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Nr. 203.

Samstag, 28. Juli 1934.

82. Jahrgang.

Heute vor 20 Jahren.

28. Juli 1914.

. .. Eine Extraausgabe der .Wiener Zeitung" ent-

Krieg hält im amtlichen Teil folgende Bekanntmachung: gegen Auf Grund Allerhöchster Entschließung Seiner Serbien, k. und k. Apostolischen Majestät vom 28. Juli 1914 wurde an die Königlich Serbische Regierung eine in französischer Sprache abgefahtc Kriegserklärung gerichtet, welche in deutscher Übersetzung folgendermaßen lautet: Da die König!. Serbische Regierung die Note, welche ihr vom österreichisch-ungarischen Gesandten in Belgrad am 23. Juli 1914 übergeben worden war, nicht in befriedigender Weise beantwortet hat, so sieht sich die k. und k. Regierung in die Notwendigkeit versetzt, selbst fiit die Wahrung ihrer Rechte und Interessen Sorge zu tragen und zu diesem Ende an die Gewalt der Wassen zu appellieren. Österreich-Ungarn betrachtet sich daher von diesem Augen­blicke an als im Kriegszustände mit Serbien befindlich. Der österreichisch-ungarische Minister des Äußern Gras B e r ch - toi d."

Es wird weiter gehetzt.

Ruhigere Beurteilung in den Amtsstuben. Die Mission von Papens. Hm den Einmarsch

Brunnenvergiftung.

as. Berlin, 28. Juli. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Im allgemeinen ist heute eine ruhigere Auffassung der gesamtpolitischen Lage in den Regie­rungskanzleien der verschiedenen europäischen Haupt­städte festzustellen. Die Entsendung des bisherigen Vizekanzlers v. Papen alsGesandten mit befristeter Sondermission" nach Wien und die Amtsenthebung Habichts haben der Welt den deutschen Frie- d e n s w i l l e n noch einmal klar vor Augen geführt und find auch in Ö st e r r e i ch s el b st als Zeichen einer Entspannung gewertet worden. Außerdem zeigt dieVerhaftungösterreichischerFlücht- l i n g e an der deutschen Grenze, sowie die Erklärung des bisherigen Gesandten in Wien. Dr. Rieth, aus der heroorgeht, daß er bei seinen Wiener Bemühungen nicht als Gesandter, sondern als Mensch gehandelt hat, wie sehr die amtlichen deutschen Kreise jede Gemein­schaft mit den österreichischen Aufständischen ablehnen und wie korrekt das Verhalten der deutschen Amts st eilen war und ist. Dieses Eindrucks kann man sich, wie gesagt, auch in den verschiedenen Re­gierungskanzleien nicht entziehen, und wenn anfangs vielfach eine Parallele zwischen den Schllsien in Wien und den Schüsien von Sarajewo, die den Weltkrieg ein­leiteten, gezogen wurden, so ist von solchen Dingen nicht mehr die Rede. Es hat ganz allgemein eine ru­higere Betrachtung Platz gegriffen, und es ist charak­teristisch, daß die englische Regierung sowohl ihren Bot­schafter in Berlin als auch ihren Botschafter in Rom weiterhin in Urlaub beläßt. Gewiß ein Beweis dafür, daß man die Dinge durchaus ruhig betrach­tet. Es scheint aber auch, als ob man weder in Paris noch in Rom an irgendwelche gemeinsamen Schritte denkt, die ja auch, falls man sie in Berlin etwa unter­nommen hätte, durchaus an die falsche Adresse gerichtet gewesen wären.

Leider ist die ruhigere Auffassung der Lage in den Spalten eines Teiles der Auslandspresie noch keines­wegs festzustellen. Die Blätter begrüßen zwar ganz allgemein die Ernennung Papens zum außerordent­lichen Gesandten in Wien und sehen mit Recht hierin eine Friedensgeste Deutschlands. Aber die Töne, die die italienische Presse anschlägt, sind von dieser Einstellung leider himmelweit verschieden. Zwar hat ein Teil der römischen Blätter seine Sprache etwas ge­mäßigt, aber noch immer hören die Anklagen gegen das nationalsozialistische Deutschland nicht auf, das mit­schuldig an den österreichischen Ereignissen oder gar verantwortlich für diese Ereignisse sei. Man weist seh: nachdrücklich auf die militärischen Vorsichts­maßnahmen Mussolinis hin, die geeignet

