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Dienstag, 2. November 1937.

Wiesbadener Tagblatt

Zweites Blatt. Nr. 256.

M

Sieben Geschwister zählen über 500 Lenze

DerSchwarzenbauer" Eöckelmann und seine Ge­schwister machen dem Namen ihres Heimatdorfes A l t - heim in der Nähe von Ulm alle . Ehre, denn zusammen haben sie das stattliche Alter von 527 Jahren erreicht. Die Älteste der Sippe, deren Glieder alle in Altheim oder benachbarten Albüörfern wohnen, zählt 82 Lenze, die nächsten drei Geschwister sind 77, 79 und 80 Jahre alt; die jüngste" zählt 65 Lenze.

(Atlantic-Wagenborg-M.)

Die Tleugeflaltung Berlins.

Die Ost-West-Achse Begonnen. Getrennte Fahrdämme. Unterirdischer Abzweigungsverkehr.

Berlin, 2. Nov. Wie der Eeneralbauinspektor der Reichs­hauptstadt mitteilt, ist am Montag, 1. November 1937, damit begonnen worden, die große Ost-West-Verbindung Berlins in ihrem Teil vom Brandenburger Tor bis zum Adolf-Hitler-Platz in den Zustand zu bringen, der bei der Gesamtplanung Berlins als endgültig vorgesehen ist.

Nach Beendigung der Arbeiten wird diese Teilstrecke von sieben Kilometer Länge zwei nach beiden Richtungen ge­trennte Fahrdämme von je 1 4 Meter Breite aufweisen. Damit fällt in der Bismarckstraße und am Kaiserdamm der bisherige Damm Zur die Straßenbahn und der Reitweg fort. Das neue Straßenprofil bietet für die Fahrzeuge die doppelte Verkehrsfläche wie bisher, für die Fußgänger er­höhte Sicherheit durch den Richtungsverkehr, und für die Radfahrer eigene genügend breite und gesicherte Fahrwege.

Im Zuge der verkehrsmäßigen Neugestaltung dieses Teiles der Ost-West-Achse Berlin wird der im Tiergarten gelegene verkehrsreiche PlatzGroßer Stern" auf einen Durchmesser von 200 Meter gebracht, die Charlottenburger Brücke neu erbaut und die Reichsbahnüberführung am Bahnhof Tiergarten auf 56 Meter erweitert.

Ferner wird an einer wichtigen Straßenkreuzung den Fahrzeugen erstmalig ein unterirdischer K r s v e r - kehr zur reibungslosen Abwicklung der Abzweigungen'zur Verfügung gestellt und vorn ein 20 Meter breiter Ring­tunnel von 150 Meter Durchmesser mit den notwendigen Zu­fahrtsrampen.

Die Arbeiten werden so beschleunigt durchgeführt, daß sie bis zum 1. Mai 1939 beendigt sind.

Heftiges Unwetter an der ligurischen Riviera.

Mailand, 2. Nov. (Funkmeldung.) Das Val Bvrmida an der ligurischen Riviera ist durch ein äußerst heftiges Unwetter schwer heimgesucht worden. Der Verkehr auf Straßen und Eisenbahnen wurde mehrfach unterbrochen. Bei der Ortschaft Bragno wurde ein Damm von dem Flüßchen Bormida zerstört. Die Fluten überschwemmten die umgeben­den Felder und die Anlagen der dortigen Montecatini- Fabrik und rissen zwei Brücken fort. Die Eisenbahnlinie SavonaAcqui wurde durch einen großen Erdrutsch gestört. Zahlreiche Ortschaften stehen unter Wasser, Telephon- und Telegraphenleitungen wurden zerstört. Das Bormida-Flüß- chen, dessen Wasserstand 5 Meter über das normale Niveau angeschwollen ist, führte entwurzelte Bäume, landwirtschaft­liche Geräte und Einrichtungsgegenstände zu Tal.

