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Die Gsldgrube.
Bon Peter Robinson.
Müllpacker betreibt seit einem Jahre ein Zigarrengeschäft am Kohlmarkt. Er hat schon zehn oder elf — genau weiß er selber das nicht mehr — Unternehmungen gleicher Art geführt, eins nach dem andern, denn zu Filialen hat er es nie gebracht. Miillpacker hat alle diese Geschäfte verkauft, an hoffnungsfroh aufstrebende Leute, die ein paar tausend Mark. hatten. Aus Gesundheitsrücksichten mühte er leider, leider das blühende Geschäft aufgeben, hat er jedesmal gesagt. Aber dann ist er immer wieder sehr schnell wohlauf gewesen.
Jetzt will Müllpacker wieder verkaufen. Ein gewisser Schellmann findet sich ein. Er ist Friseur und Barbier, aber er hat in letzter Zeit zittrige Hände bekommen: immer, ehe er jemand rasiert, muh er einen Kognak trinken, dann hat er sichere Hände. Weil er aber nicht jeden Tag etwa fünfzig Kognaks trinken kann, will er sich nun auf Zigarren, Zigaretten und Tabak legen, womit er sich gut zu betten hofft.
Müllpacker entwirft feurige Schilderungen, was für eine Goldgrube der Laden wäre. „Diese ausgezeichnete Lage! Hier sind Banken in der Nähe und Versicherungsgesellschaften und große Kontore. Und alle die Herren holen sich nach Büroschluß ihre Zigarren für de» Abend bei mir. Von 4 bis 5 — da gibt hier ein Kunde dem anderen die Türklinke in die Hand. Eine Wonne ist das!"
„Schön, ich werd's mir überlegen", sagt Schellmann und schiebt ab. Zwischen 4 uno 5 kann Schellmann schlecht aus seinem Berschöner^ingssalon fort, und Miillpacker hat sich das auch gedacht. Aber was tut Schellmacher? Er nimmt sich den Dienftmann Nummer 17. „Stellen Sie sich mal heute um 4 Uhr vor dem Zigarrengeschäft am Kohlmarkt auf, und dann zählen Sie. wieviel Leute da bis 5 Uhr hineingehen. Aber ganz genau!" — Schellmaun ist nicht ohne Verstand, nicht wahr?
Aber Miillpacker hat schon eine Ahnung! Steht doch da ein Dienstmann und glotzt. Immerzu glotzt er auf die Ladentür.
Miillpacker nimmt eine Schachtel Zigaretten, schreibt die Adresse eines Busenfreundes darauf, der iueit draußen in der Vorstadt wohnt, und holt sich den Dienstmann Nummer 17 herein. „Hier, mein Lieber, besorgen Cie das! Aber sofort — Sie kriege» auch die doppelte Taxe!"
Den Dienstmcm» Nummer 17 ergreift Wehmut. „Tut mir schrecklich leid, Herr. Das tät ich ger» machen, aber ich hab' schon 'nen Auftrag."
„Einen Austrag? Nanu, Sie standen doch da ganz ruhig auf der Straße."
Der Dienstmann Nummer 17 ist kein Licht. Treuherzig sagt er: „Ich soll nämlich zählen, wieviel Leute hier bis um Fünfe in den Laden gehen."
Miillpacker drückt ihm die Schachtel mit den Zigaretten in die Hand und ein Zweimarkstück dazu. „Machen Sie nur, daß Sie fortkommen, mein Lieber; die Sache ist mir sehr wichtig. Und nachher kommen Sie wieder zu mir heran. Da werde ich Ihnen schon sagen, wieviel Leute hier inzwischen 'reinge- konime» sind."
Angriffe abgeschlagen.
Der Wiener Volksschauspieler Girardi hatte oft die Erfahrung machen müssen, wie undankbar es ist, Bekannten oder Kollegen mit Geld auszuhelfen. Meist endete eine solche Hilfsbereitschaft mit Zank und Ärger. Er hatte es sich deshalb angewöhnt, Bitten um Darlehen kein Gehör mehr zu schenken.
An einem schöne» Nachmittag, als er auf dem Ring spazierte, trat ein Bekannter erfreut auf ihn zu:
„Wie gut, daß ich Sie treffe! Ich brauche für einen Einkauf dringend zwanzig Kronen und habe kein Geld bei mir. Sicher können Sie mir aus der Verlegenheit helfen."
