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Mittwoch, 29. 3tiU 1914.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 347. 62. Jahrgang.

Der Kampf um die Dolftermoraf.

BerlinerNeue Politische

- Die oft halboffiziöse Korrespondenz" schreibt: .

Mit tiefem Ernste und voller beweiskräftiger Klar­heit hat Österreich-Ungarn das benachbarte Serbien in seiner Note auf sein demoralisierendes Ver­halten als K u l t u r n a t r o n hingewiesen. Eine Nation, ein Kulturftaat von dem zweifelhaften Werte Serbiens hat jede Nachsicht längst verwirkt; ein Volk, eine Regierung, die das Verbrechen zur planmäßigen Tat erhebt, muß sich eine deutliche und entschiedene Sprache und ungewöhnliche Bedingungen gefallen lassen. Serbien kann durch ein solches Vorgehen nicht gedemütigt werden, denn es hat sich durch sein Verhal­ten vor der ganzen Welt selbst erniedrigt. Österreich-Ungarn ist heut in erster Linie der Mandatar der ganzen K u l t u r w e l t, wenn es ein zuchtloses Volk und eine minderwertige, brüchige Regierung der Hoheit entkleidet, aus die sonst jeder gesittete Staat An­spruch hat. Wenn sich nn bürgerlichen Leben ein Mensch so benehmen wollte, wie es Serbien als Nation getan hat, würde er von aller Welt wie die Pest ge­mieden und als Verbrecher behandelt werden. Sollen denn im Wesen, in der Moral der Völker andere An­schauungen Geltung haben? Die Großmächte Europas würden ihre Pflicht erfüllt haben, wenn sie eine Nation wie.Serbien unter Polizeiaufsicht gestellt hätten. Will nian Österreich-Ungarn eine Mitwirkung bei der Er- ziehung des serbischen Volkes zu einer den Anforderun­gen der Anständigkeit und der internationalen Sicher­heit entsprechenden Haltung nicht allein zugsstehen, so mögen die Großmächte dieses Werk auf sich nehmen und damit der Welt die notwendigen Garantien bieten, daß dieses kleine Land durch sein verbrecherisches Trei­ben nicht unausgesetzt und ungestraft die Ruhe Europas stören darf. Nicht um einseitige Interessen handelt es sich im vorliegenden Falle, denn Österreich-Ungarn will keinen E r o b e r u n g s f e l d z n g; der Nieder- ringung verbrecherischer Frechheit gilt das Vorgehen, welches' in der ganzen Welt Zustimmung gefunden hat. An der Hochhaltung der Völkermor-al haben alle Natio­nen ein starkes Interesse; denn diese Völkcrmoral ge­währleistet allein die Achtung der Staaten unterem- ander, sie ist der starke Rückhalt für die Kraft des Staatsgedankens im Leben der einzelnen Nationen.

Wie ungeheuer groß ist allein schon jetzt der wirt­schaftliche Schaden, den alle Völker, alle Länder Europas durch die Schändlichkeiten des kleinen straf- würdiaen Serbiens erleiden. Jetzt haben bt.e Dinge eine Höhe erreicht, wo endlich durchgegriffen werden muf; mit kaltblütiger Rücksichtslosigkeit. Die wuch­tige moralische Kraft, die Österreich-Ungarns Vorgehen trägt wird nicht ohne Erfolg bleiben, wie immer sich die'Dinge gestalten mögen. Wollen Rußland und Frankreich ohne jegliche Ursache die Verantwortung und die Kosten für einen europäischen Krieg um der serbischen Verbrechen wegen aus sich nehmen, dann mag es sein Wir Deutschen haben auch in diesem Falle nicht die geringste Furcht. Wir stehen fest und treu zu unserem Bundesgenossen und wir werden auch für un­tere Grenzen eiutreten mit der Entschlossenheit, dre

unserem Volke eine ruhmvolle Geschichte verliehen hat. Mit erhebender Einmütigkeit, mit ruhigem Ernst ver­folgt Deutschlands öffentliche Meinung die Werter- entwicklung der Dinge. Sicheren Auges sehen wrr Her Gefahr entgegen, den Frieden wünschend, aber zur teiidigung von Kaiser und Reich bereit. Der deutsche .Kaiser ist des deutschen Volkes sicher bt§_ zum letzten Mann; das ist die Kraft, die uns führt, dre uns ruhig macht, mag kominen, was da will! Dem verbündeten Österreich-Ungarn aber rufen wir zu: Landgraf, bleibe hart!

