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Nr. 168.

Montag, 22. Juni 1936.

84. Jahrgang.

Um die Wiederbefestigung der Dardanellen.

MemMkochnnz uni) Melmer.

Heilte Beginn der Verhandlungen in Montreur. Der Ausbau Cyperns zum Flotten! stützpunkt. England im Mittelmeer.

Italien bleibt der Konferenz fern.

as. Berlin, 22. Juni. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In dem am Nordufer des Genfer Sees schön gelegenen Schweizer Kurort Montreux be­ginnt heute die Meerengenkonferenz, in der es um die Forderungen der Türkei nach Wiederher­stellung ihrer vollen Souveränität, d. h. in diesem Falle um das Recht der Wiederbefestigung der Darda­nellen geht. In dem Palace-Hotel, in dem die Konferenz tagt, sind umfangreiche technische Vorbereitungen ge­troffen worden. Dreißig Fernsprechanschlüsse, Fern­schreiber usw. stehen den Journalisten zur Verfügung. Ob sie sehr viel zu berichten haben werden, ist freilich fraglich. Zum mindesten wird die Konferenz sehr langsam anlaufen. Denn bereits am Freitag dieser Woche tritt bekanntlich in Genf der Rat zu­sammen, am Dienstag der kommenden Woche die Voll­versammlung, und da zu einem großen Teil die Diplo­maten ihre Länder sowohl auf der Meerengenkonferenz als auch in Genf vertreten müsien, so ist mit einem be­sonders schnellen Arbeiten der Konferenz zu mindest am Anfang nicht zu rechnen.

Ganz abgesehen hiervon wird man auch berücksich­tigen müssen, daß die Situation für die Konferenz nicht übermäßiggünstigist. Italien bleibt den Beratungen fern, wie es sich auch nicht an den Genfer Besprechungen beteiligen will, weil ihm trotz der Auf­hebung der Sanktionen die Eesamtlage noch keines­wegs geklärt erscheint. Das Mittelmeerproblem be­lastete die italienisch-englischen Beziehungen noch recht erheblich. Ob die Türkei daraus heute einen Gewinn zu ziehen vermag, ist schwer zu sagen. England ist be­müht gewesen, sich für den Fall eines Konfliktes mit Italien die Unterstützung der Mittelmeermächte zu

sichern. Es hat in dieser Beziehung auch mit der Türkei Vereinbarungen getroffen. Es wäre also möglich, daß die Türkei die Quittung hierfür vorlegt. Andererseits zeigen die aus England kommenden Meldungen, daß London sich nicht allein auf solche Vereinbarungen verlassen will, sondern mit allen Kräften seine Macht­position im Mittelmeergebiet, vor allem gilt das für Cypern, ausbauen will. Cypern deckt zwar nicht un­mittelbar das Nildelta und den Suezkanal, doch gibt es gegen jeden Angreifer, der von der Adria oder von Rhodos aus gegen den britischen Lebensweg nach Indien vorstößt, eine bedrohliche Flankenstellung ab. Dann schützt Cypern aber auch die in Haifa, das selbst von den Engländern befestigt wird, endenden Öl­leitung. Außerdem ist Cypern eine gute Rückendeckung gegen das italienische Rhodos. So spielt Cypern in den neuen englischen Mittelmeerplänen eine wichtige Rolle. Das bedeutet nicht, daß die Engländer auf Malta ver­zichten, sondern es bedeutet, was aus der Rede Edens klar hervorgeht, daß die Engländer ihre Position im Mittelmeer verstärken. Bekanntlich geht Hand in Hand damit die Verstärkung der englischen Mittelmeerflottenstreitkräfte, die hinsicht­lich der großen Schlachtschiffe, das Verhältnis zwischen der englischen Heimatflotte und der Mittelmeerflotte gegen die Zeit vor der englisch-italienischen Spannung nahezu umkehrt. Daß Cypern einen großen Teil griechischer Bevölkerung hat und nicht weit von der türkischen Südküste entfernt liegt, macht den Eng­ländern offenbar wenig Sorgen. Man ist in London der Überzeugung, daß Griechenland und die Türkei nach dem jüngsten Machtzuwachs Italiens die britische Freundschaft mehr denn je schätzen werden. Andererseits dürften diese Zusammenhänge auch Englands Haltung auf der Meerengenkonserenz nicht unwesentlich beein­flussen.

Die Folgen einer Improvisation.

