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Seite 14.

Wiesbadener Tagblatt

Nr. 188.

Samstag/Sonntag, 14./15. August 1937.

Aus Dau undlDrotnn

Nus dem Rheingau.

Main und Neckar».

Schanghai

das Babel von heute

Das verödete Hung-Kou. Vierzig Nationen in einer Stadt. Polizei, Prioatarmeen und Gangster.

Rhein und Mosel.

Doppelselbstmord auf den Schiene».

Köln, 13. Aug. Wie erst jetzt bekannt wird, wurden am Mittwochmorgen auf dem Bahndamm der Strecke Köln Neuß in der Nähe von Köln-Longerich zwei Leichen ge­funden. Die Ermittlungen ergaben, daß es sich wahrschein­lich um den Selbstmord eines Liebespaares handelt. Wäh­rend die Persönlichkeit des Mannes, der aus Krefeld stammt, bereits festgestellt werden konnte, ist die der Frau noch unbekannt.

des Anwesens hatte, um den Hühnern den Eingang in die Scheune zu verwehren, vor das Tor ein Bund Stroh g-- legt. Sein achtjähriger Sohn machte sich an dem Scheunentor zu schaffen und zündete beim Spielen mit Streichhölzern das Stroh an. Der Landwirt, der sich bereits auf dem Weg ins Feld befand, kehrte nochmals zurück und entdeckte dabei in letzter Minute das Feuer. Er rief sofort Hilfe herbei und den vereinten Kräften gelang es, den Brand zu löschen. Hätte der Besitzer nicht zufällig das Feuer entdeckt, so wäre in wenigen Minuten ein Grog­feuer entstanden. Die Gendarmerie stellte die Brandursache fest und konnte den oben geschilderten Sachverhalt er­mitteln.

2n Dunkelheit ist Hung-Kou, der japanische Stadtteil Schanghais, gehüllt. Verödet liegen die Straßen, die sonst zu dieser Abendstunde erfüllt sind vom tosenden Lärm einer volksreichen Menge. Erloschen sind die grellen Lichtreklamen der Kmos, der Kabaretts, der Tanzhallen. Verklungen sind die Melodien der Guitarren, der Trompeten, der Saxaphone. Lastende, drückende Stille liegt über Hung-Kou, die nur unter­brochen wird von den dröhnenden Schritten der Polizei­patrouillen. Nur in der großen Kaserne, die sich die Japaner im Herzen des japanischen Viertels erbaut haben, flackern Lichter. Zweitausend Mann sind hier einquartiert, um, wenn es ernst wird, Leben und (Eigentum der 30 000 Japaner, die in Schanghai leben, zu schützen. Ein Albdruck lastet über der Stadt. Werden durch Schanghais Straßen, durch die Gaffen und Gäßchen von Hung-Kou, in denen sich die Japaner Schanghais eine neue Heimat mit eigenen Feuerwehrwachen, mit eigenen sanitären Einrichtungen, mit eigener Polizei, mit eigenen Schulen, mit eigenen Cafes, Kinos, Teegärten und Bierlokalen errichtet haben, Schüsse knallen und Barrikaden errichtet werden müffen?

Sturmsignale i« Schanghai.

Die Erregung in der Millionenstadt Schanghai wächst von Stunde zu Stunde. In riesigen Lettern bringen die chine­sischen Zeitungen in englischer und chinesischer Sprache die neuesten Nachrichten von Peiping. Schon demonstrieren die chinesischen Studenten der Schanghaier Universität gegen Japan. Schon fallen wie ein Schneesturm Millionen von antijapanischen Flugschriften auf Schanghais Straßen. Ein Sturm braut sich in diesem modernen Babylon zusammen. Die Fremdenfeindlichkeit wächst von Stunde zu Stunde. Wer­den sich die Wogen noch beruhigen? Vier Millionen Men­schen wohnen in dieser wichtigsten Hafenstadt Ehinas an der Mündung des Jangtsekiang zusammen. Vier Millionen Menschen Hausen hier, wo vor hundert Jahren nichts weiter stand als paar gottverlaffene dreckige Holzhütten. Wo jetzt die stolzen Ozeanriesen der Handelsschifsahrt der Welt ankern, wo jetzt Zollkutter, Motorschiffe, Polizeipatrouillenboote in rasender Fahrt durch die Wellen flitzen, schaukelten noch 1842, vor nicht einmal hundert Jahren, nur einige Dschunken träge im Wind.

Die Stadt der tausend Gegensätze.

