Einzelbild herunterladen
 

Wer Sonntag

VeNaye Oes Miesdaüener Tagblatts.

Sonntag, 4. April 1937.

~£ha COzZ rkr^Jrau

üßen

Eva Marianne S a e n a n n>

Die Dichterin von Goethes Kindheit.

Zu Bettina Brentanos Geburtstag am 4. April.

Die kleine Bettina im blaugeblümten KattUnkleid legt« den Kopf auf die braunen Arme und weinte. Wolfgang looethe hatte ihr zum ersten Male in ihrem Leben qegen- ubergestanden--. 9 9

weil sie schon war wie der Tag und dach Leib und Leben zu, daß sie es nähme. 2Ibi mals geno------ ' "

blieb sie i

Die Liebe dev Antje Vanderluys

Eine Geschichte aus Flandern.

Von Walther Neubach.

Wort für Wort hörte Bettina wieder dies alles was Wolfgang Goethe zu ihr gesagt hatte, obwohl sie nun in ihrem Hellen Mädckienstübchen saß und er wohl dort drüben bei seiner Mutter. Sie löste den Kopf von den verschränkten Armen. Sinnend begann sie ihre zerzausten Zöpfe auszu- ftecken. Eine verspätete Träne lief ihr langsam über das lieb-

Aus der kleinen Bettina mit dem stürmischen Herzen wurde eine Frau. Einx sehr liebliche, heitere, die in Gesell­schaft«" gu reden und scherzen wußte. Männer liebten sie weil sie schon war wie der Tag und dachten ihr wohl aar Leib und Leben zu, daß sie es nähme. Aber sie hat es nie­mals genommen so ganz als ihr Eigen. Einem gegenüber blieb sie immer Kind und Bettina, obwohl man sie bald Frau Armin nannte. Das war Goethe. Dem jungen Kind l" sich, mtt der leidenschaftlichen, großen Liebe zu dem viel alteren Mann blieb sie treu, auch als Frau. Sie hat niemals für sich etwas anderes begehrt von ihm, der allen Frauen Geliebter war, als daß er es dulde, daß sie ihm seine eigenen Herzschlage zurückgäbe, die sie in sich empfangen seit jenem Tag, wo sie ihn zuerst gesehen. Mit einem stillen, kindlichen Lächeln hat sie ihm gegeben, um was er sie bat. Er hat Tie oft gebeten und immer nur sich selbst gedacht dabei Sie tat das Schwerste und das Schönste, was sie tun konnte: sie versuchte sein« Kindheit nachzuleben, um ihm das Erinnern zurück zu schenken, lückenlos und ohne Riß. 3n ihren Briefen W«nt Bettina von einer leuchtenden, kindlichen Heiterkeit. So war sie wohl auch im Grunde ihres Wesens. Aber als sie die Briefe von seiner Kindheit geschrieben, da mußte sie doch, was es heißt, einmal das Herz eines Übergroßen schlagen gehört zu haben. Und sie wußte auch warum sie damals als junges Kind, zuerst in Tränen aus­gebrochen, ehe |te in den Frühling gelaufen ---.

