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Immerhin konnte er nach nicht zu langer Fahrzeit an Land steigen, dem vom Taktschreien völlig erschöpften Steuermann den erhöhten Fährsold in die aufgehaltene Hand legen, und, begleitet von den Segenswünschen der Mannschaft die sich aus sein ganzes ferneres Leben er­streckten, sich den Häusern der kleinen Ortschaft zuwenden.

Er durchwanderte den Ort, ging an kleinen Oliven- und Maulbeerpflanzungen vorüber und hielt vor einem freundlichen Miniaturlandhaus. Er rief einen Gärtner- jungen an und lieh sich zu dem Besitzer des Grundstücks, dein ehrenwerten Herrn Sulmaggio führen.

An einem kleinen Strauch, unter den er ein weihes Tuch gebreitet hatte, hockte der Mann, dessen Person und Amt zu kennen gefährlicher war, als einen Raub­mord zu begehen. Er suchte Blattläuse ab.

Nehmt Euch den anderen Strauch dort vor, Sciandra!" sagte er nach kurzer Begrüßung,es ist ver­dammt viel zu tun die Bestien fressen meinen Garten aus."

Sciandras gärtnerische Neigungen waren nur kümmerlich entwickelt.

Er schlug daher vor, den Blattläusen eine Gnadenfrist einzuräumen und die anstrengende Tätigkeit des Herrn Sulmaggio durch eine kleine erholsame Unterhaltung zu unterbrechen.

Seufzend erhob sich der Hausherr. Er drohte dem Gärtnerburschen und dem Jungen Prügel an, wenn sie etwa auf den Gedanken kommen sollten, ihre Sträucher auch im Stich zu lassen, und folgte dem Marchese, der ihm zum Gartenhaus vorangegangen war.

Ich war bei Breventa", berichtete Sciandra, als sie in dem kleinen, mit Büchern überladenen Zimmer sahen, der Mailänder Vertrag wird in der Tat an Bord desSan Gennaro" aufbewahrt."

Es konnte kaum anders sein", sagte Bembo.Es war nur dieser eine Grund, der Breventa bestimmte, die direkte Reise nach Venedig zu vermeiden und in Chioggia den Genueser zu besteigen."

Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn, als striche er damit den friedlichen Herrn Sulmaggio von sich ab: Garten, Sträucher, Blattläuse und faulenzende Eärtner- burschen verschwanden hinter der Mauer, die das idyllische Privatleben dieses Mannes umgab: sein Gehirn arbeitete wieder als der exakte, unbeirrbar zuverlässige Verstandsmotor.

Mit dem beurlaubten Herrn Sulmaggio verschwand auch dessen lebendiges Antlitz und vor dem Marchese Sciandra sah wieder der kleine Leiter des Geheim­dienstes, dessen ausdrucksloses, unpersönliches Gesicht kaum jemanden in Erinnerung blieb, der es im Treiben der Stadt irgendwo an sich vorübergleiten sah.

Bembo stand auf und lieh aus einem Verschlag eine riesige kurdische Dogge frei. Das Tier legte sich demütig und wohlig knurrend seinem Herrn zu Füßen, wurde einen Augenblick sehr sparsam geliebkost, und trabte dann aus einen Wink vor das Kartenhaus.

Nun wird es auch keiner Ratte einfallen, auf das zu lauschen, was wir zu besprechen haben", sagte Bembo. Er nahm wieder Platz und blickte Sciandra auffordernd an.

Ist es nicht besser. Bembo", fragte der Marchese, wenn Ihr auch den letzten Brief Sostamerighis an Cinna in Eueren Besitz bringt?"

Bembo schüttelte den 'Kopf .Nein, er ist bei Cinna gut aufgehoben".

Ihr nahmt auch Vartucci und Tanena die Dokumente!" wandte Sciandra ein.

Weil Venedig es nicht mit seiner Selbstverantwor- tung vereinbaren kann, wichtige Dokumente in Händen von Privatleuten zu lassen. Was mit solchen Dingen geschehen soll, bestimmen nicht ein paar Mitglieder des Großen Rates, sondern der Sicherheitsdienst."

Vartucci ist ehrlich, klug und brauchbar".

Zu ehrlich, um klug und brauchbar zu sein. Er liebt es, aus seiner Ehrlichkeit eine Trompete zu machen."

J)r ur teilt ein tveitfg zu ft r«rtg, ©«infioi Vartuccis Bemühungen um die (Einberufung des Großen Rates, und der Plan, der ihnen zu Grunde liegt, sind klug ersonnen und gescheit und verschwiegen durch­geführt."

