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Nr. 73.
Donnerstag, 15. März 1934.
82. Jahrgang.
In der Schwebe.
Eden will ein allzu schroffes
Donau-Problem und Abrüstung.
as. Berlin, 15. März. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In der großen Politik besteht im Augenblick insofern eine etwas schwierige Situation, als sich in den beiden Fragen, die im Vordergrund stehen, nämlich den italienischen Bemühungen um den Donauraum und in der Abrüstungsfrage, alles im Fluß befindet. Zn Rom ist der gestrige Tag mit Besuchen und Gegenbesuchen ausgefüllt gewesen'. Die eigentlichen Besprechungen zu Dreien beginnen aber erst heute und vor ihrem Abschluß wird man schwerlich die ganze Tragweite dieser Konferenz, die nicht unter dem Zeichen Genfs und der Friedensdiktate steht, übersehen können. Es ist auch gut möglich, daß man in R o m noch einige Fragen wird offenlafs en müssen, darauf deutet ^die Tatsache, daß Eöm bös auf der Rückreise in Wien Station machen will, offenbar um etwa offen gebliebene Fragen zu regeln. Man wird auch abwarten müssen, welche Bedeutung die Reise des südslawischen Gesandten in Berlin nach Belgrad hat, die vielfach in Zusammenhang mit den römischen Beratungen gebracht wird. Da der Gesandte vor feiner Reise von Reichskanzler Hitler empfangen wurde und da andererseits in der letzten Zeit eine Reihe deutsch-freundlicher Reden im südslawischen Parlament gehalten wurden, da ferner deutsch-südslawische' Wirtschaftsverhandlungen bevorstehen, so ist es nicht verwunderlich, daß diese Reise des Gesandten Anlaß zu mancherlei Kombinationen gibt und daß man in gewissen Kreisen von einem „geschickten Kegenzug" Südslawiens spricht. Aber auch hier muß man vorerst einmal abwarten.
1 Die gleiche Parole gilt für die Abrüstungsfrage. Zwar ist im englischen Unterhaus gestern tatsächlich eine Aussprache über dieses Thema durchgefllhrt worden, aber man.wird nicht sagen können, daß sie tatsächlich etwas Neues gebracht hat. Da man auch in eng- lifchen Parlamentskreisen keine Sensation erwartete, so sprach Minister Eden vor einem schwach besetzten Haus. Was Eden sagte, ist nicht neu. Wenn er die
französisches Nein verhindern.
gegenwärtige Lage als „besorgniserregend, aber nicht verzweifelt" bezeichnete, so bestätigt er damit die allgemeine Auffassung, daß die Abrüstung an einem dünnen Faden hängt. In seinen Betrachtungen hat sich Eden von der Absicht leiten lassen, ein allzu schroffes Nein der Franzosen zu verhindern. Er hat sich ihnen gegenüber sehr liebenswürdig gezeigt. Ob das Eindruck auf den morgen oder übermorgen tagenden Pariser Ministerrat machen wird, bleibt abzuwarten. Eden hat sich aber auch bemüht, die Dinge einmal durch die d e u t s ch e B r i l l e zu sehen und das ist ihm außerordentlich schwer geworden trotz seines Berliner Besuches. Wenn er beispielsweise eine Rede, die der preußische Ministerpräsident Göring bei der Einführung des neuen Potsdamer Oberbürgermeisters gehalten hat, als militaristisch glaubt bezeichnen zu können, so ist dem englischen Minister der Sinn dieser Rede gar nicht klar geworden. Sie war weder militärisch noch militaristisch, sondern beschwor an der Wiege preußisch-deutscher Größe den Geist ruhmvoller Vergangenheit, des Stolzes auf die Taten der Ahnen. Die ganze Rede Edens zeigt jedenfalls, daß es ihm geläufiger ist, die Dinge durch die französische Brille zu betrachten. Freilich verwickelt sich Eden dabei in Widersprüche. Wenn er nämlich meint, daß Frankreich von seiner Friedensliebe überzeugt sei und nicht verstehen könne, daß Deutschland nicht die gleiche Überzeugung habe, so scheint es doch wohl, als ob man auch in England im allgemeinen die französische Auffassung nicht teile, denn warum will England seine Lustrüstungen vergrößern und warum interessiert es sich so für die jranzösischen ll-Voots- bauten. Offenbar suchen die englischen Militärs den Militarismus nicht wie Herr Eden in Deutschland, sondern dort, wo er Triumphe feiert, nämlich in Frankreich. Im übrigen zeigt die Rede Edens, daß England an zwei Zielen festhält, nämlich an einer „gewissen Abrüstung" — ein sehr dehnbarer Begriff — und an der Zurückführung Deutschlands nach Genf. Sonst ließ die Rede Edens keinen Zweifel daran, daß jetzt alles von der Pariser Antwort abhängt. Auch hier ist also alles in der Schwebe.
