Einzelbild herunterladen
 

Wiesbadener Tagblatt

Seite y Nr. 265.

Fttttckg, 28. September 1934.

Wiesbadener Nachrichten.

Ländlicher Gang durch den frühen Tag.

Mattblau dehnt sich der Himmel über dem schwarzen Gebälk der gekalkten Fachwerkhäuser, in denen noch Licht brennt. Blerch hebt sich zwischen den Bäumen die Dorf­strage in die Wiesen hinaus. Steil steigt der Weg an den letzten Gehöften vorbei. Mit Steinen und Geröll ist er übersät. Über den von der Zeit dunkelgebeizten Dächern des Dorfes ist ein Rauchschleier gebreitet. Die letzten Schatten der Nacht liegen wie zerbröselnde Spinnengewebe in den Blattknäueln der Bäume und Büsche drunten in Mulden und Dellen.

Vor uns aber hebt sich das Licht an den die Fahle ver­lierenden Himmel mit jedem Schritt den wir nun tun. Schrill schreien Habichte ihren Warnruf in die Stille und fliegen mit gleichmäßigem Flügelschlag das Tal hinab; einzig einer umschwebt in ängstlich gezogenen Kreisen den stärksten Baum droben auf der Höhe. An der nächsten Weg­biegung öffnet sich das Land gen Südosten. Die Täler liegen gestrichen voll Nebel. In dunklem und hellerem Grau gleiten Wiesen und Acker in das brauende Weben des Morgens. In ewigem Gleichklang der Zeitlosigkeit wogt vor uns Waldrllcken hinter Waldrücken. Darüber steht wie der Schatten eines Eebirgsmassivs eine gleichmäßig große Wolkenbank. Ihrem Firste entlang aber breitet sich seidig, silbrig und von einem noch unsichtbaren Kern strahlen­förmig ausgehend, nach Westen hinüberreichend, ein Ge­spinst aus Federwölkchen. Rot stürzt es nun aus dem Grauen, wie ein leckender Flammenfall, wächst, wird zur aufwärts brennenden Esse eines Schmieds, zur Wunde, zur brennenden Wiege, aus der die junge Sonne nun aufwärts steigt, hinein in das blau und blauer werdende Firmament. 2n schweigendem Jubel steigt sie empor und füllt den Äther mit ihrem Glanze. Ganz weit im Norden treiben aschen­farbene Wolken, rötlich durchsiebt, über dem sich dehnenden ins Leben fließenden Land mit seinen Rainen und Wäldern. Indes die Sonne in das schimmernd durchhellteGewölbe empor­schwebt, tauchen wir in den Schatten zurück und gelangen in die Senke hinunter. Bald knistert Laub und Reisig unter unserem Schritt. Der Forst hüllt uns ein. Fern schimmert durch das stete Aufwärts seiner zahllosen Stämme das Gold des in die Stunden fallenden Tages.

Und so geht es dahin durch die knackende Stille. Ein­mal aber fliehen zwei Rehe, rotbraun, mit weißen Blumen und nur noch mit dem letzten Blick erhascht, bei unserem Nahen. Und dann läutet die Glocke eines Dörfchens, das wir am Fuße des Berges vermuten, gemach zu uns herauf: wahrlich, hier ist Gott gegenwärtig. „Die grüne Kirche" nannte Emil Eött den Wald. Wir schreiten das Tal auf­wärts. Ein Wagen fährt dort auf der Landstraße zwischen den Bäumen hin. Milchkannen klappern darauf. Schwarz und höher als der höchste Berg erheben sich neben uns aus zementierten Stand die eisernen Türme der Überland­leitung. Und um sie her wachsen Tannen aus Felsgestein und Veerengestrüpp hoch. Mit strahlender Sonne füllt sich langsam das Tal.

Wohnungszählung in Wiesbaden.

Zählung der leerstehenden Wohnungen und Eewerberäume am 10. Oktober 1934.

Die Städtische Pressestelle teilt mit: Zur Gewinnung von zuverlässigen Unterlagen für die Beurteilung des Wohnungsmarktes in der Stadt Wiesbaden hat der' Herr Oberbürgermeister die Durchführung einer erneuten Zählung der leerstehenden Wohnungen und Ee- werberäume angeordnet, da die bei der Volkszählung am 16. Junr 1933 gewonnenen Zahlen heute überholt sind. Mit der Durchführung und Bearbeitung der Zählung ist das Statistische Büro beauftragt worden.

