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Nr. 172.
Freitag, 26. Juni 1936.
84. Jahrgang.
Schwierifje Probleme für Genf.
Sie Gtmbiiüimi ntiö ims Ätelmcet.
Heute nachmittag Beginn der Ratstagung.—Der Negus hofft auf Genf.—Pause in Montreux.
Das Gleichgewicht im Mittelmeer.
ns. Berlin, 26. Juni. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In Eens beginnt heute nachmittag um 5 Uhr mit einer vertraulichen Sitzung die Beratung des Völkerbundsrates. Wie üblich sind Besprechungen der Staatsmänner vorausgegangen. So haben sich in Genf gestern die Vertreter einiger „neutraler" Mächte, nämlich der Schweiz, Finnlands, der nordischen Staaten und Hollands versammelt, um zu den politischen Fragen, did im Vordergrund stehen, Stellung zu nehmen. In Paris aber hat Herr Eden aus der Reise nach Genf Station gemacht und sich mit dem Ministerpräsidenten L6on Blum und dessen Außenminister D e l b o s unterhalten. Trotz dieser Vorbereitung ist es schwer zu sagen, wie die Ratstagung verlaufen wird, die ihrerseits den Auftakt zu der Vollversammlung gibt, die am Dienstag beginnen wird. Für Genf ist zunächst einmal die Sensation, die Ankunft des Regus oder des Exnegus, wie man wohl richtiger sagen müßte. Aus einer amtlichen Mitteilung der. abessinischen Gesandtschaft in London geht hervor, daß der Regus energisch gegen die Einst el l u n g d e r Gant Honett protestieren will. Ob das großen Eindruck auf die Ratsmitglieder machen wird, erscheint fraglich. Niemand hat, nachdem der Rufer in diesem Streit, England, sich zur Aufhebung der Sanktionen bekannt hat, Neigung, die Sanktionspolitik fortzusetzen. Tatsächlich dürfte es dem Negus mehr um die Verhinderung eines Beschlusses zu tun sein, der eine Anerkennung der Annexion Abessiniens durch Italien bedeuten könne. Hier sieht sich der Völkerbundsrat schon vor eine ziemlich schwierige Frage gestellt. Wenn man nämlich, wie es auch Eden in seiner letzten Parlamentsrede tat, anerkennt, daß es ein Abessinien, das durch die Sanktionen geschützt werden könnte, nicht mehr gibt, so msißte man eigentlich logischerweise auch den nunmehr geschaffenen staatsrechtlichen Zustand anerkennen. Dazu besteht in Genf aber sehr wenig Neigung. Man wird deshalb auch damit rechnen muffen, daß die internationalen Spannungen jetzt kaumeineMilderung erfahren werden.
Zunächst zwingt der Beginn der Genfer Verhandlungen zu einer VertagungderDardanellen- konfereüz in Montreux, wobei sich freilich in Genf
Gelegenheit bieten wird in den Hotelzimmerbesprechungen auch dieses Problem zu behandeln. In Montreux ist zuletzt ein englisch-sowjetruffifcher Gegensatz zutage getreten, da die Engländer verhindern möchten, daß, um ein Wort von ihnen zu gebrauchen, aus dem Schwarzen Meer ein türkisch-sowjetrussischer Teich wird, von dem aus Sowjetrußland eines Tages gegen die englische Verbindungslinie im Mittelmeer vorstoßen könnte. So betonen die Engländer, daß die Sowjetrussen im Schwarzen Meer geradezu ideal geschützte Werften haben würden und dort den Mittelpunkt einer Seemacht errichten könnten, die über 'bas Mittelmeer hinaus wirken könnte. Damit ist das Problem des Gleichgewichts im Mittelmeer gestellt, das nun auch die italienische Presse aus den Plan ruft. Diese vertritt die Ansicht, daß das Gleichgewicht nicht, wie die Engländer behaupten, durch Italien gefährdet sei, sondern durch die englischen Beistandsvereinbarungen mit der Türkei, mit Griechenland und Jugoslawien. Im „Berliner Tagblatt" wird heute sogar von einem italienischen Mittelmeer- memorandum an den Völkerbund gesprochen, das die britische Mittelmeerpolitik bekämpfen und die Freiheit aller Meerengen fordern soll. Gleichgültig, ob ein solches Memorandum wirklich in Vorbereitung ist, oder nicht, angesichts des italienischen Desintereffes an der Genfer Institution erscheint es nicht sehr wahrscheinlich, wird auch dieses Problem in den Genfer privaten Besprechungen eine sehr wesentliche Rolle spielen. Freilich kann dieses Problem, und darin liegt ein Trumpf, den Mussolini in der Hand hat, nicht ohne Italien gelöst werden. Auch daran wird man in Genf nicht vorllbergehen können.
Ankunft des Negus in Senf.
