Wiesbadener Tagblatt
85. Jahrgang
Samstag/Sonntag, 16./17. Oktober 1937,
Nr. 242.
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Gedämpfter Optimismus. — Edens Irrtum. — Herr Litwinow-Finkelstein mit den Wunderkräutern.
Die Türkei rückt von Moskau ab.
as. Berlin, 16. Okt. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung). Heute vormittag, 10.30 Uhr, haben die Verhandlungen des Präsidial-Ausschusses der Nichteinmischungskonferenz begonnen. Damit wird nun das Rätselraten über die Vorschläge, die in diesen Verhandlungen voraelegt werden sollen, beendet. Im ganzen geht man in die Verhandlungen mit einem gedämpften Optimismus hinein. Vor allem betrachtet man die Unterredung zwischen Grand i und Eden als ein günstiges Vorzeichen und glaubt aus ihr folgern zu können, daß die Meinungsverschiedenheiten zwischen Rom und London nicht so groß sind, wie vielfach angenommen wird. Man verzeichnet auch mit einer gewissen Genugtuung die Tatsache, daß sich Eden in seiner gestrigen Rede nochmals zur Politik der Nichteinmischung bekannt hat. Allerdings erscheint uns an dieser Rede Edens wenig erfreulich, daß der englische Außenminister erneut die Regierungsformen des Faschismus und des Kommunismus auf eine Stufe ft e l l t e und überdies die Dinge noch so darzustellen beliebte, als hätte der Faschismus versucht, sich in die inneren Verhältnisse anderer Staaten einzumischen. Eden würde gut tun, wenn ot sich einmal die „Times" zu Gemüts führen würde, die ausdrücklich feststellt, daß die Einmischung in Spanien von den Komintern ausginge, die die Verantwortung für den Ausbruch und die Fortsetzung des Krieges in Spanien treffe. Diese sowjetrussische Einmischung in spanische Angelegenheiten, die dadurch nicht harmloser sei, daß sie inoffiziell und unterirdisch vor sich gehe, so sagt das englische Blatt, habe zu dem „Wettlauf in der Einmischung" geführt, mit der sich auseinanderzusetzen, der Nichteinmischungsausschutz kaum fähig sei. Zieht man aus solchen Erkenntnissen die Folgerung, das heißt, stopt man die kommunistische Einmischung ab, so wird man im Nichteinmischungsausschutz auch
Jerusalem, 15. Okt. Die jetzt wieder in ganz Palästina mit aller Festigkeit aufflackernden Unruhen hatten im Verlauf der Nacht zum Freitag zur Folge, daß an mehreren Stellen im Süden des Landes die Telephonleitungen durchschnitten wurden. Im Norden Palästinas kam es zu einer Anzahl von Feuerüberfällenaufjüdtsche Kolonien. Weiter wurde die Jrak-Ölleitung an zwei Stellen beschädigt und das ausfließende Öl in Brand gesteckt. In einigen Städten wurde die Bevölkerung durch Schießereien beunruhigt. Auf der Straße Jerusalem—Hebron wurde eine britische Patrouille aus dem Hinterhalt beschossen, wobei zwei Soldaten getötet wurden.
Wie zu dem Überfall auf einen Personenzuz auf der Strecke Lvdda —Rase lei noch bekannt wird, wurde der Zug durch Unbekannte zum Entgleisen gebracht. Unter den Fahrgästen hat es lediglich einige Verwundete gegeben. Im Verlauf der Schießerei tötete ein bri- ti'scher Polizist zwei Araber, während der Rest der Angreifer entkommen tonnte.
Preß Affociation meldet, das englische Kolonialministerium habe am Freitagmittag mitgeteilt, daß im Anschluß an die Schießereien zwischen britischer Polizei und Arabern der Belagerungszustand über Jerusalem verhängt werde.
In Jerusalem erhält sich am Freitag hartnäckig das Gerücht, daß der seiner wichtigsten Ämter entkleidete Grotzmufti, der bekanntlich seit Wochen in freiwilliger Gefangenschaft im heiligen Moscheeengebiet Jerusalems lebt, in Verkleidung geflohen sei. Das Gerücht über die gelungene Flucht erfährt eine gewisse Bestätigung durch die Tatsache, daß der Großmufti zum erstenmal nicht die Freitagsgebete leitete und daß seine Familie vor drei Tagen abgereift ist. Das Gerücht wird weiter durch die Feststellung erhärtet, daß der Grotzmufti weder in seinem Haus«, noch irgendwo sonst in Jerusalem auffindbar ist. Die Lesart, daß der Grotzmufti seinen angeblich schon vor Wochen gefaßten Plan, während der Freitägs- gebete verkleidet nach Syrien zu fliehen, in die Tat umgesetzt hat, gewinnt jedenfalls an Wahrscheinlichkeit.