Wohl war er nicht mehr der Wolfgang, von dem Frau Rat ihr m lebhaftfarbigen Bildern erzählt hatte: Wie er die Tontopfe allesamt aufs Pflaster geworfen, wie er als rlelner, braunlockiger Bub den Kameraden die wildbeweg- tepen Märchen vorgeflunkert. Und wie er dann später älter war und hinauszog in das Leben, nach Leipzig, Straßburg aus die Universitäten. Wie er di« Pfarrerstochter geliebt hatte, die mit den Hellen Augen und den munteren Füßen, der er beides genommen hatte, die Hellen Augen und die Munterkeit, obwohl er sie doch so sehr lieb hatte: Friedericke — —! Rein, Frau Rats Sohn war ein Mann geworden. Bettina bebte im Erinnern, wie sie an ihn dachte. <&s geisterte durch ihre sonst so kecken Augen ein verlorenes Sinnen: ein Mensch trat auf sie zu, groß, kraftvoll, in einer freien Heiterkeit. Ein Kopf stand machtvoll im Schatten, der vom Stamme des Nußbaums durch das Fenster dämmerte — 6>eich silbernen Schwettspitzen schien das Haar im Zwielicht. Bettina schloß die Augen! Es war ihr gewesen wie in einem "K?r5cn’ io wunderbar —. Ja, es war wohl doch ein Märchen. Frau Rats Sohn beugte sich zu ihr! — Es standen über ihrem glühenden Kindergesicht die Strahlen zweier ""ergroßer brauner Augen, goldenen Sonnen gleich. Um ihren Kopf lagen zwei Hände wie ein Kranz des lebendig durchpulsten Lebens, das die Erde je aus sich selber ge­schaffen. Es floß ein fremder, rätselvoller Dust über sie hin. Ihre Ohren, ihr Herz klang wider in dem Atem einer lebens- heiteren Stimme, die sich durchblutete, als sei es ein Teil oon ihr: »Kind, du gleichst deiner Mutter, aber deinem Vater gleichst du auch!" - „Weißt du, kleine Bettina, deine Mutttr war fo chön wie die Engel schön sind im Himmel! ^hr Gesicht war so fein und solchen Glanz hatten ihre Augen. Als ich sie zuletzt sah, stand sie am Bett des kranken Generals Brentano, der sie liebte und der doch nicht ihr Mann war. Sie spielte Schach mit ihm. Er wollte es so haben und hatte sie darum gebeten. Da lächelte sie ihm zuliebe. Aber sie wußte doch, daß er ein^rotkranker war. Und als er umsank, rief sie rhm zu: „Mein General!" In seinen müden Augen ist da ein Leuchten aufgeblüht: „Meine Königin!" Dann ist er ge­storben. Das war das letzte Mal, daß ich deine Mutter lebend fand? Die Stimme des fremden Mannes hatte ge­schwiegen danach. Seine Augen blickten nach dem kahlen Nußbaum int Hof, wo es Frühling wurde —.

Antje Vanderluys war allein; mit müden Schritten und glanzlosen Augen ging sie der Arbeit nach, die sie verrichten mußte, wenn nicht noch Hunger und Armut bei ihr Einzug halten sollten. Alles war für sie gestorben, die Blumen am Fenster und die Sträucher des Gartens, die Erlen und Weiden am Wasser und die Felder, die ihre Ähren wiegten im ewig jungen Lied der Fruchtbarkeit. Die Zärtlichkeit, die ihr Blut dem Kinde entgegentrieb, war verhalten von der Leere ihrer Seele. Oft saß sie vor den Bildern von Jan und Hein, in ein Betrachten versunken, das sich in Irrgärten verlor, aus denen es oft kein Zurück mehr gibt. Sie mied die Menschen und alles, was sie an ihr Leben und Hoffen erinnern konnte, und als das erste Lachen ihres Kindes an ihr Ohr drang, fielen diese Töne des Glückes in ein leeres und totes Herz, das keinen Widerhall geben konnte.

Jahre gingen so dahin und das Kind wuchs heran. Wieder waren Winter und Sammer an Antje vorbeigeglitten wie flüchtige Bilder eines Buches, in dem sie nicht mehr zu lesen verstand. Und wieder war ein Tag gekommen wie damals, als Hein Dirksen zum ersten Male in der Tür stand. Zwei Menschen traten zu ihr in die Stube, ein alter Mann und eine Frau mit guten Augen. Sie sprachen nicht viel, sondern griffen nach ihrer Hand. Aber die Worte, die spärlich von den Lippen der beiden kamen, tropften wie Balsam in ihre wunde Seele. Erst jetzt, nach vielen langen Jahren hätten sie aus dem Munde eines Kameraden erfahren, daß ihr Hein eine Frau und ein Kindchen im flämischen Land gelassen hätte. Und sie seien gekommen, um sie mitzunehmen, beide, Mutter und Kind, auf den großen Hof mit den schönen Pferden und Kühen, der jetzt verwaist sei, weil der Hein nicht mehr zurückgekehrt war. Dorthin gehöre sie doch auch: die Menschen redeten und dächten genau so wie hier, die Felder und Wiesen feien^genau so groß und weit. Und das sollte alles einmal ihr Junge haben, wenn er so groß und stark ge­worden wäre, wie der Hein es war.

