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Rr. 82.

Montag, 23. März 1936.

84. Jahrgang.

Frankreichs Kriegspsorte.

Deutschland soll der Gefahr steter Invasion ausgesetzt sein. Frankreich soll stets mächtig und geharnischt dastehen. Es soll zwischen seinen Festungen heraus Ausfälle machen können, die, wenn sie glücklich sind, ihm Provinzen und Schätze einbringen, ihm Schäden nicht bringen dürfen. So will es die Politik. Vergeblich hat die Ver­nunft dagegen gestritten!"

So könnte heute jeder deutsche Eeneralstabsoffizier und jeder Politiker die Lage an der deutschen West­grenze umreißen. Aber man wird kaum verblüfft sein zu erfahren, daß dieses Wort von . . . Gneisenau stammt, der bereits vor 100 Jahren damit das Fazit des französischen Testamentes zog. Seit Jahrhunderten ist es so gewesen,' und wenn sich die Weltgeschichte nach dem Willen Frankreichs vollenden sollte, so wird es auch noch nach weiteren Jahrhunderten so sein.

Die Idee entmilitarisierter Räume, wie sie aus Grund des Versailler Diktates bis zum 7. März 1936 an der Grenze nach Frankreich und Belgien bestanden haben, ist nicht neu. Auch die gewaltigen Befesti- gungen der heutigen Maginotlinie haben bereits ihre Vorgänger gehabt. Es war Ludwig XIV., der seinen genialen Festungsbaumeister Vauban damit beauftragte, eine Zwingburg nach der anderen in Rich­tung auf Deutschland zu errichten. 33 neue Befesti­gungswerke wurden danials neu erbaut, dreihundert von Grund auf renoviert und umgestaltet; und diese Fortisikationen, diese gewaltigen Systeme von Festungen und Forts aller Art befanden sich nicht nur aus franzö­sischem Boden, sondern sie wurden weit auf urdeutsches Gebiet vorgeschoben: Saarlautrrn, Freiburg, Homburg, Alt-Breisach, das mitten im tiefsten Frieden geraubte Straßburg alle waren französische Stützpunkte, von denen aus französische Armeen sich mitten hinein in deutsche Lande wälzten, Tod, Verderben und Vernich­tung mit sich tragend.

Es wird soviel davon gesprochen, die heutige Ma­ginotlinie sei nichts als eine gigantische Verteidigungs­anlage, nichts als eine Defensivrüstung in noch nie dage­wesenem Ausmaße. Run, auch dafür kennt die Ge­schichte Beispiele. Als nämlich die Festungen des Sonnenkönigs fertig waren, als man daran ging, ihren praktischen Wert zu erproben, schlug Louvois vor, die herrliche Bergstraße, die lachende Pfalz, das Land von Vaden-Durlach, die Stadt Heidelberg zuentmilitari­sieren". In einer Ausdehnung von über 150 Kilometer Länge und in einer Tiefe von 80 bis 180 Kilometer wurde deutsches Land sinnlos verwüstet, mitten im Frie­den aufs schändlichste vergewaltigt, wurden Städte und Dörser, Wälder und Auen, Schlösser und Burgen dem Erdboden gleichgemacht. Warum: um ein Glacis, um eine entmilitarisierte Zone zu schassen, über der wie eine gepanzerte Faust der sranzösische Eeneralstab, gestützt auf Vaubans Festungen, wie ein Engel der Vernichtung schwebte. Das waren die praktischen Folgen ))er sogenannten Verteidigungsw erke von einst.

Und heute? Heute geht das Streben Frankreichs wiederum daraus aus, eine entmilitarisierte Zone zu schassen bzw. zu erhalten, die derjenigen zu Ausgang des 17. Jahrhunderts an Ausdehnung und Bedeutung haargenau entspricht. Alles ist wiedergekehrt, was einst war: französischer Vernichtungswille, ein großartiger Verteidigungswall, ein Festungssystem von nie dage-

Deutschland wird nicht kapitulieren

Die Rede des Führers in Breslau. Eine Antwort auf die Zumutungen der Locarnomächte. Ribbentrop erstattet dem Führer Bericht.

