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hrer in Dunkel und Nässe, um noch einmal die Lenz zu sehen. Für ein paar Sekunden nur, denn Dr. Wagners Auto stand am Bordstein.

„Fahren Sie uns hundert Meter weiter, Doktor", sagte Reuter und öffnete den Schlag.

„Was ist mit Charlotte?" Dr. Wagner wiederholte ferne Frage und drückte mechanisch den Anlasser.

„Sie sollen es gleich erfahren, Doktor, auch besteht kein Grund nervös zu werden, eine ganz alltägliche Ge­schichte."

Der Wagen glitt über die nasse Afphaltbahn Reuter warf einen fluchtigen Blick auf den Arzt, der neben ihm sah und dessen Hände' das Steuer drehten. Die kleine Lampe am Armaturenbrett liest diese Hände deutlich er­kennen. Es waren starke, gute Männerhände und sie hatten manches Menschen Leben gerettet. Auch das von Charlotte Lenz, und so waren sie es wohl wert, den schmalen goldenen Ring zu tragen . . . Rein, hier irrte man. Chirurgen tragen keine Ringe, so wenig, wie Schauspielerinnen mit einem Trauring zu denken sind. Floris Reuter erschien das seltsam, aber er hätte nicht sagen können, warum ihn derlei plötzlich verwunderte. Ob wohl der süße Duft des weißen Flieders, der den Wagen durchströmte, so merkwürdige Gedanken weckte? — Der Zweig konnte kein Geschenk Dr. Wagners an Charlotte sein, sonst hätte man ihn wohl in die kristallene Vase an der Wagenwand gesteckt, vielleicht auch in die Eardetobe gesandt, so aber klemmte er an der Scheibe, irgendwer mutzte ihn von nutzen hineinge­schoben haben. Nun, Charlotte Lenz fuhr nicht mit diesem Wagen heimwärts ... Ja, das zu erklären, satz Floris Reuter hier.

„-----Sie müssen das verstehen, Doktor",

schlost der Regisseur und nun glaubte er fast selbst an das, was er dem guten Bären erzählt hatte. Natürlich, so war es. Der letzte Abend vor der Trauung. Das war ein Abschied von allem Vergangenen. Andere Mädchen sitzen da wohl bei der Mutter oder den Schwestern. Charlotte hatte keine Verwandten mehr. Aber sie mutzte heute allein sein, ein letztes Mal, morgen . . .

„Nein, ich verstehe das nicht", erwiderte Dr. Wag­ner. „Aber ich verstehe Charlotte nie." Er zog um­ständlich eine Zigarette hervor und brannte sie an. Das aufzuckende Benzinflämmchen lieh sein Gesicht erkennen. Es war nachdenklich und gespannt. „Ich bin kein musischer Mensch, Herr Reuter", fuhr er fort und es klang, als spräche er zu sich selbst, „aber ich liebe alles, was aus dieser Welt der Wunder kommt, so wenig ich es verstehe. Wie Charlotte heute die heilige Johanna sein kann und morgen die Porzia und übermorgen die mondäne Verbrecherin in einem Kriminalreißer, das alles ist rätselhaft. Wundervoll rätselhaft. Ich ver­stehe es nicht, aber ich nehme es hin. So muß es wohl sein, daß Charlotte allein sein will. Ich, wäre ich an ihrer Stelle, würde es nicht wollen. Nun, ich bin kein Psychologe, ich bin Chirurg. Immerhin, ich möchte Charlotte anrusen, wenn sie daheim ist. Glauben Sie, daß ich das darf?"

Reuter wußte keine Antwort, dann aber sah er wieder die schönen, starken Männerhände, die jetzt ruhig auf dem Steuer des haltenden Wagens ruhten und auf denen nur das Zucken einer Ader verriet, wie es um Dr. Wagner stehen mochte.

„Charlotte wird sich über Ihren Anruf freuen", sagte er. Dann verabschiedete er sich schnell.

❖

„Wenn Sie hier hinausgehen, Fräulein Lenz, sieht Sie kein Mensch", flüsterte der alte Gleim, indem er den Riegel einer der hohen, schmalen Kulissentüren bei­seiteschob, die direkt auf den Hof führten. „Soll ich Ihnen eine Taxe holen?"

Nein, Charlotte wollte keine Taxe.

„Auch nicht die Rosen mitnehmen? Ich geh' sie holen, Fräulein Lenz. Die Rosen sind doch vom Herrn Doktor?

