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Nr. 9.

Freitag, 10. Januar 1936.

84. Jahrgang.

MittelMel-MlnachlllW und Locarno.

Rätselraten um die Erdölsperre. Eden spricht am 17. Januar. Kein englisch- französisches Geheimabkommen.

Locarno nicht berührt.

. as. Berlin, 10. Jan. (Drahtbericht unserer Berliner Swtetlung.) In der Weltpresse hat neuerdings ein Rätselraten darüber eingesetzt, ab am 20. Januar in .Genf die Olsanktianen gegen Italien beschlossen werden «der nicht. Einmal sprechen die F l o t t e n z u s a in m e n- tzrehungen im Mittelmeer dafür, daß man die Genfer Tagung als kritischen Zeitpunkt wertet, zum anderen wird von allen Sanktionsfreunden auf die Verhängung der Erdölsperre hingearbeitet. Auf der anderen Seite findet sich die Meinung aber auch recht häufig, daß eine solche Verschärfung der Sanktions- Politik unzweckmäßig sei, umsomehr, da Italien sich inzwischen mit Erdöl auf längere Zeit eingedeckt habe und auf jeden Fall bis zur großen Regenperiode, die etwa im März einen Stillstand der Operationen in Abessinien erzwingt, versorgt sei. Kennzeichnend für die Lage ist, daß die französische Presse neuerdings wie auf Kommando die Aussichten der Erdölsperre sehr pessimistisch betrachtet. Das letzte Wort in dieser Ange­legenheit ist aber wohl noch nicht gesprochen, zumal man auch eine völlige Klarheit über die Haltung Amerikas bisher noch nicht hat. Das englische Kabinett wird sich mit diesem ganzen Problem am Mittwoch der. kommenden Woche befassen und vermut­lich die Marschroute für Genf festlegen. Es ist mög­lich, daß man dann etwas klarer sehen wird. Für den 17. d. M. erwartet man eine Rede Edens, der am Tage nachher nach Genf abrsisen wird. Bis zu diesem Zeit­punkt wird man sich gedulden müssen.

Inzwischen befaßt sich die französische Presse mit der Frage, inwieweit die englisch - französischen Militärvereinbarungen mit dem Locarno- Vertrag in Übereinstimmung zu bringen

sind. _ Wenn dabei die Vermutung geäußert wird, daß Deutschland diese Verhandlungen zum Vorwand nehmen wolle, um vom Locarno-Vertrag loszukommen, so entspringen solche Ausführungen einem nicht ganz reinen französischen Gewissen. Es braucht dabei nicht rm eknzelnen auseinandergesetzt zu werden, daß etwaige militärische Vereinbarungen zwischen London und Paris, die sich auf einen deutsch-französischen Konflikt beziehen würden, nicht mit dem Locarno-Vertrag in Übereinstimmung zu bringen wären. Hat doch im Locarno-Vertrag ^England die deutsch - französische Grenze für beide Teile garantiert, nicht etwa eine ein­seitige Garantie zugunsten Frankreichs übernommen, -beiTemps" und mit ihm eine Reihe anderer fran­zösischer Blätter setzt nun offenbar auf einen Wink des französischen Auswärtigen Amtes wortreich ausein­ander, daß es keine französisch-englischen Geheimab­machungen auf militärischem Gebiet gäbe und daß kein neues Abkommen im eigentlichen Sinne zwischen Paris und London zustande ge­kommen sei, sondern nur militärische Abmachun­gen rein technischer Art, die sich auf die Mög­lichkeit eines italienisch - englischen Konfliktes bezögen und beschränkten. Wir nehmen diese Erklärung zur Kenntnis und ziehen aus ihr den Schluß, daß Paris und London es gleich uns für unmöglich erachten, drei­seitige Verträge durch zweiseitige Abmachungen zu ändern. Die Haltung eines Teils der französischen Presse ließ allerdings zeitweilig andere Schlußfolgerun­gen zu, und es wäre zweckmäßiger gewesen, der Temps" hätte feine Polemik gegen diese Blätter ge­richtet, als gegen die deutsche Presse, die die offenbar in Paris etwas peinlich empfundene Frage nach dem Sinn und dem Umfang der englisch-französischen Militärvereinbarungen stellte.

Italienischer RüHug auch an der Nordfront?

Abessinier melden weitere Erfolge.