Französische Sorgen um Eden.

as- 23. März. (Drahtbericht unserer Ver-

JinerrJ^etIun!*') Nach der Veröffentlichung des an Deutschland unmögliche Zumutungen stellende Memo­randums der Locarnomächte hat das Wochenende i n der großen Politik eine gewisse Ruhe­pause mit sich gebracht. Man wartet auf der Gegen- seite auf deutsche Gegenvorschläge, nachdem Botschafter von Ribbentrop sich am Samstagnachmittag von Lon­don nach Berlin zur Berichterstattung begeben hat. Mit Interesse hat man in London sestgestellt, daß der B o t - s ch after gestern den Kanzler auch aus seinemFlug nachBreslau begleitet hat. Allerdings gibt man sich in London wohl kaum allzu große nJlluston enüberdiedeutscheAnt- w o r t hin, denn die englischen Sonntagsblätter selbst übten scharfe Kritik an dem Memorandum der Locarno- machte. Maßgebende englische Persönlich­keiten bezeichneten auch ganz offen das M e m o r a n d u m als e i n e n F e h l s ch l a g und sind sich wohl nicht im unklaren darüber, daß man auf diese Weise nicht weiterkommt. Man geht deshalb auch wohl kaum in der Beurteilung fehl, daß diese Kritik an dem Memorandum und damit an der Haltung der englischen Regierung in der für morgen in Aussicht genommenen Aussprache im Unterhaus zum Ausdruck kommen wird. Diese Kritik, die in England an dem Memorandum ge­übt wird, beunruhigt einen Teil der französischen Presse. Einige Pariser Blätter geben sogar der Befürchtung Ausdruck, daß Eden über seineLocarnopolitik" stürzen könnte. Vor allem aber ist man darüber beunruhigt, daß die öfsentliche Meinung Englands dem Gedanken eines Militärbündnisses mit Frankreich keineswegs sympathi­sierend gegenübertritt. Für die Franzosen aber spielen gerade die Generalstabsverhandlungen die allergrößte Rolle. Sie hofsen, wie schon kürzlich gesagt wurde, jetzt endlich zu dem Militärbündnis mit England gelangen

zu können, das seit je ein Ziel der sranzüsischen Politik ist- Ganz offenbar sind aber auch S a r r a u t und F l a n d i n entschlossen, die ja vorerst noch bedingte englische Zusage, in Eeneralstabsverhandlungen einzu­treten, zur Wahlpropaganda auszunutzen.

Wenn man in maßgebenden Londoner Kreisen am Freitag den Lautsprecher auf Hamburg und am Eonntag- nachmittag trotz desgeheiligten englischen Wochenends auf Breslau eingestellt hatte und die beiden letzten Reden des Führers vernahm, dann wird man sich wohl klar darüber sein, daß Deutschland in allen Fragen, die sich auf seine Ehre und Gleichberechtigung be­ziehen, keinen Zentimeter zurückweichen wird. Damit erledigt sich ein großer Teil des Memorandums der Rest-Locarnomächte. Der Führer hat aber auch noch­mals betont, daß Deutscbland niemanden bedrobt und nur die Hoheit im eigenen Reichsgebiet beansprucht. Er hat weiterhin in Breslau gestern nochmals auf die Friedensvorjchläge hingewiejen, mit denen man sich in London bisher wenig beschäftigt hat und sind es doch gerade diese Vorschläge, die Europa neue Wege weisen im Gegensatz zu der Paragraphen­reiterei, die bisher in London betrieben wurde.Deutschland", so hat der Führer gestern in Breslau der Welt zugerufen,stellt keine Forderungen und keine Ansprüche an andere Völker. Es ist aber auch nicht gewillt, Forderungen und An­sprüche anderer Staatsmänner, die auf die innere Gestaltung des Reiches und feiner Souveränitätsrechte bezogen werden, anzuerkennen. Und hier irren sich diese, wenn sie glauben, daß das nur die Meinung eines Mannes namens Adolf Hitler wäre. Rein, das ist die Meinung eines 67-Millionen-Volke s." Daß dieses Wort des Führers die Anschauung des ganzen deutschen Volkes wiedergibt, wird der kommende Sonntag der Welt beweisen, an dem sich ganz Deutsch­land erneut geschlossen zu seinem Führer Adolf Hitler bekennt.

Die timen MW um ihre Mialitöt besorgt.

Sie wollen nicht in die Locarno-Streitigkeiten hineingezogen werden.

EinTimes"-Ber'cht.

