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Verlag Langgaffe 21

„Tagblarr-Haus".

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-Nttags: für bie Morgen-Ausg. m 3 ubr nachmittags. Berliner NedEon des WiesbadenerTagblatts: Berlin-Wilmersdorf, Güntzelstr. 66, Fernsvr.: Amt Uhland 459 u. 451. T»«M u?dTöen§?rd8ne

Montag, 27. 3ali 1914.

klbend-Kusgabe.

Nr. 344. * 62. Jahrgang.

Europas Tchicksalsstunde?

In Belgrad sind am Siamstagnachmittag die Würfel geworfen. Die während des Samstags bis spät in den Abend hinein hier wie in Berlin verbreiteten optimisti­schen Nachrichten — bis gegen Uhr die Nachricht von der ungenügenden Antwort Serbiens und der Ab­reise des österreichischen Gesandten kam — waren offen­bar die Folge eines letzten Schachzuges der serbischen Negierung. Eine russische Depesche gab dann in Belgrad am Nachmittag den Ausschlag _ gegen die Nachgiebigkeit! So erhebt anscheinend die Kriegsfurie auf dem Balkan aufs neue ihr Haupt. Wir sagen mit Bedacht: an» scheinend, denn noch immer ist — e n t* gegen den Meldungen einer üblen Sensations? presse, welche die ohnehin schon übergroße Er­regung des Publikums in unverantwortlicher Weise noch steigert — nicht jede Hoffnung aus eine Beilegung des Zwi- stes in allerletzter Stunde.

geschwunden! Im Gegenteil, man darf heute noch mehr als nach den gestrigen von uns in fünf Extra­blättern verbreitetenMel- dungen sagen: es i st noch ein Hoff­nung s s ch immer vorhanden, daß die schwere Krisis vocüber- geht! Es ist zum min­desten wachsende Aussicht ans eine Lokalisierung des Konflikts! Gewiß ist oie Lage ernst, äußerst - r n ft; aber wir haben keine Veranlassung in Deutschland, den Din­gen nicht mit aller R u h e entgegenzusehen.

Fast bedeutungsvoller noch als die gänge — die gestern in Frankfurt ten Sensationsmeldungen über stoße bei Belgrad und die gegebene Drahtnachricht

Österreich im vollen Recht war, als es gegen Ser­bien die Waffe des Ultimatums zückte, daß auch der scharfe Ton dieses Ulffmatums nur der Rücksichts­losigkeit, ja der Frivolität der von der serbi­schen Regierung geduldeten -und geförderten Agitation entsprach, kurz, daß die verbündete Monarchie nur ein Gebot. der Selb st e r h a I t u n g erfüllte, wenn sie nicht länger dem Wurzelfraß zusah, der allgemach den ganzen Baum des österreichischen Staatswesens bedrohte.

Nun hätte man freilich meinen sollen — und jeder Besonnene in Deutschland meint es noch jetzt — das

österreichisch-serbische

Duell könnte und müßte ohne

kriegerischen Vor- und hier verbreite- kriegerische Zusamrnen- unten mit Vorbehalt wieder- über die Besetzung Belgrads

durch die Österreicher sind bis zur Stunde u n b e- stätigt! — fast bedeutungsvoller als die Vorgänge im Auslande ist ein anderes Moment: die Stim-

m u n g in — Berlin und Deutschland. Seit dem Juli 1870, seit dem Vorabend des gewaltigen^deutsch-franzö- sischen Ringens hat man niemals solche Szenen patrio­tischer Erregung und Erhebung, sagen wir es offen: solcher Kriegsbegeisterung gesehen, wie nach den unten tviedergegebenen Drahtmeldungen am Samstagabend und auch gestern wieder in Berlin, Hamburg, München, in Kiel bei der Abfahrt des aus Norwegen zurück- gekehrten Kaisers und in vielen anderen deutschen Großstädten. Und zur selben Stunde nun, da die Extrablätter in Berlin den Abbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Österreich und Serbien meldeten, ließ der' Vorstand der sozialdemokratischen Gesamtpartei Deutschlands Flugblätter in den Straßen der Reichshauptstadt verteilen, die mit seidenschaftlicher Gebärde das „provokatorische" Auf­treten des österreichischen „Imperialismus" verurteil­en und mit dem Ruf schlossen: „Nieder mit dem

