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84. Jahrgang.
Dienstag, 30. Juni 1936.
Nr. 176.
Kombinationen und Vermutungen.
Hinter dem Genfer Vorhang.
Der Negus nimmt an der Vollversammlung des Völkerbundes teil. — Heute nur Wahl des Vorsitzenden. — Italien zieht Truppen aus Abessinien zurück.
Rätselraten um die Hotelzimmerbesprechungen.
as. Berlin, 30. Juni. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In der heute nachmittag, um 5 Uhr, beginnenden Vollversammlung des Völkerbundes wird man sich wohl auf die Wahl des Präsidenten für diese Tagung beschränken. Nachdem der jetzige tschechoslowakische Staatspräsident B e n e s ch, der bisher formell noch Vorsitzender der Vollversammlung war, in einem Schreiben an den Generalsekretär des Völkerbundes sein Amt als Vorsitzender niedergelegt hat, gilt, wie gestern schon gesagt wurde, in Genf als sein Nachfolger der belgische Ministerpräsident van Z e e l a n d, der sich gestern abend nach Genf begab. Die eigentliche Aussprache in der Vollversammlung beginnt erst morgen. An ihr will auch der Negus an der Spitze der abessinischen Delegation teilnehmen, wie er dem Generalsekretär des Völkerbundes offiziell mitgeteilt hat. Die Teilnahme des Negus an der Vollversammlung hat zu einer außerordentlich großen Nachfrage nach Karten geführt, sodaß man sich entschließen mußte, die Versammlung in einem größeren Saal tagen zu lassen.
So weit die tatsächlichen Meldungen aus Gens, die sich höchstens noch dahin erweitern ließen, daß die Hotelzimmerbesprechungen auch gestern fortgesetzt wurden u. a. durch eine Zusammenkunft des französischen Ministerpräsidenten Blum und des Außenministers D e l b o s mit dem sowjetrussischen Außenkommissar Litwinow -Finkelstein. Darüder hinaus ist man lediglich auf Kombinationen und Vermutungen angewiesen. So heißt es, daß in den Hotelzimmerbesprechungen auch die Habsburger Frage eine sehr erhebliche Rolle gespielt habe, wozu neuerdings noch verlautet, daß die Franzosen dem österreichischen Bundeskanzler S ch u s ch n i g g den Wunsch übermittelt hätten, er möge nach Genf kommen. Man spricht auch von einer weitgehenden französisch-englischen Einigung, wobei freilich niemand genau weiß, worauf sich diese Einigung eigentlich bezieht. Ja, es gibt Leute, die noch einen Schritt weiter gehen und sogar bereits von einer französisch-englisch-sowjetrussischen Einigung, die auch die Meerengenfrage Umfassen soll, glauben sprechen zu können. Gegenüber solchen Nachrichten möchten wir doch
einige Vorsicht anempfehlen. Es ist sicher ein Wunsch der Franzosen, auf der politischen Bühne Arm in Arm mit Herrn Eden und Herrn L i r w i n o w - Finkelstein zu erscheinen. Aber es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß man plötzlich innerhalb weniger Stunden alle Gegensätze überbrückt hat. Es liegt vielmehr die Vermutung nahe, daß solche Nachrichten von Kreisen verbreitet werden, die auf Rom einen Einfluß ausüben möchten und deshalb für die Italiener die Gefahr an die Wand malen, daß Rom isoliert werden könnte. Ob man durch ein solches Schreckgespenst Rom den englisch-französischen Wünschen gefügig machen kann, erscheint zweifelhaft. Die Italiener ihrerseits haben es für zweckmäßig erachtet, gerade jetzt Truppen aus Abessinien in die Heimatz zurück zu beordern. Das zeigt einmal, daß sie die angeblich oder tatsächlich in Abessinien immer wieder aufflammenden Aufstände nicht sonde^ lich tragisch nehmen. Es ist darüber hinaus aber auch wohl eine Geste, die besagen soll, daß Italien über die Eroberung Abessiniens hinausgehende Pläne nicht verfolgt. Und schließlich ist es auch wohl eine Antwort an die Politiker, die Italien gern einkreisen möchten, denn diese Anordnung besagt auch, daß die besten Truppen wieder zur unmittelbaren Verfügung Roms stehen, d. h. daß Rom seine Machtstellung in Europa unterstreicht. Wir befinden uns gegenwärtig noch in einem Stadium, in dem man Versuchsballons steigen läßt, und in dem sich jede Partei bemüht, ihre Position möglichst stark erscheinen zu lassen. Das nötigt beim Lesen von Meldungen über diesen Fragenkreis zu einer gewissen Vorsicht. Möglich, daß man nach der Vollversammlung des Völkerbundes klarer sehen wird.
Der Negus wird sprechen.
