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Nr. 8.
Donnerstag, 9. Januar 1936.
84. Jahrgang.
Zwei Flotten in Bewegung.
England schickt seine stärksten Schlachtschiffe auf Kreuzfahrt. — Französische Flottenmanöver. Die Vorbereitungen für den 20. Januar.
Italienische Kommentare.
a?; Berlin, 9. Jan. (Drahtbericht -unserer Berliner Abteilu.ng.) Es ist sehr kennzeichnend für die weltpolitische Lage, daß die Bewegung der englischen und französischen Kriegsschiffe mit dem denkbar größten Interesse von der Öffentlichkeit verfolgt werden. Man nimmt zur Kenntnis, daß England einige Einheiten somer Heimatflotte, nämlich die Schiffe „Hood", ^,Ramilli«s", „Orion" und „Neptun" aus Gibraltar zurückzieht, daß es aber im gleichen Augenblick seine stärksten Schlachtschiffe, „Nelson", „Rodney", „Furius", „Cairo" und die 21. Z e r st ö r e r f l o t t i l l e auf Kreuzfahrt schickt, und zwar auf eine Fahrt, die an die Westküste Spaniens und Portugals führt, also in eine Gegend, von der aus in denkbar kürzester Zeit Gibraltar erreicht werden kann. Prak- t i s ch ä n d e r t s i ch a n d e m b i s h e r i g e n Z u - stand mithin kaum etwas, denn wenn am 20. Januar in Genf der Völkerbundsrat und der Acht- zehnerauÄschuß zusammentritt und das Thema der Öl- sanktwnen spruchreif wird, dann werden die englischen Soestreitkräfte im Mittelmeer nicht schwächer sein als heute, im Gegenteil, der Gssechtswert der aus England auslaufenden Schiffe ist noch etwas größer als der heim beorderten Einheiten. Zum gleichen Termin aber werden, worauf kennzeichnenderweise Reuter hinweist, auch über 90 französische Kriegsschiffe im Mittelmeer oder in nächster Nähe des Mittelmeeres kreuzen. Es ist wohl auch kennzeichnend, daß ein französischer Zerstörer aus Bairut nach Port Said beordert wurde, wo er längere Zeit bleiben soll, zweifellos um den Italienern zu zeigen, daß ein etwaiger Angriff auf diesen Hafen des Suezkanals gleichzeitig ein Angriff auf Frankreich sein würde. Ganz zweifellos stellen die französischen Kriegs schiff beweg ungen das Ergebnis d er Beratungen der beiden Ad miralstäbe dar. Wenn trotz allem amtliche französische Stellen glauben bekunden zu müssen, daß diese Flottenmanöver nichts mit der gegenwärtigen politischen Lage zu tun hätten, und nicht als Folge der französisch-englischen Verhandlungen zu betrachten seien, so wird man einer solchen Versicherung wohl ebenso wenig Glauben schenken, wie der englischen Erklärung, daß bei der Friihlingssahrt der britischen Heimatflotte keine politischen Erwägungen mitspielten. Den Italienern wird zweifellos sehr deutlich vor Augen geführt, welches Risiko sie laufen würden, wenn sie eine Verschärfung der Sanktionen mit militärischen Mahnahmen -beantworten wollten.
Es ist deshalb auch nicht weiter verwunderlich, daß die italienische Presse sich wieder in scharfen Angriffen gegen England ergeht. Die amtlichen römischen Kreise vermeiden es freilich vorerst noch, sich zu den Flottenbewezungen zu äußern, aber die italienischen Zeitungen zeigen sich in ihren mannigfachen Kommentaren wieder recht Erregt über die englische Politik. Frankreich schneidet etwas bester ab. Offenbar will man die Hoffnung auf eine weitere Ver-
Die englische Presse über die Umgruppierung. , . V?”00"; 9- 2an. (Eig. Drahtmeldung.) Die neuen vnmchen Flottenbewegun«en bedeuten eine beträchtliche Ver- ftarkung der britischen Flottenstreitkräfte in der Nähe von Gibraltar. Die Einheiten der Heim-atslo-tte, die sich an den rJvir'j;1'®11 beteiligen, werden ihre Manöver voraus- sichtiich wie in den beiden vorhergehenden Jahren südwestlich von Gibraltar durchführen. Wie der Flottenkorrespondent des „Daily Telegraph" meldet, werden sich auch die zur- zert in Gibraltar liegenden Kriegsschiff« der He-imatstotte, die, wie gemeldet, vorübergehend nach England zuruckkehren, ebenfalls an den Frühjahrs- ubungen in der Nähe von Gibraltar be- te i l igen. Ihre Rückfahrt noch England habe lediglich den Zweck, den Schiffsbesatzungen ihren über- fälligen Wethna ch ts u r laub zukommen zu lassen. Der diplomatische Korrespondent des „Daily Herold' weist in einer groß ausgemachten Meldung daraus hm, daß infolge