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82. Jahrgang
Sonntag, 22. Juli 1934
Nr. 197
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Rüstungskonkurrenten.
Man bemüht sich um Rumänien. — Wer liefert an Rußland?
Italienisch-russische Zusammenarbeit.
as. Berlin, 21. Juli. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Der Draht übermittelte in diesen Tagen eine kleine, aber recht interessante Nachricht, mach der nämlich die tschechischen Stob a werfe den Rumänen einen Vorschlag für die Neubewaffnung der rumänischen Artillerie unterbreitet haben. Zugleich habe die gleiche Firma auch den Vorschlag gemacht, mit der heimischen rumänischen Rüstungsindustrie zusammenzuarbeiten und rumänische Pulverfabriken zu modernisieren. Daß Skoda solche Angebote macht, ist an sich nicht auffällig, denn das ist nun einmal das Geschäft dieser Firma. Die Nachricht gewinnt nur dadurch Interesse, daß unmittelbar vorher verlautete, die russische Regierung sei entschlossen, in Frankreich eine Rüstungsanleihe aufzunehmen, bei der sie freilich nicht das Geld, wohl aber gleich die Ware, Kanonen und Munition, erhalten sollte. Ja, man sprach davon, daß Rumänien sich verpflichten wolle, dafür seinen gesamten Kriegsbedarf in Frankreich zu bestellen. Man hat in der letzten Zeit wenig von diesen Verhandlungen gehört, aber Skoda hat, wie sich nun zeigt, rechtzeitig versucht, der französischen Konkurrenz das Wasser abzugraben, denn daß er zu kulanten Bedingungen — Rüstung auf Abzahlung zu leisten — bereit ist, braucht wohl kaum besonders betont zu werden. Die Rumänen sind also in der glücklichen Lage, einen Lieferanten gegen den anderen ausspielen zu können, was der Freundschaft zwischen Bukarest, Prag und Paris durchaus keinen Abbruch tut. Ja, man hat, wenn nicht alles täuscht, in Bukarest noch ein weiteres Angebot, nämlich von-japanischer Seite. So wurde schon vor kurzem berichtet, datz die Japaner sehr bemüht sind, auf dem Balkan in das Geschäft zu kommen. Einen Erfolg haben sie ja bereits in der Türkei errungen, die bekanntlich Kriegsschiffbauten an Japan vergab.
Aber nicht nur um die Lieferungen an Rumänien bemüht man sich heih, auch die Russen sind in der glücklichen Lage, datz sich um ihr Flugwesen
sowohl die Franzosen wie die Engländer b e- mühen. So besuchten bekanntlich unlängst höhere russische Luftsachverständige England und wohnten den Vorführungen der englischen Luftflotte bei. In England gibt man sich nun der Hoffnung hin, datz dieser Besuch nicht ohne Ergebnisse für die englischen Flugzeugfabriken bleiben wird, die freilich angesichts des beschlossenen Ausbaus der englischen Luftflckitte in der nächsten Zeit über schwache Beschäftigung nicht zu klagen haben werden. Zu gleicher Zeit rechnet man auch in Frankreich mit rusiischen Bestellungen. .
Es sind das nur zwei kleine Beispiele dafür, wie tätig überall die Rüstungsindustrie ist, um neue Aufträge hereinzubekommen, obwohl es in den letzten Jahren kaum einem Wirtschaftszweige so gut gegangen ist wie der Rüstungsindustrie, überall spricht man zwar nur von Sicherheit und Frieden. Herr Barthou stellt ein ganz kompliziertes Paktsystem auf, um den „Frieden" zu retten, zugleich aber folgt ein Rüstungsauftrag dem anderen. Wenn aber Deutschland nur ein Kilogramm irgend eines Metalls, das nicht einmal für Rüstungszwecke geeignet ist, mehr einführt, dann erheben sich im englischen Unterhaus oder in der französischen Kammer einige ehrenwerte Abgeordnete, um auf die „Bedrohung des Friedens" oder auf die deutsche „Aufrüstung" hinzuweisen, während man nichts dagegen hat, wie die eigene Rüstungsindustrie floriert und nicht Nur das eigene Land, sondern auch noch andere Staaten mit Waffen verfolgt.