Ja, die Rosen waren von Karl Wagner. Charlotte begriff nicht, daß sie sich einmal über diese Blumen ge­freut hatte. Das mußte lange her sein. Das war in der großen Pause gewesen. Sie hatte entspannt und

glücklich in ihrer Garderobe gesessen und lächelnd auf die Rosen geblickt, die ihr Dr. Wagner gesandt hatte. Wie viele es waren! Und wie schön in der Farbe und wie betörend ihr Duft! Jetzt gab es feine große Pause mehr und das Spiel war aus. Jetzt konnte man nur noch durch die Nacht und den Regen gehen und immer an das Telegramm denken, dessen Worte man auswendig wußte, wie die Worte einer kleinen Anfänger rolle.

Waren es wirklich erst drei Jahre, daß sie mit viel Herzklopfen und Lampenfieber so winzige Röllchen gespielt hatte, unten an dem kleinen rheinischen Stadt­theater, wo sie später Floris Reuter gesehen und sofort für ein erstes Fach nach Berlin verpflichtet hatte? — 2a, erst drei Jahre, und war sie nicht glücklicher gewesen damals? Nein, dachte Charlotte, so alt sind wir noch nicht, daß wir meinten, es wäre schöner gewesen, in der kleinen Provinz herumzustehen, als in Berlin große Rollen zu spielen! Nur, daß es damals m-b Peter gab, den sie zuweilen, verspielt und zärtlich, Pit genannt hatte, wenn sie Englisch miteinander sprachen. Darauf drängte er damals. „Dein Englisch muß makellos sein, wenn du nach Amerika und zum Film willst", hatte er gesagt.

„Aber ich will gar nicht nach Amerika und zum Film, Pit."

„Was du willst, darauf kommt es nicht an. Ich bringe dich hin. Vorerst mutz man dich in Berlin groß herausbringen."

Sie hatte gelacht. Wollte Peter Storkow, von dem kein Mensch und selbst sie nicht genau zu sagen ver­mochte, was er war und wovon er lebte, ihr ein Engage­ment nach Berlin verschaffen? Zudem waren private Vermittlungen verboten.

„Ich mache nichts Unerlaubtes", hatte Pit hochmütig geantwortet und eine neue Zigarette zwischen die Lippen geschoben, nachdem er das lange Hohlmundstück dreimal geknifft hatte. Er trug einen Anzug, der keineswegs neu war und doch sah er wundervoll elegant aus, dieser lässige Peter Storkow, der ihr dann mit­teilte, daß er morgen nach Frankfurt fahren würde, wo gerade sein alter Studienfreund Floris Reuter wäre. Für Charlotte war damals Floris Reuter nur ein großer, bewunderter Name gewesen, ein Mann, von dessen Inszenierungen man in den Zeitungen las. Und Pit hatte ihn nebenbei erwähnt, so, als sei es selbstver­ständlich, daß man mit ihm befreundet war.

Nein, er war nicht mit Floris Reuter befreundet. Er war zehn Jahre jünger als er, sie hatten nie zusam­men studiert, sie kannten sich nicht. Es blieb stets ein Geheimnis, wie es Pit dennoch verstanden hatte, mit Reuter in ein Gespräch zu kommen, in der Halle seines Hotels, und wie er es zuwege gebracht hatte, daß der berühmte Regisseur auf der Rückreise tatsächlich das rheinische Theaterchen besuchte und Charlotte Lenz so­gleich und für ein erstes Fach nach Berlin verpflichtete. Floris Reuter sprach nie darüber. Er war ein wenig eitel und vielleicht hätte es ihn gekränkt, wenn man annehmen mutzte, daß seine Entdeckung Charlotte Lenz' nicht ganz so zufällig gewesen war, wie er sie gerne hin­stellte.

Aber auch Pit hatte geschwiegen. Nun ja, befreun­det war man mit Reuter nicht gewesen, aber das schloß doch nicht aus, ihn aufzusuchen und ihm zu sagen, daß er gerade im Begrisf wäre, die größte Chance seines Lebens zu verpassen . . .

Sie hatte damals den Abschluß festlich feiern wollen, aber Pit schien nicht bei ihr zu sein, er blickte vor sich hin und seine Antworten klangen gelangweilt.

„Ich werde dir nie vergessen, Pit, was du für mich getan hast."

„Ich weiß."

„Bist du traurig, daß ich fortgehe? Du wirst mW nicht verlieren."

„Ich weiß."

„Liebst du mich, Pit, wie ich dich liebe?" .

„Du brauchst große Worte."

k (Fortsetzung folgt.) .

21 m Morgen nach den perlen.

Der Wecker rasselt. Man erschrickt. Ist's wirklich schon um sieben?

Akan ist noch halb im Schlaf. Vor dreizehn Stunden war man noch weit fort,

nahm Abschied von dem sogenannten Höhenlustkurort. Warum, so fragt man sich im stillen, ist man nicht geblieben?

