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Sonntag, 29. Juli 1934
82. Jahrgang
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Oesterreich und der Nationalsozialismus
Eine Rundfunkrede Starhembergs
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Fernfprecher-Sammel-9rr. 59631. Berliner Büro: Berlin-Wilmersdorf.
Geschäftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, außer Sonn- und Feiertags.
Teilweise Mobilisierung Rußlands.
Beschlagnahme von Wiener Blättern.
Wien, 27. Juli. Die Ausgaben des „Neuen Wiener Tagblatt", der „Wiener Neuesten Nachrichten", der „Stunde" und des „Pester Lloyd" sind in den späten Abendstunden beschlagnahmt worden. Der Grund der Beschlagnahme sind die Kommentare zur Berufung Papens auf den österreichischen Eesandtenposten in Wien.
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Die Lustmanöver.
„Südland" war erfolgreich, was zu beweisen war.
Die Verträge sind schuld!
Wieder — wie im Zuli 1914 — steht Österreich im Mittelpunkt der europäischen Politik, aber nicht jene große Monarchie der Habsburger, sondern der kleine, kaum lebensfähige Rumpfstaat, der durch den Vertrag von St. Germain geschaffen worden ist. Dieser Vertrag ich die Erundlageder öfter- reichischen Misere; denn der Zwängt Österreich in einen Lebensraum, der auf dis Dauer das Volk dieses Landes zum Verkümmern zwingt. Der Vertrag von St. Germain hat in Österreich jene Zustände geschaffen, die immer wieder zu den folgenschwersten wirtschaftlichen, sozialen und damit auch innenpolitischen Spannungen führten, zu Revolten, Putschen und Aufständen.
Es paßt in das Programm internationaler politischer Heuchelei, wenn heute von diesen Ursachen nicht mehr geredet wird und wenn man das nationalsozialistische Deutschland als geradezu Hauptschuldigen der heutigen Zustände in Österreich hinstellt. Man redet nicht mehr davon, daß der An- jchlußgedanke als mächtige Bewegung aüs dem österreichischen Volke selb st h e r - ausgewachsen ist, und zwar schon zu jener Zeit, als in Deutschland und in Österreich die Sozialdemokratie noch regierte. Man vergißt, daß die Nutznießer jenes Vertrages von St. Germain und des Versailler Vertrages nicht an einem „unabhängige n", sondern an einem abhängigen Österreich interessiert sind. Deshalb wurde aus dem Anschluß ein Kriegsgrund gemacht, deshalb wurde die seinerzeit vom Minister C u r t i u s geplante deutsch-österreichische Zollunion abgedrosselt und lediglich aus diesem einen Grunde wurde neuerdings die Unabhängigkeit Österreichs in ,der bekannten Viermächteerklärung Frankreichs, Englands, Italiens und Tschechoslowakei feierlich proklamiert. Diese Maßnahmen sind nach der Auffassung der interessierten Mächte vollkommen legal und entsprechen dem internationalen Recht. Zeder Satz aber, der etwa über einen Rundfunksender über die österreichische Frage gesprochen wird, ist feindselige nationalsozialistische" Propaganda.
Kein zivilisierter Mensch kann jene Mordtat billigen, der Bundeskanzler Dollfuß nun zum Opfer gefallen ist. Aber jene inneren Ursachen der österreichischen Krise nicht zuzugeben und die Schuld an diesem Attentat geradezu auf Deutschland abzuwälzen — wie es jetzt übereinstimmend auch in der italienischen Öffentlichkeit geschieht, das heißt nichts anderes, als eine Situation verdunkeln zu wollen, an deren Zustandekommen alle jene Mächte interessiert waren, welche die Unabhängigkeit Österreichs immer wieder „garantieren", weil dies ihren Zwecken am besten entspricht.
Die italienische Presse führt eine scharfe Sprache gegen Deutfchland. Mussolini hat in seinem Beileidstelegramm an den österreichischen Vizekanzler die Sätze geschrieben: „Die Unabhängigkeit Österreichs, für welche er (Dollfuß) gefallen ist, ist ein Grundsatz, der von Italien verteidigt worden ist, und der auch hier bis zum äußersten verteidigt werden wird. Zweifel an der Auffassung sind nicht mehr möglich, nachdem Italien an der Brennergrenze und an der Grenze gegen Kärnten für den Fall weiterer Komplikationen starke Truppenaufgebote, darunter auch Fliegertruppen, zusammengezogen hat.
Die Unruhe, die jener abenteuerliche Putsch, der mit einem verdammenswürdigen Mord endete, in das politische Leben Europas geworfen hat, ist bezeichnend für den wirklichen Zustand der Unsicherheit. Diese Unruhe ist aufschlußreich für die deutsche Außenpolitik und für die Formierung ihrer Kräfte.
Das Andenken des Bundeskanzlers, so hat Mussolini an anderer Stelle seines herzlichen Beileidstelegramms geschrieben, wird nicht nur in Österreich geehrt jein, sondern, wo es auch immer sei, in der ganzen zivili-
Heute vor 20 Jahren
29. Juli 1914.
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abwarten, ob in der Zukunft auf gewisse Erklärungen auch Taten folgen werden. Österreich hat alles getan, um die geschichtlichen Bande zwischen uns und den in Deutschland wohnenden Deutschen möglichst fest zu gestalten.