dieser britischen Maßnahmen und der fran- zSstchen Flottenbewegungen die größte Flotten- zusammenziehung seit dem Weltkriege im Attttelmeer und auf der Höhe von Gibraltar vorhanden sein werde, wenn bet Volke rbu-n^dsrat am 20. Januar zusammen- krete. Tatsache sei, daß die Wlker-bundsstavten nunmehr olle wichtigen Vorsichtsmaßnahmen für ein gemeinsames Vor- gehen.im Falle eines italienischem Angriffs im Mittelmeer ergriffen Hütten. Der -diplomatische Korrespondent der "AW»«S-Poft" meldet, -daß die Mitteilung von den fran- zofl-schen Hlottenbewegungen in London als außerordentlich bedeutungsvoll angesehen werd.. Man sei der Ansicht, daß fie als ein Zeichen der neuen -englisch-französischen Zusammenarbeit aufgefaßt werden könnten. Der Korrespondent zieht aus den französischen Flottenmatznahmen den Schluß, daß Frankreich jetzt die Sühnepolitik günstiger beurteile. Es sei tatsächlich sehr wohl möglich, daß Laval einer Olsperre nicht widersprechen würde, wenn sie vom Acht- z-ehner-wusschutz empfohlen würde. Andererseits würde es auch für die britische Regierung sehr schwierig sein, nicht für die ■ 'iu stimmen, nachdem der Mangel an Unterstützung im Mittelmeer beseitigt sei. Schließlich meint der K-orre- sponident, es könne kein Zweifel bestehen, daß die französischen Generalftübe in den Abkommen mit England einen wertvollen Schulfall für eine gegenseitige Unterstützung „bei einer, zukünftigen ernsteren Angelegenheit" sehen. Diese Erwägung '[pi-et-e oin-e immer wichtigere Rolle.
Eine Mitteilung des französischen Marineministeriums.
Paris, 9.- Ian. Das Marinem-inisterium hat am Mittwochabend bekannt gegeben, daß das zweite Geschwader eine für mehrere Wochen vorgesehene Lbungssahrt an die Westküste Afrikas unternehmen werde. Unter dem Kommando des Vizeadmirals Sarian sollen die Schiffe des Geschwaders die Heimatstation am 14. Januar in Richtung Casablanca verlassen, wo sie am 18. Januar eintreffen werden. Von Casablanca aus sollen die Schiffseinheiten weiter Kurs auf D a f t a r nehmen und vom 26. Januar bis 6. Februar in Dakkar liegen, wo die Flottille Emile Vertin, di« sich auf der Heimreise von den Antillen befindet, zu ihnen stoßen soll. Am 26. Februar wird das zweite Geschwader wieder in Brest einlaufen, nachdem es vom 11. bis 17. Februar erneut Aufenthalt in Casablanca genommen hat.
Geist von Locarno.
Zwischen dem Quai d'Orsay und Downing Street sind im jungen neuen Jahre vielerlei Botschaften hin und hergegangen, manche Gutachten gewechselt, viele Möglichkeiten erwogen worden. Es ist irgendetwas da- bei -herausgekommen, von dem man bisher offiziell nur fopiel weiß, Daß gewisse Übereinstimmungen festzustellen waren. Aus privaten Quellen verlautet, es handele sich bei diesen Vereinbarungen um ein „Geheimdokument", das nicht veröffentlicht werden würde; um ein Geheimdokument mehr also, das Gegenstand weiterer Beunruhigung sein könnte, solange man noch nicht weiß, um was es sich dabei handelt.
Frankreichs Wunsch geht seit langer Zeit dahin, einen Beistandspakt mit England abzu- schließen, der die unverzügliche Unterstützung im Falle einer kriegerischen Verwicklung mit Deutschland vor- sioht. Automatisch soll der Beistand sein, militärisch, wirtschaftlich, moralisch und so weiter. England hat bisher diesem sehr weitgehenden Begehren" gegenüber seine traditionelle Politik des „Von Fall zu F a l I“ geltend gemacht. Es hat wiederholt und eindeutig erklärt, es werde keine Verpflichtungen übernehmen, die etwa über den Nahmen des Locarnopaktes hinausgehen könnten.
So lagen die Dinge bischer. Die Verhandlungen des letzten Jahres sind von französischer Seite immer wieder mit dem Ziele geführt -worden, die englischen Bedenken zu zerstreuen und Argument an Argument zu reihen, durch die -bewiesen -und dargeta-n werden.sollte, wie notwendig ein uneingeschränkter Beistand Englands für jeden Fall -sein würde. Und aus der gleichen Quelle, die heute von dem Vorhandensein eines G e - h e i m d o k u m e -n t e s spricht, wird gleichzeitig verbreitet, auch diesmal handele es sich um Verabredungen, die nur für den gegenwärtigen Fall -und lediglich auf den abesiinischen Konflikt Anwendung finden sollen.