So gescheit und verschwiegen, daß der Erste Staats- inguisitvr darüber hätte Auskunft geben können. Außerdem sagte ich bereits, daß Venedigs Sicherheit des Staates eigne Sache ist und nicht den Händen von Männern anvertraut wird, die ebenso hoffnungslos an ihr Temperament gefesselt sind wie an ihre Kurzsichtig­keit. Als ich von dem Schließer Pinuccio über die erste Anwesenheit der Lidia del Mino bei Narese im Gefäng­nis unterrichtet wurde und das Zusammentreffen der beiden kontrollieren ließ, war es für mich eine Selbst­verständlichkeit, die von den Liebesleuten erwähnten Dokumente in meine Hand zu bringen. Das zweite Zu­sammentreffen zwischen Narese und del Minos Tochter ließ ich durch Pinuccio fördernd beeinflussen und über­nahm dann selbst die Kontrolle der Unterredung aber das sagte ich Euch ja schon!" unterbrach Bembo seinen Satz.

Ja", nickte Sciandra,Ihr erfuhrt, daß es Andrea del Minos eigene Tochter war, die ihm die Verträge entwendete . . ." Sciandra schüttelte versonnen den Kopf.

Auch Bembo unterlag einer kleinen flüchtigen Be­wegung.

Es ist tragisch", sagte er langsam,aber es ist eine tiefe Verkettung des Schicksals und der Schuld, daß dieser Mann von der einzigen Stelle, der er vergaß, Mißtrauen entgegenzubringen, verraten wurde."

Ihr, Bembo", sagte Sciandra und sah dem Leiter des Geheimdienstes tief in die Augen,Ihr seid also mißtrauisch gegen jeden und alle Welt!"

Bembo hob überrascht den Kopf.

Aber ganz und gar nicht!" rief er aus,warum sollte ich mißtrauisch sein? Da mich keine andere Leiden­schaft bewegt als mein Garten und meine Bücher!"

Und Euer Amt?"

gebietet mir, der umsichtigste Mann in Venedig zu sein und meine Person auszuschalten, das ist alles! Es gibt nichts, was mich innen umklammert hält, wäh­rend ich den Leuten ins Gesicht schaue".

Sxiandra nickte:Eure Person auszuschalten", wiederholte er die Worte Vembos langsam und bewegte die Schultern, als müsse er etwas von sich schütteln, das muß furchtbar sein, Bembo!"

Nennt mir eine andere Form, in der es mir möglich ist, meine Pflicht zu erfüllen, und ich will sie an­nehmen!" sagte Bembo ruhig.

Sciandra wußte nichts zu erwidern. Nach einem kurzen Schweigen fragte er:Seit wann wißt Ihr von dem Verbrechen Andrea del Minos?"

Es mußte meine Aufmerksamkeit erregen, als seine große und geniale Politik die ersten Spuren der Un­sicherheit zeigte", sagte Bembo.Dann kamen Hand­lungen, die Venedig offenbar schädigten, von der Signorie aber für Schachzüge gehalten wurden."

Das war der Verdacht wann bekamt Ihr Ge­wißheit?"

Durch den Tod Sostamerighis. Der Brief, den er Minuten vor seinem Tode an Einna richtete, ging durch meine Hand; der Bote, der ihn Cinna überbrachte, ist einer meiner Leute."

Glaubt Ihr, Bembo, daß Erfolg und Kraft wieder mit Andrea del Mino sein würden in seiner Arbeit für den Staat, wenn man die Angst von dem Staats­inquisitor nehmen würde?"

Der Erfolg ist keine Katze, die gern ins alte Haus zurückläuft . . ."

Sciandra zögerte einen Augenblick, ehe er fragte:

Was hegt Ihr für Pläne, Bembo?"

Ich hege keine Pläne, ich arbeite nur!" sagte Bembo.

(Fortsetzung solat.t

T>ev -naiven IVcUfHad-jt |u.

Im Winterwalde stelm Die Tannen wie im Traum. Und leis« Winde wehn Beglückt und flüstern kaum.

Ein zarter Lobgesang Entströmt der Heimlichkeit, Die wieder wegentlang Erfüllt die frohe Zeit.

Und mild im Sternenglanz Verwandelt sich die Ruh Und drängt das Leben ganz Der nahen Weihnacht zu.

FranzCingia.

Findling aus Flandern.

Von Heinrich Leis.

In einer englischen Kleinstadt wuchs ein Mädchen heran, das seines eigenartiges Schicksals wegen unter den Bürgern wohlbekannt war und weitgehende Teilnahme, Freundschaft und Fürsorge genoß. Nicht nur die Familie, in der es lebte, die Elternstelle an ihm vertrat, hielt es liebevoll wie ein eigenes Kind, auch die Nachbarn hatten es kaum weniger ins Herz geschlossen, und taten ihm zu Gefallen, was immer sie vermochten.

