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Nr. 60.

84. Jahrgang.

Eine hochpolitische Konferenz?

Was man in Genf erwartet. Baldwin in Röten. Italienischer Druck auf England.

Wehrverkündung

Wehrvollendung.

Von Generalleutnant a. D. von Metzsch.

Der fällige Sieg.

£ as. Berlin, 29. Febr. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) In Genf sieht man der Montag be^in len­den Tagung des 18er-Ausschusses mit großer Spannung entgegen. Auch diesmal hält man dabei die Verhand- langen hinter den Kulissen wieder für wichtiger als die eigentlichen Beratungen des Ausschusses. In diesem Ginne spricht man in Eens von einer hochpoliti­schen Konferenz, bei der vermutlich Abessinien in den Hintergrund treten werde. In den Ausschußde- ratungen muß man sich bekanntlich vor allem mit dem Bericht der Sachverständigen über die Erdölsperre beschäftigen. Daß auf Grund dieses Berichtes diese : Sperre beschlossen werden wird, gilt allgemein als äußerst unwahrscheinlich. Die Frage ist aber, ob man nicht andere Maßnahmen beschließen wird, wie etwa i eine weitere Erschwerung für die Ein­fuhr italienischer Waren in die Sanktions­länder und ein Verbot für die Schiffe der Sanktions­länder, italienische Hüsen anzulaufen. Mehr als die Erdölfperre steht also die grundsätzliche Frage im Vordergrund, ob ein schärferes oder milderes Vorgehen eher die Liquidation des Abessinienkonfliktes herbei- führen kann. In England selbst ist die Sanktions­begeisterung der Rechten erheblich abgeflaut ; und es gibt nicht eben einflußreiche Kreise, die es am liebsten sehen würden, wenn man möglichst bald zu einem etwas abgeänderten Hoare-Lavalschen Friedens­plan zurückkehren würde. Demgegenüber tritt in Eng- / land die Linke nach rote vor sehr nachdrücklich für eine Verschärfung der Sanktionen ein. Sie will auch nichts von dem Einwand der Rechten wissen, daß diese Sanktionspolitik bisher England schon ziemlich teuer zu stehen gekommen ist. Auf solche innenpoltischen Stimmungen muß Baldwin naturgemäß Rücksicht nehmen. Dazu gesellen sich nun noch außenpolitische Gründe mancher Art. Die Italiener versuchen auf die Engländer einen Druck dadurch auszuüben, daß sie, wie bereits berichtet wurde, die Unterzeichnung der Lon-

Mmisterprasident Dfaba lebt.

Wieder Ruhe in Tokio.

Tokio, 29. Febr. 12.45 Uhr. (Ostasi end teilst des DRV.) Wie amtlich mitgetcilt wird, ist Miaisterpräsideut O k a d a bei dem Militärputsch nicht getötet morde». Bei dem Eindringen der Aufständischen war es ihm gelungen, zu ent­kommen und sich bis zum 27. Februar in seiner amtlichen WoPiung zu verstecken. Am Abend dieses Tages gelang es ihm dann, von den Aufständischen unbeobachtet, zu ent­fliehe». Sein Stellvertreter, Goto, wird wieder das Innenministerium übernehme». 2» der Stadt ist es vollkommen ruhig. Alle Sperren wurde» ausgehoben. Das Militär rückt wieder in die Kaserne» ab, und fast sämtliche Barrikaden und Befestigungen find be­seitigt. Die Geschäfte, Restaurants und Hotels sind wieder geöffnet. Wie halbamtlich berichtet wird, ist S a i o n j i nach Tokio gerufen worden, um den Kaiser bei der Ernennung des Ministerpräsidenten zn beraten.

doner Flottenvereinbarungen solange verweigern wie die Frage der Sanktionen nicht geklärt ist. Ob Italien zur Bedingung für seine Unterschrift die völlige Auf­hebung der Sanktionen macht, oder ob es durch die Verweigerung der Unterschrift vor allem eine Ver- sclstirfung der Sanktionen verhindern will, kann dahin­gestellt bleiben. Es kommen nun noch die Ereig­nisse in Japan hinzu, von den noch niemand recht zu jagen vermag, wie sie sich in der Außenpolitik Tokios auswirken werden. Auch das find Dinge, die das britische Kabinett in seine Rechnung einsetzen muß. Herr Eden dürfte deshalb auch die Fahrt nach Genf vermutlich nicht in einer allzu rosigen Stimmung ange­treten haben. Jedenfalls ist es unter solchen Um­stünden nicht weiter verwunderlich, wenn in Genf die Erwartung geäußert wird, daß in den inoffiziellen Be­sprechungen die gesamte europäische Politik erörtert werden wird, wobei bann Abessinien leicht in den Hintergrund treten könnte. Schon für Montag er­wartet man im übrigen in Genf eine solche vertrauliche Besprechung zwischen Eden und F l a n d i n. Es wird aber sicherlich auch nicht an Besprechungen mit den Abordnungen der anderen in Genf vertretenen Länder fehlen, zumal man den Eindruck zu vermeiden wünscht, als ob England und Frankreich dem Ausschuß ihren Witten aufzwingen möchten.