Die Anmerkungen der k. k. Negierung Zur serbischen Antwortnote.

w b. Wien, 28. Juli. Die Antwort der serbischen Regie­rung vom 12./25. Juli wird nuninehr mit den A nmer - kungen der k. k. Regierung im Wortlaut veröffent­licht. In diesen Anmerkungen heißt es u. a.:

Die serbische Regierung beschränkt sich darauf, festzn- stellen, daß seit Abgabe der Erklärung vom 18. März 1900 von seiten der serbischen Regierung und ihrer Organe kein Versuch zur Änderung der Stellung Bosnien und der Her­zegowina gegenüber unternommen wurde. Damit ver­schiebt sie in bewußt willkürlicher Weise die Grundlagen unserer Demarche, da wir nicht die Behauptung ausgestellt haben, daß sie und ihre Organe in dieser Richtung o f f i z i e II irgend etwas unternommen hätten. Unser Gravamen geht vielmehr dahin, daß sie es trotz der in der zitierten Note übernommenen Verpflichtung unterlassen hat, die gegen die territoriale Integrität der Monarchie gerichtete Bewegung zu unterdrücken. Ihre Verpflichtung bestand also darin, die ganze Richtung ihrer Politik zu ändern und die österreichisch­ungarische Monarchie offiziell nicht anzutasten. Die Be­hauptung der serbischen Regierung, daß die Äußerungen der Presse und die Tätigkeit von Vereinen privaten Charakter haben und sich der staatlichen Kontrolle ent­ziehen, steht in vollem Widerspruch zu den Einrich­tungen moderner Staaten, selbst der freiheitlichen Richtung auf dem Gebiete des Presse- und Vereinsrechts, das einen öffentlichen Charakter hat und wo Presse sowie Vereine staat­licher Aufsicht unterstehen. . . ^ ,

Die Bemerkung der serbischen Regierung, sie sei durch die Behauptungen, daß Angehörige Serbiens an der Vor­bereitung des 'in Serajewo verübten Attentates teilaenommen hätten, schmerzlich überrascht gewesen, sie habe erwartet, zur Mitwirkung bei den Nachforschungen über dieses Verbrechen eingeladen zu werden und fei bereit, um ihre vollkommene Korrektheit durch die Tat zu beweisen, gegen alle Personen vorzugehen, hinsichtlich ivelcher ihr Mit­teilungen zukammen, wird als unrichtig bezeichnet. Die serbische Regierung sei über den gegen ganz bestimmte Per­sonen bestehenden Verdacht genau unterrichtet und nicht nur in der Lage, sonderil auch nach ihren internen Ge­setzen verpflicht ei gewesen, ganz spontan Erhebungen einzuleiten. Sie habe in dieser Richtung gar nichts unter­Die Forderung Österreich-Ungarns,die k. serbische Regierung verurteilt die gegen Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda", ist dahin geändert worden, daß die serbische Regierung jede Propaganda verurteilt die gegen Österrerch- Unaarn gerichtet sein sollte. Das will besagen, daß eine solche gegen' Österreich-Ungarn gerichtete Propaganda n i ch t bestebe oder daß der Regierung eine solche nicht bekannt sei Die Formel ist unaufrichtig und hin t erh altag da sich die serbische Regierung damit für spater die Ausflucht rescr-

viert, sie hätte die derzeit bestehende Propaganda durch diese Erklärung nicht desavouiert und nicht als monarchiefeindlich anerkannt, woraus sie weiter ableiten könnte, daß sie zur Unterdrückung einer der jetzigen Propaganda gleichen nicht verpflichtet sei. Dasselbe gilt von der Änderung der WorteDie königliche Regierung bedauert, daß serbische Offi­ziere und Funktionäre mi t g e w i r k t haben" in die Worte: Laut Mitteilung der k. k. Regierung mitgewirkt hätte n."

Weiter hatte die k. k. Regierung gefordert, daß die ser­bische Regierung jede Publikation unterdrücke, die zum Haß und zur Verachtung der Monarchie aufreize und deren Tendenz gegen die territoriale Integrität der Monarchie ge­richtet ist, wollte also die Verpflichtung Serbiens herbei­führen, dafür zu sorgen, daß derartige Presseangriffe in Zukunft unterbleiben. Statt dessen bot uns Serbien bte Erlassung gewisser Gesetze an, welche als Mittel zu diesem Erfolg dienen sollten, ohne die geringste Garantie für den gewünschten Erfolg zu bieten. Diese Vorschläge sind vollkommen unbefriedigend, um so mehr, als nicht gesagt wird, innerhalb welcher Frist diese Gesetze er­lassen würden und daß im Falle der Ablehnung der Gesetzes­vorlage durch die Skupschtina von der eventuellenDemission der Regierung abgesehen alles beim alten bleibe.