Das kleine Mädchen stammte aus Flandern, dort war es während hitzig tobender Kämpfe des Weltkriegs in einem zerschossenen Hause als Säugling, verlassen und kläglich weinend in seiner Wiege, von einem englischen Soldaten auf­gefunden worden. Sonst ließ sich kein lebendes Wesen mehr in dem durch beiderseitiges Geschützfeuer zertrümmerten Dorfe entdecken; so blieb dem Soldaten nichts übrig, als selbst seinen winzigen, hilflosen Findling aus der Kampf­zone zu tragen, ihn bei der Bagage seines Truppenteils in Obhut zu geben. Auch da wußte man freilich nicht recht, was mit dem Kind beginnen, allein der Zufall wollte, daß jener Soldat, der es wie durch ein Wunder unverletzt mitten in der Verwüstung aufgegriffen hatte, bald danach in Urlaub fuhr und schnell entschieden den Findling aus Flandern in die Heimat mitnahm.

Die Angehörigen des jungen Engländers brachten dem armen, vom Krieg gleicherweise der Heimat wie der Eltern beraubten Geschöpf gerührtes Mitleid entgegen. Sie hielten es in sorgsamer Betreuung, und gar als der Soldat nun wieder ins Feld mutzte, dann wenige Woche später schon Nachricht seines Todes kam, schien ihnen das Kind ein letztes Vermächtnis des gefallenen Sohnes und Bruders.

Die kleine Jane indes, wie ihre Pflegeeltern sie nannten, blühte heran in , einer anmutig zarten Bloudheit, ihr munteres Wesen ließ sie immer lieber gewinnen, und nur ungern beschäftigte sich die Familie mit dem Gedanken einer möglichen späteren Trennung. Das Kind fühlte sich ja nicht anders als im Elternhaus, und viele in der Stadt, die sein Schicksal kannten verwöhnten und verhätschelten es auf ihre Weise, aller Liebling war die kleine Jane.

Trotzdem mußten, da inzwischen der Krieg vorüber- gegangen, Nachforschungen nach der Herkunft des Mädchens angestellt werden. Sie wurden nun freilich ohne nachdrück­lichen Eifer, nur mehr der Form halber geführt und brachten kein Ergebnis. Viele Familien des mitten im Kampfgebiet gelegenen, vom Trommelfeuer zerhämmerten Dorfes waren verschollen, vielleicht fortgewandert, vielleicht im Eranaten- regen der Beschießung zugrunde gegangen.

Weiter spannen sich die Jahre, ein altes Schicksal wollte schon in Vergessenheit sinken. Jane, ein lebhaftes, munteres Kind, begann zur Jungfrau zu reifen. Die Mutter ihres ein­stigen Retters kam zum Sterben, auf dem Totenbett ließ es ihr nicht Ruhe, das Pflegekind mutzte die Wahrheit seiner bisher ihm sorgsam verschwiegenen Herkunft erfahren. Und dann, als ob sie eine letzte Pflicht erfüllt habe, schloß sie in Frieden die Äugen.

In Jane brach ein Aufruhr neuer Gefühle los. Ihr Blut wollte nach dem Elternpaar verlangen, das st» nie kennen­gelernt hatte, aber ihr Herz hing an den Betreuern, die ihr lieb wie Blutsverwandte und wirkliche Geschwister waren. Mit wehmütigen Gedanken umgab sie das Bild des Mannes, der sie einstmals gerettet, der nun so lange Jahre fern der Heimat auf dem Kriegersriedhof unter den Kameraden

tubte. XX nb es würbe ein feitet, immer bestimmtet geformter Plan, sein Grad zu besuchen, wenn sie ganz erwachsen war, und bei dieser Gelegenheit auch Ausschau zu halten nach dem wohl längst wieder aufgebauten Dorf, wo sie geboren war.

Richt das sie umwitternde besondere Schicksal allein, mehr noch die reizvolle Anmut ihrer Erscheinung ließ nicht ausbleiben, daß sich Freier fanden, um ihre Hand zu werben. Sie hatte, offenherzig und frischentschlosien wie sie war, schnell ihr Wahl getroffen und knüpfte an das Jawort für den Bräutigam nur die Bedingung, mit ihr die Hochzeitsreise in die flandrische Heimat zu machen.