Wenn nicht alles täuscht, so versuchen die Italiener auch zu dieser Genfer Tagung wieder den Nachweis zu führen, daß ihre Position sehr günstig ist und daß sie sich wegen der Fortiührung des Krieges keine Sorgen -zu machen brauchen. Die italienische Presse versichert immer wieder, daß die Sanktionen spurlos an Italien vorübergingen. Im übrigen ist auch Marschall Badoglio nicht untätig geblieben und hat, nachdem er bereits angekündigt hatte, daß die italienischen Truppen an der Nordfront in Bewegung seien, prompt zur Genfer Tagung die Meldung über die Eroberung des offenbar nicht stark ver­teidigten Amba Aladschi vorgelegt.

Englische Besorgnisse.

London, 29. Febr. (Gig. Drahtmeldung.) Die Morgenblätter beurteilen die Aussichten der Flottenkonferenz sehr pessimistisch. Der diplomatische Mitarbeiter derDaily Mail" schreibt, das einzige Ergebnis der Konferenz werde wahrschein­lich eine Verständigung zwischen England und Amerika über die Tonnage der Kriegsschiffe und über einen Programmaustausch sein. Der Flotten­korrespondent derMorning Post" meldet, der Führer der amerikanischen Abordnung, Norman Davis, habe in seiner gestrigen Unterredung mit Eden klar zum Ausdruck gebracht, daß die Geduld Amerikas so gut wie erschöpft sei. In viesen Kreisen glaubt man, daß die amerikanische Abordnung innerhalb der nächsten 14 Tage nach Hause reisen werde. Die öffentliche Mei­nung Amerikas sei gegen jede weitere Verzögerung, da sie eine Verwicklung in europäische poli­tische Fragen befürchte.

In diesem Monat jährt sich zum ersten Male der Tag, an dem der Führer die Welt wissen ließ, daß Deutschland des Vertragsbruchs müde sei, der die Gegenseite immer stärker werden ließ, während das deutsche Volk in seiner vertragsgebundenen Wehrlosigkeit verharrte. Die Welt nahm den kühnen Entschluß hin, so wie man sich mit etwas ab- findet, was ganz offensichtlich dem gesunden Menschenver­stände entspricht. Papierene Proteste gab es zwar in Menge, aber zum militärischen Einschreiten fehlte es denn doch an der dazu erforderlichen Unvernunft, um nicht zu sagen i an Mut. Technisch wäre dergleichen Unfug durchaus möglich gewesen. Das möchte nie vergessen werden, um die Verantwortungsfreudigkeit Adolf Hitlers angemessen zu würdigen. Aber politisch wäre das Ankurbeln der west- mächtlichen Mililärmaschine schon deshalb völlig verfehlt gewesen, weil ihr der Betriebsstoff des teilnehmenden oder gar antreibenden Volksverständnisses völlig gefehlt hätte.

Durch nichts >nn daher besser bewiesen werden als durch die Wirkung dieser Welrrverkündung. daß diese i n Wahrheit eine Kundgebung für den Frieden war. Sie hat endlich Europa von der größten europäischen Kriegsgefahr, nämlich der deutschen militärischen Schwäche, befreit. Diese schwebte beständig verführerisch lockend über den waffentechni h Sprungbereiten Heeren und den flug­technisch startbereiten Geschwadern, die jenseits unserer Grenzen in unaufhörlich wachsender Kraft bereit gehalten werden. In der Sowjetunion ist man so zu einer Friedensstärke von etwa 1,5 Millionen gelangt. In der Tschechoslowakei haben sich die finanziellen An­strengungen zugunsten der Luftwaffe um etwa 30, zugunsten der Motorisierung um etwa 45 und zugunsten der Artillerie um etwa 20 v. H. vermehrt, und zwur innerhalb des ver­gangenen Jahres! H, Frankreich hat stch die militärische Belegung der OstpMvinzen in einer bisher nicht gekannten Weise verdichtet, M Luftwaffe eine vollständige flug­technische Erneuerung erfahren, und es hat die Rüstungs­industrie (einschließlich ihrer Rohstoffvorräte) eine fertigtet erhalten, wie in keinem anderen Lande,sonst. Aum in Belgien war eine ähnlich fieberhafte Erhöhung der Grenzbereitschaft zu beobachten, und E n g l a n d ist nach dem Mai-Programm des vorigen Jahres bekanntlich aut dem Wege, bis zum Frühjahr 1937 seine Luftwaffe mindestens zu verdreifachen, ohne' daß sicher wäre, ob damit schon das letzte Ausrüstungswort gesprochen ist.