Genf, 29. Juni. Wie in Völkerbundskreisen verlautet, steht nunmehr fest, daß der Negus es durchgesetzt hat, als Führer der abesiinischen Abordnung vor der Völkerbundsoersammlung das Wort zu ergreifen. Dagegen werden alle Gerüchte über feine beabsichtigte Rückkehr nach Abessinien zum Zwecke der Fortführung des Krieges dementiert. Man erwartet, daß er auch das oft gestellte Verlangen nach Finanzhilfe für Abessinien erneuern wird, da auch sein eigenes Vermögen so gut wie erschöpft sein soll.
GaUa-Unruhen in Südabessinien.
Deutscher Missionar ermordet.
Addis Abeba, 29. Juni. Aus dem südlichen Teil Abeffiniens werden Unruhen, verursacht durch Galla- Stämme, gemeldet. Aus Neghelli im Somaliland brach am 5. Juni unter dem Befehl des Generals E e l o s e eine Autokolonne auf und besetzte Mega Mache, 250 Kilometer nördlich von Neghelli. Die Aufgabe der Kolonne besteht darin, den aufständischen Gallas die Lebensmittelzufuhr abzuschnerden
Aus Addis Abeba wurde ebenfalls eine bewaffnete Autokolonne zu den belgischen Plantagen,, mehrere hundert Kilometer südlich der Hauptstadt, geschickt. Der Kolonne schloffen sich auch mehrere Deutsche an, um deutsche Landsleute von der Belagerung durch Eingeborene zu befreien. n
Über das Schicksal des deutschen Missionars Adolf Müller auf der Station Bedelle konnte man jetzt traurige Gewißheit erhalten. Der Miffionar wurde ermordet. Nach einer Meldung des britischen Konsulats in Gore befinden sich seine Frau und seine Kinder auf dem Heimweg über den Sudan. Der Miffionar hatte sein Haus trotz des Mangels an Lebensmitteln und Munition gegen die Gallas tagelang verteidigt, um die Flucht seiner Familie zu decken. Am Sonntag fand auf der deutschen Miffionsstation in Addis Abeba, für Müller eine Gedächtnisfeier ftstt.
Heimschaffung großer italienischer Truppenverbände.
Rom, 29. Juni. Nachdem die Rückkransporte der Truppen aus Jtalienifch-Ostafrika in den letzten Tagen bereits zusenommen hatten, soll jetzt nach amtlicher
Mitteilung die Heimschaffung größerer Truppeneinheiten berücksichtigt werden, die im Frühjahr 193a als erste nach Ostafrika ausgereist sind. Nach einer Information des „Eiornale d'Jtalia" werden nach und nach alle italienischen Truppen, die an dem ostafrikanischen Feldzug teilgenommen haben, in die Heimat zurückbefördert werden. Bei ihrem Abschied erhalten die Offiziere und Mannschaften ein besonderes Erinnerungsabzeichen. Die Uniform und der Tropenhelm bleiben in ihrem Besitz. Außerdem bekommen sie je nach dem Dienstgrad gestaffelte Geldsummen zwischen 200 und 400 Lire. Die Reserveoffiziere erhalten etn Monatsgehalt. _______________
Die neue italienische Abessinien-Denkschrift.
Beim Bölkerbundssrkretariat eiugetrossen.
Genf, 29. Juni. Im VAkerbundsfekretarrat ist am Sonntagabend die Denkschrift der italienischen Regierung eingetroffen, in der, wie verlautet, nochmals zusammenhängend die Gründe für das italienische Vorgehen in Abein- nten und die gegenwärtige Lage dargelegt werden. Diese Note soll erst veröffentlicht werden, wenn die Verhandlungen in der Versammlung beginnen.
Londoner Flottenvertrag von 1936.
Kein Beitritt Japans.
London, 29. Juni. Der japanische Botschaftsrat Fujii überreichte «m Montag im englischen Außenministerium eine Note seiner Regierung. Wie verlautet, wird" in der Note endgültig mitgeteilt, daß die japanische Regierung unter den gegenwärtigen Umständen nicht beabsichtige, dem Londoner Flottenvertrag von 1936 beizutreten.
Wissenschaft
und Weltanschauung.
Am Anfang einer neuen Geistesepoche der deutschen Hochschulen hat die älteste reichsdeutsche Universität, Heidelberg, ein Jubiläum gefeiert. Der Ruf zu ihrem Fest ging an Universitäten in allen Erdteilen. Es ist natürlich, daß diese Feier die Geister in ber- Welt dazu aufruft, sich mit dem Geschehen an Deutschlands Hochschulen und dem endgültigen Bruch mit bisher allgemeingültigen Prinzipien der Wissenschaft auseinanderzusetzen. Tritt doch der neue deutsche Gelehrte aus dem Gremium objektiver bindungsloser Weltbürger wieder in die Gemeinschaft seines Volkes zurück. An einer Beschäftigung der Welt mit dieser revolutionären Entwicklung haben wir als Nationalsozialisten Interesse, denn eine Hochachtung unserer Schau wissenschaftlicher Arbeit und Zielsetzung würde auch den anderen den Weg zum Verständnis des Wesens unserer Weltanschauung vermitteln. Daran ist uns insoweit gelegen, als sich Achtung und Anerkennung unserer Ideen damit verbindet.
