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Sonntag, 20. Juni 1937
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Veilaye des Miesbaüener 3Tagblatt5.
^err van Beethoven zieht aufs Land
Erzählt von Max Karl Böttcher.
stets neuen Ausreden kehrte der getreuö Schindler zu dem drunten wartenden Künstler zurück.
Und so ging es dis fast zum sinkenden Wend. Man war schon ganz verzweifelt, und die gute „Schnapsen" drohte, davon zu laufen, wenn nicht bald ein Quartier beschafft würde.
Noch eine Wohnung war frei, di« letzte Gelegenheit, und zwar bei einem biederen Schlossermeister.
„Hier habe ich schon einmal voriges Jahr gewohnt, ich glaube nicht, daß der mich wieder aufnimmt!" erklärt« Beethoven bedrückt. — Zaghaft suchte Schindler den Handwerksmeister auf, versprach im Namen Beethovens, datz beste Ordnung gehalten, kein Wasser gepantscht werden würde und alle nur erdenklichen Rücksichten auf die übrigen Mitbewohner des Hauses genommen werden sollten.
Vergebens! Der Hauswirt blieb hart!
Verzweifelt kehrte Schindler zu dem Freunde zurück. „Ja — aber Schindler?!" stammelte der Künstler, „Sie wissen doch, ich arbeite gerade an der Neunten Sinfonie, es wird meine „Neunte", ich mutz und mutz heute noch ein Quartier haben, alles in mir drängt nach Schaffen! Gehen Sie doch nochmals zu dem Mann, bieten Sie ein paar Gulden mehr für die Wohnung! Rühren Sie sein steinern Herz! Ich mutz estre Wohnung heute haben!"
Und so ging der wackere Schindler abermals den sauren Weg! Und siche da! Er hatte Glück! Des Schlossermeisters l^chälfte hatte ihren Mann beiseite genommen und etwas auf ihn eingeredet, leise und hastig und plötzlich meinte der Meister zu Schindler: „Nun gut! Der Herr Hofmusikus mag einzichen! Wer eine Bedingung mutz sofort erfüllt werden! Der Herr van Beethoven mutz die nach der Stratze liegenden Fenster seiner Stube, in der er arbeitet, mit Fenster- Jalousien aus Lindenholz, aus schneeweitzem Lindenholz versehen lasten, auf seine Kosten natürlich!"
Mit Freuden ging Schindler auf diese Bedingung ein, die er zwar nicht verstehen konnte, Beethoven auch nicht, aber nun konnte der Einzug beginnen. —
Frau Schnaps hatte arg viel zu tun, doch die meiste Arbeit machte wohl das Auspacken und Aufstellen all der unzähligen Nippsachen, die Beethoven besatz. Das Ankäufen von Nippsachen war seine Leidenschaft. Bei seinen Stadtprome
naden beäugte er mit dem Lorgnon die Auslagen der Läden, und wenn er solche Sächelchen sand, die ihm gefielen, kaufte er ein. Vor allem schätzte er ungarische Husaren aus Silber oder Bronze, rustische Kosaken aus Sandelholz geschnitzt und anderes Reiter- oder Futzvolk aus Edelholz, Elfenbein und echtem Metall. Ferner sah man allerhand Schellen vom schönsten Silberton bis zu den einfachsten Schafglocken auf seinem Schreibtisch oder auf den Schränken liegen, auch Leuchter aller Art, kleine Statuetten alter Griechen und Römer und vor allem aber die Statue des Brutus, den er über alles schätzte und verehrte. Als alles aufgestellt und geordnet war, kehrte Beethoven von seinem Abendspaziergang zurück, verabschiedete Schindler mit warmen Dankesworten, drängte auch die „Schnapsen" hinaus und begann zu arbeiten. Während die Amseln ihre ersten Lenzakkorde versuchten, wurde drin an der „Neunten" geschaffen.