Als der letzte Abend im Häuschen am Kanal für Antje ^?""erluys kam, nahm sie das schwarze Tuch, das sie um das Bud ihres Heins geschlungen hakte, und legte es um das Bild, das daneben hing, um Jan, der in einem weiten und fremden Lande für sie gestorben war. Mit klaren Augen und festen Schritten ging sie neben den beiden Alten her, an den Weiden und Erlen vorbei, die wieder grünten, und der Sonne ent­gegen, die heller denn je an diesem Morgen im Osten über ihrer alten und neuen Heimat aufging.

Das ist die Geschichte der Antje Vanderluys und ihrer ^iebe. die sie überkam, als der Frühling in ein wundes Herz und in ein wundes Land einzog. Sie versank in den Nebeln und Schleiern einer düsteren Zeit und kam zurück mit der Sonne und ihrem Sieg über die Stürme und Wolken.

Der Himmel war klar und hell, als eines Tages Piet Vanderluys wieder auf dem Boden seiner Heimat stand, und die frischen Winde, die vom Meere tarnen, der dampfende Atem der Scholle glätteten schnell die gelben Falten, die ver­sengende Tage und giftige Nächte Afrikas in sein junges Ge- stcht gelegt hatten. Und da die Hände des Vaters schwielig und seine Augen trübe geworden waren, nahm er bald eine Frau, die neben ihm hinter dem Pfluge herschritt und das kleine Haus am Kanal mit der gleichen klappernden Emsig­keit erfüllte, wie es in feinen Kindheitstagen die Mutter ge­tan hatte.

Die Sonne, die über dem Lande stand, sah mit viel Freude durch blank geputzte Scheiben in die Küche, in die Ställe, in denen fette Kühe und glänzende Schimmel standen, und auch in die uralte Holzwiege, in die man Antje Vanderluys legte, als sie zusammen mit San zur Welt gekommen war. Zu- stimmen spielten sie unter den Fliederbüschen des Gartens, ,dßen zusammen draußen in den Wiesen unter den Erlen und Weiden, aus denen Jan frühzeitig Pfeifchen und andere In­strumente zu schnitzen verstand, ritten zusammen auf dem «retten Rücken der „Lisette" mit dem Vater vom Feld nach Hause und lauschten mit offenen Mündern, Ohren und Herzen, wenn Piet Vanderluys von den Urwäldern, Kroko­dilen und schwarzen Menschen des Kongos erzählte.

Wenn auch Jan bann fragte: „Vater, wie kommt man dorthin?" Antje dagegen: „Wie kommt man von dort wieder nach Haufe?", sh gingen die beiden dennoch durch die ganze Kindheit jeden Weg gemeinsam, durch Haus und Hof, Feld und Flur und durch das ganze Dorf, und auch als Jan eines träges Soldat werden mußte und in eine fremde Stadt nahe an die französische Grenze kam, wußte Antje von jedem Schritt, den der Bruder dort an den Ufern der Sambre ging. Vis eines Tages das große Gewitter kam und mit ein paar Blitzschlägen alles zerriß, was die Jugend an starken Fäden zwischen Bruder und Schwester gesponnen hatte. Antje be­hielt nichts zurück als das Bild des Bruders, das seine letzten Urlaubstage bei ihr hinterlassen hatten: alles andere versank und ertrank im grauen Nebel und den schwarzen Nächten, die der Krieg über das Land Breitete, wenn auch das Dorf sein schrecklichstes Gesicht nicht zu sehen bekam.

Zwei Jahre waren vergangen, und als der alte Vander- »uys nicht mehr wußte, für wen er die Wiesen mähen und die Acker pflügen sollte, da von Jan nie mehr ein Brief ober eine Nachricht gekommen war, legte er sich zum Sterben hin und schloß bie Augen an bem Tage, als zum ersten Male beutsche Solbaken ins Dorf kamen. Es waren Männer mit Barten unb langsamen Schritten unb Bewegungen, bie am Kanal die Erbe aufwühlten unb bauten, unb unter ihnen war auch Hein Dirksen, ber noch jung war unb bie Bauarbeiten leitete, weil seine eine Hanb in Rußlanb geblieben war. In seinen Augen lag ein Lachen, bas beshalb sieghaft war, weil ihn ber Tod schon angepackt, aber nicht zur Erde geworfen hatte; und mit diesen Augen trat er eines Tages zu Antje in bie Stube unb bas Haus, bas ihm als Quartier zugewiesen worden war.

