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Nr. 11.
Sonntag, 12. Januar 1936.
84. Jahrgang.
„Österreich sucht neue Stützen."
Zur Prager Reise des österreichischen Bundeskanzlers. — Wie die tschechoslowakische Presse die Dinge sieht.
Neuausrichtung der Wiener Politik.
as. Berlin, 11. Jon. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Am Donnerstag, den 16. d. M., wird der österreichische Bundeskanzler Schuschnigg in Prag einen Vortrag halten und er wird bei seinem zweitägigen Aufenhalt der tschechoslowakischen Hauptstadt, wie bereits kurz berichtet wurde, sowohl vom Ministerpräsidenten Hob za als auch vom Staatspräsidenten V e n e s ch empfangen werden. Während nun die österreichische Presse bemüht ist, den Besuch mehr oder minder als eine private Angelegenheit hinzu- stellen, ihm jedenfalls bis jetzt keine besonderen Betrachtungen widmet, mißt inan in Prag der bevorstehenden Aussprache Schuschniggs mit Hodza eine sehr erhebliche Bedeutung bei. Man ist sich klar darüber, daß Wien angesichts der durch den Abessinien- Feldzug geschwächten Stellung Italiens eine Rückendeckung sucht, ja, einige Prager Blätter gehen sogar so weit, die Prager Reise Schuschniggs als Beginn einer Neuausrichtung der österreichischen Außenpolitik hinzustellen. Sehr zurückhaltend spricht das Blatt „Narodny Asti" nur davon, daß dieser Besuch eine engere Wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit zwischen Wien und Prag einleiten werde, der in Kürze eine Annäherung Österreichs an alle Staaten der Kleinen Entente folgen werde. Weiter geht bereits die Zeitung „Eeske Slovo", die dem Prager Auswärtigen Amt nahesteht, und die u. a. schreibt, nach der Schwächung der italienischen Position in Europa suche Österreich neue Stützen. Es wende sich daher von dem Süden nach dem Westen. Man könne zwar nicht sagen, daß Österreich sich nunmehr ganz von Italien abwenden wolle, das wäre für diesen Staat weder politisch noch wirtschaftlich vorteilhaft. Das unerschütterliche Festhalten Englands am Völkerbünde habe jedoch gezeigt, welchen Weg Österreich gehen müsse, um seine Unabhängigkeit auf feste Grundlagen zu stellen. Das gleiche Prager Blatt verweist dann darauf, daß diese Wendung der österreichischen Außenpolitik bereits innenpolitisch vorbereitet worden sei. Die vor einiger Zeit erfolgte Umbildung der österreichischen Regierung bezeichnet die Zeitung als einen Sieg des politischen Katholizismus. Dieser nähere zwar Österreich der Idee des Monarchismus an, be
deute aber gleichzeitig eine Abkehr von der faschistischen Richtung. Die sich auf Italien stützende Heimwehrbewegung befinde sich völlig auf dem Rückzüge. Nicht uninteressant ist schließlich eine weitere Prager Stimme, da damit die Karten noch weiter aufgedeckt werden. Der zweifellos durch amtliche Prager Gelder gestützte „Montag" des Emigranten Tfchuppik sagt nämlich zu dem gleichen Thema: „Die Reise des österreichischen Bundeskanzlers nach Prag ist von der Perspektivs aus zu betrachten, .daß der kleine Nachbarstaat des Reiches seine Unabhängigkeit nicht mehr durch die schwankende Diktatur Mussolinis geschützt fühlt, und den Anschluß an Paris sucht, der auf dem Wege über Prag gefunden werden muß. Es gehört auf diese Linie, daß Dr. Schuschnigg mit dem österreichischen Emigranten um Otto Bauer Fühlung nehmen wird. Man will die Versöhnung mit den Sozialdemokraten, um die Mehrheit des österreichischen Volkes für einen Kurs zu haben, der Kegen das Dritte Reich sich richtet. In diesem Kurs würden sich Wien, der Vatikan und die Zweite Internationale zusammensinden. Diese Darstellung scheint der Entwicklung vorauszugreifen. Sie trifft aber zweifellos den Kern der Dinge. Wir haben diese Prager Stimmen hier so ausführlich wiedergegeben, weil sie sehr klar erkennen lassen, wie man die Dinge in Prag sieht und weil sie zugleich auch verraten, was man von dem Besuch Schuschniggs erhofft. Es ist an dieser Stelle schon gesagt worden, daß ein Versuch in den Prager Verhandlungen eine Neuordnung int Donauraum vorzubereiten, ohne die Mitwirkung Deutschlands, zum Scheitern verurteilt ist, weil im Donau raum keine Kombination ohne Deutschland möglich ist, wie es Seipel einmal ausgedrückt hat. Es ist nur interessant zu sehen, wie man in Wien immer wieder auf Umwegen und krummen Wegen sucht und wie man sich bald hier und bald trott anzubiedern trachtet, nur weil man den Gegebenheiten der österreichischen Lage und dem Willen der Mehrheit des österreichischen Volkes untere keinen Umständen Rechnung tragen will. Wieweit die Prager und die Wiener Hoffnungen durch den Besuch Schuschniggs in der tschechoslowakischen Hauptstadt gefördert werden, das bleibt zunächst abzuwarten.