Viele Wochen wohnte nun Beethoven hier in unablästiger Arbeit, und so entstand in dem Hause des braven Handwerksmeisters in Baden bei Wien die „Neunte Sinfonie" bis auf den 4. Satz. —
Als Beethoven dann später diese Wohnung wieder auzgab und in die Stadt zurückkehrte, erfuhr die Frau Schnaps vom Schlostermeister auch den Grund, warum er zur Bedingung gemacht hatte, datz Beethoven die Lindenholz-Jalousie anbringen lassen mutzte. Der Schlostermeister erklärte: „Schauen's, Frau Schnaps, da hat doch im vorigen Sommer der Herr Hofmusikus auch schon bei mir gewohnt. Und da hat er auf die Fenster-Jalousien allerhand Notenzeugs ausgeschrieben mit der Bleifeder auf die weißen Lindenholzbrettl! Und nicht nur Noten, auch allerlei anderes kurioses Zeugs, vor allem auch Umrechnungen von Gulden in Rheinische Taler und Dukaten und andere Sach', die er sich merken wollte, z. B. wann er zu dem Herrn Erzherzog Johann geladen ist oder zum Grafen Werder. Und gegenüber, wissens, Frau Schnapsen, da hat der Baron Winterfeld gewohnt, ein reicher Kurgast, und der hat mir dann die Jalousien abgekauft um 200 Gulden, als Andenken an den berühmten Veechoven. Das ist doch ein Geschäft, nit wahr?! Und heuer hat nun der Herr Hofmusikus wieder auf die Jalousien notiert! Und verkauft habe ich die Lindenholzbrettl auch schon wieder an die Kurgäst', die zahlen gut!"
Als Beethoven, der ja schon immer Menschenverachter war, von der Frau Schnaps das erfuhr, brach er in ein schallendes Gelächter aus, aber dann sagte er bitter: „Und da nennen sich die Menschen — Geschöpfe Gottes! Infamer Hochmut!"
Eine eitle Mutter.
Von Stina Palmborg.
Eine sehr menschliche schwedische Lehrerin hat ein lesenswertes Buch geschrieben das heitzt: „Sorgenkinder" (Paul Hartung, Verlag, Hamburg) und behände» Probleme ihrer Erziehung. Hier ist ein Stück heraus, das von einer eitlen Mutter handelt.
Ich hatte einmal in meine: Klasse ein kleines Mädchen, das nicht direkt unbegabt war, dem es jedoch schwer fiel, lesen zu lernen. Sie war aber durchaus nicht unmöglich; hatte man
nur Zeit, sich ihr länger zu widmen, dann ging es ganz gut. Aber die Klasse war groß, viele der Kleinen brauchten Hilfe, und so blieb kein anderer Ausweg, als die häuslichen Aufgaben.
Ich gab nur wenig und wohloorbereitete Hausarbeiten, und so ging es beim Abhören gewöhnlich gut; außer der Ulla. Bei ihr ging es schlechter als am Tage vorher bei der Vorbereitung. Da saß das arme Ding und zerhackte förmlich jedes Wort; in dem kleinen kummervollen Gesicht wechselten Röte und Blässe, die Finger schlosten sich krampfhaft um den Zeigestock und die Augen sahen Fräulein an mit einem so bittenden Ausdruck. Welchen Abgrund von Kummer kann nicht ein Kinderblick widerspiegeln! Da gab es dann keinen anderen Rat als noch einmal von vorne anzufangen. Aber mit welcher Vorsicht mutzte man zuwege gehen! Bei der kleinsten Andeutung von Strenge im Ton kam wieder der angstvolle, gequälte Ausdruck in Ullas Augen. Da sie ein gutes Elternhaus hatte (sie war die Tochter eines angesehenen Beamten in der Stadt), fragte ich sie einmal, ob nicht ihre Mutter Zeit hätte, ihr bei den Schularbeiten zu helfen? Ja, gewiß half die Mutter ihr —, das war ja das schlimmste von allem! Die Mutter, die früher so gut gegen Ulla gewesen war, war so streng geworden, seit die Kleine die Schule besuchte. Jedesmal, wenn Ulla etwas falsch las, bekam sie mit dem Lineal Schläge auf die Finger.
Ich nahm die kleinen zitternden Kinderhände in meine. Arme kleine Ulla! Du bist also das Opfer einer eitlen Mutter!
An demselben Tage kam Ullas Mutter in die Schule. Stattlich und elegant und mit einer etwas herablassend freundlichen Miene trat sie ein. Nach Schluß der Stunde hatten wir ein längeres Gespräch miteinander. Die Maske der Höflichkeit und guten Manieren, die beizubehalten sie sich anfangs bemüht hatte, warf sie bald ab und vor mir stand eine empörte, stolze, beleidigte Mutter.