Die Ferien sind vorbei, das ist es! Sonst wär' man bestimmt noch dort.

Der Urlaub ist vorüber. Leider kann man nichts d'ran andern.

Man wünscht sich von der Zeit, sie blieb wie eine Uhr zuweilen steh'n.

Ach, dürfte man sich jetzt noch einmal nach der andern Seite dreh'n!

Ach, stünde heut' der erste Ferientag auf den Kalendern!

Man möchte nur zu gern noch einmal in die Sommer­frische geh'n.

Wie schön wär das: noch mal zwei Urlaubswochen zu verbringen!

Noch einmal ungebunden, ohne irgendwelche Pflichten fein!

Um nichts sich kümmern brauchen! Sorglos leben in den Tag hinein!

Sich — weil die Zeit sonst fehlt — beschäftigen mit andern Dingen.

Wenn man das alles noch mal vor sich hätte: wäre das nicht fein?

Ach ja, wie angenehm war's noch vor vierundzwanzig Stunden!

Den letzten Tag hat man von A bis Z. noch einmal ausgenutzt.

In einer knappen Stunde sitzt man wieder im Büro? Man stutzt.

Man hat sich in den Alltag noch nicht richtig heimgefunden. Doch es wird höchste Zeit; die Schuhe sind noch nicht einmal geputzt. Herbert Hippel.

Der siebente Sohn.

Von Wilhelmine Baltinester.

Das Ehepaar auf dem Biggahofe hatte sieben Söhne. Der Bruder der Frau, Adolf von Trautahofe, hatte keinen einzigen. Sein Weib war sehr hübsch, aber nicht zur Mutter geschaffen und kränklich. Eines Sonntags kam Adolf zu den Brggaleuten. Er Hatte etwas Feierliches heute, alle bemerk­ten es, und das Gespräch stockte noch häufiger als sonst. Sie sprachen langsam über den Regen, der nicht kommen wollte. Ganz zuletzt erst, als es schon sehr dunkel war und die Haus­frau dem jüngsten Sohne auftrug, eine Kerze zu bringen, rückte Adolf mit dem heraus, was ihn herführte: „In einem Hause, wo Kinder sind, ist es lebendig. Ich möchte etwas fragen." Er schwieg und wartete, aber niemand half ihm. Die Söhne erhoben sich, einer nach dem anderen, und ver­ließen die Stube. Vielleicht hatte der Oheim etwas zu besprechen, das nur die Eltern anging. Als er allein mit Schwager und Schwester saß, fragte er hastig: „Ob Ihr mir einen von Euren Söhnen auf meinen Hof geben wollt. Wie ein eigenes Kind will ich ihn halten. Er soll mein Erbe sein."

Da kam der jüngste der BiggasöhNe mit der angezündeten .Kerze herein. Er hatte ein sanftes, kluges Gesicht, hinter dessen seiner, dünner Haut bei der geringsten Gemüts­bewegung eine flammende Röte schwamm. Er war sehr schön, wie so der weiche Kerzenschein auf sein helles, reines Gesicht fiel. Aber er hatte einen Buckel. Die Eltern sahen einander an. Der Junge stellte die Kerze auf den Tisch und ging hin­aus. Die Frau hatte einen scharfen Zug um den Mund. „Ich gebe keinen von allen her, Bruder! Ich habe alle unter meinem Herzen getragen, und einer ist mir so lieb wie der andere!" Ihr Mann faßte es anders auf. „Er käme nicht zu Fremden, sondern zu Verwandten, Frau! Zu deinem Bruder und zu deines Bruders Weib!" In seinen Augen lag dabei ein bitterer Vorwurf: Kämpfen wir nicht hart genug hier mit den sieben auf dem kleinen Hof? Die Frau fuhr auf und Gng zur Tür hinaus. Sie war zornig wie eine Henne, beten Küchlein man bedroht. Die Männer blieben sitzen und schauten vor sich hin, bis die Frau mit geröteten Wangen

wiederkam und die Suppe brachte. Niemand sprach mehr darüber.

Es war ein stolzer Kreis von Söhnen, der da am Tische des Biggahofes saß. Adolf von Trauta kam sich arm vor in all seinem melbeneideten Reichtum.

Vier Wochen später kam der Mann vom Biggahofe zu seinem Schwager nach Trauta.

„Ich habe sie überredet. Sie will dir einen von ihnen überlassen."

„Welchen?"

„Den jüngsten." Er sagte es etwas verlegen. Sein Weib und er hatten lange hin und her geredet und sich zuletzt für den jüngsten Sohn Gustav entschieden, weil er doch schwäch­lich war und seinen Brüdern vielleicht einmal eine Last werden würde. Und dann hatten beide ganz heimlich in ihren Elternherzen gehofft, Adolf auf Trauta würde diesen verwachsenen Knaben ablehnen, und alles würde bleiben dürfen, wie es war.