Das unruhige Spanien.
Madrid, 15. März. Der spanische Innenminister gibt bekannt, daß am Donnerstag sämtliche Madrider Zeitungen wieder erscheinen werden, da die sozialistische Druckergewerkschasl den Streik offiziell aufgegeben habe Lediglich die Belegschaft der „ABT" wird weiter streiken, was aber diese Aeitung am Erscheinen nicht hindert, da sic das streikende Personal bereits durch Nichtorganisierte Arbeiter ersetzt hat. Die übrigen Streiks dauern unverändert fort: es besteht die Gefahr, daß auch die Kellner neuerdings die Arbeit niederlegen werden. Ebenso wie die Angestellten der Bekleidungsindustrie.
Die Entwicklung in Estland.
- Zahlreiche weitere Verhaftungen von Freiheitskämpfern.
Reval, 14. März. Die Verhaftungen innerhalb der Frei- heitskämpferbewegung werden fortgesetzt. Mittwochfrüh wurde der Bürgermeister von Dorpat, Ainson, und der btadtrat Aaremaa verhaftet, ferner in Reval der Oberst D. S e i m a n n, der zu den bekanntesten Offizieren des Befreiungskrieges gegen Rußland gehört har. Unter den Weiteren Verhafteten befinden sich neben vielen Reserveoffizieren und R«ch tsanw älte n auch ^iele Beamte. So wurde in Petschur fast der gesamte «eamtenbestand des Grundbuchamtes und der Friedensrichter verhaftet. Eine Landgemeinde Südestlands blieb ärztliche Hilfe, da Arzt und Apotheker verhaftet wur- dtn. Der leitende Arzt des Krankenhauses in Oberpahlen wurde in dem Augenblick verhaftet, als er gerade eine Operation durchführen mußte.
H Der Verkehrsminrster bat den ihm unterstellten B e - ttlnten, die der Freiheitskämpferbewegung angehört haben, Me gelegt ihr Abschiedsgesuch einzureichen, da : ** sonst entlassen würden. Mit ähnlichen Maßnahmen wird bei den übrigen Behörden gerechnet. Bisher wurden Ub M ann des Sch uykorps entwaffnet und aus ?to Schutzkorp ausgeschlossen, da sie der Freiheitskämpfer- °rwegung angehört hatten. t
Prinz Eirtus von Bourbon-Parma f.
Eine traurige Erinnerung aus dem Kriege.
Paris, 14. März. Prinz Sixtus von Bourbon- Parma ist am Mittwoch kurz nach 15 Uhr in Paris gestorben. Er stand im 48. Lebensjahr. Die frühere Kaiserin Zita, deren Bruder er war, und andere Mitglieder der Familie weilten am Sterbebett.