Es war nicht möglich, nein, es war vollkommen unsinnig, undenkbar, abgeschmackt ernfach, daß sie, Frau N . . . — hier folgte ein ganzer Wortschwall unausgesprochener und doch so klar vernehmbarer Superlative über ihre eigene Begabung —, eine unbegabte ober, rundheraus gesagt, dumme Tochter haben sollte! Nein, der Fehler lag ganz wo anders! Die Lehrermethoden waren eigenartig heutzutage und — verzeihen Sie — die Lehrerinnen verpimpelten die Kinder auch gar zu sehr! Die Schläge fielen dicht, aber sie trafen nicht. Ich stand nur die ganze Zeit und dachte darüber nach, wie ich Ulla vor ihrer verblendeten, sich selbst vergötternden Mutter retten könnte.
Nein, das Gör sei störrisch und faul, schloß die gereizte Mutter, aber es gäbe wohl Abhilfe für so etwas! Ganz unbewußt hatte sie ein Lineal genommen, das auf dem Pult lag, und begleitete jedes ihrer Worte mit einem Schlag mit dein Lineal. Ich fühl« Ullas zitternden kleine Hände in den meinen und mein Mitgefühl wurde beinahe körperlich. Ein dunkler Trieb stieg in mir hoch, ein Drang, das Lineal an mich zu reißen und wieder zu schlagen, hart, hart, zu schlagen und immer wieder zu schlageq! — Aber die rote Flamme wich nach kurzen Augenblicken. Vielleicht hätte ich mich selbst dadurch befreien können, aber ich würde für immer öic Macht verloren haben, Ulla zu retten. Ich tat also mein
Wieder war Frühling in Wien, im ließen, alten Wien, 6iunb genug, daß Herr van Beethoven, der Herr Hofmusikus, eine seiner Stadtwohnungen mit Sack und Pack verließ und in der schönen Umgebung der Donaustadt für sich eine Bleibe jiir den Sommer mietete.
Der Sonderling besaß zu manchen Zeiten nicht weniger denn drei Quartiere in Wien, von denen er natürlich nur eins bewohnen konnte, aber sämtliche drei bezahlen mußte. Mer wenn der Lenz ins Land kam, litt es ihn nicht länger m den Mauern der großen Stadt, da mußte er hinaus und irgendwo ein Sommerquarfier beziehen.
Seine Freunde, vor allem der getreue Schindler (sein späterer Biograph), halsen ihm dabei in aufopfernder Liebe und di« Frau Schnaps, seine Haushälterin, hatte bann ganz gewiß kein leichtes Los, denn bann mußte Beethovens gesamtes Küchengerät, sein kostbarer Broadway-Flügel und seine sämtlichen kostbaren Nippsächekchen, deren er viele Kisten voll besaß, mitgeschleppt werden. Auf einer gemieteten Karre wurde alles verpackt, und nun zog man los auf die Wohnungssuche in die Vororte.
■, In Döbling, in Penzing bei Schönbrunn, in Hetzendorf, in Vaden bei Wien — überall hatte der seltsame Hagestolz bereits gewohnt!
L Und heuer, da der große Tondichter just an der unsterb- slichen „Neunten Sinfonie" arbeitete, hatte er es besonders heilig, der lärmenden Großstadt zu entrinnen und in lenz- durchsonnter, friedlicher ländlicher Gegend Ruhe zu finden.
s In Penzing fand er ein hübsches Heim, aber nur wenige Sage fand er sich dort wohl, denn der adlige Hausherr, der Besitzer des Landhauses, machte seinem berühmten Mieter M,zuviel Komplimente, schwatzte auf ihn ein, wo er ihn erwischen konnte, und als ihm Beethoven aus dem Wege ging um seiner Aufdringlichkeit zu entgehen, lauerte er ihm auf, Denn er das Haus verließ und versuchte, ihn auszufragen feiner gegenwärtigen Arbeit und nach seinen weiteren nen. Das wurde dem wortkargen, verschlossenen und ein« n Beethoven denn bald zuwider, sodaß er kurzerhand die „ngene Miete für den ganzen Sommer bezahlte, es waren rheinische Taler, und verschwand. Wer nun war er wie- obdachlos, und so schrieb er einen hilfeheischenden Brief einen Freund Schindler und bat dringend, sofort für ihn neue Wohnung ausfindig zu machen, am liebsten wäre Ijm Vaden (bei Wien), und er schlich das Epistel: „So »acht, bester Freund! Das Wetter ist gerade recht zum Um» g! Bester heute, als morgen, mir brennt die Arbeit! resto, prestistimo!"