Girard! fixierte den Mann lächelnd und meinte: „Wissen Sie was, lieber Freund, san mir lieber gleich bös'!"
Ein andermal kam ein Kollege, dessen ewige Pleite allgemein bekannt war, in seine Garderobe. In der Hoffnung, eine» Pump ausiiehnie» zu können, beugte er sich über Girardi und flüsterte: „Ich muß Ihnen ganz vertraulich etwas sagen: ich habe keinen Heller mehr!"
Girardi entgegnete beruhigend: „Sie können sich auf mich verlassen, mein Lieber; ich sag's nicht weiter!" H. M.
* Karl Silex: „De r Marsch auf Madrid", Spanien gestern und heute, ein Kriegs- und Reisebericht (Verlag E. A. Seemann, Leipzig). Dieses Buch entstand im Anschluß an eine Reise, die der Verfasser, der Hauptschriftleiter der DAZ., Anfang 1937 durch das nationale Spanien gemacht hat. Silex begnügt sich aber nicht mit einem Reife- und Frontbericht, sondern zeigt auf Grund der an Ort und Stelle gesammelten Eindrücke nach einem kurzen historischen Überblick die wirtschaftlichen und politischen Zustände in Spanien, die zwangsläufig zu diesem „Bürgerkrieg" führen mußten, sowie die Folgerungen, die sich für das Land und seine Politik daraus ergeben. Die zahlreichen Bilder sowie der Anhang gebe» dem spannend geschriebenen Buch eine besondere Note.
* Hans Fritsch: „Hohe Jagd in der Tatra". Wildnis und Weidwerk in den Karpathen. (Verlag „Das Vergland-Buch", Salzburg.) Wie der Jäger und Dichter Löns durch seine geliebte Heide, streift Fritsch durch die Karpathenwildnis, die noch dem Bären, dem gewaltigen Karpathenhirsch, Luchs und Wildkatze eine Heimat bietet. Ihm geht es nicht nur um Abschuß und Strecke. Er ist Jäger, er ist Heger, er lauscht der vielstimmigen Sprache seines Waldes und schaut trunknen Auges die Schönheiten unberührter Wildnis. Ob Jäger oder Nichtjäger, beide werden diese Jagdabenteuer in der köstlichen Einsamkeit des Karpathenreviers mit gleicher Spannung, gleichem Entzücken und gleichem Gewinn erleben.
* Maria v. Kirchbach: „Die lächelnde Göttin". (Ullstein-Verlag, Berlin.) Eine junge Russin wird mit ihren Angehörige» und ihrem Verlobten, dem jungen Deutschrussen Michail Derndorfs, in den zerstörenden Wirren der russischen Revolution nach der Stadt Urumtschi in Ost- Turkestan verschlagen. Von hier geht Michail mit einer Expedition, die ein amerikanischer Professor leitet, und bei der auch sein Bruder Fedor ist, ins Innere. Ein Bildwerk aus der griechisch-buddhistischen Kunst, die verschollene Statue der „Lächelnden Göttin", soll gefunden werden. Die Expedition gerät in todbringende Gefahren und eine Fülle atembeklemmender Abenteuer nimmt ihren Lauf.
* „Mädche» im Vorzimmer“. Von Edmund Sa bot t. (Verlag Scherl, Berlin SW. 68.) Tausende von Sekretärinnen, die ebenso tagsüber an der Maschine fleißig ihre Pflicht tun und den Ehrgeiz haben, zur Zufriedenheit des Chefs zu arbeiten, die aber alle eine stille und tiefe Sehnsucht in sich tragen nach dem einzigen „richtigen" Mann, dem sie mehr als Mitarbeiterin und Kollegin, dem sie Kameradin und Lebensgefährtin sein möchten. Sie alle haben den Wunsch, aus dem Vorzimmer des Büros in das eigene Heim zu kommen. Ein solches Schicksal erzählt Edmund" Sabott frisch und lebendig in diesem Berliner Roman.
