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Wöchentlich

8. Tch-llrnberg'Ich- Sofb»<66nuterei, »Tag blatt. Hans».

Werktäglich nachmittags, Samstags vor- u. nachmittags

Unterhaltungsbeilage.

mit einer täglichen

Drahtanschrift: Tagblatt Wiesbaden.

Nr. 158.

Freitag, 12. Juni 1936.

84. Jahrgang

Entspannung der Internationalen Lage ?

MinisterpliWnt Mm gegen W Mlkkehr znr PMetzM

Fernsprechcr-Eammel-Rr. 69631. Berliner Büro: Berlin-Wilmersdorf.

Geschäftszeit: 8 Uhr morgens bis 7 Uhr abends, außer Sonn- und Feiertags.

Deutschland und die Schweiz.

Deutschland hat den Vertrag gekündigt, der einen Ausgleich der Zahlungsverpflichtungen zwischen Deutschland und der Schweiz er­möglichen sollte, aber nicht ermöglicht hat, das soge­nannte Verrechnungsabkommen. Da zwischen Deutsch­land und der Schweiz ein sehr lebhafter wirtschaftlicher Verkehr besteht, da die Schweiz ein guter Kunde Deutsch­lands war, da der deutsche Reiseverkehr nach der Schweiz stets lebhaft und wichtig gewesen ist, kommt der Kündigung des Vertragsverhältnisses zwischen diesen beiden Ländern erhebliche Bedeutung zu. Es sind wirt­schaftliche Notwendigkeiten, die den Zwang zur Kündi­gung mit sich gebracht haben. Deutschland rechnet von vornherein damit, daß es wieder möglich werden soll, ein neues Abkommen zu schließen. Aber die Schwierig­keiten ergeben sich daraus, daß Deutschland für die Ab­deckung von Schuldverpflichtungen nur seine Waren­ausfuhr zur Verfügung steht, nachdem das Wirrsal der internationalen Handelserschwerun­gen und das Durcheinander der schwankenden Währun- §en den direkten Geldverkehr von Land zu Land so sehr ehindert hat. Andererseits ist die Schweiz gleich­zeitig ein Fremdenverkehrsland, ein Land, das erhebliche Kapitalien ins Ausland leiht, und dafür Zinsen zurücknehmen will, und schließlich ein Industrie­land. Jede dieser drei Schweizer Wirtschaftsgruppen stellt ihre Ansprüche an Einnahmen aus dem Reise­verkehr von Ausländern, aus ausländischen Zinsen­zahlungen und aus dem Absatz der eigenen Industrie- Produkte. In der Schweiz hat sich zuletzt die Jndustrie- gruppe durchgesetzt, die verlangt, daß die Wareneinfuhr aus dem Ausland eingeschränkt werden soll, damit Schweizer Waren stärker verkauft werden. Die Folge ist, daß Deutschland im Jahr 1930 für 710 Millionen Franken nach der Schweiz verkaufen konnte, im Jahre 1935 nur noch für 338 Millionen. Im ersten Viertel­jahr 1935 wurden immerhin noch für 104 Millionen Franken deutsche Waren gekauft, im ersten Vierteljahr 1936 nur noch für 95 Millionen. 1930 war die deutsche Lieferung nach der Schweiz um so viel größer, als die Schweizer Warenlieferung nach Deutschland, daß die deutsche Wirtschaft einen Gewinn von 430 Millionen buchen konnte, 1935 betrug dieser Gewinn nur noch rund 170 Millionen Franken. Nun ist aber Deutschland ver­pflichtet, bestimmte Zinfenleistungen nach der Schweiz durchzuführen, und der deutsche Reiseverkehr, der all­jährlich im Winter und im Sommer nach der Schweiz geht, bringt ebenfalls erhebliche deutsche Gelder in die Schweiz hinein. Was Deutschland an W a r e n in die Schweiz verkauft, muß ausreichen, um diese Zins en - zahlungen und diese vom Fremdenverkehr umge­setzten Beträge zu decken. 2m vorigen Jahr ist das be­reits nicht mehr der Fall gewesen, sondern deutsche Zinsenzahlungen und deutscher Fremden­verkehr übertrafen um 2 6 Millionen Franken den Betrag, den Deutschland an seinem Warenhandel mit der Schweiz v e r d i e n t, so daß also in dieser Höhe eine Neuverschul­dung eintrat, da unter dem Abkommen die Schweizer Wareneinkäufe in Deutschland noch mehr abgenommen haben, mußte man sich zur Kündigung entschließen, um eine weitere Neuverschuldung zu vermeiden. Deutschland erkennt durchaus die Schwierigkeiten, die für die Schweizer Wirtschaft darin liegen, einen Ausgleich zwischen Industrie, Kapital und Fremdenverkehrs­interessen herbeizuführen. Aber es kennt auch seine eigenen Schwierigkeiten und muß auf sie zu­nächst Rücksicht nehmen. Die Hoffnung, daß es bei beiderseitigem Verständnis für die Schwierigkeiten des Partners gelingen wird, ein neues Abkommen zustande .zu bringen, ist deshalb im Augenblick der Kündigung die maßgebende Richtlinie.