„Jan" flüsterte Antje, als sie eine Stimme hörte, die aus bem Munbe ihres Bruders zu kommen schien und bie sie nicht nur beshalb verstanb, weil ber frembc Solbat die Sprache ihrer Heimat rebete; „Jan", flüsterte sie, als vor ihr ein Mann stand, der in Größe, Gestalt und Gesicht ein Eben­bild des Bruders war. „Jan", flüsterte sie, als sie zum erstenmal mit ihm durch den Frühlingsabend schritt, an den Weiden und Erlen vorbei; und als Hein Dirksen erzählte von seinem Haus seinen Eltern, seinen Kühen und Pferden, die ihm irgendwo im Friesenland Heimat waren.

Noch lagen die Schatten des Todes in bem kleinen Haus am Kanal, aber ber Frühling kam unb warf kecke Sonnen­strahlen in bie Stuben, goß Licht unb Helligkeit in alles, was ihm begegnete, Wärme, Hoffen unb Sehnen. Es war ein kurzer, mit Blumen bestreuter Pfab, den bie beiben Menschen gingen, doppelt hell, weil er aus bem Dunkeln tarn unb um -hn herum immer noch bie Dämmerung bes Krieges lag. Und es war kein Frühlingssturm, der übet Antje hereinbrach, son­dern Jan, die Liebe und Verbundenheit mit Jan, führte sie zur Hand, zum Herzen des fremden Soldaten. Zuerst auf Wegen, die sie kannte, bis sie auf einmal vor bem Tor des Gartens ftanb, in bem anbete Blumen ber Liebe wüststen unb den sie betrat wie den Boden eines Märchenlandes. Erst jetzt empfand sie es. daß es ein anderes „Wit" war, wenn Hem Dirksen von der Zukunft sprach, die ihm auf dieser Erde mit Antje gehören sollte. Der Sommer wat heiß unb kurz, in ben Nächten fangen bie Vögel unb zirpten bie Grillen; nur in der Frühe grollte bas Dröhnen ber Kanonen. Aber ber Herbst tarn jäh unb heftig, riß die Blätter von den Bäumen und jagte tegemchwete Wolken am Himmel entlang, bie sich zu Nacht unb, Finsternis verdichteten, als an einem solchen Tage Hein Dirksen in ihren Atmen verschied, bei einem Angriff feindlicher Flieger tödlich verwundet.

Der Winter legte das Land in Eis und Erstattung, die Stürme fangen ein rauhes, gewaltiges Lied, das die Klagen der Antje Vanderluys übertönten; die Frühlingssonne kam und sandte wärmende Strahlen, die die Tränen im Hause am Kanal trocknen sollten. Der Tränenstrom versiegte, und als die Erde sich zu neuem Blühen und Wachsen anschickte, als man die ersten Früchte auf ben Felbern erntete, wat auch die Frucht ber Liebe herangeteift, bie Antjes Schoß gesegnet hatte.

Als sie bas Äinb in ihren Atmen hielt, in bemselben Raume, in bem Hein Dirksen oon ihr gegangen wat, duftete ber Flieber, zirpten bie Heimchen wie "bamals; aber bas große Tor ber Hoffnungen, durch bas sie einstmals geblickt hatte, wat verschloßen. über ihr unb ihrem Lande lag die erdrückende Schwere des Ungewißen, das sich in guten oder

schlechten Gaben entladen konnte; die ehedem fernen Schlachten waren näher gerückt und um sie flackerten Gefühle ber Feinbschaft unb Mißachtung auf, bie Feuerflämmchen, bie lange niebergehalten worben waren.

Der letzte Kanonenschuß bes Krieges war verhallt. Drei Menschen gab ber Krieg bem Dorfe zurück; als Jünglinge waren sie ausgezogen, sie tarnen ohne Jubeln, mit ben Blicken oon Mannern, denen das Leben nichts erspart hatte.