Prinz Sixtus von Bourbon-Parma, der am heutigen Mittwoch in Paris im 48. Lebensjahre verschied, ist in der Weltöffentlichkeit bekannt geworden durch die politische Rolle, die er während des Krieges spielte, als sein Schwager Karl den Thron der Habsburger bestiegen hatte. An ihn knüpften sich die „Jriedensoermittlungsversuche" katholisch-ententistischer Kreise, die int Grunde genommen nur den Zweck verfolgten, das Deutsche Reich seines Bundesgenossen zu berauben, aber angesichts der in Österreich bereits 1916/17 auftauchenden Veriallserschei- nungen wie auch der politischen Neigungen der Schwester des Prinzen, der Kaiserin Zita, in Wen auf vorbereiteten Boden trafen. Bereits 1916 wurde Sixtus, der sich bei Beginn des Kriegs vergeblich um Aufnahme in die französische und englische Armee beworben hatte, von seiner Mutter, der Herzogin Parma, nach Wien geschickt, um den Kaiser zum Abfall von Deutschland zu bewegen. 2hm übergab der Kaiser unter dem Datum des 31. März 1917 jenen berüchtigten „Sixtus-Brief" zur Weitergabe an die französische Regierung, in dem der Nachfolger Franz Josephs für den Fall, daß Deutschland vernünftige Friedensbedingungen ablehnt, um Sonderfrieden ersuchte. Die Sonderfriedensaktion scheiterte bekanntlich daran, daß die Entente den Bestand der Habsburger Monarchie int Rahmen der von Karl ausgestellten Bedingungen nicht garantieren w o l l t e : sie legte vielmehr als Beweis für die Bereitschaft der Wiener Mazestäten. mit dem Verrate zu spielen, den Grund zum Zusammenbruch der Mittelmächte.
- Gebundene Lügen des „Petit Parisien".
Angebliche „Instruktionen an die deutschen Auslandsvertretungen".
t. Berlin, 14. März. Die Tatsache der nunmehrigen Ver- ösientlichung der bekannten lügenhaften Behauptungen des „Petit Partsien" über angebliche „Instruktionen an die deutschen Auslandsvertretungen" in Bro- schürenform veranlaßt einige Berliner Abendblätter zu einer nochmaligen kurzen, aber unmißverständlichen Zurückweisung. Der „Berliner Lokal-An,zeiger" erinnert daran, daß der Verlag des Blattes seinerzeit eine Belohnug von 50 000 RM. für den Nachweis der Echtheit jener „Dokumente" vor einer unparteiischen Kommission ausgesetzt habe, und daß diese Prämie nun freilich bis heute niemand habe in Anspruch nehmen können. Das „Berliner Tageblatt" nagelt die Tatsache fest, daß sich der „Petit Parisien" auch jetzt nicht scheut, fein auf die Störung des europäischen Friedens berechnetes Handwerk weiter auszuüben. Auch andere Blätter stellen lest, daß Lügen durch ihre Wiederholung in Broschürenform nicht wahrer werden.
Asien verdrängt Europa
auch auf dem Stillen Ozean.
~ Der Bevölkerungsdruck, unter dem gegenwärtig ^apan leidet, kann sich nur vermindern, wenn das ^znselreich seine überschüssige Bevölkerung irgendwo im Süden ansässig machen kann. Der durchschnittliche Japaner verträgt nun einmal das harte Kontinentalklima der Mandschurei nicht. Deshalb wird Man- dschukuo nur in ganz geringem Umfange als Auffang- ecken für die überschüssige japanische Bevölkerung dienen können. Längst geht deshalb die Begehrlichkeit der Japaner nach den Inseln, die das Südchinesische Meer begrenzen und bis nach dem australischen Kontinent. Die Philippinen und Australien — beides sind für die Japaner die hauptsächlichen Siedlungsgebiete der Zukunft.