Nurpersönliche, provisorische Überlegungen".

as. Berlin, 12. Juni. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Marschall B a d o g l i o ist gestern von . seinem neuen Amt als Vizekönig inAbes- sinken z u r ü ck g e t r e t e n, um sich wieder ganz - seinem Posten als Generalstabschef des italienischen Heeres widmen zu können, während die Bürde und das Amt eines Vizekönigs von Abessinien nunmehr "dem General Graziani zufällt. In Rom betont man, daß dieser Ämterwechsel keine besondere Bedeu­tung habe und er nicht zuletzt erfolgt sei, weil der 65jährige Badoglio auf die Dauer das abessinische Klima nicht vertragen könne. Badoglio selbst hat in einer Unterredung mit einem französischen Journalisten, um Mißdeutungen dieses Ämterwechsels vorzubeugen, noch hinzugefügt, daß Italien an k e i n e Mobil­machung oder andere Maßnahmen denke. Das italienische Heer sei für jeden Fall bereit, aber das sei auch alles. Es besteht kein Grund, Zweifel in diese Er­klärung zu setzen. Trotzdem wird man wohl annehmen können, daß Italien seinen besten General auf die Dauer nicht an Afrika abgeb^n will und kann und daß es auf dem Posten des General st abschefs einen ganzen Mann gebraucht. Man braucht daraus nicht auf eine Zuspitzung der Lage zu schließen, aber es ist auf der anderen Seite klar, daß der italienische Eeneralstab sich auch durch keinerlei Entwicklungen in Europa über­raschen lasten will, sondern seinerseits für alle denkbaren Fälle Pläne bereit zu haben wünscht.

Nach einer Meldung derAgenzia Strsani ist der Bizekönig von Abeffinien, Marschall Badoglio, unter Befördernng zum Herzog von Addis Abeba von seinem Amte zurügetreten. Marschall Graziani ist an seiner Stelle zum Vizekönig von Abessinien ernannt worden.

Als besondere vom Parteidirektorium beschlostene Ehrung Badoglios ist dem Herzog von Addis Abeba die Mitgliedskarte der Faschistischen Partei feierlich überreicht worden. Die Mitglieds­karte trägt das Datum des S. Mai, des Einzuges Badoglios in Addis Abeba.

Die Bevölkerung will geführt fein.

London, 12. Juni. Auf einem Bankett, das gestern abend von der Nationalen Arbeiterpartei des Unterhauses in Anwesenheit des Lordpräsidenten. Ramsav Mac- d o n a l d, und etwa 40 führender Persönlichkeiten dieser parlamentarischen Gruppe gegeben wurde, ergriff Minister­präsident Baldwin als Ehrengast das Wort.

In einer kurzen Rede erinnerte er an die Bildung der nationalen Regierung im Jahre 1931, von der auch Ramfay Macdonald in seiner Begrüßungsansprache gesagr habe, daß sie mehr als eine Koalitionsregierung gewesen sei. Er sprach dann weiter von seiner politischen Zusammenarbeit mit Macdonald in der Vergangenheit und drückte seine 6c- ' sondere Freude über ihre beiderseitige Annäherung im Jahre 1931 aus. Bezugnehmend auf eine Bemerkung Macdonalds über die junge Generation wies der Ministerpräsident darauf hin, daß die Jugend immer unberührter vom Partei- leben aufwachse. Die junge Generation werde die in der

Antisemitismus im Orient unausbleiblich."

Eine arabische Zeitung zu den Vorgängen in Palästina.

Kairo, 12. Juni. (Letzte Funkmeldung.) Die arabische ZeitungSiassa befaßt sich in einem grundsätzlichen Artikel mit den Vorgängen in Palästina, die sie als Aus­lösung der zionistischen Politik, die im Orient die gleiche Welle des Antisemitismus erzeuge, wie man sie in Europa beobachten könne, an­sieht. Es läge im Jntereste des Judentums, so schreibt das Blatt, die zionistische Politik in Palästina a b - z u st o p p e n, solle es sich nicht in kürzester Zeit schärfstem Antisemitismus im ganzen Orient gegenüberftehen.

Man könnte sogar heute von einer gewissen Ent­spannung der internationalen Lage sprechen, wenn eindeutig feststände, welche Bedeutung der Rede des englischen Finanzministers Neville Chamber­lain zukommt, die dieser imKlub von 1900 hielt. Chamberlain hat sich darin u. a. sehr scharf gegen eine, Fortsetzung der Sanktionspölitik ausgesprochen, ja er hat den Plan, die Sanktionen zu verschärfen, geradezu als Wahnsinn bezeichnet, und er hat darüber hinaus eine Reform desVölker- Hundes verlangt. Aber Neville Chamberlain ist nun einmal Finanz- und nicht Außenminister, und die Frage, ob er nur seine eigene private Mei­nung wiedergegeben oder die Ansichtendes Kabinetts ausgeplaudert hat, diese Frage ist auch in der gestrigen Unterhausdebatte nicht einwandfrei be­antwortet worden. Baldwin, dem die Anfragen im Unterhaus nicht angenehm waren, hat geantwortet, Chamberlain habe ihm gesagt, daß seine Ausführungen lediglichpersönliche provisorische Überlegungen dar­stellten. Der Ministerpräsident hat sich weder auf eine Zustimmung noch auf eine Ablehnung festlegen lasten, sondern vielmehr betont, daß die Regierung selbst noch zu keinerlei Schlußfolgerungen in diesen Fragen gekommen sei. Immerhin wird man die Aus­führungen Chamberlains, gleich, ob er nurlaut ge­dacht, oder die Ansichten des Kabinetts wiedergegeben hat, als Zeichen dafür betrachten dürfen, wie sanktionsmüde England geworden ist.