Brandstiftung auf dem größten Flughafen Palästinas.
Jerusalem, 16. Okt. (Funkmeldung.) I« den frühen Morgenstuudeu des Samstags bräunte« auf dem größten Flughafen Palästinas, in Lydda in der Rahe von Jafta, die Gebäude der drahtlosen Station, der Paßkontrolle und des Zolles völlig nieder. Zweifellos liegt ein Brandstiftungsakt vor.
weiterkommen. Die gestrige Rede Edens gibt aber zu solch optimistischer Auffassung keinerlei Veranlassung- Dabei scheint es uns bemerkenswert, daß gerade in dem Augenblick, ut dem der Nichteinmischungsausschuß seine Arbeit wieder aufnimmt, Herr Litwinow-Finkelstein nach Moskau zuruckkehrt. Er hatte längere Zeit in einem tschechischen Bad geweilt und traf gestern früh in Warschau ein, wo er einen wegen seiner angeblichen Wunderkuren bekannten Arzt aufsuchte Er. verließ Warschau jedoch — und zwar mit einem Bündel Krauter, die ihm offenbar der Arzt gegeben hatte, in der Hand — am Nachmittag. Die schnelle Abreise begründet er damit dag d t e bedrohliche Zuspitzung der Lage im Fernen Osten seine Anwesenheit in Moskau erforderlich mache. Sollte aber Herr Litwinow-Finkelstein es vielleicht mit seiner Rückreise so eilig gehabt haben, um eine sich vielleicht anbahnende Verständigung im Nlchtemmischungs- ausschuß schleunigst torpedieren zu können? Die Erfahrungen lassen eine solche Vermutung leider allzu berechtigt erscheinen.
Man wird hinzufügen müssen, daß das Verhalten Sowjet- rutzlands allmählich auch solchen Staaten auf die Nerven fällt, die bisher gute Beziehungen zu den Sowjets unterhielten. So hat die Türkei eine besondere Kontrolle für diejenigen Schiffe eingerichtet, die die Dardanellen im Durchgangsverkehr passieren. Dieser Entschluß der Türkei, so weit es an ihr liegt, das friedensstörende Treiben der „Nichteinmischungsmacht" Sowjetrußland zu unterbinden und den Mißbrauch türkischer Gewässer für den Waffen- und Munitionsnachschub zu verhindern, ist erfteulich. Er zeigt zugleich auch, daß die Türkei, die bisher stark mit Moskau zu,ammen- arbeitete, erkennt, welch ungeheuerliches Spiel Moskau treibt und nicht bereit ist, an diesem Spiel mitzuwirken. Natürlich werden durch diese türkischen Kontrollmatznahmen die sowjet- russischen Munitions- und Waffentransporte durch die Dardanellen nicht unmöglich gemacht, sondern nur erschwert.
Die Antwort der Reichsbewegung an Orford.
Berlin, 15. Okt. Die Reichsbewegung „Deutsche Christen" hat auf einer Reichsarbeitstagung ihrer Pfarrer u. a. folgendes festgestellt: . .
„Unlösbar verwurzelt im deutschen Volk mutz die deuiche evangelische Kirche gerade auch im Blick auf das evangelische Aüslandsdeutschtum in allen Erdteilen ihrer schöpfungsmätzigen Eigenart und geschichtlichen Sendung in der Welt eingedenk sein und dementsprechend christliche Anliegen in deutscher Sicht mit aller Kraft zur ©eltung bringen.
2n diesem Sinne hat die Reichsbewegung noch während der Oxforder Tagung stlbst sich gegen die bekannte Botschaft dieser Konferenz gewandt und die geplante Überbringung dieser Botschaft durch eine Delegation zu verhindern gebucht. Wir können mit Genugtuung feststellen, daß wenigstens dieser letzte verhängnisvolle Schritt unterblieben ist.
