Nr. 111.
84. Jahrgang.
Donnerstag, 23. April 1936.
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Rede des französischen Journalisten Michel Bossan in Würzburg.
aus einem Wege möglich ist, nämlich über Norditalien! Auch diese Tatsache spielt in der französischen Politik zweifellos eine sehr große Rolle und auch an sie denkt man sicherlich, wenn man heute von der Wiederherstellung der Stresa-Front spricht!
Dabei handelt es sich aber, zum mindesten für die fran- zöfischen Militärs, keineswegs nur um Defensivpläne. Biel-
Zwischen Paris und Addis Abeba.
Franyois-Poncet bei Flandin. — Englische Rückfragen erst nach den Kammerwahlen?
Außenpolitisches Verhör Edens im Unterhaus.
Eine Feststellung der „Times".
London, 23. April. Unter der Überschrift „Ein besseres Friedenssystem" befaßt sich die „Times" in einem Leitaufsatz mit der Stellung Frankreichs zum italienisch-abessinischen Streitfall und mit dem bevorstehenden internationalen Verhandlungsabschnitt.
Die Frage an Frankreich laute, ob ein nicht herausgefor- derter Angriff besonders von feiten eines Völkerbundsmit- gliedes gegen ein anderes Mitglied mit den Satzungen vereinbar sei oder nicht und ob Frankreich bereit sei, sich an wirksamen Wid er st a n d s ma tzn a h m e n zu beteiligen. Oder gebe es vielleicht Umstände, unter denen es angebracht fei, die umfassende Vernichtung von Verträgen hingehen zu lassen, die unbequemerweise die Zerstörung und das Blutvergießen, den Bombenabwurf, die Benutzung von Giftgasen und die Besetzung von Gebieten ein- schränkten? Die öffentliche Meinung Englands sei durch die Entdeckung, daß die Beachtung dcr Rechtsgrund- sätze durch Frankreich verheerender Ein-
Parlamentsauflösung in Belgien.
Neuwahlen am 24. Mai.
Brüssel, 23. April. (Funkmeldung.) Durch eine
die unangenehmste der Fragen, ob diese Sanktionen einen vollen militärischen Sieg Italiens verhindern könnten, mit den ausweichenden Worten beantworten, daß das Ansichtssache sei. Im ganzen hat Eden es vermieden, irgendwie über seine letzten Genfer Erklärungen hinaus zu gehen. In Rom ist man von den bisherigen Erklärungen Edens nicht befriedigt. Man hält es nicht für ausgeschlossen, daß Eden nach den sranzösischen Wahlen die Sank- tionssrage erneut aufrollen wird, besonders wenn in Frankreich die sanktionsfreudige Volksfront einen Sieg erringen sollte.
Freilich läßt man keinen Zweifel daran, daß auch das die Lage nicht beeinflussen würde. Rom blickt mit großem Vertrauen nach Ostafrika, auch wenn sich das Tempo des italienischen Vormarsches in Abessinien verlangsamt hat. Marschall B a d o g l i o ist ossenbar entschlossen, zunächst den Nachschub sür seine Truppen einigermaßen zu sichern. So wird berichtet, daß die italienischen Arbeiter Tag und Nacht mit dem Ausbau der Straßen beschäftigt seien. Verlangsamt sich dadurch schon der Vormarsch, so scheint es auch, als ob der Marschall zunächst starke Truppenabteilungen von der Vormarschlinie auf Addis Abeba auf die Bahnlinie abgetrennt hat, um auf diese Weise die südlich der Bahn sich mit den Abessiniern herumschlagenden Abteilungen des Generals G r a z i a n i zu entlasten. Wenn sich somit auch der Marsch gegen Addis Abeba verzögert, so ändert das doch nichts an der für die Italiener außerordentlich günstigen Eefamtlage, ebensowenig wie die Straßensprengungen, die die Abessinier vorgenommen haben. Möglich, daß sich hier Reste der geschlagenen abessini- schen Truppen erneut mit dem vom Negus aufgebotenen Landsturm zum Widerstand stellen. Nennenswerten Aufenthalt werden sie den Italienern kaum noch bereiten können, und die Ansichten der militärischen Sachverständigen gehen übereinstimmend dahin, daß Vadoglio noch vor dem Einsetzen der Regen Periode sein Hauptquartier in Addis Abeba aufschlagen wird.
„Verheerender Einschränkungen fähig."
tretende Führer der Studentenschaft, Hans Heinrich Rieth, bekundete die Berständigungsdereitsckiaft der deutschen Jugend. Der Rektor schloß darauf die Kundgebung mit einem Siegheil auf den Führer, Deutschland, sowie aus den Redner und sein Vaterland. ___________
Dos WMWW Plvdlm „eine WWW Angelegenheit"
schränkungen fähig sei, in tiefe Bestürzung versetzt worden. Das letzte Wort habe jetzt der französische Wähler.