Derart geschah es denn auch, und eines Tages wanderte Jane mit ihrem jungen Gatten die Wege der Erinnerung an gewaltiges Völkerringen und unvergängliches Heldentum. In neuer Fruchtbarkeit war das einst verwüstete Land auf­geblüht, aber die Ehrenfelder der Toten in blumenbunten Hainen redeten mit der endlosen Reihe der wie eine Heeres- front nebeneinander gerückten Steine und Kreuze' ernste, feierliche Sprache. Das jungvermählte Paar hielt vergebens Ausschau, es schien unmöglich, unter den Hunderten und Tausenden, die da ruhten, den gesuchten Namen heraus­zufinden. Ein alter Gärtner und Wärter des Friedhofs kam ihnen steifbeinig humpelnd entgegen, ihn bat Jane um Aus­kunft.

Der alte Mann bemühte sich eifrig, ihrem Verlangen zu entsprechen, et kannte ja sehr wohl die zahllosen Gräber, die er tagein, tagaus betreute. Er führte seine Begleiter durch immer neue Reihen der weißen Steine, bis sie endlich vor jenem standen, dem die Gedanken Janes schon so manches­mal zugeeilt waren. Da quoll aus ihr in Weh, Dankbarkeit und feierlichem Stolz lang zurückgestautes Gefühl, und ohne daß sie recht wußte, was sie tat, gar ohne eine Absicht damit zu verbinden, erzählte sie ihre Geschichte, wie die Pflege­mutter sie damals auf dem Krankenlager, unvergeßlich in allen Einzelzügen, ihr berichtet hatte.

Der alte Friedhofswärter lauschte mit immer wachsender Spannung, heftig begann es in seinem Gesicht zu zucken. Er wollte iroch mehr hören, fragte nach Einzelheiten des Hauses, seiner Lage beim Straßenkreuz neben einem kleinen Schank­raum, nach der Einrichtung, den Möbeln, dem Platz, wo die Wiege gestanden hatte, in einem geschrägten Alkoven. Jane gewahrte erstaunt die aufgewühlte Unruhe des Mannes, das Zittern seiner Hände. Ob sie denn gar kein winziges Er­innerungsstück an den Tag ihrer Auffindung bei sich trage, meinte er, und da zog sie ein kleines, billiges Kinderjäckchen hervor, das sie mitgenommen hatte, um im Dorf vielleicht nach den Eltern zu fragen.

Der Mann riß ihr das Jäckchen fast aus der Hand, drückte schluchzend das Gesicht in den zerschäbten Wollstoff. Es sah aus, als wolle er zusammensinken, er stammelte nur, ob sie wirklich gewiß sei, daß dies Kinderjäckchen einst ihr eigenes gewesen. Ruhig zusprechend, bat sie ihn, sich zu fassen. Und der Alte erzählte unter Tränen: Er war nach einem benachbarten Dorf unterwegs, als unverhosft das schwere Feuer losbrach. Durch die Feuerwalze gab es keine Rückkehr, aber noch zögernd, wohin sich zu wenden, wurde er durch einen Splitter gefährlich verwundet. Deutsche brachten ihn zum Verbandsplatz, lange lag er krank, um genesend zu erfahren, daß sein Dorf vollkommen dem Erdboden gleich- gemacht war. Erst hatten die Engländer es unter wütender Beschießung erobert, dann nahmen Deutsche es im Gegenstoß zurück, aber aus den Trümmern bargen sie nur Tote.

So hatte er geglaubt, fuhr der Alte fort, mit den andern, die zurückgeblieben, sei auch seine Familie ums Leben ge­kommen. Etwas in ihm zerbrach damals, einsam strich et durch das Land, fand am Rhein Unterkommen und Arbeit, später trieb es ihn zur Heimat zurück, llnd hier, als Gärtner auf dem weiten englischen Kriegerfriedhof, meinte er den Ort.gefunden zu haben, wo er seine wehmütiger Erinnerung geweihten Tage beschließen konnte; die Blumen, die er auf die Gräber trug, schienen ihm Spenden, dargebracht seiner eigenen Toten, die verschollen irgendwo zur Erde heimgekehrt waren, ohne daß Stein und Name die Stätte kundgab. Sein Leben war ihm wie ein Traum, und wirklich nur jene ferne Vergangenheit des im Herzen nachleuchtenden, längst ver­sunkenen Glücks der Gemeinschaft.

Zwischen den Gräberreiheii wurde es ein seltsames Wiederfinden, das Schicksal schien in wunderbarer Ver­kettung der Umstände das Leid vieler Jahre mit der über­strömenden Freude einer unverhofften Begegnung aus­gleichen zu wollen. Und Jane schloß die Arme um den Hals des Vaters, den der Zufall ihr entgegenführte, da sie die letzte Ruhestätte des Mannes suchte, der einst mitten im Toben des Krieges den kleinen flandrischen Findling ge­rettet und ihm den Weg bereitet hatte durch eihe Jugend voll Sonne und Liebe.