Wiesbadener Tagblatt
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85. Jahrgang.
Mittwoch, 25. August 1937
Nr. 197.
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Unterhaltungsbeilage. " 8ta’:
Konteradmiral Watzner f.
Der deutsche Marineattache in London.
Amsterdam, 24. Aug. Der MarineattachS an der Deutschen Botschaft in London und an der Deutschen Gesandr- schaft im Haag, Konteradmiral Watzner, ist am 24. August in den frühen Morgenstunden im Haag, wo er sich auf einer Dienstreise aufhielt, an Herzschlag gestorben.
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Konteradmiral Watzner war während des Krieges U-Bootskommandant und wurde am 15. März 1918 mit dem Pour le merite ausgezeichnet. Nach Beendigung des Krieges war Watzner zuerst von 1921 bis 1925 zur Dienstleistung bei der Marineleitung kommandiert und anschlietzend u. a. Kommandant des Segelschulschiffes „Niob e“ und des Kreuzers „Karlsruhe". Am 1. April 1933 wurde er zum Marineattach4 an der Deutschen Botschaft in London ernannt. Am 1. Oktober 1936 erfolgte seine Beförderung zum Konteradmiral.
Die Nachricht von dem plötzlichen Tode des früheren deutschen Marineattaches in London, Konteradmiral Watzner, wird von den englischen Abendblättern an hervorragender Stelle wiedergegeben. Die Blätter weisen allgemein auf die erfolgreiche Laufbahn, von Konteradmiral Watzner hin und betonen, datz er ein sehr guter Kenner des englischen Lebens gewesen sei. Sie heben auch hervor, datz Konteradmiral Watzner an den Verhandlungen für das deutsch-englische Flottenabkommen beteiligt gewesen sei.
Beileidstelegramm des Führers an die Witwe des Verstorbene«.
Berlin, 25. Aug. (Funkmeldung.) Der Führer und Reichskanzler hat der Witwe des verstorbenen Marine- attachös an der Deutschen Botschaft in London und an der deutschen Gesandtschaft.im Haag, Konteradmiral Watzner, telegraphisch sein h e r z l i ch e s B e i l e i d zum Ableben ihres Hatten aussMrochen. '
M-wmier-UM in MM
Die Sowjets und der Ostasien-Konflikt.
Weitere japanische Erfolge an allen Kampfabschnitten.
Vormarsch auf die chinesische Hauptstellung.
Tokio, 25. Slug. (Funkmeldung. Ostasiendienst des DNB.l Die japanischen Meldungen aus dem chinesischen Kampfgebiet lasten am Dienstag weitere Fortschritte der japanischen Truppen an allen Fronten erkennen.
Die nördlich der internationalen Niederlassung in Schanghai gelandeten japanischen Verstärkungen konnten ihre Operationsbasis um 2 Kilometer erweitern, sodatz das Marinelandungskorps im Vangtsepu-Eebiet entlastet wurde.
Die wochenlangen Kämpfe an der Nordfront hatten nach der Überwindung der grotzen Mauer am Nan- k a u - P a tz eine Unterbrechung der Eisenbahnlinie westlich und östlich von Kalgan zur Folge. Die chinesischen Truppen zichen sich in der Richtung auf die Schansi-Prooinz zurück, wodurch die japanischen Streitkräfte int Gebiet von Peiping und Tientsin Rückenfreiheit erlangen.
Südlich von Peiping rücken die japanischen Truppen auf die chinesische Hauptstellung vor, die sich bei Pauling befindet.
Südlich von Tientsin setzt die japanische Nordchina- Earnison ihren Vormarsch über Tschinghai auf Matschang fort.
Mit den gemeldeten Erfolgen dehnt sich nunmehr dir chinesisch-japanische Front im Norden Chinas auf eine zusammenhängende 300 Kilometer lange Linie zwischen Kalgan und Tschinghai aus.
Die Landungstruppen kreisen Schanghai ein.