Nicht uninteressant ist auch, datz sich auf diesem Gebiet Länder zusammenfinden, die sich sonst nicht allzu grotze Sympathien entgegenbringen. So besucht z. Z. eine Abordnung russischerKriegschemiker Jt a l i e n, während eine gleiche italienische Abordnung im vorigen Monat Rußland besuchte und dort die chemischen Fabriken besichtigte. Nach diesen Besuchen sollen Verhandlungen über eine Zusammenarbeit auf kriegschemischem Gebiet ausgenommen werden, wobei die Russen den Italienern die Lieferung von chemischen Rohstoffen anbieten!
Der Beamte mutz nationalsozialistisch denken.
Reichsbahn führend in der Schulung.
Berlin, 20. Juli. Mit Bezugnahme auf den Erlaß des Reichsinnenministers Dr. Frick, der die Einführung der Beamten und Angestellten der großen Staatsverwaltungen in das nationalsozialistische Gedankengut forderte, legt, wie das NdZ. meldet, Reichsbahnoberrat Dr. El and einen Bericht über die Tätigkeit der Arbeitsgemeinschaft für nationalsozialistische Schulung der Bediensteten bei der Reichsbahn vor. Er erinnerte daran, daß im Anschluß an den Erlaß des Reichsinnenministers eine Besprechung sämtlicher zentralen Behörden und Stellen in Berlin über dieses Thema stattfand und zwar unter Leitung von Staatssekretär Dr. Pfundner. In dieser Besprechung sei gefordert worden, daß sämtliche Beamte und Angestellten der großen Staatsverwaltungen im Dritten Reich nunmehr planmäßig
12 Millionen für Staatsgebäude.
Berlin, 20. Juli. Eine sehr wesentliche Unterstützung des Arbeitsbefchaffungsprogramm der Reichsregierung bilden, wie die Wandelhalle meldet, die insgesamt 83 891080 RM. die für Bauten und Beschaffungen im preußischen Staatshaushalt für 1934 eingesetzt worden sind. Allein im Haushalt der Landwirtschaftlichen Verwaltung befinden sich'rund 29,6 Millionen, von denen unter anderem entfallen: 6 Millionen als Zuschüsse für die landwirtschaftliche Siedelung, 4,2 Millionen als Beihilfe für Meliorationen 7,6 Millionen auf die Förderung der Arbeitsbeschaffung durch staatseigene Wasserbauten und weitere Millionenbeträge für regionale Zwecke. Von den letzteren Ausgaben feien heroorgehoben 4,4 Millionen zur Ent- wäsierung, Kultivierung und Schaffung von Siedlungsland bei den rechts- und linksemsischen Mooren und 2,4 Millionen für den Bau der Saaletalsperre. Im Haushalt der Domänenverwaltung befinden sich 6,4 Millionen für Bauarbeiten und Bodenoerbesserungen, im Haushalt der Eestütsverwaltung 143 250 RM. für die gleichen Zwecke. Bei den einmaligen Ausgaben im Etat des Finanzministeriums sind 12 Millionen RM. Ausgaben für die Instandsetzung
Nationasozialistisch zu schulen wären. Man müsse verlangen, daß jeder, der die Ehre hat, im Dritten Reich Beamter, zu sein, auch nationalsozialistisch denke und fühle und dies erforderlichenfalls lerne.
