebrochene „Hoppegarten - Neuenhagener Bank". In dieser Bank war der 42 Jahre alte Karl Krauth als Bankvorsteher und der 26jährige Walter Montag als Kassierer tätig, die ebenfalls in die Schiebungen mitverwickelt wurden und sich jetzt gemeinsam mit Bieber zu verantworten hatten. Anläßlich einer Revision bei dieser Bank wurden die Veruntreuungen Biebers aufgedeckt. Der Angeklagte Krauth wurde zu sieben Monaten, der Angeklagte Montag zu acht Monaten Gefängnis verurteilt.