Schanghai, 25. Aug. (Funkmeldung. Ostasiendienst des DNB.) Japanische Militärstellen geben bekannt, daß außer im Bereich von Wusung noch an weiter von Schanghai entfernten Plätzen Truppen gelandet rourben, die zusammen mit den in Wusung stehenden Kontingenten die Einkreisung von Schanghai vornehmen, um dann Bei Operationen gegen entferntere Ziele eingesetzt zu werden. Die Stärke der int Wusung-Eebiet gelandeten japanischen Truppen beträgt mindestens 10 000 Mann, während an anderen, nicht bekannigegebenen Plätzen wesentlich stärkere Verbände an Land gehen. Aus allen bisher vorliegenden Einzelheiten mutz geschloffen werden daß die Landung der japanischen Truppen noch nicht abgeschlossen ist.
Eine Fahrt durch das Kampfgebiet.
Schanghai, 24. Aug. (Ostasiendienst des DNB.) Der Pangtse-Hafen Wusung befindet sich seit Dienstag in den Händen der japanischen Truppen. • •-
Zur Klärung der Lage an den verschiedenen Fronten des Schanghaier Kampfgebietes unternahm der DRB.-Vertreter am Dienstag eine Erkundungsfahit durch den am heißesten umkämpften Hongkiu-Bezirk. Die Fahrt führte zunächst durch die stark beschädigte North-Szechuan-Road, wo zahlreiche Barrikaden und Unterstände von der Schwere der Kämpfe be
richteten, die sich in den letzten Tagen dort abgespielt Haben, Die dort liegende japanische Kaserne, die nahezu unbeschädigt geblieben ist, erwies sich als int unbestrittenen Besitz der japanischen Marine. Auch die hart umkämpfte Patsu-Brücke ist fest in japanischen Händen. Da sich die japanischen Truppen in diesem Wschnitt int wesentlichen auf die Verteidigung beschränkt haben, sind nur wenige chinesische Gefangene gemacht worden. Ferner haben die Japaner dort drei Tanks erbeutet. Das Gebiet westlich des Hongkiu-Bezirks ist auf mehrere hundert Meter durch Feuer zerstört. Überall sicht man stark befestigte japanische Stellungen, die auffallend schwach besetzt sind. Der Dienstbetrieb bei den japanischen Marinetruppen wickelt sich durchaus ruhig ab und die Stimmung ist allgemein zuversichtlich.__
20 BeNama-Bomber für China.
Rew Park, 25. Aug. (Funkmeldung.) Wie die Bellanca- Flugzeugwerke in Newcastle (Delaware) bestätigen, hat diese Firma in den letzten Tagen 20 einmotorige Zweisitzer-Bombenflugzeuge, die eine Höchstgeschwindigkeit von rund 450 Stundenkilometer entwickeln, nach China verschifft. Die Flugzeuge waren angeblich ursprünglich für die spanischen Bolsche- misten bestimmt, sie wurden aber nach dem Inkrafttreten der Spanien-Klausel im Neutralitätsgesetz in Amerika behalten. Weitere Verschiffungen sollen geplant sein.
Eingreifen der Sowjetunion in China?
„Sour* berichtet über Kriegsmateriallieserungen.
Paris, 25. Aug. (Funkmeldung.) „Jour" beschäftigt sich Mittwochsrüh mit der Rolle der Sowjetunion im chinesischjapanischen Konflikt. Danach soll Ende Juli der Sowjet- marschall Blücher in Ulan-Bator, der mongolischen Hauptstadt, Vertreter Nankings und der Prooinzregierunz von Tschachar zu Militär-, Wirtschasts- und Handelsvertragsverhandlungen empfangen haben. Obwohl bis heute entsprechende Verträge noch nicht unterzeichnet seien, habe sich die Sowjetunion doch entschlossen, China militärisch und finanziell zu Helsen. So sollen vor einigen Wochen von Ulan-Bator 54 schwere und 72 leichte Bomber nach China geflogen sein. Ferner seien aus Ulan- Bator 12 schwere, 26 mittlere und 45 leichtere Tanks neuester sowjetrusiischer Konstruktion sowie 60 Geschütze verschiedener Kaliber und große Mengen Munition an China geliefert worden. Weiter weiß der „Jour" zu berichten, daß die sowjet- russische Regierung auf ihre Kosten 700 Studenten nach China geschickt habe, die als politische Kommisiare der regulären chinesischen Armee zugeteilt worden seien.