Bis jetzt sind zwei Todesopfer bekannt geworden. In Strevi ertrank ein K a r a b i n i e r i bei dem Versuch, eine Familie aus dem Hochwasser zu retten.

Der Sprung in die Tiefe vor dem Rundfunkansager. Das Programm geht weiter" das ist ehernes Gebot bei jeder Schaustellung, und so ist es auch im Rundfunk. Frau Julia Chandler, die von dem Beobachtungsturm des Empire State Building in New Port Tagesnachrichten anfagt, sollte gerade beginnen, als neben ihr ein junger Mann sich über die Brüstung stürzte und in der Tiefe verschwand. 2n dem Augenblick flammte das Signal auf, und Frau Chandler mußte ihr Programm anfangen. Später sagte sie:Ich sah, was er tun wollte, aber es gab keine Möglichkeit, ihn daran zu hindern." Der Körper, der bis jetzt noch nicht identifiziert worden ist, wurde von der Polizei auf einem Glasdach über einem der Eingänge zu dem Gebäude gefunden. Dies ist der fünfte Selbstmörd, der von dem 380 Meter hohen Gebäude, dem höchsten in der Welt, seit seiner Erbauung im Jahre 1931 verübt worden ist.

Vier Lagerhäuser in Rotterdam niedergebrannl.

Amsterdam, 1. Nov. Im Hafen von Rotterdam sind am Montagmorgen vier große Lagerhäuser, die einen Gebäude­block von 150 Meter Länge und 50 Meter Breite bildeten, ein Raub der Flammen geworden. Das Feuer fand in den dort lagernden großen Mengen Tabak, Kaffee, Sperrholz, Chinesenhaar, Ölen und Fetten reiche Nahrung. Del Scha­den wird auf 2 % Million Gulden geschätzt.

Da die brennenden Ölfässer heftige Explosionen ver- uisachten, bestand die Gefahr, daß das Feuer auch auf andere Lagerhäuser Übergriff. Das tatkräftige Eingreifen der Feuerwehr konnte ein weiteres Umsichgreifen des Brandes jedoch verhüten.

Auf dem holländischen AmerikadampferS t a t e n - d a m", der mitten im Funkenregen des gewaltigen Brandes am Kai lag, mußten die Decks stundenlang unter Wasser gehalten werden, um die Gefahr zu bannen.

Uber die Entstehungsursache des Grotzfeuers, das eines der größten in Rotterdam überhaupt ist, konnten vorläufig noch keine Angaben gemacht werden, doch nimmt man an, daß es sich um Selbstentzündung der Lagerbestände handelt, und daß das Feuer bereits seit Samstagabend in den Lager­räumen geschwelt hat. Dadurch erklärt sich auch der gewaltige Umfang des Feuers.

Eisenbahnunglück bei Calais.

Paris, 1. Nov. Gegen Mittag entgleiste drei Kilometer vor Calais der Schnellzug BrüsselCalais. Die Lokomotive, der Tender und der erste Reisewagen sprangen aus den Schie­nen, stürzten um und legten sich quer über die Gleise. Dabei sind, wie der Vertreter desMotin" in Calais meldet, der Lokomotivführer und der Heizer ums Leben gekommen. Beide wurden von den glühenden Kohlen der Feuerung verschüttet.

Fischkutter gesunken.

Oslo, 2. Nov. Wie aus Tromfoe gemeldet wird, ging während des Sturmes ein Fischkutter verloren. Die sechs Mann starke Besatzung fand den T o d in den Wellen.

Ein deutsches Seemannsheim in Stockholm eingeweiht. Am Montagabend wurde in den Räumen des Deutschen Ge­meindehauses das neu eingerichtete deutsche Seemannsheim eingeweiht. Unter den Anwesenden sah man u. a. den deut­schen Gesandten P r i n z z u Wied, den Landeskreisleiter der NSDAP. Pg. Stengel,. Vertreter der schwedischen See­mannsmission, Mitglieder der deutschen Kolonie und die deutschen Seeleute von der Besatzung zweier im Stockholmer Hafen liegender deutscher Schiffe.