Wir wissen uns in einer ökumenischen Gemeinschaft und
Der bürgerliche und der soldatische Mensch. Kz. Für uns bedeutet bürgerlich soviel wie unkämpserisch, eine Gleichung, die jedoch nur aus die letzten Entwicklungsabschnitte des Bürgertums, besser noch auf seine VepaUszelt anwendbar ist. Schon die Bezeichnung Bürger umMiesit ein Element der Wehrhaftigkeit, den Willen zur Verteidigung. Der Bürger, der Bewohner einer Burg, eines befestigten Ortes. Und selbst der Spießbürger, ein Begriff, nut dem wir die Konzentration der Engstirnigkeit zu bezeichnen pflegen, rührt von einer Waffe, dem Spieß her, mit dem die Zünfte im Unterschied zu den adligen Stadtgeschlechtern kämpften. Eine gewisse Enge gehörte zur Substanz des Bürgertums. Die Stadtmauern umschlossen sein Leben. Was, außerhalb der Tore lag, war gewissermaßen Objekt der „Außenpolitik'. Zusammenschlüsse, ’roie die rheinischen und oberdeutschen Stadte- bünde, dienten nur dem Selbstschutz und der Sicherung des Erwerbslebens. Selbst die Hanse, zeitweise die stärkste Repräsentation deutscher Macht im Ausland, verfolgte keine weitergehenden Ziele. Die Blütezeit der Städte, der wir vor allem in der Baukunst viel verdanken, fällt in die Periode des Niederganges der deutschen Zentralgewalt. Die Unterstützung, die die Kaiser zeitweise bei den Städten fanden, hat ihren Grund in der Gemeinsamkeit des Gegners, den aufkommenden Fürstenstaaten, die den Städten im weiteren Verlauf die Hoheitsrechte nahmen. Damit verloren sie die militärischen und zum Teil auch die polizeilichen Aufgaben. Der Burger hatte sich, nach dem Willen seiner Landesherren, nur noch der handwerklichen Produktion und dem Handel zu widmen. In der Politik und in der Armee spielte er keine Rolle. Unter Friedrich dem Großen konnten nur Angehörige des Adels Offiziere werden und die Mannschaften wurden, um das gewerbliche Leben mögkichst wenig zu schwächen zumeist dem Bauernstand entnommen. Der politische Gesichtskreis des Bürgertums wurde dadurch immer mehr eingeengt. Erwerb und Besitz gewannen noch an Gewicht. Das händlerische Denken übertrug sich auf alle Lebensgebiete und der Materialismus fand offene Tore.
Kritik am Vergangenen ist nur im Hinblick auf die Maßstäbe, die sie für die Gegenwart und die Zukunft erarbeitet, berechtigt. Die Geschichte zu schulmeistern ist lächerlich und setzt die Werte, die unsere Entwicklung schuf, herab. Das Bürgertum, solange es die Kennzeichen eines Standes, vor allem den gemeinsamen Ehrbegriff besaß, ist ein Stück des deutschen Weges, auf das wir besonders in kultureller Beziehung stolz sein dürfen. Den Mangel an „weiträumigem nationalem Denken, der in der Struktur des Bürgertums eine starke Stütze fand, hatte es mit anderen Faktoren unserer Geschichte gemeinsam. Träger der deutschen Ernheits- idee waren immer nur einzelne Männer. Das Bürger^m als Stand an ihr schuldig zu sprechen wäre ungerecht. Erst als sein Name keinen geschlossenen Stand mehr kennzeiMete, sondern eine Masse, der nur noch eine Reihe negativer Merkmale, die Beziehungen zu dem früheren Bürgertum aufwiesen, eigen war, verlor er für uns seinen Hellen Kkang. Er sank zum Inbegriff aller egoistischen Triebe herab. In der Vorkriegs-, mehr noch in der Nachkriegszeit, bezeichnet der Begriff Bürger einen Typus, der in allen Berufen und Klassen zu finden war. Die Enge, die im alten Bürgertum immer now einen Stand und eine Gemeinde umschloß, hatte nur noch Raum für das kleine Ich. Besitz, Wohlleben und Sicherheit waren die Ziele, denen dieses Ich zustrebte. Da der, Kampf, auch der Kampf der Selbstbehauptung diese Ziele gefährdete, suchte der Bürger ihn unter allen Umständen zu vermeiden. Mit Kompromissen und Zugeständnissen hoffte er die anstürmenden Gefahren zu stoppen. Die Ichsucht sprengte die Gemeinschaft und ließ nur noch einen Zusammenschluß der Interessenten zu. Um der gemeinsamen Interessen willen schloß der Bürger die Augen vor den sozialen Nöten seiner Volksgenossen, wie auch vor den nationalen Notwendigkeiten. Jeder Frieden, bedeutete er auch nur eine Stagnation, eine Erstarrung, war ihm recht. So entstand das Zerrbild des Burgers, in dem der Arbeiter einen Schmarotzer, der Nationalist einen Ehrvergessenen sehen mutzte.