Die Zählung findet zugleich mit derPerfonen- standsauf nähme am 10. Oktober 1934 statt. Allen Hausbesitzern öder deren Vertretern wird neben den Papieren für die Personenstandsaufnahme für jedes Grundstück ein besonderer Fragebogen (rosa Papier) zugestellt und bei ihnen auch wieder abgeholt werden.

Es liegt im eigenen Interesse der Hausbesitzer oder deren Vertreter, den Fragebogen, der ohne Schwierigkeit be­antwortet werden kann, genau und sorgfältig auszufüllen, damit spätere Rückfragen, die Geld, Arbeit und Zeit er­fordern, vermieden werden.

Volksgemeinschaft und Erziehungsaufgabe.

Das Beispiel des Alltags. — Eine wichtige Anleitung.

Ein Rundschreiben -des Treuhänders der Arbeit für das Wirtschaftsgebiet Brandenburg, worin dieser eine sehr ein­dringliche Mahnung zum Bruch mit der alten Unsitte der lieblosen Behandlung von Bewerbungen an die Wirtschafis- kreise richtet, gibt Anlaß, auf die Bedeutung derartiger scheinbarer Kleinigkeiten überhaupt hinzuweisen. Der Treu­händer der Arbeit weist in feiner Mahnung sehr richtig darauf hin, daß die „Erledigung" einer Bewerbung da­durch, daß man sie gar nicht oder bestensfalls nur durch Rücksendung t>er Zeugnisse beantwortet, mit dem vom nationalsozialistischen Deutschland gewünschten Geist der Annäherung der Menschen untereinander nicht vereinbar ist. Die Mahnung des Treuhänders richtet sich dabei gegen einen Einzelfall, gegen eine einzelne Erscheinung unter einer ganzen Reihe, von denen darum aber jede nicht weniger bekämpfe nswert ist als die oben erwähnte. Ein bestimmtes Verfahren oder Verhalten ist dadurch noch lange- nicht gut oder gar gerechtfertigt, daß es feit Jahren oder Jahrzehnten so üblich gewesen ist. Im Gegenteil: die Erfahrung hat gezeigt, daß bei uns gar manches üblich genoei>en und als berechtigt angesehen worden ist, was in Wirklichkeit eine Quelle ständiger Mißstimmungen und ge­reizter Empfindungen war.

Es ist naturgemäß ganz unmöglich, all« diese Unsitten und Mißbräuche kleinerer Art im einzelnen aufzuzahlen. Es handelt sich hier in der weitaus überwiegenden Mehr­heit der Fäll« um Fragen des Taktes und des gegen­seitigen Wohlwollens sowie ber redlichen Absicht, den Mitmenschen nicht zu verletzen oder zu kränken. Es kommt also sehr viel weniger darauf an, gewissermaßen nun einen Knigge des geschäftlichen Umganges zu schaffen, als darauf, bei jedem einzelnen den Wunsch und das Bedürfnis zu wecken, sich solcher Taktlosigkeiten nicht weiterhin schuldig zu machen. Sehr oft ist es viel mehr der Ton als das Wort, der es zu einer Kränkung werden läßt. Es handelt sich hier um eine der größten und wichtiAen Erziehungsaufgaben mit, die bei uns auf dem Wege zur Volksgemeinschaft zu leisten sind. Der redliche und ehrliche Wille, solche Krän­kungen ztl vermeiden, ist sehr viel wichtiger als die Kennt­nis eines ganzen Lexikons von Einzelfäl!«n, sowie das Wißen, was man in ihnen sagen oder tun darf oder nicht. Die Höflichkeit des Herzens ist aus keinem dick­

leibigen Walzer zu erlernen, sondern sie ist nur zu erwerben durch eme. stete Selbstschulung und aufrichtiges Bemühen Dieqe Art von Schulungsarbeit muß jeder an sich stlber vor­nehmen, der ein nützliches und forderliches Mitglied .der Volksgemeinjchajt werden will, und wer glaubt, diese Arbeit nicht leisten zu können, dem fehlt es an dem Willen «in Mitglied der Volksgemeinschaft zu werden. Er darf sich wicht wundern, wenn er sich damit selber ausschlietzt

