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Nr. 174.

Sonntag, 28. Juni 1936.

84. Jahrgang.

17 Jahre Versailler Gewaltdiktat.

Die neue Paktpolitik.

Wner $md) Her heiligsten Versprechungen!"

Gedanken zu einem Jahrestage.

Es gibt wenige Episoden in der Ge­schichte, die die Welt mit größerer Berechti­gung verurteilen wird: ein Krieg, der zur Verteidigung internationaler Verträge ge­führt ist, hat mit dem offenen Bruch der heiligsten Versprechungen durch die Sieger geendet!"

Es gibt viele gebührend strenge, ja vernichteilde Urteile über das Gewaltdiktat von Versailles aus dem Munde von Politikern, Wirtschaftlern, Wissenschaft­lern usw. Das oben Wiedergegebene aber, vielleicht das treffendste von allen ist gefällt worden von einem Mann, der an den Versailler Vorgängen unmittel­bar beteiligt war, nämlich dem bekannten Eng­länder Keynes, dem Verhandlungsgegner Deutsch­lands auf englischer Seite. Die diesmalige Jährung des unheilvollen Unterzeichnungsdatums (28. Juni) fällt in eine Zeit, die für einen beträchtlichen Teil der europäi­schen Welt bestimmt ist, durch einen eben erst zu Ende gegangenen Krieg, ferner durch Kriegsgefahr in mehreren Weltteilen und schließlich durch geradezu un­geheuerliche Vorbereitungen zu kriegerischen Ereig­nissen, vor allem in Gestalt des französisch-bolschewisti­schen Einkreisungssystems. begleitet von einer beispiel­losen Ausbreitung der bolschewistischen Hetze in aller Herren Länder draußen. Mit anderen Worten, auch die heute noch maßgebliche Generation der führenden Politiker in zahlreichen Staaten hat selbst aus dem Weltkrieg und den noch grauenvolleren Auswirkungen des Versailler Diktates für ganz Europa noch immer nichts gelernt.

In noch größerem Abstand als schon in den letzten Jahren stehen wir Deutschen seit der völligen Wieder­

herstellung der Reichshoheit durch die Tat des Führers am Rhein zu alledem, was einst die Gesamtheit des Begriffes von Versailles ausgemacht hat. Am 7. März wurde wiederum ein Stück jenes für die ehemaligen Feindbundmächte so schimpflichen Dokumentes für alle Zeiten vernichtet. Aber diese Feststellüng kann uns nicht hindern, uns immer wieder daran zu erinnern, daß weder die Kriegsschuldlüge, noch die Koloniallüge von der Gegenseite zurückgenommen worden ist, von anderen Dingen zu schweigen. Es fehlt auch in England und yt Frankreich nicht an einsichts­reichen Männern, die genau so wie zahlreiche neutrale Politiker und Wissenschaftler beide Lügen als ge­meine Fälschung und erlogene Voraussetzung des Diktates erkannt haben. Aber noch keine Regierung in diesen beiden Ländern hat die geringe Fairneß bisher aufgebracht, eine Erkenntnis offiziell festzustellen, die in ihren Ländern längst durchgedrungen ist.

Wenn der englische Politiker Keynes sich heute seines oben zitierten Urteils über Versailles erinnert, dann wird er nur feststellen können, daß jenes Urteil vor 15 Jahren durch die Zwischenzeit noch weit Über­boten wurde. Die Geschichte der Abrüstungsfrage ist und bleibt einer der größten politischen Skandale der Weltgeschichte, dessen Schuld sich auf die ährenden Ver­sailler, also auf Genfer Mächte verteilt. Der Skandal hat mit der Umkehrung der vertragsmäßigen Ab­rüstungsverpflichtung in eine riesige llberrüstung der Militärstaaten und vor allem in das Moskau-Pariser Angriffspaktsystem seinen bisherigen Gipfel erreicht. Nutznießer bleibt draußen der Bolschewismus. Deutsch­lands Frieden aber schützt heute unser Führer Adolf Hitler.

Wir sollten die Angebote Hitlers nicht in einem knauserigen oder pedantischen Geist aufnehmen."

Ehe der Konflikt um Abessinien in ein akutes Stadium trat, waren die europäischen Verhandlungen und Auseinandersetzungen von einer politischen Krank­heit beherrscht, die man als Paktomanie bezeich­nen mußte. Während des italienischen Feldzuges wurde es um die Pläne, die äus der paktomanen Geistes­verfassung stammten, stiller. Nachdem sich jetzt das welt­politische Schwergewicht nach Europa zurückverlagert hat, stehen mit einem Male die alten Projekte wieder im Vordergrund.