Die „Times"' zieht aus diesen Betrachtungen den Schluß, daß England an seiner bisherigen Stellungnahme gegenüber Italien im abessinischen Streitfall s e st -- halten müsse. Ein besseres Friedenssystem werde der Leitsatz der öffentlichen Meinung und nationalen Politik Englands bleiben. Neben der abessinischen Frage sei noch ein anderes Werk sür den Frieden in größerer Nähe Englands zu leisten, an dem England ein unmittelbares und unzweifelhaftes Interesse besitze. Eine Erläuterung sowohl des deutschen Friedensplanes wie des sranzösischen Gegenvorschlages sei erforderlich. Beide Pläne müßten einer Prüfung unterzogen werden. Die öffentliche Meinung Englands habe ebenso wie die Regierung den Wunsch, bald energische Schritte zu sehen, um die allergrößte Gelegenheit für eine Neuregelung in Europa auszunützen, die sich geboten habe, seitdem die Herbeiführung einer deutsch-französischen Bes-'e- dung durch unzulängliche Verträge im Jahre 1919 gescheitert sei.
Stresa und der Bewegungskrieg.
Mit einer Beharrlichkeit sondergleichen sind die Franzosen um eine Vermittlung zwischen England und Italien bemüht. Man läßt in Paris alle Völkerbundsgrundsätze über Bord gehen, man pfeift auf die „Heiligkeit der Verträge", wenn es nur gelingt, Italien bei der Stange zu halten und eine Zuspitzung im Verhältnis Rom-Paris zu verhüten. Auf der anderen Seite freilich ist man ebenso bemüht. das französisch-englische Verhältnis nicht zu stark zu belasten, wie seinerzeit das Zugeständnis der Hilfeleistung im Falle eines italienischen Angriffs auf die britische Flotte bewies. Die französische Presie und der französische Rundfunk lasten keinen Zweifel daran, daß es den Franzosen um die Wiedererrichtung der S t r e s a f r o n t zu tun ist, jener Front, die sich bildete, als vor etwas mehr als einem Jahre Hitler die deutsche Wehrhoheit proklamierte. Es geht den Franzosen also, wenn man es anders ausdrücken will, um die Einheitsfront der Re st- Locarnomächte gegen Deutschland. Um dieses Zieles willen nimmt man selbst ein neues Fiasko des sonst so hochgeschätzten Völkerbundes hin und muß sich von dem abessinischen Vertreter sagen lasten, daß man in Genf vor der italienischen Angriffshandlung die Augen schlösse, weil man Italien zur Regelung der eigenen europäischen Angelegenheiten bedürfe.
Aber cs hieße doch wohl das Ziel der französischen Politik unterschätzen, wenn man lediglich im alten Sinne von der Wiederherstellung der Skresafront spräche. Man darf nicht vergessen, daß im Jahre 1935 zwischen Mussolini und Laval weitgehende Vereinbarungen zustande gekommen sind, die es den Franzosen ermöglichten, Truppen von der Grenze gegen Italien fortzuziehen und an die Grenze gegen Deutschland zu verlegen. Winston Churchill, der große Franzosenfreund und Deutschenfrester, hat gerade dieser Tage in einem Brief an die „Times", den der französische Rundfunk — Ehre, wem Ehre gebührt — im Wortlaut verbreitete, an dieses Abkommen erinnert, um seinen Landsleuten klar zu machen, in welcher Situation sich Frankreich befinde. Es könne auf irtt Freundschaft mit Italien nicht verzichten, weil es sonst gezwungen sein würde, seine Truppen an der Alpengrenze zu verstärken, was einer Verlängerung der Dienstzeit gleichkommen würde, da sich Frankreich an der Grenze gegen Deutschland nicht schwachen könne. Offensichtlich hat Churchill von dem großen Friedensplan des Führers noch nicht viel gehört oder hat zum mindesten nicht erfaßt, daß es für die Franzosen einen ganz außerordentlich billigen Grenzschutz gibt, den Nichtangriffsvertrag, den der Führer vorgeschlagen hat und die anderen Ideen, die in dem deutschen Friedensplan enthalten sind. Es kann aber kaum einem Zweifel unterliegen, daß Überlegungen des französischen Generalstabs über die Erenzsicherung sich in ähnlichen Eedankengängen bewegen wie Herr Churchill, und daß diese Eedankengänge für den französischen Außenminister eine sehr wesentliche Rolle spielen.
