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Donnerstag, 29. März 1934

82. Jahrgang.

Zur Befriedung des kirchlichen Lebens

Fernjprecher-Sammel-Nr. 59631. Berliner Büro: Berlin-Wilmersdorf.

Geschäftszeit: 8 Uhr morgens dis 7 Uhr abends, außer Sonn- und Feiertags.

iknzelgenpreise: Ein Millinieter Höhe der 22 Millimeter breiten Spalte im Anzeigenteil Grund- preis 6 Rpf., der 85 Millimeter breiten Spalte im Tertteil 45 Rpf., sonst laut Tarif. tfur die Aufnahme von Anzeigen an bestimmten Tagen und Plätzen wird keine Gewähr übernommen. Schluß der Anzeigen-Annahme 10 Uhr vormittags. Größere Anzeigen müssen spätestens einen Tag vor dem Erscheinungstage aufgegeben werden.

90T Wegen des Karfreitags erscheint die nächste Tagblatt"-Ausgabe am Samstag.

Rätselraten um den Südosten.

Gehermverhandlungen Mussolini-Benesch? Gefahren für die Kleine Entente. Prag lenkt Warschau gegenüber ein.

Und die Abrüstung?

29- März. (Drahtbericht unserer Berliner

Z e-lung.) Zer römische Pakt hat im Südosten Europas, wie man immer wieder feststellen kann eine

^ke Unruhe ausgelöst, für die nicht nur die eben °b- T^guug Eeneralstabschefs der Länder der f^e"Tnepnr Entente charakteristisch ist, sondern die sich auch n einer ganzen Reihe von Meldungen widerspiegelt. <ju einem Teil wird man diese Meldungen allerdings sst' ^fniger Vorsicht aufnehmen müssen. Jnteres- S es)nre 5m^l^e eLne 2Biener Darstellung Der

Deutschen Allgemeinen Zeitung", die von Eeheim- £V?^2b4UltS-en fischen Mussolini und Benesch über einen Anschluß der Tschecho- slowakei cm die römischen Vereinbarun- 4 Vx : Diese Verhandlungen würden streng ver- fraulich auf diplomatischem Wege geführt und von torr;^r-AeivaUre.r1D-UrbVx °bhängen, welche Stellung schließlich die Kleine Entente zu dem römischen Pakt entnehmen werde, wobei noch darauf hingewiefen wird Äntl 2-° 2K«t ,ber rts.chaftsrat der Kleinen Entente in Bukarest gusammentritt. Inwieweit die^e Darstellung zutrifft, ist nicht ohne weiteres zu l9c~ Immerhin scheint man auch in Rumänien für X E Festigkeit der Kleinen Entente zu H ! c>nb es deshalb recht bezeichnend, daß jetzr die Nachrichten von einer bevorstehenden M o s - rauer Reifendes rumänischen Außen- M t n tjt eis Titulescu auftauchen. Eine solche ' 1 Rene konnte nur den Sinn haben, daß Rumänien sich

Rückendeckung in Moskau zu schaffen sucht, was freilich voraussetzte, daß die beßarabische Frag^e, die hindernd zwischen beiden Ländern steht, vollkomnlen geregelt wird. Run gibt es aber weiter eine ungarische

Eine Karfreitags-Kundgebung des Reichsbischofs.

Berlin, 28. März. Der Reichsbischof hat, wie der Evan­gelische Pressedienst erfährt, zum Karfreitag eine Kund­gebung an d ie Pfarrer erlassen, die angesichts der kirchlichen Zersplitterung zur Selbitprüfung und Besinnung aufruft und neue Maßnahmen zur B e f r i e d u n g des kirchlichen Lebens ankündigt.