Addis Abeba, 9. Jan. Von abessinischer Seite wird gemeldet, daß der Rückzug der italienischen Truppen an der Nordfront unter stärkstem Druck abessinischer Streitkräfte weiter anhalte. Man erWrt, daß die Italiener sämtliche Dörfer, durch die sie auf ihrem Rückzug kommen, nieder - b renn en. In den Meldungen wird hervorgehoben, daß die abessinischen Truppen mit äußerster Erbitterung kämpfen. Während der Gefechts- Handlungen habe ein kaiserliches Flugzeug die Linien überflogen. Die Abessinier wollen in Gruppen zu je 20 Mann die stark mit Maschinengewehren bestückten italienischen Feldstellungen und Blockhäuser gestürmt haben, deren Besatzungen nahezu vollständig niederge­macht worden seien.

Dem abessinischen Bericht zufolge sollen die italieni­schen Truppen, nachdem fünf Bollwerke von den Abessiniern gestürmt worden seien, ihre übrigen Stellungen geräumt haben.

nähme der Flieger an Gefechten infolge der Wetterverhältnisse nicht möglich.

Rom dementiert.

Rom, 9. Jan. Von berufener italienischer Seite werden die abessinischen Meldungen über die Zurück­eroberung der Landschaft Tembien als vollkommen falsch bezeichnet. Ebenso werden die abessinischen Nach­richten, wonach in Dagabur ein ägyptisches Feldlazarett von italienischen Flugzeugen mit Bomben belegt wor­den sei, auf Grund einer beim Hauptquartier der Somalifront eingeholien Auskunft als gegenstandslos zurückgewiesen. Die fragliche Aktion habe, wie aufs be­stimmteste erklärt wird, überhaupt nicht stattgesiinden. Hingegen wird von italienischer Seite erklärt, daß der Mißbrauch des Roten - Kreuz - Zeichens durch die Abeffinier immer größeren Umfang annehme. Schließ­lich werden auch alle Nachrichten, wonach italienische Truppen den Gaskrieg begonnen hätten, entschieden bestritten.

Die Glückwünsche des Diplomatischen Korps.

Heute, am 10. Januar, hat der Führer und Reichs­kanzler die diplomatischen Vertreter der fremden Mächte in Berlin zur Entgegennahme der Neujahs- wünsche empfangen. Der Austausch der Neujahrs­wünsche ist alter diplomatischer Brauch, der stets das große Zeremoniell der Diplomatie in Bewegung fetzt. Der Neujahrsempfang bringt einen Gefamtglückivunfch des Diplomatischen Korps, das bei dieser Gelegenheit geschloffen auftritt, und eine Antwort des Staatsober­haupts. In der Berliner WiHelmstraße rollen am Empfangstag die Wagen der Diplomaten vor, jedesmal begrüßt von einer dem Rang des diplomatischen Ver­treters entsprechenden militärischen Ehrenbezeigung der im Vorhof aufmarschierten Formation.

Dabei wird, wie in allen Ländern, in denen der Austausch diplomatischer Glückwünsche üblich ist, das Zeremoniell genau beachtet. Das bedeutet in erster Linie einen Unterschied in den Empfangsfeierlichkeiten für die Botschafter und für die Gesandten. Ein Bot­schafter ist der Vertreter Les fremden Staatsoberhauptes und hat als solcher, ganz allgemein gesprochen, Anspruch auf Ehrenbezeigungen, wie die Persönlichkeit, die er ver­tritt. Der Gesandte ist der Vertreter seiner Regierung und als solcher in der diplomatischen Rangordnung einen Platz hinter dem Botschafter gestellt. Botschafter haben in Deutschland insgesamt 14 Staaten: England, Frankreich, Italien, Spanien, die Türkei, Japan, Pole«, die Vereinigten Staaten, China, Sowjetrußland, Ar­gentinien, Brasilien, Chile und der Vatikan. Die anderen Staaten sind durch Gesandte bei dem Reich vertreten. Allgemeiner diplomatischer Brauch ist es, Laß bei den Neujahrsempfängen der Doyen als Sprecher des Diplomatischen Korps auftritt, das heißt, der rangälteste Botschafter, wobei in den meisten Staaten auf Grund alter Abmachungen der Vertreter des Vatikans, der Nuntius, als Doyen gilt, und ledig­lich, wenn er verhindert ist, der nächste rangälteste Bot­schafter an seine Stelle tritt.

Im vorigen Jahr unterstrich der Führer und Reichs­kanzler in seiner Ansprache an das Diplomatische Korps ganz besonders den deutschen Friedenswillen:Sein Land", so betonte er,kann das Bedürfnis nach Frieden tiefer empfinden als Deutschland, das nach schweren Jahren voller Not und Leid alle Kräfte für seinen inneren Wiederaufbau zusammengefaßt hat, das diesen Wiederaufbau in Ruhe vollziehen will, und das für seine Lebensrechte von den anderen Ländern nur die gleiche Anerkennung und Achtung fordert, die es ihnen selbst entgegenbringt. Mit seiner Politik, die unver­rückbar auf diesen Grundsätzen beruht, wird Deutsch­land stets ein sicherer Garant der Zukunft sein." Da­mals empfing der Führer und Reichskanzler zum ersten­mal als Staatsoberhaupt das Diplomatische Korps.