Herzlicher Abschied derKdF.--Flotte von Lissabon. Bei dem Besuch derKdF."-Flotte in Lissabon gab der deutsche Gesandte, Baron von Hoyningen-Huene einen Empfang, an dem neben den Spitzen der deutschen Kolonie und zusammen mit Abordnungen derKdF."- Schiffe der Staatssekretär für das Korporationswesen, der italienische Gesandte und ebenso eine Vertretung der portu­giesischen OrganisationFreude an der Arbeit" teilnahmen. 2m Zoologischen Garten von Lissabon fand Sonntagnach­mittag die Übergabe des zusammen vonKdF." und dem Berliner Zoo gestifteten jungen Löwen durch Sturmbann­führer Weberpals ftatt-

__ Mensch gegen Maschine. Die Nachricht, daß im nächsten Frühjahr ein mechanischer Baumwollpflücker auf den Markt gebracht wird, hat in den Südstaaten von USA. größte Beunruhigung hervorgerufen. Man befürchtet, daß die Einführung einer derartigen Maschine zwar eine Produk- tiönsverbilligung, zugleich aber auch eine soziale Umwälzung Hervorrufen würde, da Hunderttausende von meist farbigen Arbeitern beschäftigungslos würden.

Herzliche Begrüßung derDeutschland- in Ceuta. Aus Anlaß des Besuches derDeutschland" fand in Ceuta eine von den spanischen Behörden und der Falange veranstaltete herzliche Deutschlandfeier statt. Die nationalen Frei- willigen-Organisationen veranstalteten zusammen mit den j Jungfalangisten zu Ehren der deutschen Gäste einen Umzug ; durch die Stadt. Die Bevölkerung, die an der Kundgebung teilnahm, brachte Hochrufe auf Deutschland' und Spanien aus und sang die Nationalhymnen.

Durch den Führer begnadigt. Der Führer und Reichs­kanzler hat die am 12. Juni 1937 von dem Schwurgericht Nürnberg-Fürth gegen die am 25. Juli 1891 geborene Katharina Leupold aus Fürth wegen Mordes ausge­sprochene Todesstrafe im Gnadenwege in eine zehnjäh­rige Zuchthaus st rase umgewandelt. Katharina ' Leupold hat am 9. Dezember 1936 in Fürth ihren Ehemann getötet, der sie durch jahrelange Mißhandlungen in eine verzweifelte Stimmung getrieben hat.

Ein neuer Flugmillionär. Mit der Ankunft des plan­mäßigen Lufthansa-Streckenflugzeuges AthenBerlin auf dem Flughafen Tempelhof erreichte am Montag ein wei­terer Flugzeugführer der Deutschen Lufthansa, Flugkapitän Edmund Kinne, seinen 1000 000. Flugkilometer im plan­mäßigen Luftverkehr. Flugkapitän Kinnes Werdegang ist dadurch interessant, daß er im Gegensatz zu den bewährten Kriegsfliegern aus der Segelfliegerei kommt. 1923 begann der 1901 in Posen geborene Kinne auf der Wasserkuppe mit dem Segelfliegen, um zwei Jahre später zur Motorfliegerei überzugehen. 1927 kam er zur Deutschen Lufthansa, wo er auf einer Junkers W 33 mit die ersten Nachtflüge nach Königsberg und London durchführte. Allein eine halbe Million Flugkilometer hat er im Nachtflug zurückgelegt.

Multimillionär im Konkurs. Der bekannte amerika­nische Filmdarsteller John B a r r y m o r e, der allgemein als einer der reichsten Filmdarsteller der Welt galt und dessen Vermögen in der amerikanischen Öffentlichkeit auf mehrere Millionen Mark geschätzt wurde, hat jetzt Konkurs angemel­det. Man sagt, daß seine fünfte Frau ihn finanziell ruiniert hat.