strieg!" Uns dünkt, die Führer der deutschen Sozial­demokratie haben den Augenblick zu ihren pazifistischen Geklanrationen h ö ch st u n g l ü ck l i ch gewählt. Fühlen K nickst, daß sie mit derartigen Kundgebungen gerade «re A n gr i f f s I u st des G e g n e r s verstärken müssen, ivenn sie den, nebenbei gesagt, _ unzweifelhaft falschen Eindruck erwecken, als sei ein nicht unerheblicher Teil fes deutschen Volkes nicht bereit, dem v e r b ü n d e- ' 5 n und blutsverwandten Nachbar in der vielleicht schwersten Stunde seines nationalen -ebens bedingungslos zur Seite zu stehen, als drohte ?nch bei uns, wie etwa in Böhmen oder an der Newa, 'G Falle des Kriegsausbruchs die Gefahr einer „inne- Gn Krisis". In Wahrheit liegen die Dinge doch so, » ,-fs — abgesehen von der sozialdemokratischen Partsi- ?'tung — das deutsche Volk seit Jahren und Jahr- ffhnten niemals so einig gewesen ist wie in die- tiefernsten Augenblick. Einig in der über- ^'M-nrg, daß die Dinge im nahen Orient in der Tat ^cht länger fo weiter gehen konnten, daß

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Sekundanten ausgekämpft, der Krieg zwischen dem schwarzen und dem weißen Adler könnte ausgefochten werden, ohne daß der gesamte Balkan und o h n e daß der europäische Friede in Mitleiden­schaft gezogen zu werden brauchte. Die österreichische Note an die Großmächte hatte mit ehrlichen und un­zweideutigen Worten betont, daß Österreich nichts weniger als kriegerische Eroberungen beab­sichtige, daß es in Wahrheit dem greisen Kaiser am Ende seines Lebens um nichts weniger zu tun ist, als „Stadt und Festung Beigerad" wieder zu kriegen, daß es sich für Österreich vielmehr nur darum handelt, sich einen lästigen, zudringlichen, nachgerade unerträglichen Parasiten vom Leibe zu halten. Daß es sich gerade in diesem Falle nicht um die Eruption eines länder- und beutegierigen „Imperialismus" handelt, hätte auch dem sozialdemokratischen Parteivorstand klar sein können und das Gegenteil wird ihm, in Deutschland wenigstens, auch der g laubig st e Wähler nicht glau­ben. Wenn von imperialistischen Tendenzen die Rede sein kann, so muß man sie in Rußland suchen, in Rußland, dessen Geschäfte so die sozialdemo­kratische Partei Deutschlands besorgt. Ruß­land ist es, das, nachdem es sich vor einigen Jahren in Ostasien so gründlich die Finger verbrannt, seit Fahren nichts sinnt, als seine ffnperialistischen Ideen nunmehr im nahen Orient, aus dem Balkan, am Bosporus und in Kleinasien _ zu verwirklichen. Öster­reich befindet sich den panslawistischenTreibereien gegen­über genau so in der D e f e n s i v e wie gegenüber der serbischen „Naradna Obrana", die durch die Bluttat von Serajewo die Monarchie so tief ins Herz getroffen hat. Ja, vielleicht ist es der große Fehler, den man in Wien begangen hat, daß man allzu lange gezögert, allzu- lange geduldet hat.

Und Rußland ist es denn auch, das durch sein Verhalten die Gefahr des W e l t k r i e g e s heraufbe- schwört. Das russische Kabinett ist der Meinung, Ruß­land dürfe „nicht indifferent" bleiben. Die Ablehnung des österreichischen Ultimatums in Belgrad soll —• dar­auf wissen wir oben schon hin — erst erfolgt sein aus ein Telegramm aus Petersburg hin: „Bitte mobilisieren!" Und der Zar selber — der „F r i e den s za r" wohlgemerkt! — soll nach einer allerdings unverbürgten Blättermeldung erklärt haben, er wolle den Fehdehandschuh mffnehmen, den man ihm (?) hingeworfen. Die Geschichte würde also —

benn wir wollen das einstweilen noch mit Vorbehalt ausiprechen, da nach anderen unten wiedergegebenen Drahtmeldustgen (wer kann sagen von der Flut, was zuverlässig ist und was nicht) die friedlichere Auffassung letzt amZarenhofe hochkommen soll— dieGeschichte würde also, ,die seit s a m e Tatsache verzeichnen, daß der russische Zar, dieser letzte und vornehmste Vertreter :des starren monarchistisch-autokratischen Gedankens, sich, lediglrch aus Haß gegen Österreich, solidarisch erklärt mit Königs-Mördern! Hätte inan in Peters­burg e r n st l i ch den Frieden gewollt, so hätte man ge­rade im Interesse der slawischen Brüder in Belgrad z u m F r i e d e n reden müssen. Will Rußland wirk­lich eine Verschiebung des politischen Gleichgewichts auf dem Balkan vermeiden, so muß es, namentlich in einem Augenblick, wo eben Serbien seinen Besitz um fast das Doppelte hat vernehmen dürfen, auch daraus bedacht sein, daß der Bestand der österreichischen Monarchie nicht durch groß-serbische Aspirationen und' Agitationen gefährdet werde. Will es gleich Deutsch­land den Brand lokalisieren, dann könnte es ruhig seinen neuen Freunden in Bukarest überlassen, etwaige bulgarische Gelüste im Zaume zu halten und mit allen anderen Mächten sich auf die Rolle des Zuschauers be­schränken, odm nur darum besorgt sein, das Umsich­greifen des Krieges auf dem Balkan zu verhindern.