Die Botschafter und Gesandten erscheinen zu diesen Empfängen in ihren diplomatischen Uniformen ein Schauspiel, das besonders auch durch seine militärische Umrahmung stets zahlreiche Zuschauer anlockt. Mit der Begrüßung am Eingang des Hauses beim Ver­lassen des Wagens, mit dem Geleit zum Empfangssaal, dem Wechsel der Ansprachen, eventuell dem Austausch persönlicher Begrüßungen und der feierlich zere­moniellen Abfahrt der einzelnen Besucher unter gleichen Ehrenbezeigungen wie bei der Ankunft ist im allge­meinen das Programm der Diplomatenempfänge er­füllt.

geierlidje MsMSenWiW beim Wer.

Der Angriff auf die Provinz Tembien sei, wie in den abessinischen Meldungen gesagt wird, durch vorge­schobene Abteilungen der Armee Ras Seyums mit Scharfschützen vorbereitet worden. Am 6. Januar habe dann der allgemeine Angriff begonnen und am 7. Januar abends fei die Tembienprovinz voll­ständig in Händen der Abessinier gewesen. Die Italiener, die wegen starker Regenfälle nicht mit einem Vorgehen der abessinischen Truppen gerechnet hätten, seien durch den Angriff überrascht worden und hätten kaum Widerstand geleistet. Den Abessiniern seien auf der Straße von Cassiamo nach Adua ein Tank und ein Kraftwagen in die Hände gefallen. Nähere Einzelheiten, insbesondere über die Verluste, stünden noch aus. Die Vorhuten der Abeffinier bewegten sich weiter nach Norden auf der Straße von Caffiamo nach Adua und Abbi Addi nach Abaro. Gleichzeitig seien starke Kräfte auf die Eheralta-Provinz in Bewegung gesetzt worden, um die italienischen Truppen, die zwischen Ghernlta und Makalle 'Stellun­gen bezogen hätten, von -ihren rückwärtigen Verbin- <bungen abzuschneiden.

Von abessinischer Seite wird ferner gemeldet, Laß die italienische Fliegertätigkeit an der Südfront stark -ugenammen habe. Dagegen sei im Norden die Teil­

Die Vertreter der Wehrmacht.

(Eigene Draht Meldung.)

Berlin, 10. Jan. Der Führer und Reichskanzler hatte mit Rücksicht auf die Feiertagsruhe des Weihnachts- und des Neujahrsfestes angeordnet, daß die traditionellen Neu- iahrsglückwunschempfänge nicht mehr am 1. Januar selbst, sondern künftig erst einige Tage später stattfinden sollen. In diesem Jahr ist der 10. Januar dafür bestimmt worden.

Demgemäß empfing der Führer und Reichskanzler am Freitag imHaus des Reichspräsidenten", Wilhelmstratze 73, in der hergebrachten Weise zunächst die Vertreter der Wehrmacht zur Entgegennahme der Neujahrsglück­wünsche des Heeres, der Kriegsmarine und der Luftwaffe. Hierzu waren um 11 Uhr vormittags erschienen: der Reichs- lriegsminifter unL Oberbefehlshaber der Wehrmacht, Generaloberst von Blomberg, der Oberbefehlshober Les Heeres, General der Artillerie Freiherr von Fritsch, der Oberbefehlshaber der Kriegsmarine Admiral Dr. h. c.

Raed er, der Oberbefehlshaber der Luftwaffe, General der Flieger Göring.

Nachdem der Reichskriegsminifter in kurzer Ansprache dem Führer die Wünsche der Wehrmacht übermittelt hatte, tauschte der Führer mit jedem der erschienenen Oberbefehls­haber Neujahrsglückwünsche aus. Im Ehrenhof desHauses des Reichspräsidenten" war an Stelle der früheren Ehren­wache in Zugstärke in diesem Jahr nach Wiederherstellung der Wehrhoheit des Reiches zum erstenmal eine Ehren- kompagnie des Heeres mit Musik aufgezogen. Sie erwies Ehrenbezeugungen durch Präsentieren vor dem Oberbefehlshaber der Wehrmacht und vor den Oberbefehls­habern der Wehrmachtteile bei ihrer An- und Abfahrt.

Die Glückwünsche der Partei.

~ Die Glückwünsche der Partei wurden dem Führer bereits bei früherer Gelegenheit durch den Stell­vertreter des Führers, Reichsminister Rudolf Heß, über­bracht.

Um 11.10 Uhr empfing der Führer den Staatskommissar