' In der ausführlichen Kundgebung heißt es nach einem Hinweis auf den Karfreitag, an dem sich die schonungslose Sachlichkeit unseres Gottes offenbart habe, u. a. wie folgt: ^ch wende mich als erstes an die, die aufs schärfste gegen dre bisherige Führung der deutschen evangelischen Kirche'in Widerspruch stehen, bis hin zu denen, die gesagt haben, daß es Gehorsam gegen Gott sei, dem Reichsbischof ungehorsam zu sein. Ich bitte die Amtsbrüder nicht um meinet- sondern um ihretwillen vor dem Angesicht des Gekreuzigten sich noch einmal zu fragen, ob er ihnen wirklich solche Äußerungen gestattet. "

2ch meinerseits möchte mich der Vergebung getrösten und Vergebung üben. Aber auf unsere Person kommt es nicht an, sondern alles auf die Sache, und da müssen wir um ein Verständnis der Sachlage miteinander ringen. Der Reichsbischof geht dann auf den Krieg und auf das Jahr 1933 ein, die uns allen deutlich gemacht haben was wirklich Geschichte ist. Wir sollten bei dem leidenschaft­lich elementaren Willen zur Einheit zwischen Nationalsozialismus und Kirche mit tiefer Be­schämung nur der Tatsache ins Auge schauen, daß unsere evangelische Kirche sich dem ungeheuren Ansturm der natio­nalen Bewegung nicht gewachsen gezeigt hat. Ein männ­licher Pfarrerstand sucht zunächst das Unrecht bei sich unv sucht hinter dem Unrecht der anderen, ob da nicht vielleicht etwas rechtes steckt. Es ist gewiß verständlich, wenn der Totalitätsanspruch des Staates für viele etwas ganz Neues und Fremdes war und insonderheit dem zum Individualismus Neigenden, um Innerlichkeit ringenden coangelischen Pfarrerstand schwere Anstöße gab, weil man Mut und Kraft nicht aufbrachte, um den entsprechenden ^oialitätsanspruch der Kirche volksoerbunden zu bewahren. Das gibt kein Recht, vom Martyrium zu reden, wenn solcher Dotalitätsanspruch auf pastorale Zaghaftigkeit, Bedenklich- leit. Unsicherheit, schwankende Haltung oder gar versteckte Anklagen stößt, zumal wenn sich derartiges hinterWort- »erkundigung" versteckt. So ist es zu einem kirchlichen Äampr gekommen, dem die große Masse des Volkes "lit Erstaunen, je länger je mehr mit Verach­tung und Erbitterung gegenübersteht, denn unsere Volksgenosien können es nicht verstehen, wenn Dlarrer sich streiten. Können wir wirklich vor dem Ge- "euzigten die Verwirrung der Gemeinden verantworten?

Zwischen Warschau und Berlin.

Durch Schicksalsfügung sind wir wie keine anderen Nachbarvölker gitterartig ineinander verwoben. In langen Geschichtsperioden gehen die Wanderungen zwi­schen Düna und Elbe hin und her, nur selten durch harte Kämpfe unterbrochen, oft aber in jahrhunderte­langer friedlicher Lebensgemeinschaft. Große Teile des einen Volkes sind in das andere übergegangen, und es gibt kaum zwei Völker, die sich rassemäßig soweit ver­mischt haben." Mit diesen Gedanken wird eine Schrift über den deutsch-polnischen Ausgleich eingeleitet, die soeben erschienen ist. Der Verfasser, Freiherr von R e i b n i tz, bemüht sich in dieser Schrift darum, die Wege zu zeigen, aus denen ein Ausgleich der solange umkämpften Gegensätze zwischen Warschau und Berlin möglich ist.

Man weiß, daß das Problem des deutsch- pol nischen Ausgleichs auch jetzt noch nicht ge­lüst ist, sondern trotz des Abschlusses der Verträge erst am Beginn der Lösung steht. Die Schrift des Frei­herrn v. R e i b n i tz ist vielleicht gerade auch für Polen lesenswert, denn sie erinnert daran, daß während des Weltkrieges deutsche und polnische Soldaten Seite an Seite kämpften, daß die kaiserliche Politik während des Krieges in der Errichtung eines selbständigen polnischen Staates ein so starkes deutsches Interesse erblickte, daß sie die Maßnahmen der Kriegsführung hierdurch be­stimmen ließ. Freiherr v. Reibnitz erinnert an die Verhandlungen, die zwischen Deutschland und dem Marschall Pilsudski über die Bildung eines polnischen Staates stattgefunden haben. Er weist dann freilich darauf hin, daß die jetzigen Gegensätze zwischen Deutschland und Polen zum Teil künstlich erzeugt wor­den sind.Es kam den Ententemächten nicht darauf an, im Sinne der vierzehn Punkte Wilsons zwischen Polen und Deutschland einen politisch ausgeglichenen und wirtschaftlich förderlichen Zustand zu schaffen, son- dern im Gegenteil Verhältnisse zur konstruieren, die in möglichst dauernder Form eine ständige Verfeindung der beiden Völker herbeiführen sollte, sodaß ihre Macht­potenz sich gegenseitig aufhob und sie zu Nonvaleurs auf dem politischen Schachbrett gestaltet wurde Darauf vor allem führt er zurück, daß man die Gren­zen Polens so zog, wie sie jetzt bestehen, um dauernd einen deutsch-polnischen Gegensatz zu erzeugen, den Frankreich für seine europäische Politik nötig zu haben glaubte.