seien, den Ernst der Lage zu unterstreichen und geht so weit, zu erklären, daß alle diplomatischen Schritte und papiernen Roten überflüssig seien, da man der Gewalt nur mit Gewalt begegnen könne. Das sind Kommen­tare, die nach der Ernennung von Papens ge­schrieben wurden, von der dasGiornale d'Jtalia" be­hauptet, daß diese Entsendung der Errichtung einer Filiale oder einer Unterabteilung der Ber­liner Regierung in Wien gleichkomme. Wäh­rend man also in Wien die Misiion Papens aufrichtig begrüßt und mit Erleichterung und Freude ausge­nommen wurde, kann sich ein Teil der römischen Blätter auch heute noch nicht zu einer vernünftigen Bewertung dieses Schrittes aufschwingen. Fast scheint es, als ob diesen Journalisten lieber gewesen wäre, wenn italienische Truppen in Österreich einmarschiert wären. Das ist nun freilich eine Lösung, vor der man in Paris sehr nachdrücklich warnt, da man nämlich befürchtet, daß die Jugoslawen einen solchen italienischen Ein- inarsch in Österreich nicht ruhig hinnehmen würden, weshalb denn auch das BlattParis soir" erklärt, daß bei einem etwaigen bewaffneten Eingreifen nur ein internationals Polizeikorps in Frage kommen könne, wozu natürlich nicht der mindeste Anlaß vorliegt. Ist vielleicht die ganze Hetze gegen Deutsch­land nur darauf zurückzuführen, daß man seine Wut über diese Uneinigkeit auf irgendeine Weise ab­reagieren muß? Der Beruhigung und der Ve- f r i e d u ng (Europas, bie man zu fördern und als einziges Ziel zu betrachten vorgibt, dient man freilich mit einer solchen Hetze und einer solchen Verleumdung Deutschlands nicht im mindesten, sondern diese Herrschaften zeigen nur, wie unangenehm ihnen eine Entspannung zwi­schen Wien und Berlin wäre.

Niedriger hängen!

Berlin, 27. Juli. Die französische Nachrichtenagentur Havas hat eine Meldung aus Wien verbreitet, nach der am Donnerstag der Reichskanzler sich in dem Lager der österreichischen Flüchtlinge in Etten­hausen (Bayern) aufgehalten habe. Die Nachricht ist, roie mir erfahren, von der ersten bis zur letzten Zeile erfunden. Weder der Führer noch Reichs­minister Dr. Goebbels haben Bayreuth am 26. Juli ver­lassen, wie die Havas-Agentur ohne Schwierigkeiten bei allen amtlichen deutschen Stellen hätte erfahren können. Die Nachricht, die in der Richtung der von der französischen Presse betriebenen üblen Stimmungsmache gegen Deutschland liegt, ist damit als eine üble Brunnen- vergiftung gekennzeichnet.

Weitere Vereinheitlichung von Partei und Staat.

Stärkere Heranziehung der NSDAP, zur gesetzgeberischen Arbeit.

München, 27. Juli. Die Reichspressestelle der NSDAP, gibt bekannt: Der Führer hat in seiner Eigenschaft als Reichskanzler zur weiteren Vereinheitlichung von Partei und Staat angeordnet, datz die Partei mehr noch als bisher da­durch zur gesetzgeberischen Arbeit herangezogen wird, datz der Stellvertreter des Führers, Reichsmiuister Rudolf Hetz, oder von ihm bestellte Referenten das Recht erhalten, an der Be­arbeitung von Gesetzentwürsen sämtlicher Reichsressorts teil­zunehmen. ___________

Österreichische Flüchtlinge

an der deutschen Grenze verhaftet.

Passau, 27. Juli. Aus der Gegend von Kollerschlag ver­suchten österreichische Flüchtlinge, die deutsche Grenze zu er­reichen. Hierbei entwickelte sich eine Schießerei mit schwerbewaffneten Heimwehrabteilungen. Acht Flücht­linge erreichten, teilweiseverwundet, die deutscheGrenze, wobei sie drei österreichische Zollbeamte, die sich ihnen in den Weg stellten, überwältigten und sie über die Grenze schleppten.

Die deutsche Grenzpolizei erschien sofort an Ort und Stelle und verhaftete die österreichischen Flüchtlinge. Die österreichischen Beamten wurden den österreichischen Erenz- behörden übergeben.

Danktelegramm Starhembergs an den Reichsauhenminister.

Berlin, 27. Juli. Der österreichische Vizekanzler Fürst S t a r h e m b e r g hat an den Reichsaußenminifter Freiherrn von Neurath aus dessen Beileidstelegramm anläßlich des Todes des Bundeskanzlers Dollfuß das folgende Telegramm gerichtet:

F ü r d i e T e i l n a h m e, die Ew. Erzellenz im Namen der Reichsregierung und in Ihrem eigenen Namen der öster­reichischen Bundesregierung anläßlich des schwersten Ver­lustes, den sie durch die feige Ermordung des Bundeskanzlers Dr. Dollfuß erlitten hat, auszusprechen die Freundlichkeit hatten, bitte ich, meinen und der Bundesregie­rung aufrichtigsten Dank entgegenzu- nehme n."