Zu der Erklärung der serbischen Rote, die Regierung be­sitze keinerlei Beweise dafür und auch die Note der k. k. Regierung liefere ihr keine solche, daß der Verein Narodna Obrana und alle ähnlichen Gesellschaften bis zum heutigen Tage durch ihre Mittel irgend welche verbreche­rischen Handlungen begangen hätten, daß aber die Narodna Obrana sotoie jede Gesellschaft, die gegen Österreich-Ungarn wirken sollte, aufgelöst werden sollten, wird bemerkt: Die moriarchiefeindliche Propaganda erfüllt in Serbien das ganze öffentliche Leben. Es ist daher eine ganz unzulässige Reserve, wenn die serbische Regierung behauptet, daß ihr hierüber nichts bekannt ist; ganz abgesehen davon, hat die österreichisch-ungarische Note verlangt, die Propaganda- mittel dieser Gesellschaften zu konfiszieren und die Neubil­dung der aufgelösten Gesellschaften unter anderem Namen und unter anderer Gestalt zu verhindern. In diesen beiden Richtungen schweigt das Belgrader Kabinett vollkommen.

Auch in Sachen des öffentlichen Unterrichts verlangt die serbische Regierung erst Beweise dafür, -daß eine monarchiefeindliche Propaganda getrieben wibd, während sie dach wissen muß, daß die in -serbischen Schulen eingeführten Lehrbücher in dieser Richtung die beanstandeten Stoffe enthalten, und daß ein großer Teil der serbischen Lehrer im Lager der Narodna Obrana und der ihr affilierten Vereine stehen. Übrigens hat die serbische Regierung auch hier einen Teil der Forderungen nicht erfüllt, wie es verlangt war, indem sie ihrem Text den Beisatzsowohl was den Lehrkörper als auch was die Lehrmittel anbelangt" wegließ, ein Beisatz, welcher ganz klar zeigt, wo die monarchieseindliche Propaganda in den serbischen Schulen zu suchen ist.

Indem die serbische Regierung bei der Zu-I-age der E n t- l a s s u n g der fraglichen Offiziere und Beamten aus dem Militär- und Zi-vildienst die Bedingung an den Um­stand knüpft, daß diese Personen durch ein gerichtliches Verfahren schuldig befunden waren, schränkt sie ihre Zusage auf 'jene Fälle ein, in denen diesen Personen ein gesetzlich zu ahndendes Delikt zur Last liegt. Da die Note aber die Ent­fernung jener Offiziere genau verlangt, die eine monarchie- feindliche Propaganda betreiben, was ja im allgemeinen in Serbien kein gerichtlich strafbarer Tatbestand ist, so erscheint ihre Forderung auch in diesem Punkt nicht erfüllt.

Wenn die serbische Regierung erklärst daß sie jede Mit­wirkung von Organen der k. k. Regierung anzunehmen bereit wäre, welche den Grundsätzen des Völkerrechts und des

1 Mark 51/2W

Am Mobilmachungslonntag in Wien.

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Von Paul Schwcder.

Wien, 27. Juli.

Mit militärischer Pünktlichkeit läuft der Berliner Schnell­zug im Wiener Nordbahnhof ein. Kern Zweifel, man mt heute weit entfernt von den Tagen, da die passive Resistenz der Eisenbahner dom österreichischen Staate schwere Sorgen bereitete. Alles ist vielmehr einr-g ttt treuester Pflicht­erfüllung von dom aus Anlaß des MobilmachungStages Mit Schiffhut und Galadogen amtierenden Bahn-hossvorstand bis herab zum letzten Wagenputzer. Draußen rieselt ein seiner, Wer durchdringender Landregen hernieder und verdirbt den Bsienern die Freude am MabilmachungSsonntag. Sie haben gestern Abend voller Begeisterung den Abbruch der diplo- inatischen Bezichungen zu Serbien gese-rert und schauen nun verdutzt und ernüchtert zu den grauen Wolken,Massen unvor aus denen es immer stärker hervorquillt, vis schlieh- 'ich um die Mittagsstunde ganz Wien eine einzige große flegenpfütze bildet. Schade, ich hatte den Wienern und mir einen echten rechten Sonnentag gewünscht. Aber vielleicht >'t es auch so ganz -gut. Ist doch nach dem gestrigen Freuden­rausch heute die innere Einkehr erwünscht und vonnoten. Und ruhig, still und ernst spielt sich in den ersten Morgen­stunden daS Leiben in der ehrwürdigen Kaiserstadt ab. Die sssiorgenzeitungen haben auf -den Ernst der Situation noch­mals eindringlich hingswiesen und von demSchicks-alstage Österreichs gesprochen, der heute angebrochen ist.