Man kann aber auch nicht übersehen, daß die französische Preste in der letzten Zeit immer wieder darüber gejammert hat, daß deutsche Befestigungen am Rhein den Franzosen den Weg zu ihren Verbündeten im Osten versperren würden. Hier und dort ist sogar die Befürchtung geäußert worden, Überlegungen die Verbündeten veranlassen , , , Frankreich abzuwenden. Ist man sich aber einmal klar darüber geworden, daß das Deutschland Adolf Hitlers kein Durchmarschgebiet für fremde Truppen ist, so zeigt andererseits ein Blick auf die Karte Europas, daß dann die Verbindung nur noch
Einleitend erklärte der Redner das dentsch-fr an - M? z ö f i s ch e Problem als eine psychologische Ange- £ legenheit. Man dürfe nie vergessen, daß die drei letzte n Kriege, die Befreiungskriege, der Krieg 1870/71 und der Weltkrieg auf französischem Boden ausgetragen wurden. Hieraus allein könne die Einstellung des französischen Volkes erklärt werden. Weder territoriale noch u wirtschaftliche Gegensätze stehen einer Verständigung der beiden Völker entgegen. Hieran schloß sich eine Erörterung der politischen Probleme, wie sie Frankreich „schon immer sah und wie Boston sie am Beispiel der französischen Kolonialpolitik erörterte, die keine organisierte Expansionspolitik der Regierung darstelle, sondern vielfach durch einzelne militärische Persönlichkeiten an Ort und Stelle, wie ^ofsre und Liauthey, veranlaßt wurde. Die Mentalität der französischen W Politik von heute steht ihre Aufgabe in der Verwirklichung des Schlagwortes vom Frieden durch die Sicherheit. Jeder E. Franzose stellt nun die Frage, was man einem 85-Millionen- Volk im Verfolg ine ter Richtlinien bieten müsse, damit es sich W zufrieden gebe. Der Redner beantwortete diese Frage aus öer Kenntnis der deutschen Psyche: realpolitisch ist nichts nötig, da keine realen Gegensätze vorliegen. Man brauche nur Verständnis beiderseits zu geben. Erreicht man das, das heißt das Verständnis, so stehe der Verständigung auch in der Kolonialfrage kein öesonderes Hindernis im Wege. Der Vortrag fand begeisterte Aufnahme.
Den Gefühlen der Versammlung gab der Rektor der Universität Dr. Reinmüller erhebenden Ausdruck, indem er unterstrich, daß dem Friedenswillen der Franzosen derjenige des deutschen Volkes tief entspreche. Die beiden Völker hätten auf den Schlachtfeldern gegeneinander ge- U nügend Ehren gesammelt, um sich endlich den großen natio- naken Friedensaufgaben widmen zu können. Der stcllver-
Die militärische Lage.
as. Berkin, 23. April. (Drahtbericht unserer Ber- . liner Abteilung.) In Frankreich richtet sich das politische Interesse, soweit es nicht durch die bevorstehenden Wahlen in Anspruch genommen wird, auf die weitere Behandlung der europäischen M Fragen. So wird auch von der Pariser Presse der D gegenwärtige Aufenthalt des französischen Botschafters Francois-Poncet in der französischen Hauptstadt stark beachtet. Der Botschafter ist gestern von Außenminister Flandin empfangen worden, der offenbar noch einen Bericht zu haben wünschte, ehe er "die letzten l französischen Anregungen für die nach Berlin zu übermittelnden Rückfragen nach London weitergibt. Da die Engländer solche Wünsche und Anregungen noch berücksichtigen sollen, so nimmt man in Paris an, daß die Überreichung des englischen Fragebogens erst nach den französischen | Wahlen, auch erst nach den Stichwahlen, erfolgen wird. Ob diese Annahme zutreffend ist, läßt sich schwer sagen. Jedenfalls aber ist wohl entgegen englischen Ankündigungen mit einer Überreichung der Rückfragen in Berlin in dieser Woche nicht mehr zu rechnen. Die amtlichen Pariser Stellen machen über die Unterredung Flandins mit Francois-Poncet keinerlei besondere Mitteilungen, dagegen ergeht sich die Pariser Presse in alle möglichen Kombinationen. So will sie wissen, . daß insbesondere auch das österreichische Prob- I e m und die mitteleuropäischen Fragen behandelt worden seien.
Für die französische Öffentlichkeit ist die abessinische Frage ganz in den Hintergrund getreten. Das kann man von England, wie die gestrige Unterhausdebatte beweist, nicht behaupten. Hier ist Eden einem förmlichen außenpolitischen Verhör unterzogen worden, wobei sich die meisten Fragen auf Abessinien bezogen. Neues haben die Antworten Edens nicht gebracht. Nach wie vor betont der englische Außenminister, daß nach seiner Meinung die Sanktionen durchaus wirksam seien. Er mußte aber dann
Würzburg, 23. April. Auf Einladung des Rektors und der Studentenschaft der Universität Würzburg sprach am Mittwochabend im großen Huttensaal in Wurzburg vor 4000 Menschen der französische Journalist Michel,Boss der sich gegenwärtig auf einer Studienreise durch Deutschland befindet, über das aktuelle Thema, des deutsch-französischen Problems unter dem Motto: „Verständnis vor Verständigung". Der Vortrag wurde oft von minutenlangem Beifall unterbrochen.
Donnerstagvormittag im „Staatsanzeiger" erschienene Verordnung des Königs sind Kammer und Senat aufgelöst worden. Die Neuwahlen sind endgültig auf den 24. Mai festgesetzt worden. Das neue Parlament tritt am 2 3. Juni zusammen.