Der Reichserziehungsminister Rust hatte vor den Freunden des deutschen Geistes, wie sie in Heidelberg versammelt sind, ein imposantes Bild von den Leistungen der deutschen Wissenschaft seit der nationalsozialistischen Revolution entwerfen können, um damit zu beweisen, daß die Wissenschaft des Dritten Reiches nicht zur Magd der Politik erniedrigt worden ist. Pg. Rust hat auf eine Verteidigung in Heidelberg verzichten können. Es galt, den Stier bei den Hörnern zu packen, Unterstellungen und Verdächtigungen von jüdischer Seite im Auslande durch eine begrifflich klare Darlegung des Verhältnisses vom Nationalsozialismus zu Wiffenschaft abzutun und der Welt unser Idealbild einer volksverbundenen, weltanschaulich durchdrungenen Wissenschaften zeigen. Wir sind uns dabei bewußt, daß ein solches Idealbild einer national bestimmten Wissenschaft in Japan oder in Frankreich, um nur Beispiele zu nennen, teilweise vorhanden ist und hier die Gelehrten als ein Spiegelbild ihres Volkes wirken.
Was wir aus dem Munde des Reichserziehungs- ministers vernahmen, war ein leidenschaftliches Bekenntnis zu der Einheit von Weltanschauung und Wissenschaft, und damit zur Entwicklung eines neuen Inhalts des wissenschaftlichen Wirkens an den Universitäten. Er ging dabei von der Einsicht aus, daß geistige, ebenso wie politische Bewegungen und Gründungen nur so lange auf Bestand rechnen können, wie sie sich auf Menschen als ihre Träger stützen, die mit ihren Ideen und Zielen verbunden sind. Eine Wiederbesinnung der Nation auf ihre völki che Substanz konnte deshalb nicht aufhalten, daß auch „die Stätten der Wissenschaft hineingeriffen wurden in den Sturm der deutschen Revolution, ja daß die Wissenschaft selbst in Bewegung geriet und angesichts des geistigen Umbruchs nach dem Grund und der Rechtfertigung ihres Tuns zu fragen begann".
Die organisatorischen Maßnahmen des neuen Staates gegenüber Personen, die unter dem „Mantel ihrer geistigen Autorität" alte, überwundene Ideen propagierten, im Gegensatz zu dem völkischen Aufbruch standen und die Grundlage verneinten, auf der Adolf Hitler sein Werk gründete, sind stärker beobachtet worden als der tief innere Prozeß, der an den Universitäten Wandel schafft. Um dieser Entwicklung willen mutzten vor allem diejenigen die Katheder verlaß en^die wegen ihrer blutsmätzigen Herkunft niemals den.Weg zu unserer völkischen Wissenschaft gefunden hätten. Waren es doch gerade auch die Juden, die mit der vor- aussetzungslosen Wiffenschaft, dieser Objektivität und Wertfreiheit, keinem anderen Glauben huldigten, als datz ihre Wissenschaft ein Organ des Fortschritts der Menschheit sei. Ihre Herrschaft, die auf den Stätten der deutschen Wissenschaft Hochburgen eines Weltbürgertums aufgerichtet hatte, mußte auch im geistigen Bezirke von Männern des deutschen Volkes abgelost werden. Die Hochschulen aber sind Volkseigentum, das auch im Dienste des Volkes geistig wertvoll gestaltet werden mutz. Wenn das Weltjudentum heute die deutschen Universitäten bekämpft, so deshalb, weil int gleichen Zuge, in dem die wissenschaftliche Aufgabe auf die völkische Substanz und auf die Weltanschauung der Bewegung bezogen wird, der Grundsatz der Voraussetzungslosigkeit und schrankenlosen Freiheit, auf dem seine Herrschaft basierte, zerfällt.
Zerstört nun nicht die Einheit von Weltanschauung und Wiffenschaft die Grundlage aller Wiffenschaft überhaupt nämlich ihre Freiheit und Autonomie, ihre Beziehungslosigkeit und Wertfreiheit? Reichsminister Rust hat ganz offen in Heidelberg diese Frage aufgeworfen und sie bejaht, wenn eben Voraussetzungslosigkeit und 1 Wertfreiheit wirklich Wesensmerkmale der Wiffenschaft