Seit dem Ausgang des spanisch-amerikanischen Krieges von 1898 stehen die Philippinen — jenes Gewirr von 7000 Inseln — unter der Oberhoheit der Amerikaner. Der Besitz des großen Jnselreiches hat den Amerikanern niemals besondere Freude bereitet. Frühzeitig regten sich die Unabhängigkeitsbestrebungen der Philippinos. Mitten im Weltkrieg, 1916, erneuerte sogar Präsident Wilson vor den Philippinos das feierliche Versprechen, den Philippinen möglichst bald die Unabhängigkeit zu geben. Auf dem Boden der Bereinigten Staaten entwickelte sich besonders kräftig nach dem Weltkriege eine Millionenorganisation, welche die Ansprüche der Philippinos ihrerseits unterstützte. Noch heute dürften in den USA. etwa 150 000 bis 200 000 Philippinos leben. Es ließe sich eine Handhabe finden, sie aus dem Lande zu verweisen, wenn Washington ihnen endlich die Freiheit gewährte. Die öffentliche Meinung der Vereinigten Staaten ist längst für die Unabhängigkeit der Phlippinen gewonnen. Wenn die endgültige Loslösung der Philippinen von den Bereinigten Staaten immer wieder hinausgeschoben wird, so hat das einen durchaus plausiblen Grund.
Eben jetzt, am 2. März 1934, hat nun Präsident Roosevelt einen neuen Vorstoß in der Philippinenfrage unternommen. Die Gesetzesvorlage, die augenblicklich dem Kongreß vorliegt, soll durch einen Zusatz ergänzt werden: Mit dem Tage der philippinischen Unabhängigkeit sollen auch die amerikanischen Truppen von den Philippinen zurückgezogen werden. Gleichzeitig denkt man an die Verlegung des amerikanischen Flottenstützpunktes von den Philippinen nach einem anderen Teile des Stillen Ozeans. Mit anderen Worten : Amerika sträubt sich nicht mehr gegen die Aufgabe der Philippinen, die nut 300 000 Quadratkilometern und 12 Millionen Einwohnern immerhin einen beachtlichen Machtfaktor in Pazifik darstellen Daß die Philippinos nicht lange ihre Unabhängigkeit werden behaupten können, liegt auf der Hand. Richt lange wird es dauern, bis die Japaner ihre Chancen wahrnehmen und die 7000 Inseln wegen ihrer klimatischen Vorzüge in Besitz nehmen. Das großjapanische Reich, von dem die japanischen Imperialisten heute träumen, würde dann sehr rasch Tatsache geworden sein. Amerika aber würde sich mH dem Flottenstützpunkt auf Hawai als letztem pazifischen Befestigungswerk begnügt haben. Bei einer solchen Regelung würde selbstverständlich der ganze westliche Teil t>es Pazifik in die Hände der Japaner fallen. Der Westpazifik wäre dann ein japanisches Meer!
Wenn man den unerhörtem Aufschwung der jaMnischen Wirtschaft und Wehrmacht im Laufe der letzten drei Jahrzehnte beobachtet, dann bekehrt man sich zu der Ansicht, daß der japanische Imperialismus auch seine nächste Etappe zu erreichen vermag. Das Südchinesische Meer wird heute schon von den Japanern kontrolliert. Hongkong, eigentlich ein britischer Besitz, kann sich aus der eisernen Umklammerung nicht mehr recht lösen. Ihren ursprünglichen Wert für die Engländer hat diese Stadt längst eingebüßt. Dafür beeilen sich jetzt die Engländer, ihren weiter südlich gelegenen Flottenstützpunkt Singapore auszubauen. Wenn sie ihre Besitzungen an der chinesischen Küste nicht mehr zu halten vermögen, dann versuchen sie wenigstens den strategisch äußerst wichtigen Hafen von Singapore zu sichern. Schon die Tatfache, daß die Engländer Hongkong fo gut wie anf- gegeben haben, zeigt an, daß sie den Bormarfch des japanischen Imperialismus ernst nehmen — so ernst wie es sich gebührt.
Die jüngsten Vorgänge in der Mandschurei haben die Aufmerksamkeit der Weltvölker mehr als notwendig auf dieses rauhe, etwas unwirtliche Land gelenkt. Dabei läßt sich an Hand der Bevölkerungsstatistik nachweisen, daß die Japaner niemals den Ehrgeiz hatten und haben können, die Mandschurei mit ihrem Bevölkerungsüberschuß zu besiedeln. Die Japaner lieben wärmere, klimatisch mehr begünstigte Zonen. Die Philippinen und die anderen Inselgruppen im West.