Es wird und die Neuartigkeit der jetzigen Polen- politik Deutschlands macht es nötig, sich damit zu be­schäftigen sehr eingehend nachgewiesen, daß auf wirtschaftlichem Gebiet ein Interesse auf enge Zu­sammenarbeit besteht.Noch im Jahre 1924 be­trug die deutsche Einfuhr in Polen 870 Millionen Zloty, die polnische Ausfuhr nach Deutschland 922 Millionen Zloty. Nach dem im Jahre 1925 ein­setzenden Zollkrieg zwischen beiden Staaten ist dann aber ein steter Rückgang beider Ziffern bis aus 172 und 175 Millionen Zloty int Jahre 1932 erfolgt. Wer hat nun diesen Zollkrieg gewonnen? Beide Teile haben ihn verloren. Und dieser Verlust steigert sich weiter, ^m letzten Jahr hat sich der Rückgang von Ein- und Ausfuhr in gleicher Weise fortgesetzt, sodaß wir uns allmählich dem Nullpunkt nähern. Aus dem Papier sehen diese Zahlen sehr nüchtern aus, aber was liegt in ihnen enthalten an Steigerung des Wirtschafts­lebens? Ein wertvoller Schritt auf dem Wege zum ge­meinsamen Wiederaufbau ist das deutsch-polnische Stahlabkommen und das Roggenabkommen. In ähn­licher Weise ließen sich auch auf anderen Gebieten Interessengemeinschaften ausgestalten."

Die seelischen Hindernisse, die einstweilen einer Zu­sammenarbeit entgegenstehen, werden freilich auch von dem Freiherrn v. Reibnitz, der sich sehr entschieden für den Ausgleich einsetzt, nicht verkannt. Dabei wer­den der Grenzbevölkerung ganz besonders große Auf­gaben zugewiesen. Es ist wichtig, diesen Abschnitt wiederzugeben, weil er die Problematik der deutschen Ostpolitik am deutlichsten kennzeichnet. Es heißt fort' Nachdem die Regierungen durch das Abkommen den ersten Schritt zur Verständigung getan haben, kommt es nun darauf an, daß auch die Staatsbürger beider Länder ihnen auf dem als notwendig und vorteilhaft erkannten Wege folgen. Nicht so schwer ist das in Berlin und Warschau. Sehr schwierig aber liegen die Verhältnisse in den Grenzge­biet e n, wo jahrelange Verkämpfung Zustände ent­wickelt und Verstimmungen geschaffen hat, deren Be­hebung einen hohen Grad von Selbstüberwindung und politischer Disziplin erfordert. Hier lirgt die Schwieria- keit, und letzten Endes die Entscheidung darüber, ob

Uch°M"Rpf.' Traglohn. ^Durch^di°°Post bAg-n W »M. 1.70, zuziig.

auf Lm-rung des Blattes oder auf Rückzahlung

^esart, die besagt, daß es Benesch gelungen sei, seinen rumänischen Kollegen von dem Moskauer Reiseplan abzubringen, um ein Herauswachsen Rumäniens ans der Kleinen Entente und eine selbständige rumänische Außenpolitik zu verhindern. Ja, man tpricht sogar von einer gemeinsamen Reise Beneschs un? Titulescus nach Moskau. Charakteristisch ist auch weiterhin, daß die Tschechoslowakei bemüht ist, den Konflikt mit Polen, der durch die Behandlung der polnischen Minderheit in Tschechisch- Te I chen entstanden war, möglichst beizulegen. Ein tschechisches Gericht in Mährisch-Ostrau hat gestern

""8eklagte Polen freigesprochen. Man erhofft sich von diesem Urteil eine Entspan­nung der Lage, sodaß es nicht mehr nötig sein würde, den französischen Außenminister, der im zweiten Drittel des April Warschau und Prag besuchen wird, als Ver­mittler in dieser Angelegenheit zu bemühen.