Gerüchte über italienisch-britische Staatsbesuche verfrüht.
Rom, 24. Aug. Zu den aus der englischen Presse bekannt gewordenen Gerüchten über eine bevorstehende Reise des italienischen Außenministers Graf Kiano nach England oder einen Besuch des englischen Premierministers in Florenz zur Besprechung mit dem Duce wird in italienischen unterrichteten Kreisen erklärt, daß es noch verfrüht fei, von solchen Möglichkeiten zu sprechen. Die Möglichkeit des einen oder anderen Besuches auch vor Abschluß der englisch-italienischen Verhandlungen blewt damit weiterer Fühlungnahme Vorbehalten.
Von Baron Ernst v. Ungern-Sternberg.
Die Mandschurei ist die große ostasiatische Kom- mandohöhe, ein Glacis und ein Absprungterrain für ent weiteres Vordringen. Die Mandschurische Pforte, das alte Völkertor zwischen Gebirge und Küste, gibt den Weg nach Nordchina frei. Die Mandschurei.ist der Mongolei benachbart und so hat denn die Mandschurei-Frage auch eine Mongolei-Frage geboren. Durch einen Vertrag vom September 1925 mit der Äußeren Mongolei, die ja in Wirklichkeit ein Ableger der Sowjetunion ist, hat sich Moskau dis Konzession auf den Bau einer Eisenbahn von Tschita (Baikal) nach der mongolischen Hauptstadt Urga gesichert und dazu einen Landstrich von 200 Kilometer Breite, je hundert auf jeder Seite des Schienenstranges, zusprechen lasten. Dazu sind direkte Flugverbindungen zwischen den sibirischen Zentren und den mongolisch-mandschurischen Grenzen eingerichtet. Der neye Sowjetbotschafter in Tokio, Slavutzky, bestätigte die Nachricht, daß sich der Oberkommandierende der Roten Armeen im Fernen Osten, Marschall Blücher, in der Äußeren Mongolei aufhalte, die mandschurischen Grenzgarnisonen inspiziere und den auf Sowjetseite und unter Sowjetkommando stehenden mongolischen Truppen als Geschenk Stalins drei schwere, sechs leichte " Batterien und mehrere hundert Maschinengewehre überbracht habe. Es wird ferner gemeldet, daß auf der transsibirischen Bahn Tag für Tag Militärtransporte rollen und daß sich die Stationen am Baikal und am Amur in Militärlager verwandelten.
Die letzten Nachrichten besagen, datz die Grenzbevölkerung ins Innere des Landes verschickt wird, während die Dörfer militärische Einquartierung erhalten. Nachts wird die Grenze chittels Leuchtraketen und Scheinwerfer erleuchtet, um die Bevölkerung vor der Flucht über die Grenze abzuschrecken. Jeder, der auf dem Versuch, die Grenze zu überschreiten, ertappt wird wird unbarmherzig erschosten. Die Bevölkerung beantwortet den Terror mit verzweifelter Gegenwehr. In den Wäldern und Bergen haben sich sogenannte Pariisanenabteilungen von Bauern und desertierten Rotarmisten gebildet, die von den Sowjetbehörden „Diversionisten" genannt werden unb die einen regelrechten Kleinkrieg gegen ihre Unterdrücker führen. Im ganzen Grenzgebiet herrscht eine Art von Kriegszustand. In den Städten, selbst in Wladiwostok, in Chabarowsk und in llffiriisk darf nach Einbruch der Dunkelheit keine Beleuchtung der Straßen stattfinden. Man begegnet überall Gefangenentransporten der GPU., unter den Gefangenen sieht man oft Soldaten, sogar Offiziere der fernöstlichen Roten Armee. Beziehungen zum Ausland, auch zu den nächsten Verwandten, die in Charbin oder sonstwo in der Mandschurei leben, werden als Spionage und Landesverrat gewertet und mit dem Tode bestraft.