Zum Schluß sagte der Vizekanzler: Selbstverständlich wollen wir alles dazu beitragen, was an uns liegt, um mit allen Nachbarn gut auszukommen. Selbstverständlich sind wir bereit, Dinge, die sich in der Vergangenheit ereignet haben, zu vergessen, wenn wir in Zukunft in keiner Weise gestört werden. Doch weisen wir jede Einmischung in unser Schicksal auf das Energischste zurück.
Anzeigeilpreise: Ein Millimeter Höhe der 22 Millimeter breiten Spalte im Anzeigenteil Grund- preis 6 Rpf. der 85 Millimeter breiten Spalte im Tertteil 45 Rpf., sonst laut Tarif Nr. 2, Nachlatzstaffel C. — Für die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen und Plätzen wird leine Gewähr übernommen. — Schluß der Anzeigen»Annahme 10 Uhr vormittags. Größere Anzeigen müßen spätestens einen Tag vor dem Erscheinungstage aufgegeben werden.
Verd ach L In Wien geschah nichts anderes, als ein Kampf um die Macht zwischen Leuten desselben Lagers, zwischen Rintelen und Dollfuß, zwischen dem Führer des steierischen Heimatschutzes und dem Führer der österreichischen Heimwehren. Es war das nur der Versuch, Dollfuß die Macht für Rintelen zu entwinden. Die Österreicher der ehemals christlichsozialen Partei schlugen gegen Österreicher los, die auch einst derselben Partei angehörten. Es würde uns nicht überraschen, wenn es sich plötzlich zeigen sollte, daß es nicht verkleidete, sondern tatsächliche Offiziere, Soldaten und Polizisten waren, vielleicht aus der Steiermark, wo Rintelen zu Hause ist, und wo allein man auch gleichzeitig einen Putsch versuchte. Das Regierungssystem wurde überhaupt nicht angegriffen und blieb daher an der Macht. Außer der Erschiegung Dr. Dollfuß' war alles eine österreichische Operette und kein staatlicher Umsturz.
Vorzeitiges Ende der Londoner Luftmanöver.
f as. Berlin, 28. Zuli. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Während die Herren Diplomaten sich die Köpfe über die unmöglichsten Paktsysteme zerbrechen, : um so angeblich den Frieden zu sichern, zeigen die Militärs sehr offen, was sie von diesen Bemühungen um den Frieden halten. Sie machen kein Hehl daraus, daß eine - starke Rüstung noch immer die beste Siche- ’ 1 UNg des Friedens darstellt, und da nach allge- nieiner Anschauung der Luftwaffe in etwaigen kommen- i den Konflikten eine sehr wesentliche Rolle zufallen würde, so widmet man auch dieser Waffe seine ganz besondere Aufmerksamkeit. So sind die Londoner mehrere Nächte hindurch in ihrem Schlaf durch das Surren- der f Bombenflugzeuge, durch Scheinwerfer und was sonst zu <- einem Luftmanöver gehört, gestört worden. Wir berichteten schon, daß hier die Luftflotte „Südlands" die Aufgabe hatte, die englische Hauptstadt anzugreifen. Diese Angriffe sind nach den bisher vorliegenden Meldungen in überraschendem Umfange geglückt, etwa 8 0 Prozent der Angrifssflieger erreichte n ,i h r Ziel, wenn auch in den letzten Tagen des Manövers die Abwehr etwas besser funktionierte und mehrere Angriffe rechtzeitig zum Scheitern brachte. Aber obwohl der Angreifer nun so gute Erfolge hatte, stellen die englischen Kritiker doch fest, daß die Bombenflugzeuge sich als viel zu lang- sam erwiesen hätten. Daraus ergibt sich naturgemäß die Folgerung, daß die englische Luftflotte - modernisiert und ausgebaut werden muß und damit ist ja schließlich das bewiesen, was zu beweisen war, denn "-der Zweck dieser Manöver war ja in erster Linie, dem ^-Lande vor Augen zu führen, daß England eine weit größere Luftflotte besitzen müsse, um etwa drohende i Luftangriffe abwehren zu können. Dabei denkt man keineswegs nur an die Abwehr durch Zagdflugzeuge, ? sondern man ist der Ansicht, daß stets eine starke ' Angriffsflotte bereit stehen muß, um notfalls sofort Vergeltungsangriffe zu unternehmen. Auf diese Weise hofft man bereits den Feind von Angriffen auf London und das englische Industriezentrum abhalten
„Gin WtWs Men Rintelen und WM."