Neue Friedensbemühungen.
„Times" über bevorstehende Lösungsversuche.
Italien zu Verhandlungen bereit?
London, 11. Jan. (Eig. Drahtmeldung.) Die „Times" meldet aus Genf, man rechne dort anscheinend damit, daß bald neue Friedensbemühungen im italienisch-abessinischen Streitfall unternommen würden. Es fehle nicht an Zeichen, daß der Umfang und mangelnde Volkstümlichkeit des abessinischen Feldzuges einen Eindruck auf die Leiter der italienischen Politik zu machen beginne. Das Fehlen militärischer Fortschritte habe zu der Überzeugung geführt, daß der Krieg entweder bald beendet oder auf unbegrenzte Zeit fortgesetzt werden müsse. Italien lasse offensichtlich erkennen, daß es nicht unversöhnlich und durchaus bereit sei, auf einer Grundlage, die Italiens berechtigte Interessen sichern würde, zu verhandeln. Endgültige Pläne seien noch nicht vorhanden, aber die Bedingungen seien int gegenwärtigen Zeitpunkt naturgemäß sehr hoch geschraubt. In Genf glaube man nicht, daß nach dem Zusammenbruch der letzten Bemühung irgend ein neuer Versuch von Großbritannien erwartet werden könne. Gleichzeitig erwarte man auch nicht, daß die britische Abordnung bei der Auferlegung weiterer Sühnemaßnahmen die Führung ergreifen werde, obwohl es sie voraussichtlich durchaus unterstützen werde, wenn sie vorgebracht werden. Man halte es daher für sicher, daß Italien irgendeinen Vorschlag von Frankreich, ob er unmittelbar oder durch den Völkerbund gemacht werde, sehr sorgfältig prüfen würde. Wenn nicht von Paris, dann werde der Anstoß möglicherweise von einer Gruppe kleinerer Mächte kommen. Augenblicklich sei Italien allerdings noch geneigt, dem Völkerbund seine Bedingungen zu diktieren, von denen eine dahin gehe, daß die Bezeichnung Italiens als Angreiferstaat zurückgezogen werden müsse. Dieser Vorschlag finde jedoch bei den kleinen Mächten keine Gegenliebe.
Paris erwartet Entgegenkommen Mussolinis.
London, 11. Jan. (Eia. Drabtmeldung.) „Daily Telegraph" meldet aus Paris, Laval und der französische Botschafter in Rom hätten sich bei ihrer Unterredung am Freitag auf die Anahme gestützt daß die endgültigen Schritte zur Anwendung einer Ölsperre aufgeschoben werden bis die Stellungnahme Amerikas feft- gelegt ist. Während dieser Pause werde Laval zwar keine genauen Vorschläge ausarbeiten, jedoch auch ten ne Gelegenheit verlieren, eine freundschaftliche Regelung zu fördern. Augenscheinlich sei mau in Paris der Ansicht, daß Mussolini sich jetzt in einer zugänglicheren Verfassung befinde.
Makalle von den Abessiniern zurückerobert?
Nach schwersten Kämpfen und mehrmaligem Wechsel der Besitzer.
Addis Abeba, 11. Jan. (Eig. Drahtmeldung.) Nach hier eingetroffenen abessinischen Meldungen hat der rechte Flügel der Heeresgruppe Ras Seyums den Angriff gegen Makalle vorgetragen. In den Morgenstunden des Freitags begannen erbitterte Kämpfe gegen die Stadt, die im Laufe des Tages mehrmals ihren Besitzer wechselte. Nach schwersten Nahkämpfen konnten sich abessinische Truppen, den abessinischen Frontberichten zufolge, am Freitagabend endgültig in Makalle festsetzen und behaupten. Eine größere Anzahl von Gefangenen, Gewehren, Munition und Kriegsmaterial sollen in die Hände der Abessinier gefallen fein. Einzelheiten fehlen noch.
Ein Jahr vereint.
Zum Tage der Saarabstimmung.
Am 13. Januar jährt sich der historische Tag der Saarabstiminung, der Tag, der zu einem großen deutschen Bekenntnis Wurde, der Tag, der ein Tag der Treue war, der Tag, der das letzte, durch den Versailler Vertrag von Deutschland gerissene Land wieder zur großen Mutter zurückbrachte.