Bei der Deutschen Reichsbahn habe der Referent für das Unterrichtswesen in der Hauptverwaltung, Reichsbahndirektor Dr. Schwarze, von selbst und sofort die erforderliche Erkenntnis für die hier zu lösende große Aufgabe gehabt. Die Reichsbahn sei dadurch in der planmäßigen nationalsozialistischen Schulung ihrer Bediensteten führend geworden bei sämtlichen Reichs-, Staats-, Provinzial- und Kommunalbehörden. — Rach den aufgestellten Richtlinien solle die Schulung der Reichsbahnbediensteten grundsätzlich durch Redner der Bewegung erfolgen. Beamte, die zur Führung von Bediensteten bestimmt sind, haben an zwei Lehrgängen teilzunehmen. Als Hauptaufgabe gelte, den deutschen Menschen zu schaffen unb ihn, auch wenn er Beamter sei, schulmäßig mit Politik zu befasien.
staatseigener Gebäude hervorzuheben, beim Haushalt des Kultusministeriums rund 11,3 Millionen RM. für Bauten und Beschaffungen für die preußischen Universitäten und fachlichen Hochschulen, die Höheren Schulen und die Hochschulen für Lehrerbildung. Als Beihilfe zu den Kosten der baulichen Unterhaltung des Berliner Doms sind 28 000 RM., für den Kölner Dom 80 000 RM. eingesetzt. Im Haushalt der Forstverwaltung werden 3 Millionen RM. für Forstkulturarbeiten sowie den Ausbau des Stoberflusfes im Regierungsbezirk Breslau und' 500 000 RM. für Instandsetzung von Forstdienstgehösten ausgesetzt. Im Etat des Ministeriums für Wirtschaft und Arbeit befinden sich 3,4 Millionen RM. für Maßnahmen zur Verminderung der Arbeitslosigkeit nach dem Reinhardtprogramm, 1,35 Millionen für den Rügendamm und 610 000 RM. zur weiteren Förderung des Baues und zur Erhaltung von Kleinbahnen. Bei der inneren Verwaltung werden 4,97 Millionen ausgeworfen, die unter anderem für den Bau von Polizeiunterkünften und Dienstgebäuden bestimmt sind, bei der Justizverwaltung 400 000 RM. für außerordentliche bauliche Maßnahmen bei den Gerichten und 150 000 RM. für besondere Maßnahmen in den Eefangenenanstalten zur Erhöhung der Ausbruchsicherheit. Dazu kommen noch Bauarbeiten bei mehreren Oberlandesgerichtsbezirken.
Die Tradition der französischen Ostpolitik.
Von Giselher Wirsing.
Die außenpolitische Lage hat das Verhältnis von Frankreich zu Rußland erneut in den Vordergrund des Interesses geschoben. Ein im Eugen- Diederichs-Verlag, Jena, erschienenes Buch von Giselher Wirsing „Deutschland in der Weltpolftik verdient daher besondere Beachtung.
Der französisch-russische Nichtangriffspakt nimmt eine Linie wieder auf, die sich durch Jahrhunderte in der fraiv zösischen Geschichte zurückverfolgen läßt. Frankreich begnügt sich nicht mehr mit den 1919 geschaffenen Ersatzgroßmachten, sondern tritt wiederum in direkte Beziehung zu der wirklichen Vormacht des Ostens. Die völlig entgegengesetzte innere Struktur der beiden Länder kann hierbei nicht als entscheidendes Hindernis für eine Allianz angesehen werden. Für den französischen General st ab sind allein militärische Gesichtspunkte m a tz- ff e b e n d. Die französische Ostpolitik der Abrüstung auf die stärkste Militärmacht des Ostens tritt zum ersten Male schon unter König Franz I. auf, der in der gleichen Zeit, als der mächtige Sultan Süleiman der Große Budapest eroberte und bis vor die Tore von Wien gelangt, mit der Pforte verhandelt und 1535 einen Konsularvertrag abschließt (die sogenannten Kapitulationen), der zum Grundstein der französischen Orientpolitik wird. Hier tritt die politische Grundidee Frankreichs bereits klar hervor. Die Abmachungen über die Konsulargerichtsbarkeit von 1535 blieben fast unverändert bis zum Friedensvertrag von Lausanne mit der Rumpftürkei bestehen. Gleichzeitig datiert von jenem Zusammenspiel Süleimans des Großen und Franz I. der französische Vorrang an der Pforte, der bis in das 19. Jahrhundert hineinreicht und erst in jenem Augenblick verschwindet, in dem sich Frankreich endgültig auf R u ß l a n d, als der neuen Vormacht des Ostens, festlegt. Jener Vertrag mit der Pforte bedeutete eine außerordentliche Hilfe für den türkischen Kampf gegen das Reich! Indem Frankreich die von Venedig ausgebildeten völkerrechtlichen Formen geschickt übernahm, schritt es in seinen Verträgen mit der Pforte weit über die damals bestehende Norm hinaus. Trotz des Verbotes des Pabstes hat Franz I. in dem Kapltu- lierungsvenraff von 1535 den mohammedanischen Partner als gleichberechtigt anerkannt! 300 Jahre bevor die inzwischen ohnmächtig gewordene Türkei 1856 auf der Pariser Konferenz formell in das „europäische Konzert der Machte' aufqenommen wurde, hat die französische Machtpolitik bereits die Bedeutung eines Mitspielers im Osten erkannt und sich nicht gescheuh dies auch völkerrechtlich festzulegen. Die Worte Herriots über die Grundsätze der französischen Außenpolitik haben wahrlich eine lange Tradition!
