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Donnerstag, 30, Juli 1914.

Morgen» klusgabe.

Nr. 349. * 62. Jahrgang.

Belgrad nach der Entscheidung.

(Bon unserem Belgrader Sonderberichterstatter.)

Über die Stimmung in Belgrad angesichts der Kriegserklärung erhalten wir von unserem Sonder­berichterstatter folgende Mitteilungen, die die Eindrücke in der Zeit zwischen 3 und 7 Uhr abends, unmittel­bar vor und nach A b b r u ch der amtlichen Beziehun­gen zwischen Österreich und Serbien enthalten:

Endlich hat man auch in Belgrad die volle Wahr­heit über deir Ernst der Lage erfahren. „Es .gibt keine Rettung mehr!" hallt es durch die Straßen. „Rußland laßt uns im Stich!" höre ich von Journa­listen sagen, die noch um %3 Uhr mir hoch und heilig versicherten, Rußland habe den entscheidenden Schritt in Wien zu einer Demarche mit Erfolg .unternommen. Um 3 Uhr hat sich das Bild vollkommen gewandelt. Man glaubt sich verraten, verkauft. Gerüchte von Attentaten schwirren durch die Straßen. Es wäre bei den Beratungen der Minister zu heftigen Auseinander­setzungen gekommen, die zu Prügeleien geführt hätten. Andere wollten wissen, daß der Thronfolger Alexander von einem rabiaten Führer der Militärpartei einen Dolchstoß erhalten habe. Wieder andere behaupten, der König Peter liege im Sterben infolge eines Herz- schlaganfälles oder infolge eines Attentatsversuchs. Immer wilder werden die unkontrollierbaren Gerüchte, die die namenlose Angst vor unsichtbaren Katastrophen herausbeschwört. Ich sehe den Kronprinzen mit ver­bundenem Arme. Sollte er wirklich mit einem der ge­fürchteten Heißsporne zusammengeraten sein, idie im Konak noch mehr als die Österreicher gefürchtet wer­den? Er spricht erregt auf zwei ihn begleitende Offi­ziere ein. Sein sonst so blasses Gesicht zeigt hektische Röte. Seine Begleiter scheinen ihm widersprochen zu haben. Er beißt sich zornentbrannt in die Lippen. Bleibt stehen. Eine Menge angsterfüllter Bürger nahen sich ihm. Ein Teil ist gewillt, ihm Ovationen zu bereiten. Der andere, die Mehrzahl, tritt den Hoch­rufern in den Weg. Wenn der Prinz stehen bleibt, ist die Gefahr groß, daß er von dem immer mehr an- schwellenden Haufen umringt wird. Er verabschiedet sich mit leichtem Gruß von den beiden Offizieren und kehrt in den Köniqspalast zurück. Die Demonstranten sind enttäuscht. Man hört zahlreiche Verwünschungen. Sicher finden ganz ungewöhnliche Kämpfe zwischen Kriegs- und Friedenspartei statt. Kurz nach 3 _ Uhr scheint es beschlossene Sache zu sein, daß die öster­reichischen Forderungen angenommen werden. Freilich die Mobilmachungsdekrete sind schon angeschlagen. Aber das hätte nicht viel zir bedeuten. Wir haben ja noch immer nahezu drei Stunden Zeit, alles zu redresfteren. Wie wird diese Galgenfrist ausgenutzt werden?

Es ist vier Uhr. Boten sagen von einer Gesandt­schaft zur anderen. Am stärksten wird der italienischen zugesetzt In allen Kaffeehäusern geht das einstimmige Gerücht von Mund zu Mund: Italien ist unser Retter in der Not! Pfuirufe auf Rußland ertönen. Und immer lauter dröhnen bie EbNiNns ouf ^tcfften. mich die Natur mit einem dunklen Geisicht, rabenschwar- zem Haar, kurz mit beinahe echt italienischem Aussehen