Es muß dahingestellt bleiben, inwieweit diese Stim­mung durch die erneute Drohung Italiens bei einer Fortsetzung der Sanktions­politik, aus dem Völkerbund auszu­scheiden, gefördert worden ist. G r a n d i soll das in seiner letzten Unterredung im englischen Aus­wärtigen Amt nochmals sehr nachdrücklich betont und hinzugefügt hahen, an eine aktive Mitarheit Italiens an der Schaffung eines neuen Sicherheitssystems sei dann natürlich nicht zu denken. Der italienische Bot­schafter soll abschwächend aber auch gesagt haben, daß Italien sich, wenn der Völkerbund einen entscheidenden Schritt aus hem Wege zum Abbau der Sanktionen machen würde, mit der Aufrechterhaltung noch für eine weitere kurze Spanne abfinden würde. Sollte das zu­treffen, so würde dadurch die Lage in Genf zweifellos erleichtert, noch aber ist, wie sich aus den gestrigen Aus­führungen Baldwins ergibt, das letzte Wort nicht ge­sprochen.

Landon Präsidentschaftskandidat der Republikaner.

Das Parteiprogramm.

Eleveland (Ohio), 12. Juni. (Funkmeldung.) Der in Cleveland tagende republikanische Parteitag hat den Gouver­neur von Kansas, Landon, als Kanditaten für die Präsident­schaftswahl ausgestellt.

Cleveland (Ohio), 12. Juni. (Funkmeldung.) Die bereits gemeldete Aufstellung des Gouverneurs von Arkan­sas Landon zum Kandidaten für die Präsidentfchaftswahl rief bei den Anwesenden tumultartige Beifalls­stürme hervor.

Cleveland (Ohio), 12. Juni. Das vom Unterausschuß des Entschließungsausschusses ausgearbeitete republikanische Parteiprogramm umfaßt etwa 3000 Worte.

In bezug auf die Währungspolitik verlangt das Parteiprogramm einegesunde Währung", die aus alle Fällen erhalten werden müsse, erwähnt jedoch das von Landon gewünschte WortGoldstandard" nicht. Der Satz über eine gesunde Währung ist eine wörtliche Wiederholung des Abschnittes über die Währungspolitik, den Senator Glaß für das demokratische Parteiprogramm im Jahre 1931 abgefaßt hatte.

Das Parteiprogramm erklärt weiter, daß die einzelnen Staaten der Union Lohnsätze und Arbeitszeit selbständig segeln könnten, ohne daß dazu ein Zusatz zur Bundesver- sassung notwendig wäre, wie ihn Landon gewünscht hatte.

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Soiioolw uni) Neville Khanibeckln.

Badoglio als Vizekönig zurückgetreten. Italien will seinen besten General nicht an Afrika abgeben. Der englische Finanzminister gegen die Sanktionspolitik.

nationalen Regierung zum Ausdruck gelangende Zusammen­fassung der Kräfte hoffentlich benutzen, um ihren Hoffnungen und Wünschen Ausdruck zu verleihen. Ein sehr großer Teil der Bevölkerung kümmere sich nicht um die Parteien. Diese Menschen stellten aber den wirklichen und lebendigen Teil des Volkes dar und hätten einen wesentlichen Beitrag zum politischen Leben des Landes zu leisten. Die Sehnsucht dieses Teiles der Bevölkerung nach einer Führung könnte ihnen von den Anhängern der nationalen Regierung erfüllt werden.

Der Ministerpräsident brachte schließlich seine Über­zeugung zum Ausdruck, daß keine einzige Partei bei einem Wahlsiege Kraft genug für eine wirksame Herrschaft ge­winnen könnte, und erklärte sich gegen eine Rückkehr zur Parteipolitik. Manche wären geneigt, die Rationale Ar­beiterpartei nach der Anzahl ihrer Sitze im Unterhaus zu beurteilen. Er ziehe es aber vor. sie nach den Gegeben­heiten und Voraussetzungen einzuschatzen, unter denen jie ihre Parlamentssitze errungen hätten,

Sowjetagenten in Kalkutta.

London, 12. Juni. (Funkbericht.) Der Bericht­erstatter derMorning Post meldet aus Kalkutta, oort fei ein Umsichgreifen k o m m u n i st i s ch e r Intrigen zu beobachten, was auf die Tätigkeit von ^Sowjetrußland geschulten Agitatoren zurückzu-

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