. — Geheimrat Spieß y. Donnerstagvormittag wurde auf

dem Nordsrredhos im engsten Kreise in der Gruft seiner Eltern Geheimer Studienrat Professor Dr. Heinrich Spieß Oberstudiendirektor i. R. beigesetzt. Sein langjähriger Freund Pfarrer i. R. A u l e r - Wiesbaden hielt ihm im An- fchlutz an Psalm 97, 11 die tiefempfundene, seine Art f"in- stnnig charakterisierende Grabrede. Er schilderte den auf­richtigen, gerechten, aufrechten Menschen, den gewisienhaften verantwortungsvollen, hingebenden Jugendbildner den in der deutschen Heimat wurzelnden, durch Bismarck, Luther, unsere großen Dichter befruchteten Denker in ihm, der auch den goldenen Reichtum eines echten Familienlebens zu schätzen wußte. Sie Treue in der Freundschaft zeichnete ihn bestimmend aus. 79. Jahre ist er nach längerem Alters­lager schmerzlos und friedlich entschlafen. — Geheimrat Spteg wurde am 16. 6. 1855 in Wiesbaden geboren als der Sohn des späteren Eymnasialdirektors Professor Spieß der 1893 in Wiesbaden verstarb. Geheimrat Spieß wirkte als Philologe vor allem in Düsseldorf und Danzig. Nach dem Kriege lobte er im Ruhestand in seiner Heimat Wiesbaden, ^r. trieb hier noch familiengeschichtliche Forschungen und ge- schichlliche Studien. Sein Vortrag über seine Jugend mit vielen Wiesbadener Erinnerungen, als Wiesbaden noch eine kleine Stadt war, erweckt- seinerzeit in der „Nassauischen Familiengeschichtlichen Vereinigung" großes Interesse. Als Goethe-Kenner schrieb er zu mehreren „Wiesbadener Volks­büchern" die Einleitung zu Dichtungen Goethes. Bei der Einweihung des Goethe-Steins auf der Platte hielt er die feinsinnige Festrede.

— Abschied. Heute tritt Herr Oberturnlehrer Eduard HageIauer als rüstiger Zweiundfechzigjähriger, nachdem er 37 Jahre lang am Staatlichen Gymnasium zu Wiesbaden und später auch Realgymnasium wirkte, in den Ruhestand. Aus diesem Grunde hatten es sich gestern sein« Schüler nicht nehmen lassen, einen Abschiedsgruß zu bringen. Kurz vor 8 Uhr marschierten sie gestern abend am Dürerplatz mit brennenden Fackeln ab in Richtung Emser Straße 45. Hier wurde Herr Hagelauer, der von nichts wußte, durch kräftigen Gesang auf den Balkon seines Hauses gerufen. Gemeinsam sangen dann alle: „Turner, auf zum Streite". Anschließend trat Oberprimaner Kremer vor und dankte Herrn Hagel­auer in kurzen Worten für alles, was er in seiner langen Dienstzeit immer für seine Schüler übrig hatte. Wenn er auch keine offiziellen Ah'chiedsfeiern gewünscht hätte, so sollt« er doch nicht böse sein, daß Seine Schüler ihn noch einmal Lebewohl sagen wollten. Sie versprächen ihm, auch in Zukunft weiter in seinem Sinn« an der Schule zu arbei­ten und vor allem den schönen Turnsport zu betreiben. Herr Hagelauer dankte allen herzlich für diesen Fackelzug. Es freue ihn, daß seine Schüler so an ihm hingen, da er ja auch immer ihr bester Freund gewesen sei. Der Abschied müsse fein. Aber nicht weichlich wolle er von seinem Posten treten. Noch einmal erinnerte er die Schüler an die vielen schönen Erinnerungen, die sie gemeinsam verbracht hatten. Wenn er.immer für die Jugend und für das Vaterland eingetreten " fei,' so wolle er auch heute abend des deutschen Vaterlandes und feines-großen Führers gedenken, der so viel für di« 'deutsche Turnerei übrig hat. Und so könne auch ihm nur Deutschland und auch der Schul« sein dreifaches Siegheil gelten, das er dann unter unbeschreiblichem Jubel aus­brachte. Eine große Menschenmenge, die alles mit warmer Anteilnahme verfolgt hatte, begüßte ihn ebenfalls begeistert, als er auf der Straße erschien, um die älteren seiner Schüler zu einem Umtrunk einzuladen, wo man noch gemütlich aus alten Zeiten plauderte.