Früher waren es in erster Linie wir, an die man mit allen möglichen Vorschlägen und Zumutungen herantrat, die uns, wenn wir nicht energisch abgewinkt hätten, in Konfliktsmöglichkeiten selbst in entfernten Kontinenten hätten verstricken können. Wie sich die Dinge jetzt entwickeln, sitzen wir vorläufig in der Hinterhand. Heute scheint England ausspielen zu wollen und Italien muß zunächst antworten. Es ist im Hinblick auf die verschiedenen Paktpläne und auf die Bedeutung, die man ihnen beilegt, eine Umstellung der Reihenfolge erfolgt. Für England handelt es sich in erster Linie darum, den Mittelmeerpakt zustande zu bringen, und Italien ist in die Rolle des Verteidigers gedrängt. Die Abwehr findet ihren Ausdruck in dem Memorandum, das die italienische Regierung zur Überreichung an den Völkerbund fertiggestellt hat. Italien sieht sich durch die englischen Bemühungen be­droht, die auf umfassende Beistandsabkommen aller Mittelmeerstaaten einschließlich Großbritanniens als Beschützerin von Ägypten zielen. Es schlägt als Ersatz eine Serie von Freundschaftsverträgen der Mittelmeer­staaten untereinander vor und verweist aus den griechisch-türkischen Freundschaftsvertrag, der von der italienischen Diplomatie angeregt und gefördert worden sei.

Die Lage Italiens gegenüber dem Paktvorschlag für das Mittelmeer erinnert in mancher Beziehung an die Notwendigkeiten,. bie Deutschland seinerzeit gegenüber der Forderung nach dem Beitritt zu einem Ostpakt ins Feld führen mußte. Es handelte sich da nach Frankreichs Willen nicht in erster Linie um eine Verständigung auf der Linie Berlin, Prag, Warschau, Moskau, Rand- ftaaten, sondern um die Absicht, Deutschland erneut und wirkungsvoller in die Fesseln des in Versailles ge­schaffenen Status quo im Osten einzuschnüren und wie England die Schutzherrschaft und Schiedsrichterrolle im Mittelmeerpakt anstreben muß, so wollte Frankreich auf Umwegen sich eine ähnliche Rolle mit allen Jnter-

Lord Londonderry über die Beziehungen zu Deutschland.

London, 26. Juni. In einer Rede vor dem Konser- vatioen-Berband in New Eastle-on-Tyne äußerte sich der frühere Lustfahrtminister Lord Londonderry über die Beziehungen zu Deutschland. Die deutsche Nation, so erklärte er u. a., sei in ihrem Wunsche nach Frieden ebenso stark wie es die Engländer seien.

Wir sollten die Angebote, die Hitler der Welt gemacht hat, nicht in einem knauserigen oder pedantischen Geist aufnehmeu. Nach meinem Urteil hängt der Weltfrieden in erster Linie von einer Verständigung zwischen Frank­

reich, Deutschland und Großbritannien ab.

Wir sollten endgültig mit diesem Ziel vor Augen arbei­ten, anstatt dem Irrlicht eines theoretischen Lehrsatzes zu folgen, der einen sog. Völkerbund, in dem drei große und mächtige Nationen nicht vertreten sind, als die Losung aller internationalen Probleme hinstellt einen Völkerbund, der offenkundig gescheitert ist, als er aufgerufen wurde, den Frieden herzuftellen und auf- rechtzuerhatten."

Londonderry fuhr fort, daß es England anscheinend an einer bestimmten Innen- und Außenpolitik fehle und daß die Regierung nicht in der Lage sei, die notwendige Führung zu bilden. In dem englischen Wunsche nach Frieden sei eine an- gemeffene Bewaffnung Großbritanniens der wichtigste Punkt. England dürfe sich von diesem Ziel durch keinerlei Propa­ganda abbringen lasten, ganz gleich, ob sie von entschlossenen und skrupellosen Feinden oder von Idealisten und Theo­retikern ausgehe.

Auf die deutsch-englischen Beziehungen zurückkommend, führte Lord Londonderry aus:Wie Sie wissen, habe ich an diese freundschaftlichen Beziehungen geglaubt, und ich habe mein Bestes getan, in der letzten Zeft eine wirkliche Fühlung mit Deutschland herzustellen! Ich habe versucht, ein Stu­dium über die deutsche Seelenverfassung, über die Gefühle und di« Weltanschauung der Deutschen an­zustellen. Ich finde in Deutschland menschliche Wesen wie alle anderen, mit denselben Vorzügen und denselben Fehlern. Sie haben ein« Leidenszeit durchgemacht, die wir niemals ge­kannt haben, und infolgedessen ist es schwierig für uns, ihre Empfindungen genau zu erkennen. Don dem deutschen Re- gierungssystem möchte ich so viel wie nichts sagen. Die Dikta­tur ist allen unseren Gedankengängen fern. Wenn aber ein« Diktatur Leistungsfähigkeit schafft, wenn sie einer Nation Glauben und Idealismus einflögt, dann mühen wir dafür sorgen, daß die Demokratie, an die wir glauben, dieselben .Ergebnisse erzielt. Laßt uns alles in unseren

Kräften Stehende tun, um Vertrauen allen Ländern einzuflößen und besonders gegen­wärtig Deutschland und Italien!Ich hebe diese Länder hervor im Hinblick auf die gefährlichen Element« in England, die in einem Falle nicht an die Ehrlichkeit Deutsch­lands glauben und die im anderen Falle wünschen, ihre Ent­rüstung über Italien zu zeigen, indem sie die Sanktions­politik fortsetzen. Diese beiden Standpuntte zeigen einen vollständigen Mangel an jeder gesunden Perspektive."

