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Wiesbadener Tagblatt

Zweites Blatt. Nr. 290.

Montag, 13. Dezember 1937.

Der Reizmagen

Von Dr. med. E. Kaufmann, Dresden.

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von Reizzuständen und Beschwerden. Es ist selbstverständ­lich daß auch Geschwüre sowie Geschwulstbildungen im Magen die Tätigkeit dieses Organs wesentlich verändern. Gerade bei Magengeschwüren finden sich anfangs häufig die Zeichen eines chronischen Magenkatarrhs, und manchmal schafft hier erst das Röntgenbild Klarheit. Beim Magens geschwür tritt der typische Magenschmerz meist etwa eine halbe Stunde oder früher nach dem Essen auf, bei anderen Formen chronischen Magenkatarrhs besieht das Gefühl der Völle sowie Druckempfindlichkeit dauernd und nimmt nach der Nahrungsaufnahme infolge der Dehnung des Magens zu. Viele Beschwerden werden auch dem Magen zugeschrieben und stammen ganz wo anders her. Jede Art Darmerkran­kung kann auch Magenbeschwerden auslösen. Ost ist der so­genannte Magenschmerz durch starke Blähung des Dickdarms bedingt.

Eine andere, überaus häufige Ursache stellt die Störung der Leberfunktion dar. Andererseits rufen entzündliche Ver­änderungen im Bereich des Magens und der oberen Darm-

datz er entweder Folge einer anderen Krankheit oder eines rein nervösen Zustandes wäre. Die modernen Magenunter­suchungsmethoden (chemische Prüfung des Magensaftes, Röntgenaufnahmen der Magenschleimhaut, Magenspiegel- untersuchung, Funktionsprüfung des Magens) haben zwar eine ganze Reihe von Befunden bei chronischem Magen­katarrh ergeben, sie sind jedoch keineswegs so eindeutig, daß aus ihnen ein klares anatomisches Bild dieses Magenleidens gewonnen werden könnte. Immer mußte man je nach dem Befund auch an ein anderes Magen- oder Allgemeinleiden denken. Hat man sich den Magen verdorben, das heißt sind Speisen allzu reichlich oder zu hastig ausgenommen worden, die sich nicht recht miteinander vertragen, so kann ein akuter Ragenkatarrh entstehen, der durch kurze DiätbehandlLng rasch ausheilt. Wiederholen sich solche Fehler öfter, so gerät

Richt das kranke Organ, sondern der kranke Mensch soll behandelt werden. So lautet eine der Hauptforderungen der modernen Heilkunde. In einer etwas weniger zugespitz- ten Form könnte dieser Satz etwa so ausgedrückt werden: Die Krankheitsvorgänge an einem Organ sind oft nur Aus- -rucksformen eines Krankheitsgeschehens, dessen Wurzeln dis in andere Organe, Organgruppen oder sogar bis in den Geiamtaufbau des Organismus hineinragen. Es soll daher über der örtlichen Untersuchung und Behandlung die Ee- samtbeurteilung des Körpers und die Allgemernbehand- lung nicht vergessen werden. Ein Gesichtspunkt, der jedem Arzt ohne weiteres geläufig ist, und doch muß er bei der Untersuchung von jener Stelle ausgehen, an der sich die Beschwerden seines Kranken in besonderer Weise zeigen.

Bei den überaus häufigen Magenbeschwerden, die dem Arzt täglich in der Sprechstunde begegnen, hat diese Art ber Krankheitsbetrachtung eine ganz besondere Bedeutung. §>o war zum Beispiel der chronische Magenkatarrh nicht nur für den Kranken, sondern auch für den Arzt eine schwere Plage, solange dieses Leiden nur als Folge einer rein ört­lichen Erkrankung angesehen wurde. Erfahrene Ärzte gingen schließlich so weit, zu sagen, daß es einen chronischen Magen- latarrh als Sonderkrankheit überhaupt nicht gäbe, sondern ~ ' ,e einer anderen Krankheit oder eines

der Magen in eine Art Reizzustand, der bei manchen Menschen leichter, bei anderen allerdings nur ausnahms­weise auftritt.

Es ist erstaunlich, was unter Umständen ein Magen verträgt. Man spricht dann wohl von einem Straußen­magen. während andere darüber klagen, daß ihr Magen übermäßig empfindlich sei. Nervöse Menschen haben oft auch einen allzu reizbaren Magen, und bei ihnen treten dann unter Mitwirkung von Gemütsbewegungen Ärger, Angst, Aufregung recht unangenehme Störungen wie Magen­druck, Aufstoßen, Übelkeit usw. ein. Solcher chronischer Magenkatarrh, nervöser Reizmagen findet sich bei Hypochon­dern und Neurasthenikern. Die Behandlung des Magens allein nützt nichts; selbst eine noch so fein ausgeklügelte und angeblich erprobte Diät versagt, wenn nicht gleichzeitig der allgemeine Nervenzustand bzw. das unausgeglichene Seelen­leben behandelt wird. Werden solche Menschen von wirklichen oder vermeintlichen Sorgen und Kümmernissen befreit, und gelingt es ihnen, wieder Vertrauen zur Leistungsfähigkeit des Magens zu gewinnen, so können sie plötzlich die schwersten Speisen mit gutem Appetit und ohne Schaden zu sich nehmen.

Über den Begriff der Verdaulichkeit bestehen leider oft viele Mißverständnisse. Nicht nur weiches, weißes Fleisch, zarte Gemüse und weißes Brot sind leicht verdaulich. Jedes Fleisch, jedes Gemüse wird von den Magensäften gut ver­arbeitet, wenn es vorher wirklich ausreichend zerkaut und gut eingespeichelt worden ist. Es mutz nur zunächst in ge­ringen Mengen genossen werden. Sehr starkes Rauchen und Alkoholmissbrauch können auch zur Entwicklung eines Reiz­magens führen. Beim übermäßigen Verbrauch solcher Genuß­mittel soll manchmal das Sättigungsgefühl verspätet auf­treten, so daß viel mehr gegessen wird, als dem Körper zu­träglich ist. Diese Überernährung führt dann wieder zur Fettleibigkeit oder begünstigt das Auftreten von Blähsucht und anderen Verdauungsstörungen. Allgemeinkrankheiten wie Gicht, Blutarmut beeinträchtigen den Mechanismus der Magenverdauung und begünstigen ebenfalls das Austreten

abschnitte oft Gallen- und Leberleiden hervor. So wechselt eine Funktionsstörung auch auf andere Organe über, und es gehört schon ein gut geschultes ärztliches Urteil dazu, um eine Klärung von Ursache und Wirkung herbeizuführen. Sind die Ursachen geringfügig, was, wie wir sahen, ja auch vorkommt, so können einfache Hausmittel und eine Schonung des überreizten Organs nützlich sein. Aber wer will das von vornherein wissen? Lauern doch auch sehr üble Krank­heiten manchmal im Hintergrund, und vor diesen fürchtet sich der Magenneurotiker ganz besonders. Eine sachgemäße Untersuäiung wird in den meisten Fällen die Zusammen­hänge aufdecken und dem Kranken den Weg zur Heilung zeigen können.

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