Der Mann vom Biggahofe stand und sah den Schwager an und wußte, daß der jetzt denken mußte: Den Buckeligen! Gerade den!

Adolf aus Trauta sagte: „Ich nehme ihn."---

Gustav kam nicht zu Fuß, wenn er seine Eltern besuchte, er kam auf einem schönen Grauschimmel, und beim Kirchgang war er feiner angezogen als seine Brüder, er, den sie im Hause herumgestoßen, mit dem sie Spott und Scherz getrieben und dessen Rock über dem harten Buckel sie mit Disteln ge­spickt hatten, damit er wie ein gekrümmter Igel aussehe. Jetzt beneideten sie ihn und standen auf dem Kirchplatz um ihn herum, ihm so eine Art fremder Würde einräumend. Niemand wußte, daß er im Herzen unter den schönen, neuen Kleidern eine Wunde hatte: daß die Eltern sich von ihm, dem unglücklichsten ihrer Kinder, am leichtesten hatten trennen können. Seine ganze zurückgescheuchte, wehe Liebe gab er jetzt dem Oheim und seinen ganzen Dank der stillen Frau auf dem Trautahofe, die den willkommenen jungen Gast wie ein eigenes Kind in ihrem Herzen und in ihrem Hause ausgenommen hatte. Ein großer Groll saß im Herzen gegen das Vaterhaus und gegen die, die ihn so leicht weg­gegeben hatten, und gegen die Brüder, die gerade, gesund und grausam waren.

Ein paar Jahre lang freute sich die Kinderlose auf dem Trautahofe des jungen Reffen. Dann starb sie. Adolf auf Trauta meinte, es müsse eine Frau ins Haus.

„Du sollst freien gehen, Gustav."

, ©uftao ging auf den Kirchplatz und schaute den Mädchen in die Augen. Er sah eine, die bei feinem ältesten Bruder stand. Die lächelte er an. Sie hieß Ulma. Er ging ja in feinen Kleidern und würde einmal viel erben, alle wußten das. Er war wohl etwas verwachsen, aber eigentlich nur ganz wenig und fast von guter Durchschnittsgröße. Sein Haar war schön gewellt und seidenweich, und seine Augen hatten eine innige traurige Tiefe, die den Blick und das Herz der Frauen anzog.

Drei Wochen nach diesem Kirchgang hatte er Ulmas Hand. Sein ältester Bruder haßte ihn jetzt.

Nach dem Trauerjahr feierten sie eine große Hochzeit auf Trauta. Die Biggasöhne saßen dabei und ärgerten sich, denn ihnen würde cs nie so gut gehen wie diesem. Jeder von ihnen machte im Herzen den Eltern Vorwürfe, daß nicht er erwählt worden war, zu dem kinderlosen Oheim zu kommen.

Im Lauft der Zeit heirateten drei von den Biggasöhnen und versorgten sich auf diese Art schlecht und recht; sie be­kamen von ihren Schwiegervätern kleine Höfe und sielen wenigstens ihren eigenen Eltern nicht mehr zur Last. Die drei Ledigen wollten sehr hoch hinaus, zumindest so reich werden rote Gustav auf Trauta, so blieben sie lieber unver­heiratet, ehe sie sich mit nur mäßig begüterten Frauen be­gnügten.

Gustav kam öfters zu den Eltern hinüber und brachte Geschenke mit, die er demütig und verlegen hinlegte. Als der älteste Biggasohn fortgeheiratet hatte, begleitete Ulma ihren Mann, und später brachten sie auch ihren kleinen Sohn mit. Rur im Winter oder wenn schlechtes Wetter war, ritt Gustav allein hinüber. Bei einem solchen ^Besuche sagte sein Vater:

„Wenn ich sterb und wenn Gott deinen Oheim abbernft, dann ist es deine Pflicht, mit deinen ledigen Brüdern zu teilen. Sie sind unzufrieden hier auf dem Biggahofe."

„Haben sie ihre geraden Körper mit mir geteilt? Haben sie mich nicht gestoßen und verhöhnt? Ich teile nicht!"

„Du bist schlecht!" sagte seine Mutter.

Er wandte ihr sein truriges Gesicht zu und sah ihr in die Augen.

„Ich hatte alles für meinen Sohn zusammen, Mutter. Ich will ihn nicht eines Tages weggeben aus meinem Haufe und aus meinem Herzen."

Da blickte sie zur Seite und sagte nichts. Daß er ihr das nicht verzeihen konnte! Er hatte doch gewonnen dabei. Ich