Im Jahre 1917 kam der englische Staatsmann Balfour auf den Gedanken, den gewaltigen Einfluß des Judentums in der Welt weitgehend dadurch in den Dienst der Alliierten einzuspannen, daß er in einer für die englische Regierung abgegebenen Erklärung die Errichtung einer nationalen Heimstätte für die I u d e n in P a l ä st i n a versprach. Den Inhalt dieser Balfour- Deklaration machte sich später der Völkerbund zu eigen, und er bildet gewissermaßen einen Bestandteil des Mandatsaustrages. Die Erklärung charakterisiert sich unzweifelhaft als eine Improvisation, die ihren Ur­sprung in den Verlegenheiten und Nöten des Welt­krieges hat. Ihre ganze Tragweite hat man damals nicht erkannt und wohl auch nicht zu überschauen ver­mocht.

Heute ist man in England längst zu der Erkennt­nis gekommen, daß man mit der Durchführung des da­mals gegebenen Versprechens dem englischen Weltreich an einer sehr empfindlichen Stelle höchst peinliche Verlegenheiten bereitet hat. Zu der Zeit, als die Balfour-Deklaration erlassen wurde, betrug die Zahl der Juden in Palästina noch nicht annähernd ein Zehntel der Eesamtbevölkerung, etwa 60 000. Man hatte auch nicht mit Einwanderungsziffern in der Höhe gerechnet, wie sie heute tatsächlich festzustellen sind. Im Jahre 1931 war die Zahl der Juden in Palästina be­reits auf 175 000 und vor zwei Jahren weiter auf 250 000 angestiegen. Obgleich die Mandatsverwaltung Dämme gegen eine übermäßige Einwanderung er­richtet hat, indem sie die Ausnahme unbemittelter Juden an zahlenmäßig sehr begrenzte Zertifikate band, ist sie scheinbar doch machtlos gewesen gegen die illegale Einwanderung. Sonst wäre es nicht denkbar, daß die Juden in Palästina heute bereits ein Drittel der Eesamtbevölkerung von rund 1,2 Mill, darstellen. Die Tatsache, daß die Zahl der Juden in Palästina seit dem Erlaß der Balfour-Deklaration von 60 000 auf 400 000 angestiegen ist, hat dieses vorher ganz überwiegend von Arabern bevölkerte Land zu einem Nationalitätenstaat gemacht, in dem die rassi­schen und wirtschaflichen Gegensätze mit unerhörter Leidenschaft aufeinanderprallen.

Deutschland ohne imperialistischen Ehrgeiz.

Goebbels-Rede auf dem Gautag der Kurmark.

Potsdam, 21. Juni. Auf dem Appell aller Gliede­rungen des GauesKurmark der NSDAP, in Potsdam am Sonntagmittwg sprach Dr. Goebbels. Er rechnete unter der begeisterten Zustimmung der Zehntausende nun mit denen ab, die mit geringschätziger Miene sagen:Der Führer! jawohl! A b e r die kl e in en H itl er !Hier sind diekleinen Hitler" des Gaues Kurmark aufmarschiert, und nun wage einer, den ersten Stein aus sie zu werfen! Genau so wie ihr euch zum Führer bekennt, bekennt der Führer sich zu euch! Er wird es niemals vergessen, daß es die kleinen Hitler" waren, die mit ihm die Stufen bauten, auf denen wir zur Macht emporsteigen konnten!" (Langanhal­tende Heilrufe.)

Dr. Goebbels beschäftigte sich mit dem Einwand, daß es in Deutschland keine Freiheit der Meinung mehr gebe. Früher habe es allerdings in Deutschland eine soge­nannte Freiheit der Meinung gegeben, so sagte er, und was Deutschland davon profitierte, habe man schaudernd fest­stellen können. Es ist besser, das Bolt wird gerettet, als daß ein paar Schwätzer das Recht haben, gegen das eigene Volk zu hetzen.

Wenn die Besserwisser sagen:Kritik tut not", so sagen wir:Es ist not, daß wir arbeiten, daß wir den Armen zu essen, den Arbeitslosen Arbeit geben, daß wir eine Armee aufbauen, damit wir uns wehren können! Weil dasnoter tut" als Kritik, deshalb haben wir die K r i t i k a st e r e i abgeschafft und mit der Arbeit angefangen. Und ich habe den Eirchruck, daß das deutsche Volk damit ganz einver­standen ist." (Langanhaltende stürmische Zustimmung.)