Lord Londonderry erklärte dann, daß der Völkerbund in seiner gegenwärtigen Form nicht in der Lage sei, einen Krieg zu verhindern oder einen angefangenen Krieg zu beendigen. Man müsse daher die Lage prüfen und sein äußerstes tun, eine neue Organisation zu schaffen, wenn eine internationale Organisation errichtet werden solle, um die gegenwärtigen Probleme zu lösen. England müsse der Sanktionspolitik ein Ende machen und einsehen, daß di« von ihm fälschlicherweise eingeschlagene Politik nur Schaden angerichtet habe.

Immer noch 153794 Personen im Ausstand.

Paris, 27. Juni. (Funkmeldung.) Laut Mitteilung des Innenministeriums betrug die Zahl der Streikenden in ganz Frankreich am Freitag noch inrnier 153 794. Dies« immerhin recht hohe Ziffer ist daraus zu erklären, daß neben der in immer stärkerem Umfang« einsetzenden Ar- beitswiederaufnachme die Streikbewegung täglich in allen Provinzen und in den verschi«denstrn Berufsqruppen neuen Nachschub erhält.

Nachdem am Freftagnrfttag der Schiffahrtsstreik im Marseiller Hafen beendet worden ist, baden auch die streiken­den Matrosen von Port Bendres und der nordfranzöstschen Hafenstadt Rouen die Arbeit wieder ausgenommen. Lang- anhaltende Sirenensignal« gaben das Zeichen zur Beendi- gung der Besetzung der vielen Schifft, von d«nen im Lauf« des Freitagnachmittags und Abends eine große Anzahl end­lich ihr« Ausfahrt antreten konnten.

In einem kleinen Mittelmeerhasen, in Caront«, kam es im Zusammenhang mit der Arbeitswiederaufnahme der Matrosen zu Zwischenfällen. Die Besatzung des DampfersFinisterre" verlangte vom Kapitän die sofortig« Errtlassung von vier Besatzungsmitgliedern des Dampfers,

ventionsmöglichkeiten gegen Deutschland im Falle öst­licher Konflikte sichern. Der Boden des Ostpaktes war zu diesem Zweck durch bestehende und vorbereitete Bündnisse mit der Tschechoslowakei und Sowjetrußland so vollkommen unterminiert, daß von einem objektiven Funktionieren des Ostpaktes im Sinne eines wahrhaf­ten Regionalpaktes überhaupt nicht die Rede hätte sein können. Ganz abgesehen von den verschiedenartigen schweren Gefahren, die wir für uns in einer Bindung mit Moskau hätten erblicken müssen.

Vom Ostpalt spricht man heute nicht mehr viel. Da­für hat die Regierungserklärung Blum-Delbos den Donaupakt mit ausführlichen Hinweisen erneut ur Debatte gestellt. Das Projekt wurde seinerzeit in ranzöfisch-italienischer Zusammenarbeit anläßlich des Besuches Lavals in Rom im Jahre 1935 ausgearbeitet.

di« sich an dem Streik nicht beteiligt hatten. Als ber Kapitän dieses Ansinnen ablehnt«, holten sich di« Matrosen noch von einem anderen Schiff Verstärkung und trieben mit Gewalt di« betreffenden vier Matrosen von Bord.

Im Hafen Royan haben di« Fischer infolge von Streitigkeiten mit den Fischhändlern den Streik erklärt. Kein Fischerboot hat den Hafen verlassen. An ihren Masten roeljen rote Fahnen. . V

Auch im Hafen von Le Havre ist-zein neuer Streik zu melden oder vielmehr die Wiederaufnahme eines vor kurzem abgebrochenen Streiks. Sie Dockarbeiter haben erneut eilten Teil der Hafen anlagen besetzt und weitere Forde­rungen angemeöret.

Die Stadt Pau in Südsrankreich, die bisher von jeder von Streik verschont geblieben war, hat nunmehr auch die Arbeitsniederlegung undfriedliche Besetzung" der Fabriken kennengelernt. Die meisten Arbeiter sind hier nicht Franzosen, sondern Spanier.

Die Stadt Rennes stellt einen besonderen Fall in der Streikbewegung dar. Am Freitag haben dort 17 Lehrlinge einer Draht- und Eisengitterfabrik, die sich durchschnittlich im Alter von 13 bis 17 Jahren befinden, beschlossen, di« Arbeit niederzulegen und di« Werkstätten zu bchetze«.

Das Streikfieber in Frankreich