Vierbeinige Kronzeugen.

Zwei Hunde entscheiden einen Eheprozeß. Ein Fall, über den ganz Budapest lacht.

Der leitende Beamte eines Budapester Großunter­nehmens lebte mit seiner jungen Frau in glücklicher Ehe. Wichtige Geschäfte veranlaßten ihn, größere Reisen ins Aus­land zu unternehmen. Als er eines Tages heimkehrte, fand er zu seiner Überraschung ein anonymes Schreiben vor. Der Gatte las bestürzt:Mein Herr, ich erachte es als meine Pflicht, Sie auf die Vorgänge, die sich während Ihrer Ab­wesenheit in Ihrer Villa abspielen, aufmerksam zu machen. Ein junger Mann pflegt dem Haus jeden Abend einen Be­such abzustatten. Was er dort zu suchen hat, dies festzu­stellen, wird Ihre Aufgabe sein, mein Herr. Tatsache ist, daß die zwei Wachthunde beim ersten Besuch einen Heidenlärm schlugen, später aber den Fremden ruhig empfingen. Anscheinend hatte sich der Unbekannte mit ihnen angefreundet. Ich sah den Besucher der gnädigen Frau mehreremale mit Ihren Wachthunden gemütlich spazieren­gehen."

Der Gatte sagte seiner Frau nichts von dem Schreiben. Er Beauftragte einige Privatdetektive, während seiner Ab­wesenheit die Gattin zu überwachen. Als der Mann wieder in Budapest eintraf, fand er bereits das ganze Belastungs­material vor: Ein junger Ingenieur war es, der seiner Frau täglich Besuche abgestattet hatte. Der Gatte verließ darauf seine Frau und nahm die zwei Hunde, denen eine wichtige Rolle zugedacht war, mit.

| Die Frau versuchte, um jeden Preis ihren Gatten zurückzugewinnen, drohte sogar mit Selbstmord. Als aber ihre Bemühungen vergeblich waren, brachte sie eine Klage auf Leistung eines monatlichen Unterhaltsbeitrages von 700 Pengö ein. Der Gatte wendete ein, daß die Frau die eheliche Treue verletzt habe, weshalb sie der Alimentation nicht würdig sei. Der Anwalt der Frau versicherte, daß die Besuche des Ingenieurs nie stattgefunden haben. Der beste Beweis dafür sei der Umstand, daß die zwei wilden Wachthunde den Fremdling zweifellos zerfleischt hätten. Es

sei aber niemand zerfleischt worden.

2m Zuge des Veweisverfahrens erklärte die Frau, daß die Beschuldigungen ihres Gatten rein erfunden seien. Das­selbe behauptete auch der junge Ingenieur, der als Zeuge immer wieder Betonte, daß er' zu der Dame in gar keinen Beziehungen gestanden haBe.

Der Ingenieur war mit seiner Aussage noch nicht fertig, als die Tür des Verhandlungssaales aufging und der Gatte, die zwei Hunde vor sich führend, eintrat. Als die Hunde - des Ingenieurs ansichtig wurden, stürzten sie schweifwedelnd auf ihn zu und vollführten Freudensprünge um ihn, sie warteten sichtlich auf einen LeckerBissen.

Der Ingenieur errötete heftig, die Frau senkte verlegen H'ben Blick und der Richter selBft konnte ein Schmunzeln nicht Das ganze Auditorium Begann zu kichern. 3m Prozeß trat eine unerwartete Wendung ein. Die Ver­handlung wurde zwar vertagt, afier die Frau zog gleich darauf die Klage zurück. Es kam zu einem Scheidungs­prozeß. Das Paar wurde geschieden. Und ganz Budapest : hat nun einen Fall, üBer den es spricht, nicht, ohne lachend die oierBeinigen Kronzeugen zu erwähnen.