Wird Rußland sich seiner ungeheuren Ver­antwortung nicht doch bewußt sein? Das ist die Frage, die sich in diesen Tagen entscheidet. Rußland weiß, worum es sich handelt! Gibt Rußland das Signal, Österreich an der Wahrung seines Ansehens, an der Verteidigung gegen die Minierarbeit seines mit Bomben und dem Dolch des Meuchelmörders arbeiten­den Nachbarn zu hindern, so gibt es das Signal zu einem Weltkrieg. Es fordert dann auch Deutsch­land auf, seine sprichwörtlich gewordene Nibelungen­treue zu beweisen. Es bedarf da nicht erst des Zitrerens der Paragraphen des deutsch-österreichischen Bündnis­vertrages vom 7. Oktober 1879. Hat Rußland nicht die ernstliche Absicht, Serbien klar zu machen, daß der Königsmord nicht zu einer Waffe werden darf, deren man sich ungestraft im politischen Kampfe be­dienen darf, will es nicht ruhig mitansehen, wie Ser­bien, wenn es etwa weiter plant, alle Pflichten einer Kultrrrnation schamlos preiszu- g e b e n, dafür entsprechend gezüchtigt wird, so be­schwört es einen Weltbrand herauf. Daß in dem Augen­blick, wo Rußland die österreichische Grenze überschreitet, auch für uns die Notwendigkeit des militärischen Ein­greifens gegeben ist, und wie für uns so auch für Italic n, darüber kann kein Zweifel sein. Die deutsche Presse ist schon heute einig in dieser Auffassung, die italienische wird es —■ wir zweifeln nicht einen Augenblick daran — morgen sein. Das russische Ein­greifen wird man auch in Rom energisch zurückweisen und dort wie bei uns wird man der Meinung des alten, fast schon trivialen Wortes sein, daß vom Standpunkt des Politikers wie vom Standpunkt des National- ökonomen ein Ende mit Schrecken dem Schrecken ohne Ende, dem monatelangen Hangen und Bangen, vorzu­ziehen sei.

Die Hoffnung aller Friedensfreunde richtet sich noch immer auf London und Paris. Das französische Volk bat bei den letzten Wahlen ein Votum für den Frieden abgegeben. Vielleicht mißbilligt man in Paris die österreichische Energie, vielleicht mißversteht man dort die Volksstimmung in der Donaumonarchie, vielleicht unterschätzt inan dicEntschlossenheitDeuffchlands. Freilich die Friedensbeteuerungen von Peterhof braucht man nicht allzu ernst zu nehmen: sie pflegen so süß einzu­gehen, aber auch ebenso flüchtig zu sein wie die Schaum­perlen in den Chanipagnerkelchen. Aber vielleicht er­innert man sich der Enthüllungen über , die Kriegs­bereitschaft der französischen Armee und vielleicht wird darum Herr Viviani doch noch den Versuch machen, die Russen zu belehren (uamentlich wenn er sich der Straßentumulte erinnert, die beinahe die festlichen Klänge der Petersburger Entrevue ubertont hätten), daß — nicht jeder Selbstmordversuch ein vergeblicher ist. Und England, auf dos es auch nicht am wenigsten mit ankommt, kann u nmöglich wünschen — weit weniger noch als Österreich und Deutschland —, daß durch einen etwaigen russischen Sieg der Einfluß des,Zarenreiches auf dem Balkan übermächtig und daß nicht nur dm Dardanellen-, sondern auch die ' türkische und die kleinasiatische Frage zu­gunsten eines siegreichen Rußlands gelöst werde, nur um der wirtschaftlichen Konkurrenz mit Deutschland willen. Daß man in, England, zu dem unser Verhält­nis ja gkücklicherweye so viel besser geworden ist — Lloyd George wies za noch Ende voriger Woche daraus hin —, diese Gefahr erkennt, das beweist glücklicher- weise alles, was man bisher aus London hört.

So sprechen denn tausend Gründe auch heute noch dafür, daß es Nicht zu dem Kampf aller gegen