— Die Arbeiten am 27er Denkmal auf dem Luisenplatz schreiten vorwärts. Schon ist das Denkmal, ein vierkantiger großer Block von rotem Mainsandstein (aus der Gegend Miltenbergs) zu dem zwei Stufen führen, fertig ausgestellt. Zur Zeit ist man mit dem Einhauen der Inschriften für das 1. Nassauische Feldartillerie-Regiment Nr. 27 Oranien und seine Kriegsformationen beschäftigt. In der nächsten Woche soll die Bronzefigur — ein Pferd — aus Berlin eintreffen, die auf dem Sandstein Platz finden wird. Die Einweihung des Denkmals verbunden mit der Hundertjahrfeier des Regi­ments, erfolgt vom 20.—22. Oktober. — Der Luisenplatz ist nunmehr, wo sich früher die Blumenanlage befand, bereits planiert und wird, wie jetzt verlautet, nach der Bonifatius- kirche zu, später noch eine ständige Taubentränke erhalten.

— Die neue Herbstbepflanzung unserer Anlagen. Mit der vorgeschrittenen Jahreszeit sind auch die leuchtend roten Sahnen abgeblüht und an ihre Stelle treten jetzt in unseren Kuranlagen die ersten Herbstblumen. Die Anpflanzung hat man zuerst im Kochbrunnengarten begonnen, wo jetzt Chry­santhemum das Bild beherrscht. Gelbe und lilafarbige Chrysanthemen,, diese außerordentlich reichblühenden Pflanzen sind dem Hevbstwetter und seiner wechselnden Temperatur mit Wind und Regen durchaus gewachsen. Die kleinen Sternblumen, die so zart und lieblich Mischen den grünen Blättern einporfprießen, besitzen eine große Zähigkeit und halten sich darum den ganzen Herbst über trefflich im Freien.

— Freizeitgestaltung im Arbeitsdienst. Am Mittwoch, 3. Oktober 1934, wartet der Arbeitsgau 25 mit einer neu­artigen Darbietung im Paulinenschlötzchen auf. Die Frei­zeitgestaltung unserer Arbeitsmänner, die wir mit ihrer bahnbrechenden Ursprünglichkeit und Frische, mit dem gläubigen Geiste an Führer und Volk, am Boden und Vater­land sehen werden, verspricht ein Ereignis für Wiesbaden zu werden. Diese Darstellung zeigt den Arbeitsdienst als Schule des Nationalsozialismus, durch die nach des Führers Wort am Reichsparteitag 1934 die ganze Nation gehen wird.

— Wiesbaden als Tagungsort. Wie nunmehr bestimmt verlautet, wird 1935, am Sonntag nach Pfingsten, in Ver­bindung mit dem Kirchengesangstag innerhalb unserer Lan­deskirche zugleich der Reichskirchengesangstag in Wiesbaden abgehalten werden. Den nachhaltigen Be­mühungen aus Wiesbaden ist es nunmehr gelungen, die fest« Zusage zu erhalten. Der Reichsobmann für die evangelischen Kirchenchöre Oberlandeskirchenrat D. Mahrenholz- Hannooer wird demnächst nach Wiesbaden zur Besichtigung der Kirchen kommen.

— Personeustaudsausuahme 1934. Auf die öffentliche Bekanntmachung des Finanzamts Wiesbaden in der heutigen Nummer unseres Blattes, betreffend die Personen­standsaufnahme 1934, machen wir unsere Leser besonders aufmerksam.