., flüsterte Antje, wie damals, als Hein Dirksen zu ihr in bie Stube trat; sie starrte in zwei Augen, in denen nod) bas (Brauen ftanb, auf einen Munb ber bas Lachen ver­lernt hatte.

» rx a>renb braußen bie Fahnen in einem nassen unb talten Novemberwinb hin unb her flatterten wie die vielen, die fröhlich und traurig zugleich waren, während bie andern Menschen wußten, baß irgenbetroas Schreckliches zu Ende war, klaffte zwischen Antje unb Jan ein Abgrund der mit federn Tag breiter und tiefer wurde. An der Wand ber Stube, die einst die glücklichen Kindheitstage der Geschwister gesehen hatte, hing bas Bilb bes fremben Solbaten. Jan bagte biejen Fremdling, ber sein Ebenbild war haßte ihn mit oer Seele eines Menschen, den der Krieg mit Unrast und Kraftlosigkeit geschlagen, ben er jebroeben Glaubens an ben Sinn bes Daseins beraubt hatte. Unb wenn Antje bie zer­rißenen gäben wieder spinnen und da anknüpfen wollte, wo sich ber Weg zu San und der Weg zum Vater ihres Kindes getrennt hatten, dann flammte es in seinen Augen böse auf unb lein Munb fanb Worte, bie ihm ber Krieg unb bas (Brauen zugeschrien hatten in den Stunden, als bas Haus am Kanal in ihm verschüttet unb begraben war. Er stieß die Schwester von sich und alles, was ihm einst hehr unb heilig war. unb als bie Weiben bas erste Grün ansetzten als sich langsam die Winternebel verflüchteten, ging nur noch sein Körper durch die Räume, getrieben und gehetzt von den zu Dämonen _ber Unruhe herangewachsenen Abenteurer- gelusten seiner Jugend. Seine Gedanken waren irgendwo in einem wüsten Traumland, und ihnen folgte er, als er bas Haus unb bas Dorf verließ.

lich-ernste Gesichtchen. Auf den roten Mädchenlippen blieb sie liegen. Da fuhr blitzschnell eine kleine rote Zunge heraus und verschwunden war die letzte Spur. „Nein, daß es das gab, baß man meinen mußte gegen feinen Willen! Daß ein Dunkles, schattenhaft Ungewisses einem treffen konnte so ganz plötzlich, mitten in aller Sicherheit!" Ein helles kleines Lied brangte in ihr empor. Es löste sich fast wie im Traum von ihren Lippen, bie bie Worte summten, spielend unb weich So staub sie am Fenster unb schaute hinaus in ben Tag. Unb mit einem Male ertappte sie sich dabei erschrocken, verwirrt: Das Lieb, das sie sang war von ihm erdacht, ihm bem_ Sohn ber Frau Rat, aus seinem Herzen war es ge­sproßt wie eine Blume im Sommer. In bunten Tonvasen steckten in Zimmern überall zart-knospenbe Frühlingszweige Die Sonne flimmerte über bie rötlich-hellen Kirchbaum- mobel unb fanb bort im Spiel ihr eigen Angesicht. Plötzlich flammte es auf in ben buntlen Mädchenaugen ein Ichelnnsches Lachen wie ein Kobold im Feuer, der tanzt unb luftige Sprünge macht. Der große, bunte Bänderhut flog vom Haken, Bettina Brentano wirbelte gleich noch ein Stück mit hinter drein. Zur Tür hinaus gings, die Treppe hin­unter. Es knarrten bie alten Stufen unter dem hüpfenden Mädchenschritt. Wie wirre, dunkle Schlänglein umtanzte sie ihr Haar. Mit brennenden Wangen stürmte Bettina dahin Hinein in den Tag gings, mit glänzenden Augen. Zum Wald hin, wo sie wußte, daß die ersten Annemonen gerade er­blüht waren--.

Von ihrem Fenster aus. sah Frau Rat Goethe ihr lächelnd "ach- Es lag auf ihrem gütigen Gesicht ein heißes, sinnendes Verstehen: „War es denn ein Wunder, daß alle ihren Sohn liebten — —?“