Wohl folgte die offizielle Übergabe des Saargebietes erst im März, aber für uns Deutsche innerhalb und außerhalb des Saargebietes war der Tag der Abstimmung entscheidend. Amtliche Verhandlungen mochten vielleicht noch nötig sein, aber für uns hatte die Stimme des Blutes gesprochen und das war wichtiger.
Wer damals die Tage vor der Abstimmung und die Abstimmung im Saargebiet erlebt hat, der hat unvergeßliche Tage erlebt. Nach 15 Jahren der Unfreiheit sollte endlich der Tag der Freiheit kommen. Wir hatten lange genug darum ringen müssen, daß die Volksabstimmung auf den frühest möglichen Termin festgesetzt wurde. Es gab einflußreiche Kreise, die die Volksabstimmung hinausschieben wollten, oder sie überhaupt zu sabotieren gedachten. Damals lag die Saar-Frage wie ein Schatten über Europa. In letzter Stunde siegte die Vernunft, und Frankreich insbesondere fäh ein, daß sein Sträuben nicht nur keinen Zweck hatte, sondern schwere Verwicklungen im Gefolge haben würide. Frankreich hätte damals allein gestanden und Laval sah die Dinge denn doch klarer, als sie sein Amtsvorgänger gesehen hatte.
Indessen rüstete man im Saargebiet zur entscheiden- den Abstimmung. Man hätte gewünscht, daß ein Abstimmungskampf überhaupt nicht stattgefunden hätte, denn darüber waren sich ja alle klar, daß die Saar deutsch und nicht französisch war. Durch das Treiben der Emigranten aber und durch die marxistischen Parteien wurde ein Kampf unvermeidlich, denn die Saar sollte dazu benutzt werden, um dem Dritten Reich eine entscheidende Wunde zu schlagen. Parteiengeist sollte siegen über das deutsche Blut. Die Hoffnung aber trog. Wenn man damals die Versammlungen in Dillingen, in Dudweiler und wo sonst noch überall besuchte, so fand man nur eine einmütige Stimmung. Die Saarländer zählten am Kalender die Tage, die sie noch von der Wiedervereinigung mit Deutschland trennten. Gewiß gab es in den Tagen vor der Abstimmung noch ZWeifelnde, die nicht wußten, was die Zukunft bringen würde. Aber daran zweifelten auch diese Menschen nicht, nämlich, daß sie deutsch waren und eine deutsche Pflicht zu erfüllen hatten.
And dann kam endlich der sehnlichst erwartete Tag der Abstimmung. Überall aus Deutschland waren die Saarländer herbeigeeilt, um ihrer Pflicht zu genügen. Auch aus dem Ausland, ja sogar aus Übersee waren sie gekommen, um dabei zu sein, an dem Tag, an dem die Heimat Wieder frei und deutsch wurde. Ein merkwürdiges Bild boten die Straßen an diesem Tage. In einigen Gebieten sah man schwedische Soldaten, die zum Schutze der Abstimmung in dieses Land abkommandiert waren. In Saarbrücken waren Schotten mit ihrem Kilt ein Erstaunen für die Saarbrücker Jugend, die so etwas noch nie gesehen hatte. Die Entsendung von Truppen in das Saargebiet war völlig überflüssig. Die Abstimmung ging in aller Ruhe und Disziplin vor sich. In seiner Amtswohnung im Schloß zu Saarbrücken saß der Präsident der VölkerbunÄsregierung und wartete. Er blieb unsichtbar jetzt wie früher. Niemals war es ihm gelungen, ein menschliches Verhältnis zur Bevölkerung zu gewinnen. Es mag sein, daß Knox in jeden: Falle objektiv sein wollte, aber das Saarland konnte nun einmal nicht regiert oder verwaltet werden wie ein koloniales Gebiet. Der Völkerbund hatte ein besonderes Statut ausgearbeitet, das so objektiv war, daß es zur Wahlschikane wurde. Diejenigen, die damals für ein autonomes Saargebiet eingetreten sind, konnten sich gewiß nicht beklagen über dieses Statut.
Wer vorher noch gewisse Sorgen wegen des Ab- stimmungsergebnisses gehabt hatte, der sah, wie die letzren Tage den Umschwung brachten. Die Parole der Autonomisten gegen die Rückkehr der Saar zum Reich war völlig verpufft. Diejenigen, die diese Parole her- ausgegeben hatten, verließen schon vor Beginn des Abstimmungskampfes das Schlachtfeld. Denjenigen, die noch zweifelten, schlug dann doch das deutsche Gewißen, als sie sich in der Abstimmungszelle entscheiden sollten. Und so stimmten sie mit Ja für Deutschland.
Es dauerte noch mehrere Tage, bis das Abstim- mungsergebnis amtlich mitgeteilt wurde. Aber die Herzen sprachen deutlicher, als die Stimmen in den verschlossenen Urnen. Jeder wußte, daß die Abstimmung ein deutscher Sieg geworden war und das zahlenmäßige Ergebnis übertraf dann auch