-begabt hat, und da ich der Vorsicht halber in öffent­lichen Lokalen des Italienischen mich bediene, so mutz ich mir es gefallen lassen, daß ich als Vertreter der retterisch eingreifenden Nation von einem Dutzend ser­bischer Arme umschlungen werde, und zwar so nach­drücklich und konstant, daß mir allgemach der Atem ausgeht. Im richtigen Moment stellt sich auch ein hes- ti-ger Niesreiz ein, die Folge der meinem Geruchorgan zu nahe geführten und zu lang getragenen Wäschestücke — es ist morgen Sonntag, zu einem Wechsel derselben just der richtige Augenblick! —, die mir die Kehrseite serbischer Freundschaftsbeteuerungen zum Bewußtsein bringen. Wer weiß, was geschehen wäre, wenn der explosive Niesreiz der serbisch-italienischen Manifesta­tion nicht Einhalt getan hätte. Ich eile mit Hunderten nach der italienischen Gesandtschaft, um Gewißheit zu erlangen. Erstaunte lange Gesichter. Nein, von Italien ist keine Rettung zu erwarten. Auf denn zur französischen Gesandtschaft! Unser Zug hat Zuwachs bekommen. Es mögen an zweitausend Personen ge­wesen sein, die geneigt waren, Frankreich eine Huldi­gung zu bereiten. Neue Enttäuschung! In der Be­setzung des Postens des französischen Vertreters war eine Änderung ganz vor kurzem eingetreten. Ein junger Herr empfängt die drängende Schar. Auch er weiß von nichts. .... Aber Trostworte hat er. Er redet unendlich viel und breit von den Sympathien Frank­reichs für Serbien. Mit Sympathien allein ist leider in dem kritischen Moment nicht viel anzufangen. Man zieht gesenkten Hauptes ab. .Der Vertreter Mions, der nunmehr ausgesucht wird, läßt sich nicht sprechen. Der Haufen der Demonstranten wendet sich zum Konak." Dieser ist mittlerweile militärisch abgesperrt worden, eine Vorsichtsnaßnahme, die .man angesichts der Stimmung der in zwei Lager gespaltenen Bevölke­rung begreiflich findet.

Die Verwirrung der Gemüter, die durch die Unent- 'chlossenheit der Regierung hervorgerufen wird, wächst von Minute zu Minute an. Vor dem Postgebäude spielen sich unbeschreibliche Szenen ab. Aus Rußland sind Tausende und Abertausende De­peschen an die Mitglieder der Königsfamilie, an die Minister, an Deputierte. und bekannte Politiker ange- kommen. Sie alle werden aufgefordert, Österreich nicht nachzugeben, . Rußland stünde bis zum letzten Mann hinter Serbien. Es sind keine Beamten da, alle bte De­peschen aufzunehmen und auszutragen. Nun werden die Telegramme an den nächsten Mauern angeschlagen. Man liest den Inhalt laut vor. Der Mutz steigt.

Nieder mit Österreich!" schallt es aus tausend Kehlen. ".Wehe den Feiglingen!" hört man rufen. Die Drohung gilt den Anhängern des Thronfolgers, von dem man auch in dieser Stunde noch glaubt, daß er zum Nach­geben bereit ist. Am Ende wäre der Fr reden doch noch erhalten geblieben, wenn dre un­selige Telegraphiere rer aus Rußland n i ch t i n d e r g r o ß e n M a s s e d r e S u g g e st ton hervorgevufen hätte, daß einflußreiche Kreise rn St. Petersburg den Zaren zu erner Intervention bestrm- men würden 24 Stunden vorher wollte man den Großfürsten Nikolai Nikolajewitsch in Belgrad gesehen

haben. Er soll von Rußland aus einen bestimmenden Einfluß auf den serbischen Hof ausüben. Auch eine montenegrinische Prinzessin nennt man in diesem Zu­sammenhang. Es wäre gewiß möglich, daß die russi­schen Depeschen das Machwerk einer Persönlichkeit sind, der der Nachgiebigkeit der serbischen Königsfamilie einen Strich durch die kriegerische Rechnung zu ziehen drohte. Unzweifelhaft hat der König wie der Kron­prinz von Serbien jeden persönlichen Einfluß aus die Entscheidung verloren. Sie lassen sich vorwärts schieben durch den Druck der Kriegschürer, die bald nach vier Uhr die Oberhand gewonnen haben.

In den Konak waren auch die Führer der Opposi­tion zum .Ministerrat berufen worden. Ich hatte kurz zuvor Novakowitsch, das Haupt der Progressisten, ge­sprochen. Er glaubte nicht an die kriegerische Lösung der Konfliktsfrage, bevor er in den Köingspalast ge­rufen wurde. Dort ist er umgestimmt worden. Von wem? Durch den Kronprinzen auf keinen Fall. Worauf gründet sich die Hoffnung der Militärpartei? Weshalb ist der Thronfolger so mutlos? So resigniert? Vor wenigen Tagen noch stand er mit der Militärpartei so ausgezeichnet,' daß man aus österreichischer Seite glaubte, in dem Prinzen Alexander das Haupthinder­nis für die friedliche Beilegung des Konfliktes zu er­blicken. Eine Erklärung für all diese Widersprüche läßt sich in dem Augenblick nur in dem Umstande suchen, daß von Petersburg bald für, bald gegen einen Krieg gegen Österreich depeschiert wird. Offenbar ist die Kon­fusion der Richtungen in Petersburg nicht geringer als in Belgrad.