Die Weiterentwicklung in Südosteuropa wird nun sicherlich stark beeinflußt werden durch den Verlaus der Abrmtungsverhandlungen. Aber auch da sieht man heute nicht im mindesten klar. Eine Tatsache ist nur ju verzeichnen, daß die englische Regierung in einer Rote um Aufklärung Über die französischen Forderun- gen gebeten hat. Die französische Presse glaubt dazu feststellen zu können, daß die Engländer heute den französischen Forderungen nach einer D u r ch f ü hr ung s g a r a n t i e für die Abrustungsvereinbarungen nicht mehr so a b l e h - n e n d g egenüber ständen, wie noch vor kurzem. Acan hält jedenfalls in Paris eine Einigung für durch­aus möglich, wenn auch die Verhandlungen noch einige Zeit in Anspruch nehmen würden. Wie weit diese Dar- stellung den,Tatsachen entspricht und wieweit -sie fran» zösische Wünsche widergibt, ist schwer zu sagen.

Telegramm-Adresse: Tagdiatt Wiesbaden.

Nr. 87.

Das neueGeistliche Ministerium" ist bei seiner Be­rufung bestürmt worde», als erstes eineAmnestie" zu erlaßen. Die Frage ist von uns auf das ernsteste er­wogen. Wir würden selbstverständlich nichts lieber tun, als eine Amnestie erlassen, wenn wir auch nur die ge­ringste Garantie dafür hätten, daß damit wirklich Friede cinkehren würde. Wir müßen im Gegenteil auf Grund der bisherigen Kampfmethoden der Kreise, die die Kirchensührung bekämpfen, befürchten, daß sie eine Sache des Bekenntnisses daraus machen würden, sofort den Kampf mit allen Mitteln weiter zu führen. Da­durch macht man es unmöglich, eine Amnestie zu er­laßen. Es geht ja nicht um den Kamps zweier Rich­tungen, sondern um die Aufrechterhaltung der kirch­lichen Ordnung.

Der Reichsbischof fordert dann die Amtsbrüder auf, alle einen neuen Anfang z u machen, das achte Gebot zu halten, sich nicht persönlich zu diffamieren. Sie, Amtsbruder, denen zur Zeit in der Führung der Kirche alws verkehrt erscheint, ist es Ihnen wirklich nicht mög- Irch, eine Zeit lang um der Kirche, um des Volkes willen, den Blick stur auf die Gemeinde zu richten, auf die Auf­gaben, die Ihnen da vor den Füßen liegen? Kirchenpoli- ttidfcn Arger heilt nicht so sehr als ein Krankenbesuch, «yangen Sie einmal an, um die entfremdete Männerwelt zu werben, um alle die, die sich von der deutschen Elaubens- bemegung angezogen fühlen; sowie sie es nicht schon ge­tan haben, luchen und sammeln Sie die Laien­kräfte.

Ich habe die Mitglieder des Geistlichen Ministeriums angewiesen, möglichst bald mit den Herren Landes- bischöfcn und Bischöfen Verbindung auszunehmen und in Beratungen einzutreten, ob und wieweit die aus dem Dienst entlaßenen ausbauwilligcn Kräfte wieder irgendwie in den Dienst gestellt werden können. Um der Ordnung der Kirche willen müßen wir fordern, daß die Betreffenden sich bereit erklären, ihre ganze Kraft und Arbeit in der Gemeinde auf Verkündigung zu konzentrieren und sich der Kirchenpolitik zu ent­halten. Die Fälle, wo nicht kirchenpolitifche, fandern staatspolitische Gründe maßgebend waren, müßen selbstverständlich gesondert behandelt werden.

Der Reichsbischof schließt mit dem Hinweis auf 1. Korinther, Kap. 1, 17: . daß nicht das Kreuz Christi

zunichte werde!"