Genf, 26. Juni. (Funkmeldung.) Mit dem Pariser Schnellzug traf am Freitagmorgen der Negus, begleitet von Ras Kasa und einem Teil seines Gefolges, zugleich mit dem englischen Außenminister Eden und dem französischen Außenminister D e l b o s in Eens ein. Ras Nasibu, sowie die abessinische Abordnung, die schon am Donnerstag angekommen war, empfingen den Negus auf dem Bahnsteig.
Peinliche Bilanz.
Kaum nachdem die britische Regierung mit echt englischem Freimut den Fehlschlag der Sanktionen einbekannt hatte, zog auch schon der britische Handel die praktischen Konsequenzen aus der Änderung der offiziellen Regierungspolitik. Man meldet aus London, daß dort bereits wieder die ersten Südfrüchtesendungen aus Italien eingetroffen seien, ja es wird sogar gemeldet, daß beim großen Empfang, den Halle Selassie kürzlich gab, Wermuth-Wein aus Flaschen kredenzt worden sei, die italienische Originaletiketten „Ver- mouth di Torino" trugen. Der nüchterne, merkantilistisch eingestellte Engländer zieht nun die Schlußbilanz aus dem ganzen Sanktionsabenteuer, und er kommt zu einem Ergebnis, das gerade nicht sehr erfreulich klingt. Zugrundegelegt wurden dieser Berechnung die vom Finanzdienst des Völkerbundes veröfsentlichten Ziffern über die Entwicklung des Handels mit Italien, wobei die letzte der Öffentlichkeit übergebene Statistik die Monate November 1935 bis Januar 1936 umfaßt. Wenn man diese amtlichen Angaben mit den entsprechenden Handelsziffern der gleichen Monate des Vorjahres vergleicht, dann kann man sich vor allem ein klares Bild über die Rückwirkungen der Sank- t i o n e n auf den Handel und Warenaustausch in Europa machen.
Die Engländer selbst kommen dabei schon außerordentlich schlecht weg. Im November 1934 betrug der Wert ihrer Ausfuhr nach Italien 2 625 500 Dollar, im November 1935 dagegen nur 855 500 Dollar; ebenso sank der Wert der Ausfuhr von 2 784 500 Dollar im Dezember 1934 auf 301400 Dollar im Dezember 1935 und von 2 894 700 Dollar im Januar 1935 auf nur 155 500 Dollar im Januar 1936. Dieser Rückgang mußte sich im britischen Wirtschaftsleben naturgemäß bemerkbar machen, gleichgültig, ob der nnt den Sanktionen angestrebte Erfolg erreicht worden tfmre oder nicht.
Aber auch die kleineren Staaten Europas mußten diese schweren Rückschläge seststellen. So hat z. B. Griechenland im Januar 1935 Waren im Werte von 213 300 Dollar nach Italien ausgesührt, im Januar 1936 dagegen nur im Werte von 2100 Dollar. In den gleichen Vergleichsmonaten ist die Ausfuhr der Schweiz nach Italien von 1147 000 auf 676 300, die Polens von 354 200 auf 208 200 und die Jugoslawiens von 680 200 auf 56 400 Dollar zurückgegangen. Dies ist die Wirkung der Eegensanktionen, die Italien durch die Beschränkung der Einfuhr aus den Sanktionsstaaten eingeführt hat. Daß alle diese Ziffern bei den jetzigen Auseinandersetzungen über den Fehlschlag und die Aushebung der Sanktionen eine große Rolle spielen, ist leicht begreiflich. Sie beweisen vor allem, wie verhängnisvoll das Experiment war, zu dem man sich im Herbst in Genf entschlossen hatte, und wie sehr man sich in der Zukunft davor wird hüten müssen, noch einmal einen ähnlichen „Sanktionsversuch" zu wagen.
,M Uiwiwtom" Men DenWM und AmW.
Erklärungen L6on Blums und Delbos' vor dem Senat.
Vertrauenserklärung für die Regierung.
Paris, 25. Juni. 2m Senat begann Donnerstag« nachmittag die außenpolitische Aussprache. Zuerst befaßte sich der unabhängige rechtsstehende Senator Gras Blois mit der Frage der Sühnemaßnahmen. Er erklärte, die Regierung hätte eine schnellere Entscheidung treffen müssen anstatt die Haltung Englands abzuwarten. Die ftanzöftsch- ttalienische Zusammenarbeit im Kriegsfälle sei unumgänglich.
Der Vorsitzende des auswärtigen Senatsausschusses, Henri Verenger, hegrügte es, daß die Regierung der Armee ihre «besondere Aufmerksamkeit schenken wolle. Die Aufhebung «der Sühnemaßnahmen gegen Italien würde nur eine erste Etappe darstellen. Ihrerseits rechne die Regierung mit der Möglichkeit einer deutsch-französischen Verständigung. Er persönlich roarte seit langem darauf, weil sie für «den europäischen Frieden unerläßlich sei.