Schanghai! Man hat es oft die Perle des Stillen Ozeans genannt. Es ist aber mehr ein gleißender, greller, in seiner Hellheit verwirrender, protziger Diamant. Ein riesiger Edel­stein, der nichts von der schlichten Schönheit einer Perle hat. Alles schreit, alles tobt in diesem Tohuwabohu, in diesem Chaos von reich und arm, in diesem Durcheinander der tau­send Raffen und Sprachen. Flimmernde, bunte, überlebens- große, gigantische Lichtreklame! Amerikanische Superlative der Reklame! Schrilles, nie abreißendes Eekneif, Gekläffe, Getute der Tausend und aber Tausend Schiffssirenen. Tag und Nacht gröhlen die Jazzmusiken. Tag und Nacht locken die Ver­gnügungshöllen, die Tambars, die Bordelle, die Nachtklubs, die Kinos, die Singspielhallen und auch die geheimnisvollen geheimen Opiumhöllen trotz aller Razzien der Polizei. Neben himmelstürmenden Wolkenkratzern, die aus der Steinwüste News Parks oder Ehikagos hierhier transportiert zu sein scheinen, elende dreckige Hütten. Neben soignierten Klubs, von prächtigen grünen Gärten umkränzt, in denen der angel­sächsische Gentleman in vornehmdrJsolierkheit seine Frei­stunden verträumt, laute primitive Matrosenkneipen, wo bil­liger verpantschter Whisky den Seemännern die weißen Würmer durchs Gehirn treibt, die gesunden braunen Gesichter kupferrot färbt und sie reif macht für Menschenjäger, für Totenschiffe, für Mord und Totschlag.

4 Millionen Menschen quirlen durcheinander in diesem modernen Bcchel. 4 Millionen Menschen aus 40 Nationen.

Eltville, 13. Aug. Am Freitagvormittag trafen un­gefähr 300KdF."-Urlauber aus dem Gau Groß-Berlin in Eltville ein. Am kommenden Dienstag nehmen auch die hiesigen Schulen wieder den Unterricht auf.

)( Erbach, 13. Aug. In der Gemeinde haben 26 Ein­wohner das 77. Lebensjahr überschritten. Der älteste Ein­wohner ist Bernhard 2 u n g mit 88 und die älteste weibliche Einwohnerin Frau Franziska Anmiiller mit 89 Jahren. Von der alten Volksschule ab ist mit der Anlage eines N a d f a h r e r w e g e s aus der Landstraße nach Hattenheim begonnen worden, eine Einrichtung, deren Notwendigkeit in dem immer stärker werdenden Durchgangsverkehr im Rhein­gau begründet ist. Der Radfahrerweg soll später bis zur Hattenheimer Umgehungsstraße weitergeführt werden.

)( Ostrich, 13. Aug. Auf eine 28jährige Tätigkeit in der Chemrschen Fabrik Rudolph Koepp & Co. können die Eefolg- schaftsmitglieder Heinrich Holzbeck und Ferdinand Messerschmied von Östlich und Johann Johl aus Hallgarten zurückschauen. Neben den Ehrungen durch Be­triebsführung und Gefolgschaft wird den Jubilaren die Teil­nahme an einerKdF."-Fahri ermöglicht.

)( Geisenheim, 13. Aug. Die Evangelische Landeskirche erwarb das Anwesen des verstorbenen Buchdruckereibesttzers A. Jander. In dem Gebäude sollen das Pfarrhaus und Ver­sammlungsräume für die Kirchengemeinde untergebracht werden. Auf dem Bahnhof Geisenheim soll eine Bahn­steigunterführung gebaut werden. Der Entwurf liegt gegen- märtig im Rathaus zur Einsicht ofsen.

)( Johannisberg, 12. Aug. Von den altüberlieferten sogenanntenNachbarschaften", die in ihrer volkstums- und brauchtumsverwur^elten bodenständigen Eigenart im Rhein­gau in mehreren Gemeinden noch in Ansehen stehen, kann in unserer Gemeinde die NachbarschaftOberflecken-Schweizer­tal" in diesem Jahre auf ein 200jähriges Bestehen zurück­schauen. Wie in den Tagen der Gründung erweist die Nach­barschaft bei Sterbefällen die nachbarlichen Hilfsdienste und stellt somit eine überaus soziale und den Dorfgemein­schaftsgeist fördernde Einrichtung dar.

Ein Erotzfeuer in letzter Sekunde verhütet.

== Miltenberg, 13. Aug. In einem landwirtschaftlichen Anwesen tn Schippach brach ein Brand aus, der sich leicht zu einem Eroßfeuer hätte ausrdeiten können. Der Besitzer

Jede Sprache wird gesprochen. Alle Hautschattierungen, die dem guten Europäer in Marseille die Schamröte ins Gesicht treiben, finden wir hier wieder in noch zahlloseren, in noch schlimmeren, in noch böseren Nuancierungen.

Schanghai das verwickeltste Gemeinwesen der Welt.