Mein evsterUgJührt^-mich gnm Ostbahnhof, wo Züge nach Budapest -und Belgrad äbgehen. Denn hier muß st- das militärische Wien Ab,ch-od nehmen. Und richtig: Auto -auf Auto, Fiaker auf Fiaker rollt heran, Offtztere alle- Grads und Chargen entsteigen den Wagen, die alsbald von" anderen Offizieren wieder mit Beschlag belogt werden, nm die für die erste Division ^st'ntmten Kameraden Heran­zuholen. ES scheint, als seien die Böhmen -dazu auSevsehen. die Avantgarde -gegen Serbien zu bilden. Aber es fft eitel, sich über -die beabsichtigten Truppenbewegungen den Kops zu zeübrechen, da man -doch nur aus Vermutungen angewiosen ist und die sehr liebenswürdigen und -auch auSkunstSberetten Militärs selbst vorläufig noch im Dunkeln tappen. Tenn offiziell ist ja der Krieg ü ! &e4<mi}>t noch nicht auSgekbrochen und erst die nächsten Tage werden einige Kachelt bringen. Also zurück ins Stadtinnere. Eben beginnt die große Gwcke desalten Stoffel» zur Munuhr-Anidacht zu rusem DaS weite im trüben Zwielicht des regenfeuchten Morgens lioaende Gotteshaus ist dicht gefüllt. Am Hochaltar, dessen goldener Ausbau im Mauze unzähliger Lichter funkelt und gleißt, singen die hellen Stimmen der Geistlichen, steigt der Weihrauch empor und klingelt leise von Zeit zu Zeit das Glöcklein der Ministranten. Dann braust der Orgel tiefer sonerer Ton durch die altersgrauen Mauern und -andächtig sinkt alles in die Knie. Tiefsinniger und flehentlicher ist vielleicht seit den Tagen, da -die Türken vor Wien standen, nicht mehr tat Stephansdome gebetet worden, überall m ben Winkeln und Nischen, im Schutze -der tiefen Dämme­rung liegen, in inbrünstiges Gebet versunken, elegant aber unauffällig gekleidete Damen, deren Gatten vielleicht in diesem Augenblicke schon Semlin, dem österreichisch-ungartschen

Waffenplatze am Donauufer gegenüber Belgrad Meilen. Und kein Lichtstrahl bricht sich durch die wunderschönen bunten Kirch-ensenster Bahn. Dunkel und ungewiß lastet in diesem Augenblick !daS Schicksal über lall den Andächtigen sowie über dem ganzen großen Kaiserstaat.

Etwas lebhafter geht eS in den Ca-fshäufern her. Man ist es ja -gewöhnt, daß die Münchener schon um 7 IW früh bei der ersten Maß und die Wiener fast um die gleiche Zeit im Cafe-Haus zu finden find. Aber heute mußte man ein. fach da sein, denn wo könnte man sonst wohl noch mit gleicher Behaglichkeit und Breite die Tagesereignisse erörtern.

Und es gibt halt gar so viel Neues auf einmal. Da hat man den serbischen Generalsta-bschef in Kelenfold. sestge- nommen. Wir hatten die Möglichkeit schon gestern rat Zuge ins Auge gefaßt, Nachdem eine Zeltberechnung ergab, dag Herr Putnik bis 6 Uhr abends -uninoglich dre Landesgrenze überschritten haben konnte. Aber daß er solche Späne machen und der Detektiv ihm mit der Festnahmvmeldung so brutal ins Gesicht springen würde, daß man den mit Recht erregten Mann niederboxen mußte, das hatte niemand erwartet, und das machte heute auch in Wien keinen angenehmen Eindruck. Um so befriedigter war man, als es hieß, daß der serbische Generalstabschef schließlich unter Entschuldigungen wieder freigelassen worden sei. Wer dann die Meldungen ans Berlin über die Demonstrationen vor der österreichischen Botschaft und bei Herrn von Bechmann-Hollwog. Das löste nur ein einziges überströmendes Gefühl der Begeisterung aus. Denn die Berliner gelten ja im allgemeinen nicht nur bei den eige­nen Volksgenossen als zu kaltschnäuzig und fischblütig, wenn es sich um folc&e Dinge handelt. Also sang man voll frohen