Selbstverständlich erschien in der Presse aller der genann­ten Länder diedeutsche Eesahr" als der Popanz der an diesen Ausrüstungsmaßnahmen allein schuld sei. Selbstver­ständlich werden unseren Notwehrmaßnahmen die finstersten Angriffsabsichten unterstellt. Selbstverständlich wird das, was wir vielleicht heute an militärischem Schutz haben, vom Ausland grotesk übertrieben. Aber daran, daß der Führer schon einmal bereit gewesen ist, sich mit 300 000 Mann und den nötigsten Abwehrwaffen im Sinne einer all­gemeinen europäischen Rüstungsverminderung zu begnügen, geht man im Auslande achtlos vorbei. Moskau hat es sogar fertiggebracht, das deutsch-englische Flottenabkommen, das seit 1918 der erste und einzige Schritt einer Großmacht zu­gunsten einer positiven freiwilligen Rüstungsbeschränkung ist, als einen deutschen Versuch zu brandmarken, der lediglich bezweckt habe, England von Frankreich zu trennen. Und in England selbst geben sich Stimmen dazu her, die französischen Hetzmeldungen von einem beabsichtigten deutschen Durch­marsch durch Holland geflissentlich weiterzuverbreiten. Nichts ist dumm genug, um die Wehrverkündung des Führers vom 16. März in eine Kriegsfanfare umzufälschen. Aber alles ist gottlob durchsichtig genug für uns Deutsche, um an dem Ziele der Wehrvollendüng nicht irre zu werden.

Sie steht freilich am Ende eines langen Weges. Denn, wenn auch schon heute jeder in dichteDornen und Stacheln"

Militärdienstzeit und Russenpakt

russischen Pali das Versprechen erhalten, daß das sowjetrussische Heer im Kriegsfälle an Frankreichs Seite stehen würde. Zwei hervorragende Parlamen­tarier, die sich persönlich von der Kampfkraft des rusii- fchen Heeres überzeugt hätten, H e r r i o t und Pierre Cot, hätten besonders darauf hingewiesen, daß die Effektivbestände des sowjetrusiischen Heeres die stärk­sten der Welt seien, sodaß man von nun ab, dank der ersten und besten Fliegerei der Welt, an die regel­mäßige Verwendung derfliegenden Brigade" denken könne, die auf dem Luftwege hinter die feindlichen Stellungen befördert würden. Unter diesen Um­ständen, heißt es in der Begründung weiter, halten wir es für angebracht, das Opfer, das wir gezwungener­maßen der französischen Jugend auferlegt haben, nicht länger fortzusetzen und sofort zur einjährigen Dienst­zeit zurllckzukehren.

Die Urheber dieses Antrages verfolgen augen­scheinlich die Absicht, die Regierung zu einer Stellung­nahme zu zwingen, die ablehnend ausfallen dürfte, um die Regierung dann mit ihren eigenen Argumenten widerlegen zu können.

Der Negus nach wie vor gegen Gebietsabtretung.

London, 29. Febr. (Eig. Drahtmeldung.) Der Kaiser von Abesiinien sprach in einer Unterredung mit einem Sonderkorrespondenten desDaily Telegraph" die Hoffnung aus, daß der Völkerbund die Aus­dehnung der Sanktionen nicht mehr hinaus- zögern werde. Er fei überrascht, daß überhaupt Vor­schläge für eine Abtrennung abessinischen Gebietes er­örtert worden seien. Abesiinien sei immer noch bereit, eine Völkerbundshilfe für seine Entwicklung zu be­grüßen. bestehe aber auf der Aufrechterhaltung seiner vollständigen Souveränität.

Abesiinijcher Hilferuf an die englisch« Öffentlichkeit.

London, 29. Febr. (Eig. Drahtmeldung.) Der abessinische Gesandte in London, Dr. Martin, ersucht die englische Öffentlichkeit in einem Aufruf um eine private Anleihe, damit Abesiinien Waffen für feine Verteidigung kaufen könne. In dem Aufruf heißt es, daß die Abesiinierverteidigungslos hin- gemetzelt" würden, während der Völkerbund feine Er­örterungen fortsetze. Die Abesiinier seien überzeugt, daß sie mit einer privaten Rüstungsanleihe in der Lage wären, ihre Feinde wirksam und rasch niederzuwerfen.

Ein Vorstoh der Rechten in der Kammer.

Paris, 28. Febr. Einen Entschließungsantrag für sofortige Wiedereinführung der ein­jährigen Dienstzeit in Frankreich hat eine Gruppe rechtsgerichteter Abgeordneter eingereicht. Sie beruft sich dabei mit nicht zu verkennender Ironie auf den angeblichen Sicherheitsfaktor, den der sowjet- russisch - französische Pakt für Frank­reich bedeute.

Die Urheber des Entwurfes bezeichnen den Antrag als die logische Folge der militärischen Unterstützung, die der französisch-sowjetrusiische Pakt Frankreich ange­deihen lasie. Sie erinnern in ihrer Begründung daran, daß die Einführung der zweijährigen Dienstzeit mit demGespenst der rekrutenarmen Jahre und der mög­lichen Gefahr eines Angriffs" gerechtfertigt worden fei, dem sich Frankreich allein gegenübergesehen hätte. Außerdem habe es sich nur um eine vorübergehende Maßnahme der Landesverteidigung handeln können. Die Antragsteller fügen ihrer Begründung hinzu, sie hätten gelegentlich der Aussprache über den sowjet-