Das Reutersche Büro erfährt, daß gestern abend im Süden und Südweftcn Rußlands eine teilweise Mobilmachung angeordnet ist. Die Mobilisierung beschränkt sich auf die militärischen Bezirke von Kiew, Odessa und Kasan. In jedem Bezirk stehen vier Armeekorps in Friedens
stärke. Durch die Mobilisation werden 16 Armeekorps auf Stärke von 32 Armeekorps gebracht. Kasan ist der Zentralbezirk, von dem aus die Reserven für die Westgrenze zusammengezogen werde«.
zu können. Man wird sogar angesichts der Tatsache, daß eine so große Anzahl von Angriffen auf London gelang, diese Argumente in den Vordergrund rücken. Auf leden Fall dürfte das Ergebnis der vorzeitig abgeschlossenen Londoner Luftmanöver in der für Montag angesetzten Unterhausdebatte über die Rüstungspläne der englischen Regierung eine wesentliche Rolle spielen.
Verhältnismäßig wenig ist dagegen über die Manöver zu hören, die die Franzosenüber und bei Lyon abhalten. Es scheint nach den ersten Nachrichten, daß hier die Abwehr sehr gut funktioniert hat. Beachtenswert ist jedenfalls, daß der Au fforderung der Kommuni st en, die Manöver zu stören und dem Verdunkelungsbefehl nicht nachzukommen, kaum Folge geleistet wurde. Die Übungen haben sich ganz reibungslos abgespielt. Welche Folgerungen man hier int einzelnen aus dem Ergebnis der Manöver ziehen wird, bleibt abzuwarten.
Naturgemäß läßt die Luftgefahr nun auch die Erfinder nicht schlafen und so haben zwei französische Fachleute allen Ernstes den Plan ausgearbeitet, einen 2 0 0 0 Meter hohen Turm unmittelbar bei Paris zu errichten, der nur der Luftverteidigung dienen soll. Man geht dabei von dem Gedanken aus, daß die artilleristische Abwehr vom Erdboden aus nicht mehr genügt und daß es auch wünschenswert sei, Abwehrflugzeuge gleich aus beträchtlicher Höhe starten zu lassen, zumal der Feind die Flugplätze voraussichtlich zunächst vergasen und den Start der Flugzeuge dadurch sehr- erschweren würde. Dieser babylonische Luftschutzturmplan ist in allen Einzelheiten ausgearbeitet worden, aber diesmal bezweifelt selbst die französische Fachpresse, ob das Projekt verwirklicht werden wird, da die Kosten in keinem Verhältnis zu dem möglichen Nutzen stehen würden, wobei ja auch noch zu berücksichtigen wäre, daß auch dieser Turm nicht unverletzbar sein könnte. So wird dieser Plan vermutlich nicht viel Gegenliebe bei den Militärs finden. Welche Folgerungen sie außer der allgemein üblichen, daß eine Verstärkung der Luftflotte nötig ist, im einzelnen aus den jetzigen Manövern ziehen werden, werden wir mit Interesse verfolgen und auch dabei wieder die deutsche Forderung nach Gleichberechtigung erheben!
Prager Auffassungen vom Wiener Putsch.
Prag, 27. Juli. Der außenpolitische Redakteur der ; tschechischen nationaldemokratrschen Zeitung der „Narodni i Politika" vertritt in einem Leitaufsatz die Auffassung, daß es i sich in Österreich um einen Machtkampf zwischen £ Rintelen und Dollfuß gehandelt habe. Er schreibt | u. a.: Weder die Namen derjenigen, mit denen die Minister s verhandelten, noch ihre Herkunft, ihr Beruf, ihre politische i Zugehörigkeit, nichts wurde weder am ersten noch am zweiten i Tag nach der Niederschlagung des Putsches gemeldet. Die Wiener Zeitungen brachten höchstens drei Zeilen über Dr. [ Rintelen, den österreichischen Gesandten in Rom. Der Selb st Mordversuch dieses Jnnenpolitikers, der nur L deshalb zum Gesandten ernannt worden war, damit er aus - Österreich entfernt werden konnte, betätigte etft jenen
Ielegramtn=2tortne: Tagblatt Wiesbaden.
Nr. 204.
Wien, 28. Juli. (Eig. Drahtmeldung.) Vizekanzler Starhemberg, der augenblicklich den Geschäften der österreichischen Regierung vorsteht, hielt am Freitagabend im Rundfunk eine Rede, in der er u. a. folgendes ausführte: Die Bundesregierung wird in treuester Kampfgemeinschaft mit dem toten Führer ihr bestes daran setzen, um seine Idee zum Siege zu bringen. Verantwortungslose, zum Verbrechen geführte Elemente haben geglaubt, daß der Tod des Führers Österreichs das Signal fei, um ihre dunklen Plane zu verwirklichen. Um deutsch zu sein und unsere deutsche Sendung in der Welt zu erfüllen und unserem Deutschtum zu dienen, dazu brauchen wir in Österreich keinen Nationalsozialismus. Daher erkläre ich im eigenen Namen und im Namen der Bundesregierung, daß d« i wir niemals das geringste Kompromiß mit dem Nationalsozialismus eingehen, niemals das geringste Zugeständnis machen werden, das unsere Frei- d I beit, unsere Ehre und Würde beeinträchtigen könnte. Wir [ wollen abwarten, was in der Zukunft geschieht; wir wollen