Das Bürgertum, sozusagen die Summe der int Egoismus begründeten menschlichen Schwächen, hatte unser Volk in starkem Maße angekränkelt. Die Feststellung, wieweit un|er Handeln heckte noch von ihm beeinflußt wird, mag der Selbstkritik des einzelnen überlassen bleiben. Im nationalsozia-
Front mit Männern wie den sreikirchlichen Methodlstenbischof Melle, dem Abgesandten der Altkatholischen Kirche, und dem greisen Vertreter der Martyriums-Kirche des Ostens. Wir wenden uns mit unerbittlicher Schärfe gegen das un- quali fi zierbare Verhalten einer süddeutschen Kirchenbehörde, die offenbar ohne eine wirkliche Einsicht in die weltanschaulichen Hintergründe der öku..:enischen Westmächte und unbegreiflicherweise ohne ein Gefühl für die hier unbedingt zu fordernde deutsche Solidarität es wagt, gegen den tapferen Bischof Melle im Namen der sogenannten bekennenden Kirche mit Repressalien vorzugehen. Wir werden nicht ruhen, bis eine solche Haltung innerhalb der deutschen evangelischen Kirche unmöglich geworden ist.
Dieser Erklärung der Reichsbewegung „Deutsche Christen" (Reformatorische Reichskirche) hat sich der Leiter der Reichsarbeitsgemeinschaft Deutsche Evangelische Volks- kftche Dr. Stahn ausdrücklich angeschlossen.
Die ItoN in Pnlnftknn in alter Heftigkeit Mer nMeftWint.
Jrak-Olleitung beschädigt. — Zwei britische Soldaten erschossen.
Der Grotzmufti nach Syrien geflohen?
Die Stadt Jerusalem war in der Nacht zum Samstag der Schauplatz unzähliger Schießerien. Auch in zahlreichen anderen Orten wurde geschossen.
Englische Presse sehr besorgt.
London, 16. Okt. (Funkmeldung.) Die Londoner Morgenzeitungen bringen ausführliche Berichte über di« neue Terrorwelle, di« gegenwärtig über Palästina hinweggeht. In allen Berichten kommt eine starke Besorgnis über die Lage zum Ausdruck. Sehr deutlich ist ein Aufsatz der „Times" über die Entwicklung in Palästina. Einleitend schreibt das Blatt, daß man die Terrorakte der,Araber als Reaktion auf die Maßnahmen der Regierung hätte erwarten müssen. Dann heißt «s aber, daß die Ausschreitungen offensichtlich eine FolgederAufhetzereiender Parteisekretäre sei, die die Moral bei ihren Anhängern aufrecht zu erhalten suchten, di« durch die Deportation einer Anzahl Araberführern und durch die dauernden Verhaftungen verdächtiger Elemente gelitten haben müßte. Die „Times" gibt der Hoffnung Ausdruck, daß. wenn es die Extremisten wirklich versuchen sollten, di« Rebellion des Vorjahres zu wiederholen, die Exekutive sofort mit Vollmachten ausgestattet werden würde, um gegen den Terrorismus vorzugehen.
Mit besonderer Sorge blicke man, wie die „Times weiter schreibt, auf die Unterstützung, die die Terroristen in Palästina von Syrien erh t e I - ten. Damaskus werde jetzt zu einem Zentrum sämtlicher Intrigen gegen England. In diesem Zusammenhang wird ein Appell art die französischen Mandatsbehörden in Syrien gerichtet, weiter mit den Behörden Palästinas freundschaftlich auf dem Gebiete der Bekämpfung der Terroristen zusammenzuarbeiten.
Die deutsche Sendung der evangelischen Kirche.