Selbstverständlich sind auch in der Mandschurei von feiten Japans Gegenmaßnahmen ergriffen worden. Die große, zu Dreiviertel weißruffische Stadt Charbin ist in ein Heerlager verwandelt, auf den Plätzen sind Lustabwehrgeschütze aufgestellt, und Scheinwerfer suchen allnächtlich den Himmel ab. Die alten Kanonenboote auf dem Sungari find durch moderne kleine Fahrzeuge ersetzt und bereit, den Kampf mit den Sowjetbooten, sollte der Augenblick kommen, aufzunehmen. Jede bolschewistische Visitenkarte am rechten Ufer des Amurstromes wird energisch zurückgewiesen. Seiner üblen Laune versucht Moskau durch einen Notenwechsel mit der Mandschurei Lust zu machen, der aber nur einen rein papieteren Wert besitzt, da man in Hsinking die Reklamationen unbeachtet läßt. Als Gegenmaßnahme hat Moskau beschlosten, die meisten seiner Konsulate in der Mandschurei, auch in der Grenzstation Pogranitschnaja. zu schließen.
Wenn auch der rote Schatten des Kreml überall an den Grenzen der Mandschurei lauert, so hat sich Moskau doch bisher gehütet, offen in den chinestsch-tapanischen Konflikt einzugreifen. Man weiß zwar, daß der Sowjetbotschafter in
Ausländische Schiffe unter britischer Flagge.
Beschleunigte Änderung der englischen Registrierungsbestimmungen gefordert.
Fall „Naomi Julia" das treffende Beispiel
London, 25. Aug. (Funkmeldung.) Verschiedene Morgen-» blätter befaffen sich mit dem Angriff spanischer bolschewistischer Flugzeuge aus das Handelsschiff „Naomi Julia" und der Frage, welche Maßnahmen britischerseits zu ergreifen seien, um olche Zwischenfalle zu verhindern. Das englische Handels- ntiniterium habe, so berichtet „Daily Expreß", alle britischen Kon ularoertretungen in Europa angewiesen, sofort sämtliche Papiere über die Registrierung britischer Schiffe durch ausländische Gesellschaften nach London zu übermitteln. Die britische Mittelmeerflotte habe sich nämlich sehr darüber beklagt, daß eine so hohe Zahl von ausländischen Schiffen unter britischer Flagge fahre. Eng- lischerseits würde jetzt alles getan, damit die britische Flagge nur von den Schiffen gezeigt werde, die auch das volle Recht dazu haben.
Die gegenwärtige Rechtslage, so sagt das, Blatt weiter, sei folgende: Kein Ausländer könne ein engkisch registriertes Schiff chartern, wohl aber jede britische Gesellschaft, selbst wenn sie ausschließlich aus Ausländern bestehe. Wenn also Ausländer ihre Schiffe unter britischer Flagge fahren laffen wollen, so bildeten sie einfach eine britische Gesellschaft, was nicht viel Geld koste. Niemand mehr könne bann die britische
Registrierung ihrer Schiffe verweigern. Mit diesem Zustand müsse jetzt Schluß gemacht werden. Wie verlaute, wolle das britische Parlament beim Wiederzusammentritt int Oktober der Regierung eine Gesetzesvorlage zugehen lassen, die darauf hinausgehe, daß nur die britischen Schiffe, die voll in britischem Vefttz sind, die britische Flagge führen dürfen. Ein entsprechender Sachverständigenbericht werde bald dem britischen Kabinett oorgelegt werden.
Auch „Daily Mail" berichtet in gleichem Sinnt Es sei leicht möglich, daß Hunderte von sogen, britischen Schiffen in Wirklichkeit ganz in ausländischen Händen seien. In vielen Fällen befinde sich nicht einmal ein einziger britischer Offizier an Bord der Schiffe, geschweige denn eine britische Mannschaft. Trotzdem verlangten aber solche Schiffe den vollen Schutz der britischen Kriegsmarine. Das sei ein Zustand, der nicht länger andauern könnte. Die Bombardierung des sogen, britischen Handelsschiffes „Naomi Julia" sei ein treffendes Beispiel dafür. Nachprüfungen hätten nämlich ergeben, datz nur der Vorsitzende der Gesellschaft, der diese Schisse gehört, seinen britischen Namen zur Registrierung hergegeben habe, während alle anderen Eeiellschafts- mitgkieder sowie die gesamte Besatzung des Schisses Ausländer seien. ' 1