Loudon, 23. März. (Eig. Drahtmeldung.) Der diplo­matische Mitarbeiter derTimes" berichtet über die Sitzung der Vertreter der sogenannten neutralen Staaten am Sams­tag in London. Es habe sich um einen Meinungsaustausch unter Vorsitz und auf Einladung des dänischen Außen­ministers Munch gehandelt. Da die anwesenden Vertreter nicht die notwendigen Vollmachten gehabt hätten, sei eine Entscheidung nicht herbeigeführt worden. Anscheinend sei die übereinstimmende Ansicht dahin gegangen, daß sich der Völkerbundsrat und der Völkerbund selbst strengstens an ihre Satzungen halten sollten. Jede Verstrickung in die Locarno st Heiligkeiten solle vermieden werden, es sei denn, daß es sich um die Erfüllung unanfechtbarer Ver­pflichtungen handele. Bei der Sitzung sei darauf hingewiesen worden, daß die kleineren Mächte Gefahr liefen, durch den Entschließungsentwurf für die Belange der größeren Mächte ausgenutzt zu werden. Man habe auch der Besorgnis Aus­druck gegeben, daß dir kleineren Mächte im Falle ihrer Hineinziehung in Verpflichtungen und dadurch sich ergebende Verwicklungen in einen Konflikt ihre traditionelle Neu­tralität aufgeben würden.

Was dänische Blätter dazn sagen.

Kopenhagen, 23. März. (Eig. Drahtmeldung.) In ihren Berichten über die Aufnahme der Vorschläge der vier Locarnomächte gehen die Blätter auch auf die Beratungen der f »genannten neutralen Staaten ein.Daaens Nyheder" weiß zu berichten, daß Dr. Munch auf der Zusammenkunft am Samstag, die Vertreter der anderen kleinen Staaten über die Verhandlungen im Völkerbundsrat unterrichtet habe. Am heutigen Montag sollen zwischen den Vertretern dieser Staaten neue Besprechungen stattfinden. Die Be­ratungen seien zwar vertraulich. Trotzdem glaube man zu wißen, daß die kleinen Staaten besonders darauf bedacht seien, daß die private Politik der Locarno­mächte nicht allzu sehr mit den Aufgaben des

Völkerbundsrates vermischt werde. In einer Londoner Meldung derPolitiken" wird die Ansicht vertre­ten, daß der Einfluß des neutralen Blocks ohne Zweifel in der Nachmittagssitzung des Völkerbundsrates zu spüren sein würde.

In einem Leitartikel der dem dänischen Außenminister nahestehendenPolitiken" zur augenblicklichen Lage heißt es u. a., es sei nicht zu leugnen, die logische und mora­lische Stärke von Deutschlands Standpunkt liege darin, daß die übrigen Mächte trotz ihrer grundsätzlichen Zusage hinsichtlich der Einräumung der Gleichbe­rechtigung an.Deutschland niemals den entscheidenden Schritt in dieser Richtung hätten tun wollen, st e t s Be­dingungen gestellt und stets Hinausschiebung der Erfüllung des Versprechens gefordert hätten.

Paris bemüht sich um Italien.

Starkes Interesse an der Rede des Führers in Breslau.

Paris, 23. März. (Eig. Drahtmeldung.) Die Lres - 1 tun e t R e de d e s I ü h r e r s wird von fast allen Morgen- dlättern in einem ausführlichen Auszug wieder- gegeben, auf eine redaktionelle Stellungnahme wird ver­zichtet. Aus der Rede wird in besonderer Aufmachung hervorgehoben:Wir kapitulieren nicht",Wir machen keine K o n z e s f i o n e n". Aber es wird auch zum Ausdruck gebracht, daß die Brücken nicht abge­brochen feien. Der Berliner Berichterstatter desMatin" weist seine Leser darauf hin, daß der 29. März das deutsche Volk einmütig hinter seinem Führer sehen werde.

Das äußerlich sehr ruhige, politische Wochenende, das sich vor allem im Ausbleiben von Informationen aus London

äußert, läßt den Morg-enblättern Mutze, sich in ihren Be­trachtungen zwei Themen zuzuwenden: der englischen öffent­lichen Meinung und der Haltung Italiens als Locarno- garant. Die radikalsozialistischeRepubligue", ebensoEre Rouvelle" bemühen sich, Italien von der Notwendigkeit zu überzeugen, sich dem französischen Standpunkt restlos anzu- schlietzen. Frankreich sehe sehr klar, sagtEre Nouvelle", daß man die Stresaer Front wieder au-srichten und festigen müßte, um mit Deutschland verhandeln zu können. Im selben Sinne erklärtOrdre", alle Franzosen wünschten mit ihrem Augenminister, Italien möge endlich erkennen, daß fein endgültiges, politisches Interesse mit dem Frankreichs verbunden sei.Petit Journal" klagt, daß die englische Öffentlichkeit in ihrer großen Mehrheit iten Sinn der ins Auge gefaßten Abkommen nicht begreife. Es habe Mißtrauen gegen jede Art von Politik, die der Rückkehr zum «alten System der Bündnisse ähnele.

Jede Stimme für Öen Whrer eine Stimme für Öen Frieden.