I Nun war es aber gar nicht leicht, gerade in Baden etwas Mausfindig zu machen, denn Beethoven war dort bei den mei» " n Hauseigentümern bekannt wegen seiner Schrullen und herberen Gewohnheiten. Der gliche Künstler war so übensfremd und weltunkundig, so kindlich oft in seinen Anschauungen über die Dinge des Alltags, datz er oft ausgenutzt und belächelt wurde. Besonders von Geldsachen verstand er so wenig, und obgleich seine Einkünfte manchmal ganz bedeutend wären, befand er sich doch nicht selten in Geldnöten.
L Aks nun Schindler nach Erhalt des Briefes sofort zu Beethoven eilte, um mit ihm in Baden eine Sommerwoh- itung ausfindig zu machen, fragte er ihn zuerst, ob er denn auch genügend Geld habe, schon wieder ein neues Quartier zu belegen, da er doch gegenwärtig noch drei andere Woh- Ungen zu bezahlen hätte.
- „Geld?! Mehr als genug, Bester! Ich habe meine große iolene Messe den Höfen Europas gegen ein Honorar von je A Dukaten angeboten, autzerdem auch dem Herrn von Goethe 'Und Herrn Cherubini! Freilich, Goethe und Cherubini haben es gar nicht für nötig erachtet, mir zu antworten, aber die Höfe haben mir geschrieben, datz sie die Meste ankäusen wer- nd acht haben bereits das Geld gesandt! Darunter der russische Hof, der sächsische, der preußische und der französische Hof, sodaß ich nun über 400 Dukaten verfüge! . Na, ist bas NUN Geld oder ist das keins?! übrigens, der königlich preu- Wche Hof bot mir statt der 50 Dukaten einen hohen Orden un, aber ich bestand auf den Dukaten! Gold ist bester als ’ Ciben!“ lächelte Beethoven, denn er gab ja bekanntlich so k Denig auf äußere Ehren und Orden, deren er ja schon über- : genug besaß.
„Dann ist's ja gut, wenn Sie ein Geld haben?" lachte Wchirckler, „und nun los und auf die Wohnungssuche! Aber : eins müssen Sie mir versprechen, Meister: Wenn Sie sich . Dascheq und sich das Master kannenweise über den Kopf . gießen, dürfen Sie den Fußboden nicht ersaufen lasten, das ßügen Hauswirte unv Hausbewohner nicht leiden, und dann «ts wieder Prozesse und Eeldunkosten und Argerniste!"
„Man sollte jedem sein Plästier lasten, bester Schindler! find das Panschen mit Wasser ist das Meinige! Sehen Sie, L l® kann ich am besten arbeiten: Wenn ich vormittags nicht - u-isgehe, so stelle ich mich an die Waschschüssel und kornpo- Mere? Und wenn ich ganze Krüge von Waster mir über die : bänbe und Brust gieße, kommen mir die besten Gedanken, ^uurd wenn ich noch dazu die ganze Skala von Tönen auf- ®nd abheulen kann, dabei im Zimmer auf- und abmarschiere und schnell einiges notiere, habe ich die schönsten musika- MAchen Einfälle! Und das soll ich nun unterlassen?! Uner- M horte Zumutung!!"
K», „Aber die Hauswirte, Meister?! Und die Mieter unter Wuhnen?!"
I „Sind alle Kunstbanausen!" knurrte wütend Veechoven. K. Und nun ging es los mit der Wohnungssuche! Es war E?» herrlicher Lenztag! Die Frau Schnaps, Beechovens Haus- UMlierin und der Diener Schindlers zerrten den großen Kar- U mit Beethovens Habseligkeiten hinterdrein und schwitzten M Eidlich.
M-, An jedem Hause, an welchem ein Wohnungszettel kün- Egte, datz ein Quartier frei sei, trat Schindler ein und net= ■Jubelte mit dem Wirt. Sobald dieser aber hörte, datz Herr kxn Veechoven der Mietkustige sei, lehnte er jede weitere t ^Handlung ab, und mit immer bedrückterer Miene und
schone deutsche Trachten.
Mädchen i» der malerischen Villinger Tracht.
(E. Bauer-Wagenborg-M.)