Senator Lemery gab seinem Bedauern Ausdruck, daß die Regierung keine aufbauenden Vorschläge eingebracht habe. Sentimentale Wünsche genügten nicht. Er begrüßte es, daß die Regierung die Notwendigkeit einer französisch- italienischen Freundschaft unterstrichen halbe. Nach einer Kritik des sranzösisch-sowjetruffischen Paktes, der Frankreich in einen Krieg mit Deutschland stürzen könne, bezweifelte Samen) die Hoffnungen, die die Regierung in eine Abrüstung setze. Deutschland werde nicht abrüsten. Andererseits werde die Fahne Frankreichs -heute nahezu als aufwieglerisch angesehen.
Nach einer kurzen Pause erschien auch Ministerpräsident 86on Blum. Er hatte Gelegenheit, aus einige Äußerungen
eines Debatteredners zu antworten, der von deutschen Vor- herrschaftsbestrebungen sprach und forderte, daß keine Verhandlungen mit Berlin geführt werden.
Leon Blum erklärte, daß er nicht gewillt sei, die Regierung in einen Meinungsstreit hineinzuziehen oder eine Gegenüberstellung vergangener und gegenwärtiger Auf- fasiungen zuzulafsen. Er weigere sich auch, Grabreden zu halten, wie z. B. die von -der toten kollektiven Sicherheit. Frankreich wolle nicht auf die gegenseitige Unterstützung verzichten.
Auch Außenminister Delbos wies darauf hin, «daß die Regierung nach MIetti»er Sicherheit strebe. Auf Deutfch- lanö übergehend, erklärte er, zwischen Frankreich und dem Reich gebe es feit dem 7. März eine ernste Meinungsverschiedenheit, die sich noch durch die „intensive Aufrüstung Deutschlands, die aber niemanden bedrohe", verschlimmert habe. Der von Deutschland begangene Fehler (?), der diese Meinungsverschiedenheiten heraufbeschworen habe, sei umso schlimmer, als es zwischen den Auffassungen Dar beiden Länder nichts llnvereinbares gebe. Der Reichskanzler Hitler habe betont, daß er keine territorialen Forderungen mehr zu stellen halbe, und keines der beiden Länder dürfe sich zum Richter «des Regimes des anderem auswerfen. Frankreich könne aber nicht «den Grundsatz annehmen, wonach der gegenseitige Beistand nur für gewisse Gebiete gelten solle. Alan muffe zur Feststellung kommen, daß eine Übereinstimmung der. Auffassungen insbesondere auch hinsichtlich der Achtung vor der Unabhängigkeit aller Staaten möglich sei.
Der Senat nahm anschließend mit 185 zu 58 Stimmen eine radikal-sozialistische Vertrauenserklärung für die Regierung an.
Um die Zukunft der englischen Mandatsgebiete.
Eine Stellungnahme der Konservative«.
London, 25. Juni. Der Zentrale Rai konservativer und unionistischer Vereine, die Spitzenorganisation «der Konservativen, hielt am Mittwoch in London eine Tagung ab, auf «der eine Reihe von Fragen besprochen wurde, u. a. die PropagaNdaorganisation der Partei und die Mandatsfrage.
Clarks brachte sodann den Antrag ein. daß kein Mandatsgebiet unter britischer Kontrolle dem Völkerbund oder irgendeiner Macht übergeben werden «dürfe. Man müsse in dieser Frage eine feste Haltung einnehmen.
Amery betonte, es sei keine Rede davon, «daß das Schicksal der Mandatsgebiete erst noch künftig bestimmt werden müsse. Die Maichatsbestimmungen seihen lediglich vor, daß die Gebiete später Selbstregierung eichalten sollen.
Der Antrag Clarks wurde hierauf mit überwäl- tigender Mehrheit angenommen.
Mar Schmeling Freitagnachmittag in Frankfurt.
Berlin, 25. Juni. Mit «dem Luftschiff „Hindenburg" trifft Mar Schmeling am Freitagnachmittag in Frankfurt a. Mi ein. Ein von Berlin entsandtes Sonderflugzeug wird ihn von Franffurt a. M. abholen. Aus «dem Flughafen wird Schmeling im Auftrage von Reichsminister Dr. Goebbels durch Staatssekretär Funk, durch den Stellvertreter des Reichsspottführers, Breitmeqer, und den «Letter ber Fachgruppe Boxen, Rüdiger, empfangen werden.
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Nach Meldung der «Deutschen Seewarte Hamburg stand das Luftschiff „Hindenburg" heute morgen um 8 Uhr MEZ. 75 Kilometer nordwestlich der Insel Man mit Kur» auf Liverpool.