Schanghai ist wohl das verwickeltste Gemeinwesen der Welt. Es besteht aus drei voneinander vollkommen unab­hängigen Städten und Stadtverwaltungen. Die internatio­nale, oder besser gesagt, anglo-amerikanische Konzession, um­faßt 1,2 Millionen Menschen und dehnt sich über eine Fläche von 8,72 Quadratmeilen aus. Die französische Konzession um­faßt eine Grundfläche von 4 Quadratmeilen und hat 500 000 Einwohner. Die Chinesenstadt endlich zählt 2 Millionen Ein­wohner, unter denen auch noch viele Japaner leben, die in diesen Tagen politischer Hochspannung keine ruhige Stunde haben dürsten.

Es regieren drei Stadtverwaltungen. Es, gibt drei juri­stische Körperschaften, drei verschiedene Eesetzanwendungen. Im chinesischen Gebiet werden manche Delikte mit dem Tode bestraft, die in der französischen Konzeffion oder in der inter­nationalen Niederlassung straffrei sind. Nur in einem sind sich alle drei Niederlassungen einig, _ in der Bekämpfung der Opium-Seuche und in der Bekämpfung der kommunistischen Agitatoren. Werden Rauschgiftschieber oder kommunistische Agitatoren in der internationalen Niederlassung gefaßt, über­gibt man sie den chinesischen Gerichten. Dann wird mit ihnen kurzer Prozeß gemacht. Die Todesstrafe ist ihnen sicher.

60 Feuerübersiille in 12 Monaten.

Die Polizei der Riesenstadt ist Tag und Nacht unter­wegs. Sie besteht aus 5700 Mann, von denen 3700 Chinesen sind. Der Rest der Truppe setzt sich aus Engländern, Japanern, indischen Sikh-Soldaten, Amerikanern und Repräsentanten anderer Nationen zusammen. Um die schwierige Aufgabe zu ermeffen, braucht nur die Tatsache registriert zu werden, daß es allein in den letzten 12 Monaten zu 60 schweren Feuer- kämpfern zwischen Gangstern und Verbrechern einerseits und dem Polizeikorps andererseits gekommen ist. Dabei wurden 19 417 Personen verhaftet, 13 Personen zum Tode verurteilt und allein in den internationalen Niederlassungen 60 Per­sonen auf Lebenszeit ins Zuchthaus geschickt.

Neben dem Polizeikorps gibt es noch ein internationales Freiwilligenkorps, dessen Kommandant ein englischer Oberst ist und deffen 20 Kompanien sich aus Angehörigen ebenso vieler Völker zusammensetzt. Es gibt ein englisches Batail­lon, ein portugiesisches Bataillon, ein philippinisches Batail­lon. ein russisches Bataillon und so fort. Viele Millionäre, aber auch viele Gangster-Führer leisten sich den Luxus eigener kleiner Privat-Korps, die gewöhnlich aus bis an die Zähne bewaffneten ruffischen Kosaken bestehen. Sie flüchteten vor dem Bolschewismus nach China. Sie gelten als die treuesten und besten Leibwächter dieses modernen Babel.

Nur die Eskimos fehlen.

Die Polizeiverordnungen müssen mindestens in vier, häufig genug aber auch in acht Sprachen veröffentlicht wer­den. Man trifft in Schanghai Vertreter jeder Rasse und jeder Nation, ausgenommen der Eskimos. In Schanghai leben neben den 2 Millionen reinblütigen Chinesen und den 30 000 Japanern 20 000 Russen, 10 000 Engländer, 10 000 Philippi- nos, etwa 5000 Franzosen, 4000 Amerikaner und etwa 1000 Deutsche. Daneben sind auch andere Nationen mit großen Kontingenten vertreten. Höchstens Singapore kann noch mit der Vielfalt der Nationen und Rassen konkurrieren. Schang­hai verdient mit Recht den Namen eines modernen Babylon.

Begin» der Traubenreife.

!! Aus dem Rheingau, 13. Aua. Wochenlang brannte die Sonne auf das Rheingauer Rebengelände. Die ,Be­kämpfungsarbeiten gegen die Schädlinge und Krankheiten der Reben, die auch diesmal wieder große Anforderungen an die Winzer stellten, sind zum Stillstand gekommen. Blatt­werk und Trauben konnten durchweg gesund erhalten wer­den undso sind denn die mengenmäßigen Aussichten auf die 1937er Weinernte recht verheißungsvoll. Allerdings muß noch mit einem mehr oder weniger großen Abgang durch den Sauerwurm gerechnet werden, ' dessen Schaden sich hoffentlich in erträglichen Grenzen hält. Wenn nun der August und der September ihre Schuldigkeit als Koch- und Bratmonate tun und sonst nichts mehr dazwischen kommt, ist vieles gewonnen. Die Laubarbeiten sind im großen und Sanzen zu Ende geführt worden. An den Hausweinstöcken . nd reife Trauben schon keine Seltenheit mehr. Selbst im freien Weinbergsgelände fangen die Trauben in den besseren Gagen schon an hell zu werden ober sich zu färben, also in Wein überzugehen. Leider werden aus zahlreichen Gemar­kungen immer wieder neue Reblausherde gemeldet.

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