Die politische Linie der Einkreisung der europäischen Mitte findet dann unter Ludwig XIV. ihre Entfaltung. Der türkische Großwester Kara Mustafa, der 1683 Wien zum zweiten Male belagert, steht in ständiger diplomatischer Zusammenarbeit mit dem Hofe des Sonnenkönigs in Versailles. Die Befreiung Wiens von den Türken führt indirekt zur Peripetie der Expansionspolitik Ludwigs XIV., der jedoch durch den Feldzug der Türken für Frankreich Straßburg und die anderen Reunionsgebiete gewinnen konnte. Dieselbe ostpolitische Linie wird dann von Frankreich 1891 wieder ausgenommen, als es nach der Nichtverlängerung des deutsch-russischen RLckversicherrmgsver- trages zum Abschluß der russisch-französischen Militär- konvention kommt. Das wilhelminische Deutschland hat sm) in der entscheidenden Frage des russisch-französischen Bund- nisses durch den Fehlschluß, das liberale Frankreich und das absolutistische Rußland könnten niemals gemeinsam bu Waffen ergreifen, alle Möglichkeiten für eine realistische Außenpolitik verbaut, die nach Bismarcks Abgang noch in reicher Fülle vorhanben waren. Die gewaltige Lehre, bie bie europäische Mitte 1683 erhalten hat, war in Vergessenheit gesunken. Das Zusammenspiel bes „allerchristlichsten" Königs mit dem „Feind aller Ungläubigen" am Goldenen Horn hätte beinahe die Hauptstadt des Reiches in türkische Gewalt gebracht. Das Bündnis zwischen dem „Hort der Ideen von 1789“ und dem „Selbstherrscher aller Reußen“ führte das Reich an den Abgrund von Versailles. Die französische Paktpolitik der Jahre 1932/33 versuchte fraglos an diese Tradition wieder anzuknüpsen. Herriot ist auch nach seinem Sturz der Hauptträger dieser neuen französischen Ostpolitik geblieben, die ihn im September 1933 zu einem Besuche in Sowjetrußland führte, wo man ihn natürlich nicht als „privaten" Studienreisenden, sondern als den wichtigen Vorsitzenden des auswärtigen Ausschusses der Kammer empfing, der in außenpolitischen Fragen oft ein gewichtigeres Wort zu sprechen hat als selbst der Außenminister. Ihm folgte ein offizieller Staatsbesuch des französischen Luftfahrtministers Pierre Cot. Die Radikalsozialisten hoffen in Stalin ihren Sultan zu finden. .
Die französische Rußlandpolitik ist nach dem Ende der Konferenzepoche von besonderer Bedeutung, weil sich hier der Wandel der politischen Formen, der durch den Zusammenbruch der Genfer Politik hervorgerüfeu wurde, besonders deutlich abzeichnet. Die Paktpolitik mit Rußland ist ebenso wie der Versuch einer Entente der großen Demokratien bereits die neue Position, »die von Paris hinter der Ätflifie der Liga der Nationen aufgebaut worben ist.
M 81 Mionen N. für Sollten und WGngen im Pmhenckt 1931