Die Wirren der Weit berühren uns nicht, denn wir find mit unseren eigenen Problemen vollauf beschäftigt. Wir haben über unsere inneren Aufgaben hinaus keiner­lei imperalistischen Ehrgeiz, denn unser Aufbau ist auf ganz weite Sicht eingestellt. Wir brauchen auch keine außenpolitischen Abenteuer und Experimente, um unsere Position im eigenen Volke zu festigen. Das deutsche Volk will wie seine Regierung nur den Frieden weil beide ihn bitter nötig haben; aber wir wollen einen Frieden, der uns die Ehre _ und das Leben läßt. Da wir der Überzeugung waren, daß dieser Friede mit den alten Wlkerbundsmethoden nicht garantiert werden konnte, haben wir neue Methoden angewandt. Der Völkerbund hat den Abessinienkrieg nicht | beenden können, sondern er ist gewissermaßen mit gedämpf­tem Trommelklang hinterhermarschiert. Der abessinische j

Krieg aber ist mit Bombengeschwadern entschieden worden. Da wir nicht Lust haben, einen provozierten Konflikt gegen Deutschland in Zukunft etwa auf gleiche Weise lösen zu lasten, haben wir uns selbst mit Bombengeschwadern einge­deckt. Das deutsche Volk verfolgt dabei keine agrestiven Ab­sichten, sondern hat nur den Willen, in Frieden seiner Arbeit nachzugehen." (Starker Beifall.)

Dr. Goebbels umritz nun in knappen Worten die gewal­tigen Aufgaben, di« in Zukunft der Lösung harren.

1. Die Arbeitsschlacht ruft unsere Hände.

2. Der Kampf um die vollkommene Gleichberech­tigung des deutschen Volkes erfordert unsere Kraft und Kühnheit.

3. Große soziale Werke harren der Lösung.

4. Die innere Form des Staates und die An­gleichung des Staates an die Partei muß weitergetrieben und fortgesetzt werden.

5. Darüber steht als größte Aufgabe die f y st e m a t i fch e Erziehung des deutschen Volkes für kn« kom­menden Generationen.

Tote und Verwundete auf beiden Seiten.

Jerusalem, 22. Juni. (Letzte Funkmeldung.) In der Nähe von Tolarem fand am Sonntag zwischen eng­lischen Truppen und arabischen Aufständigen ein siebenstündiges erbittertes Gefecht statt, bei dem es auf beiden Seiten zahlreiche Tote und Ver­wundete gab. Es handelt sich um die größte Kampf­handlung, die sich bisher im Verlaufe des Araber- Aufstandes in Palästina ereignet hat.

2m Laufe des Nachmittags war ein Kraftwagenzug, der von englischen Truppen begleitet war, von einer Reihe von mindestens 60 arabischen Freischärlern überfallen worden. Bei dem sich entwickelnden Gefecht, wurden sofort drei englische Füsiliere schwer ver­wundet. Bald darauf trafen britische Verstärkungen ein, Teile des Royal Scots-Füsilier-Regiments und der

Die Palästina-Debatte, die Ende der Woche im englischen Unterhaus stattfand, läßt es ganz deut­lich erkennen, wie erheblich die Verlegenheiten und Schwierigkeiten sind, in die England sich selbst ge­bracht hat. Der Kolonialminister Ormsby-Eore sprach von dergegenwärtig so beklagenswerten Lage in Palästina". England muß nämlich innerhalb seines Weltreichs auch in ganz ausgedehntem Matze mit den Arabern und Mohammedanern rechnen. Eine pan­islamische Bewegung gegen England könnte eine töd­liche Gefahr für das Empire werden. Die Möglichkeit ist nach den Ereignissen und Stimmungsanzeichen aus der letzten Zeit nicht von der Hand zu weisen, daß sich diese Gefahr in Palästina entzündet. Durch die dort eingeleitete Entwicklung müssen sich natürlich die Ara­ber völkisch und wirtschaftlich aufs äußerste bedroht fühlen. Da das jüdische Weltkomitee für die Einwan­derung über recht erhebliche Mittel verfügt, so war es ihm möglich, für Grund und Boden in Palästina ver­lockende Preise zu bieten. Darauf sind im Anfang der Entwicklung zahlreiche verblendete arabische Großgrund­besitzer zum Schaden ihrer Stammesgenossen eingegan­gen. Die neuen jüdischen Besitzer haben keine Rücksicht auf die zahlreichen arabischen Pächter genommen, die

Seaforth-Hochländer, sowie Kampfflugzeuge, die sofort mit Maschinengewehren auf die Freischärler feuerten.

Später erschienen auch noch Panzerwagen. Das Militär schritt schließlich zum Gegenangriff und drängte einen Teil der Freischärler nach Norden und den anderen Teil nach Süden ab. Als der Einbruch der Dunkelheit zum Abbruch des Gefechtes zwang, waren mindestens 10 Araber gefallen. Auf engli­scher Seite hatte man außer den bereits genannten drei Verwundeten zwei Tote zu beklagen. Die ge­nauen Verluste der Araber konnten nicht festgestellt werden. Augenzeugen wollen aber gesehen haben, daß dieFreischärlerdieHälfteihrerKämpfer verloren haben.

Nach dem Abbruch des Gefechtes setzte sich ein Flug­zeug, an die Spitze des Kraftwagenzuges, um den weiteren Marsch zu sichern.

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