— Briesmarkeu-Ausstellung 1935 in Wiesbaden. 3m Jahre 1935 findet hier eia- große Briefmarkenausstellung statt, die vorn Wiesbadener Briefmarken-Sammler-Verein von 1885 E. V. anläßlich feines 50jährigen Bestehens ver­anstaltet wird. Die letzte Ausstellung von Briefmarken in

Wiesbaden war im Jahre 1925 im Kurhaus und dauerte nur einen Tag. Die kommende Ausstellung wird mehrer« Tage geöffnet sein und in weit größerem Rahmen abgehalten wer­den. Damit wird sie ein willkommenes Ereignis für die Wiesbadener Sammler und ein bedeutender Werbefaktor für di« Kurstadt Wiesbaden, da gleichzeitig in Mainz die Tagung der deutschen Philatölrstenvereine statMndet. Es ist jetzt schon eine große Anzahl bedeutender Sammlungen für die Ausstellung fest zuge^aat, sodaß jeder Besucher einen voll­kommenen Überblick über sämtliche Gebiet« der Philatelie haben wird. Im Vordergrund werden natürlich die Marken des Deutschen Reichs stehen.

— Rauchen und Seelenkunde. Man weiß, daß das Rauchen angenehm und bekömmlich ist, besonders nach eii»m guten Essen, daß es Phantasie und Schaffen anregt und sogar über körperliche Schmerzen hinwegtröstet. Wir erkennen den Genießer daran, wie er langsam und sorgfältig das köstliche Kraut aus seiner Tasche nimmt, den Flegel daran, daß er uns eine ganze Geschichte erzählt, ohne den Elimmstengel aus dem Munde zu nehmen, den Zerstreuten daran, daß er die Asche seiner Zigarre auf den Teppich fallen läßt, statt in den Becher. Das alles haben wir täglich Gelegenheit zu beobachten; daß es aber „kein besseres Mittel gibt, den Charakter eines Menschen kennenzulernen, als die Beobach­tung t>er Art, wi« er raucht", diese Feststellung hat wohl nur der bekannte Strafrechtslehrer Professor v. Liszt gemacht. Er begründet seine Ansicht ausführlich: „Ob einer die halb- angebrannte Zigarre wegwirft oder den übelriechenden Stummel sorgsam in der torpedoartigen Blechbüchse ver­wahrt, ob er im Wohnzimmer der liebenden Gattin behaglich dampft oder sich ängstlich hütet, der gestrengen Herrscherin nikotinduftend zu nahen; ob er die echte Havanna andächtig , zu Mokka genießt oder gedankenlos auf der Straße verpafft; ob er mit seinen unübertrefflichen Einkäufen die Bekannten anödet oder ohne viel Worte dafür sorgt, daß jeder Freund nach der Tafel sein besonderes Lieblingskraut findet; ob er in stummer Geduld die Meerschaumspitze anraucht oder auf­geregt jeden Glimmstengel im unteren Drittel zerkaut; ob er träumend die Wolken sich ringeln läßt oder in kurzen, heftigen Stößen, etwa gar durch die Nase, hinausstötzt; ob er die zierlichen Zwischenakter im untadeligen juchtenen Ge­häuse verwahrt oder den ganzen Vorrat, mit Kamm, Blei­stift und Federmesser, offen in der Brusttasche steckt; ob er mit elegantem Schwung die Zigaretten dreht oder den vir­ginischen Rattenschwanz kühn aufwärts aus dem linken Mundwinkel rasen läßt — stets ein anderer Mensch, ein anderer Charakter. Ich gebe meine Tochter keinem Manne, den ich nicht vorher rauchen gesehen habe."

— Eine fehlgeschlagene Steuermaßnahme. Die Stadt­verwaltung von M a d r i hatte, um das Haushaltsdefizit zu verkleinern, kürzlich eine Steuer auf Firmenschilder an Läden eingeführt. Zur Überraschung des Stadtkämmerers zahlten jedoch die Geschäftsleute die Steuer nicht, sondern entfernten einfach die Firmenschilder. Um den Kunden mit­zuteilen, welche Art das einzeln« Geschäft ist, wird das Schau­fenster entsprechend ausgestattet. Manche stellen sogar bild­lich, gewissermaßen als Bilderrätsel, ihren Namen dar.