Die vorläufige amtliche Wiener Verlustliste.

Wien, 28. Juli. Die vorläufigen amtlichen An­gaben über die Verluste des Bundesheeres lauten: Bei den Kämpfen in Steiermark sind 2 Offiziere und sieben Mann getötet worden, 4 Offiziere und 6 Mann schwer ver­wundet. Im ganzen sind die Verluste des Bundesheeres bei den bereits abgeschlossenen und zum Teil noch andauern­den Kämpfen bis jetzt auf 25 bis 30 Mann zu schätzen. Die Verluste der anderen Formationen, vor allem des Schutz­korps, sind im Augenblick noch nicht bekannt.

Blick in die Welt.

Alle großen Probleme der inter- Osterreichs nationalen Politik sind im Augenblick Leidensweg, zurückgetreten, hinter dem Thema Öster­reich, mit dem sich die Weltpresse aus­nahmslos eingehend beschäftigt. Bei der gesamten Ein- stellung der öffentlichen Meinung der großen euro­päischen Länder ist es ni t weiter verwunderlich, daß wieder der Versuch gemach- wird, Deutschland die mora­lische Schuld oder doch die Mitschuld an diesen traurigen Vorgängen zuzuschieben. Dabei hat die Reichs- r e g i e r u n g von vornherein nicht nur durch ihre Worte, sondern durchs ihre Taten es sei nur an die Grenzsperre gegen Österreich und an die Abberufung des deutschen Gesandten erinnert, der sich in der Absicht, Blutvergießen zu vermeiden und die Befreiung der gefangenen österreichischen Regierungsmitglieder zu er­reichen, in Verhandlungen mit den Aufständischen ein­ließ, bewiesen, daß sie mit allen diesen Din­gen nicht das mindeste zu tun hat. Es han­delt sich um eine rein innerösterreichische Angelegen­heit, um eine Explosion, wie sie bei der Dik­taturherrschaft de r Regierung Dollfuß fast unvermeidlich erschien. Je eher man sich auch im Ausland, wo man sehr viel mehr als Deutsch­land an den Wiener Ereignissen Mitschuld ist, weil man diese Regierung gegen das österreichische Volk unter­stützte und hielt, diese Auffassung zu eigen macht, um io eher wird auch eine allgemeine Beruhigung eintreten. Die h e m m u n g s l o s e H e tz e, die heute wieder von einem Teil der ausländischen Presse betrieben wird, ist nur geeignet, die Unruhe in Europa zu vermehren. Ein leider nicht allzu großer Teil der ausländischen Presse stellt ja auch durchaus richtig fest, daß man, wie es der Petit Parisien" ausdrückt, Ereignisse gegenüberstehe, die lediglich innere Fragen Österreichs seien. Das ent­spricht durchaus dem deutschen Standpunkt und je schneller sich diese Auffassung in den maßgebenden Stellen der anderen Länder und nicht zuletzt in der Weltpresse durchsetzt, um so schneller werden auch die Folgen dieses schwarzen Mittwoch überwunden werden, nicht nur in dem schwer geprüften Österreich, dem unser Mitgefühl gilt, sondern auch in der ganzen Welt.

In Frankreich hat der gesunde Doumergue Menschenverstand und die sommerliche und Hitze einen Sieg über allzu sehr auf Barthou. Parteiprogramme eingeschworene Minister davon getragen. Die Gefahr einer Kabinettskrise ist behoben, das Kabinett Doumergue bleibt völlig unverändert im Amt und die beiden Kampfhähne, Tardieu auf der Rechten und H e r r i o t auf der Linken, werden sich auch weiterhin an einen Verhandlungstisch setzen. Freilich im Oktober will die Partei Herriots, die Radikal­sozialisten, diesen ganzen Streitfall noch einmal behan­deln, und da das auch etwa die Zeit ist, zu der die Frontkämpfer erneut zur Regierung Doumergue Stellung nehmen wollen, so glaubt man vielfach, daß der Burgfriede und damit das Kabinett Doumergue über diesen Zeitpunkt hinaus nicht aufrechtzuerhalten sein werden. Ob diese An­nahme zutrifft, bleibt abzuwarten, denn es könnte wohl sein, daß die französische Öffentlichkeit im Herbst ein ge­nau so geringes Interesse an einer Kabinettskrise haben wird, wie heute, und daß auch im Herbst die Partei­taktiker auf diese Stimmung werden Rücksicht nehmen müssen. Immerhin dürfte die Aussicht, daß doch mög­licherweise die Herrlichkeit im Oktober ihr Ende er­reichen wird, Herrn Varthou veranlassen, seine Be­mühungen um das Z u st a n d e k o m m e n des Ost»