* Alice Lyttke ns: „Man muß soviel in dieser Welt". Roman. (Paul Zsolnaq, Verlag, Berlin W. 35.) Alice Lyttkens läßt ihren drei so rasch bekanntgewordenen Frauen-Romanen einen vierten folgen, der den Lebensweg der jungen Rechtsanwältin Ann Ranmark, die wir bereits aus dem Roman „Es ist nicht wahr" kennen, mit großer Eindringlichkeit erzählt. Kampf nach außen und innen bewährt sich Ann aufs beste, weil sie immer bereit ist, sich ganz einzusetzen: ihre grenzenlose Opferbereitschaft ist ihr schönster Zug.
* „Ravensteins Relief-Wanderkarte vom Westerwald 1:100 000.“ (Ludwig Ravenstein, AE„ Frankfurt a. M.) Die Karte reicht in der Westostrichtung von Betzdorf, Weinähr bis Wetzlar, in der Nordsüdrichtung von Kirchen, Eibelshausen bis Kirberg, also etwas über die Lahn hinaus. Die schönsten Wanderstrecken sind mit Wegezeichen markiert, die sämtlich auf der Karte enthalten sind. Alles für den Wanderer Wissenswerte ist enthalten, so daß die Karte allen Freunden des Westerwaldes ein treuer Weggenosse sein wird.
* „S a n i t ä t s - L e x i k o n." Ein Nachschlagewerk für alle Sanitäts-Dienstgrade und Krankenträger der Wehrmacht, für Sanitätsmänner aller Organisationen, für Laien- helfer und Schwestern, sowie für alle hilfsbereiten Volksgenossen von Oberfeldarzt Dr. I. Gebier, Luftkreisarzt beim Luftkreiskommando Hl. Mit 8 Tafeln und 87 Abbildungen im Text. (Franckh'fche Verlagshandlung, Stuttgart.) Wer dem Arzt in der Sprechstunde, am Krankenbett der Klinik oder zu Hause zur Hand gehen muß und selbst verantwortungsbewußt seinem Nächsten zu helfen bereit ist, findet hier schnell Rat und Auskunft. In alphabetischer Reihenfolge ist alles kurz gefaßt und ost nur in Stichworten zwanglos aneinandergereiht.
Verlag der L. S'chellenberg'schen Hosbuchdruckerei in Wlesbadei» ”
verantwortlich für die SchrifUeitungi F. N-iintder in Wiesbaden. — Druck und
Nr. 94.
Freitag. 23. April
1937
Roman von Christel Broehl-Delhaes
wiegt schwer
17. Fortsetzung. ***”■ (Nachdruck verboten.)
„Die Düse", er wiederholt den Namen fast mit Scheu.
„Und nun stelle dir vor: Es liegen in einem jungen, hochbegabten Menschenkinde diese Möglichkeiten, jemand ist berufen, etwas Großes zu werden, und an der Engherzigkeit der Erzieher scheitert die ganze, große Hoffnung--das kann mich rasend machen!" Sie
redete Andrees noch dringlicher zu. „Was soll denn den Kindern zugemutet werden? Doch nur das, was sie von selbst gern tun. Hast du die Augen des Jungen gesehen, als ich ihm von den Stätten der bildenden Kunst erzählte?!"
„Doktor Utsch sagte doch, daß er wachen wolle, wenn Klaus-Dieter so weit wäre . .
Ihr Gesicht lohte dunkelrot vor Zorn.
„Hast du es nötig, auf Utsch zu warten und dich seinen Vorschlägen unterzuordnen?"
Sie hatte recht: Warum war er so kleinlaut?
„Es ist nur: Utsch meint es wirklich gut."
„Gut meinen und gut tun — das ist noch lange nicht dasselbe! Utsch ist auch so ein gütiger, liebenswürdiger Spießer, so ein Handwerker, so ein Dutzendmensch, nicht wahr? Aber du bist ein Künstler, und du willst Künstler aus deinen Kindern machen, weil sie künstlerisch — nicht handwerklich — begabt sind."
*
Dorothea schrieb in einem folgenden Bries an ihren Mann: „Ich bitte Dich um eins: Dehne den fremden Einfluß, unter den Du Dich gestellt hast, nicht auf unsere Kinder aus!" Und obwohl Andrees darüber zuerst rasen wollte, so stimmte das Nachfolgende ihn doch wider Willen weich:. „Es ist mir doch sonst nichts geblieben! Das Leben und das Schicksal haben Dich mir genommen Nur die Kinder habe ich noch. Laß sie mich nicht verlieren durch den fremden Einfluß. Noch bitte ich Dich! Eines Tages werde ich mich wehren! Ich kann mich wehren, ich habe das Recht dazu! Zwar werde ich Dich schonen bis zuletzt — aus Liebe zu den Kindern. Alles andere ist mir gleichgültig. Aber alles hat eine Grenze! Werde nicht jetzt noch zu meinem Feind!"