Als ich die Verfügung einer allgemeinen Mobilisie­rung zu Gesicht bekam, begab ich mich mit einem be­kannten serbischen Journalisten ins Ministerium des Auswärtigen. Paschitsch war eben von einer mehr­stündigen Konferenz im Konak zurückgekchrt. Ein Be­amter brachte ihm eine Depesche. Mein Begleiter durfte sich von ihrem Inhalt vergewissern. Sie lautete un­gefähr: Für jeden Fall mobilisieren Sie, bevor Sie di e Antw o rt an die österreichi­sche Regierung abgeben! Paschitsch ließ sich tief erschöpft in . einen Sessel nieder und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Der Kabinettschef ge- hört keineswegs zu den Kriegstreibern. Er hat eine versöhnliche Note für den Baron Giesl ausgearbeitet. Sie geht in diesem Augenblick nach Petersburg zur Genehmigung! Sie hat die Approba­tion des Kronprinzen. Die Militärpartei aber ver­wirft sie. Anhänger der Militärpartei sitzen aber auch im Ministerium. Die Uneinigkeit feiert Orgien. Als ich um 1/26 Uhr im Auswärtigen Amte wieder vor- spreche, erfahre ich, daß die versöhnliche Note des Herrn Paschitsch in Petersburg nicht gebilligt worden ist. Er fuhr mit einer Antwort zum Vertreter Österreichs, die in Petersburg das Licht der Welt er­blickt haben dürfte. „ . ...,

Das wilde Durcheinander hat um 6 Uhr den höch­sten Grad erreicht. Nur die Straße nach dem öster­reichischen Semlin ist wenig belebt. In Belgrad lautet die Parole: Auf nach Nisch und Kragujewatsch! Alles drängt nach den Eisenbahnstationen. Der Auszug aus

Ewkitzm» einer M»e flit eingeborene in De»W-W«ßnWn.

Von Otto Seipp (Darmstadt).

Gibeon, Sonntag, 14. Juni 1914.

Vor 10 Tagen betrat ich mit der Landung von Swakop- -mund deutschafrikanischxn Boden. Eine 24tägige, in .seltener

'Weise vom Wetter begünstigt gewesene Seereise auf dem neue­sten Dampfer der Deutschen Ostafrikalime, der „Krgoma , welcher zum erstenmal den Ozean mit all seinen Schonb-Sten, aber auch mit all seinen Gefahren durchfurchte, hatte -damit ihren Abschluß gefunden. Gar viel des. Interessanten -gab es für den Neuling während dieser Sy z Wochen zu erleben. Nach Boulogne wurde Lissabon angelaufen. Viele Passagiere be­nutzten den mehr als 24stündigen Aufenthalt zu einem Aus­flug nach dem ganz herrlich auf steilen Felsen gelegenen Lust­schloß Pena bei Cintra, andere nahmen die Gelegenheit zum Besuch eines Stierkampses wahr. Drei Tage später sahen w,r wir Teneriffa, dieses wildromantische Eiland aus der Gruppe der Kanarischen Inseln, das in dem Pic de Teneriffa seine höchste Erhebung in schöner Pyvamidenform fast 8800 Meter den Spiegel des Atlantischen Ozeans überragen laßt, vor uns. Während" „Kigoma" auf der Reede lag durchquer en ihre Be­wohner das etwa 37 000 Einwohner zahlende Santa Cruz, das mit seinen engen Straßen'und flachdachigen emstockegen Hau­sern recht orientalisch anmutet. Der nächste Hafenplatz wird erst nach 10 Tagen erreicht. Es ist Lobito in der portugiesi­schen Kolonie Angola. Der schwarze Erdteil wird damit zum erstenmal sichtbar. Ein Extrazug bringt uns '«den Vor­mittagsstunden nach der „Hauptstadt" Angolas, nach Benguela» und um die Mittagszeit schon geht es weiter südwärts weiter

zunächst nach Mössamedes, dem anderen Hafen der genannten Kolonie der in absehbarer Zeit einmal deutsch werden soll. Darnach hieß es ans Packen denken. Denn nur noch 2 Tage trennten die meisten Mitreisenden vom Ziel der Fahrt — von

Swakopmund. .... ^ ’. . , .