— Schnell« Arbeit der Kriminalpolizei. In der letzten Zeit liefen bei der Kriminalpolizei Wiesbaden verschiedent­lich Anzeigen über Diebstähle etn. In einem Villenviertel verschwanden aus mehreren Wohnungen in der Vormittags­zeit plötzlich wertvolle Juwelen und zwar auf eine Art und Weise, die für die Geschädigten unerklärlich war. Bei der Kriminalpolizei war man sich aber darüber klar, daß hier nach den vorliegenden Umständen ein und derselbe Täter in Frage kommen mußt«. Die sofort in die Wege geleiteten Er­mittlungen und Maßnahmen führten dann auch zum vollen Erfolge. Als Täterin konnte eine der Polizei bereits be­kannte Frau, trotz hartnäckigen Leugnens, der Diebstähle überfuhrt werden. Sie wurde fest genommen. Die Juwelen fetzte die Diebin an einen Juden ab. Dieser hat hierfür nur eine Reichsmark gezahlt, um sie mit gutem Verdienst weiter zu verschachern. Erfreulicherweise gelang es durch raschen Zugriff, die Schmuckgegenstände im Werte von mehreren Tausend RM. wieder herbeizuschaffen. Der jüdische Hehler wurde dem Amtsrichter vorgeführt.

— Kaninchendiebstahl. In der Nacht zum 21. Sept, wurden aus einem Garten an der Fritz-Kalle-Straße zwei weiße Riesenkaninchen mit schwarzen Streifen gestohlen. Wer kann Angaben über den Täter oder über den Verbleib der Tiere machen? Etwaige Mitteilungen erbittet die Kriminalpolizei, Zimmer 36.

— Wohnungseinbruch. Am 25. Sept, wurden aus einer Wohnung in der Nerostraße 1400 RM. gestohlen. Hier­unter befanden sich 20 Zehnmarkscheine, das übrige war Hartgeld. Ferner ließen die Diebe noch eine alte Herren- nickeluhr mit Schlüsselaufzua und 5prozentige Deutsche Reichspostschatzanweisungen mit den Nummern 22 129—22 133 mitgehen.

— Diebstahl eines kleinen Standbildes. Im Laufe des Sommers wurde aus einem Hause im Nerotal ein Stand­bild, wie vielfach in Vorgärten zu sehen, entwendet. Dieses stellt eine Frau, in hocherhobener Hand eine Schale tragend, dar. Für die Wiederherbeischaffung ist eine Belohnung in Aussicht gestellt. Sachdienliche Mitteilungen erbittet die Kriminalpolizei, Zimmer 36.

— Vierfaches Silberjubiläum. Heute kann Herr Emil Ackermann, Friseur, Dotzheimer Straße 88, auf ein 25 jähriges Eeschäftsjmbiläum zurückblicken. Gleichzeitig feiert er die s i I b e r n e H o ch ze i t, ist 25 Jahre treuer Mieter und bezieht die gleiche Zeit das „Wies­badener Tagblatt".

— Geschäftsjubiliium. Herr August Fuchs, Metzger- meister, Moritzstraße 27, feiert am Samstag, 29. Sept. 1934, sein 40jähriges Gefchäftsjubiläum.

— Bergkirche. Ein« Rüstfeier zum Erntedankfest findet am Samstagabend 8.30 Uhr in der Bergkirche statt. Ehor- lieder des Kirchenchors, Sprechchöre der Jugend und gemein­same Lieder geistalten die Feier aus. Jungens und Mädels mit Erntegaben, die sie am großen Ermtealtar niederlegen, helfen mit, die Feier lebendig und würdig zu gestalten. Ein Jnstrumentalkreis musiziert festliche Musik. In mannigfacher Melodie klingt der Dank gegen den Himmel auf, der die Ernte wachsen und reifen ließ.

— Preußisches Staatstheater. Wegen Erkrankung des Frl. Habicht muß die für Samstag im Großen Haus vorge­sehene Erstaufführung von „Casanova" verschoben werden. Am Samstag gelangt daher in St.-R. E Künneckes erfolg­reiche Oper „Nadja" zur Aufführung (Anfang 19% Uhr, Ende gegen 22X Uhr). Die bereits gelösten Eintrittskarten be­halten auch für „Nadja" ihre Gültigkeit.

— Wochenspielpla« des Preußischen Staatstheaters. Großes Haus: Sonntag, 30. September (C 4), „Prinz Friedrich von Homburg". Montag, 1. Oktober (B 4), „Das Mansarden-Quartett". Dienstag, 2. Oktober (G 4), „Carmen". Mittwoch, 3. Oktober (c 5) „Der Graf von Luxemburg". Donnerstag, 4. Oktober (D 4), „Casanova". Freitag, 5. Oktober (F 5), Friedemann Bach". Samstag, 6. Oktober