„Wie feig du bist", höhnte Lydia voll Verachtung. „Du hast nicht die Kraft, über diesen theatralischen Brief zu lächeln und deinen gerechten Willen durchzusetzen."
„Lydia!" er sagte es nach hartem inneren Kampf. „Ich werde den Kindern mein Wort halten, werde zu Weihnachten heimfahren und — Herthas „Christelflein" sehen. Lydia, schicke kein Geld mehr bis dahin! Ich bitte dich!"
In den nächsten Wochen sagte Utsch oft voll tiefer Besorgnis zu Dorothea:
„Ich weiß nicht, was mit Asta Sendling ist. Sie arbeitet nicht mehr, ste ist irgendwie erschöpft, ganz ausgepumpt. Wenn es nicht so grausam, so erschütternd
klänge, würde ich sagen: Sie hat verausgabt, was in ihr steckte und--" Er sprach nicht weiter.
„Aber Sie sagten doch stets, Asta sei ein großes Talent", entgegnete Dorothea in Besorgnis.
„Ja, sie war es, Frau Dorothea. Aber es ist etwas anderes stärker in ihr, und das erdrosselt jedes Können. Es gibt zwei Gruppen von Künstlern: Die eine verntag nur zu schaffen, wenn sie voll Sehnen, Kampf und Unrast ist; die andere braucht zu fruchtreichem Schaffen Gleichmäßigkeit, Harmonie. Bürgerlichkeit. Zur letzteren Gruppe gehört Asta Sendling. Ihre zersplitterte Ehe richtet ihr Künstler- wie ihr Menschentum zugrunde. Sie ist ein im Grunde weicher, warmherziger Mensch, der Liebe braucht, ganz einfach Liebe. An der Lieblosigkeit geht sie zugrunde."
Dorothea hatte sich all dies beim Nachdenken über Aftas Schicksal schon selbst gesagt. Als Utsch es so grell und unbeschönigt in Worte kleidete, erschreckte es sie dennoch.
„Asta muß sich mit Owen Sendling wieder aussöhnen, wieder seine Frau und Hans-Jochens Mutter werden", fuhr Utsch fort.
„Ich glaube es auch", Dorothea hielt den Kops gesenkt. „Doch sie verschließt sich. Sie wird nicht den ersten Schritt tun, und Sendling wird ihn auch nicht tun. Sie beachtet das Kind ja kaum, wenn es hier ist."
„Ja, sie beachtet es nicht. Weil sie sonst zerspringen müßte, weil sie es sonst gar nicht mehr aushielte. Sie liebt es doch abgöttisch."
„Das Leben, das sie führt, ist längst wider alle Natur. Wenn man ste doch überzeugen könnte . . .“
Utsch griff nach Dorotheas Hand.
„Bleiben Sie ihre Freundin! Sie braucht keinen Menschen so notwendig jetzt wie Sie, und nur Sie können noch mehr erreichen, als Sie schon erreichten "
Dorothea setzte zweimal an, um etwas zu sagen, etwas, das sie selbst betraf und das ihr auf dem Herzen brannte. Doch wieder verschloß Scheu ihre Lippen, und sie sprachen weiter über Asta Sendling und erwogen, wie sie ihr helfen könnten.
Dorothea dachte jetzt mehr denn je daran — Weihnachten rückte ja auch näher —, daß Gerl nun wohl bald kommen würde. Sie zweifelte nicht mehr an seinem Versprechen nach dem, was Klaus-Dieter und Utsch ihr über den Berliner Aufenthalt berichtet hatten. Nach den merkwürdigen Geldsendungen wußte sie genau, daß ihn ein unbestimmtes Vorhaben herziehen würde. Er erinnerte sich plötzlich — vielleicht sogar gedrängt von jener Frau — seiner Kinder; er wünschte, ihnen eine Zukunft aufzubauen und stellte Dorotheas Mittellosigkeit die starke Waffe feiner wirtschaftlichen Überlegenheit gegenüber. Niemals glaubte Dorothea daran, daß Gert ihr die Kinder nehmen würde, aber si«