Zum Glück war der Eindruck dieser Stadt denn doch em wenig günstiger wie derjenige der beiden afrikanischen Häsen, welche wir zuvor kennen gelernt hatten. Mitten in die Norrnb, diesen öden San-dstreisen längs der Küste, hat deutscher Fleiß ein ansprechendes kleines Städtchen gestellt, in dem man sich bald heimisch fühlt. Die Reisegesellschaft fängt nun an, sich zu zerstreuen. Mein nächstes Reiseziel ist Windhuk. Schon am folgenden Tage fährt einer der beiden Schnellzüge, welche in jeder Woche auf der 391 Kilometer langen Strecke verkeh­ren Wiederum gar viel — ich nenne nur die wilden Strauße

— gibt es auf der Fahrt zu schauen, so daß die 13 Stunden

recht schnell verfliegen. Die großangelegte Residenz des Gou­verneurs würde völlig vergessen machen, daß man sich m Afrika befindet, wenn nicht der fast übergroße „Reichtum" an Sand daran erinnern wollte. Jedoch nicht lange genieße ich die Vorzüge der Hauptstadt. Nach kurzem Aufenthalt muß ich _ um mich eines landesüblichen Ausdrucks zu bedienen

— auf Pad gehen". Gibeon soll ich eine dienstliche Visite machen, und dabei erstmals einen kleinen Vorgeschmack vom Reiien in Südwest bekommen. Die Nord-Südbahn, welche Windhuk mit Keetmanshoop verbindet, fährt am ersten Tage nur bis Marienthal. Am nächsten Vormittag, Punkt 8 Uhr

— die Züge lassen sich in bezug auf Pünktlichkeit von dem heimischen Vorbild nicht über.reiien , stehe ich auf dem Bahnsteig der Haltestelle Gibeon. Die gleichnamige Ansted- lung ist noch 9 Kilometer entfernt, die auf leidlicher „Pad" im Wagen zurückgelegt werden müssen. Wer ein Jahrzehnt in Darmstadt zugebracht hat, kennt ja schon einigermaßen den

Sandstaub. Trotz -dieser zum Afrikander prädestinierenden Kenntnis war ich aber dennoch froh, als die weißlenchtende „Feste" Gibeons in Sicht kam. Heute stellt sie dem Bezirks­amt die Dienstränm-e. Während des „Orlogs" — dem schon 10 Fahre zurückliegenden Aufstand — bot sie den Bewohnern des Bezirks Gibeon eine Zufluchtsstätte gegen die Angriffe der Hottentotten unter Hendrik Witboi. Mehrmals schon hatte ich Gelegenheit, mir -erzählen zu lassen, wie sich das Leben des kleinen Häufleins Gefangener in^der Zeit von Anfang Oktober bis Ende Dezember 1904 abgespielt hat.

Heute nun hat dieses Gibeon, für hiesige Verhältnisse recht nett am Fischsluß gelegen, in dem sogar um die jetzige Zeit an vielen Stellen noch, allerdings nur stehendes, Wasser zu sehen ist, einen großen Tag, der für das Auge schon äußer­lich durch den Fahnenschmuck, den dre Hauser angelegt haben, kennbar wird. In den Morgenstunden sollte ein Flieger ein- treffen Die Vorbereitungen, worunter auch mn „Bierabend" bei einem Bierpreis von 2 M. pro Flasche eine etwas kost­spielige Unterhaltung! - nicht fehlte, waren schon getroffen, als gestern abend, ganz wie anfänglich bei uns, -die wie Mich mit dem Maschinendefekt motivierte Absage einlief. Zum Glück benutzten die Missionare, welche sich ans der Umgebung in größerer Zahl für die Feier der Einweihung der neu er­bauten Kirche für Eingeborene ungesagt hatten — denn bie­te Feier gelten die schwarzweißroten Fahnen -- vorläufig noch zuverlässigere -Beförderungsmittel, nämlich Ochsenwagen, Esels- oder Mulikarren und ähnliche Vehikel, so daß das Fest seinen programmäßigen Verlaus nehmen konnte. Kurz vor 10 Uhr verließen ein Geistlicher (Pfarrer Siebold-Keetmans- hoop) und 9 Missionare in dem heimischen schwarzen Ornat die neue Kirche, um die Eingeborenen an ihrer „Werft" — man versteht darunter das Gelände, auf dem sich die „Pan- toks" (bienenkorbförmige Lehmhütten) der Eingeborenen be-