Es kann durchaus sein, -daß diese Darlegung zutreffend -ist. Auch etwaige Operationen gegen Italien können bzw. müssen ja eine Fülle von geheimen Abmachungen enthalten, über die nichts ausgeplaudert werden darf, sollen sie nicht zu einem Teil nutzlos und unwirksam werden. Wenn England sich der griechischen Flotten-b-asis versichert hat, wenn die Türkei mit Zustimmung der Westmächte die Dardanellen aufs neue befestigt, wenn Festungen an der Nordküste Afrikas, an der Ostküste des schwarzen Erdteiles -und anderwärts errichtet -werden, wenn die französische Flotte 90 Einheiten zur Demonstration im Mittelmeer bereitstellt und wenn auch eine Übereinkunft in Sachen der Ölsperre getroffen sein sollte; so sind alles dies Dinge, die — veröffentlicht und paragraphiert — einer Kriegserklärung gleichkämen, während sie stillschweigend und vorsichtig betrieben eines Stachels entbehren.
Immerhin aber ist festzustellen, daß sich in den letzten Monaten und besonders nach dem Scheitern des Friedensplanes, England in einem gewissen Stadium politischen Druckes befunden hat, dessen Stärke nicht unterschätzt werden darf. Großbritannien sah sich isoliert, sah die ganze Last eines Sanktionskrieges auf seinen eigenen Schultern ruhen, sah Frankreich in einem Zustande passiven Widerstandes allen militärischen Bei- standswünsche-n gegenüber und sah immer wieder die Frage auftauchen, entweder auf Frankreichs Mithilfe
Französische Befürchtungen.
mittlung Frankreichs doch nicht völlig begraben. Dabei lasten die aus Paris kommenden Nachrichten keinen Zweifel daran, -daß Frankreich in Genf zwar nicht die Erdölsperre -beantragen wird, daß es sich aber andererseits einer solchen Verschärfung der Sanktionen, sollte sie von anderer Seite verlangt werden, nicht widersetzen wird. Im Augenblick sind allerdings auch in Frankreich die Gegner der Sanktionen nicht untätig. Vertreter der französischen Außenhan-delsgruppen haben Laval gestern auf die schweren Nachteile hingewiesen, die der französischen Wirtschaft aus der Sanktions- Politik erwachsen und haben erklärt, daß die im Verlauf der letzten Monate in Italien eingefrorenen französischen Forderungen 450 Millionen Franken übersteigen. Aber nicht solche Probleme kennzeichnen die gegenwärtige Lage, sondern vielmehr die Tatsache, daß zwei Flotten in Bewegung sind, zunächst einmal nur als Vorsichtsmaßnahme. Möglich, daß dann die starken englischen Einheiten von ihrer Kreuzfahrt in die Heimat zurückkehren, ohne daß sich ein Zwischenfall ereignet hat, und an diese Möglichkeit Lämmern sich die Optimisten.
Doch Verzicht auf die Llsperre?
Paris, 9. Jan. Die Außenpolitikerin des „O e u v r e" glaubt die Mitteilung des französischen Marineministeriums bestätigen zu können und spricht den französischen F l o t te n ü b u n g e n jede politische Bedeutung im Zusammenhang mit dem italienisch-abessinischen Krieg ab. Auch die englischen Flottenverschiebungen im Mirtelmeer hätten lediglich den Zweck einer Auswechslung der Einheiten. Die Erklärungen der englischen Preße, daß es sich bei den französischen Manooern um di« ersten Auswirkungen der französisch-englischen Zus-ammenarbeit handele, seren aus der Luft gegriffen, denn leider beschränke sich diese Zusammenarbeiten Wirklichkeit auf recht wenig. Es scheine sogar im Gegenteil, als ob man jetzt auch auf englischer Seite von der Ausdehnung der Sühnemaßnahmen auf Erdöl Ab stand genommen habe und es s-ei äußerst wahrscheinlich, daß man in Genf am 20. Januar diese Frage noch einmal vertagen werde unter dem Vorwand, dog der amerikanische Kongreß noch nicht den endgültigen Wortlaut verabschiedet habe. Auf englischer und auf französischer Seite sehe man andererseits aber auch die schwerwiegenden Folgen, die ein Ausfuhrverbot für Erdöl nach sich ziehen könnte, und zwar aus folgenden Gründen;
Man sei aus der einen Seite davon überzeugt, daß sich Italien inzwischen für mehrere Monate mit Erdöl eingedeckt
habe. Außerdem befürchte man, daß die Ausdehnung der Sühnemaßnahmen den Abbruch der diplomatischen Beziehungen nach sich ziehen t.° "" e und man dadurch Gefahr laufe, dem Duce nicht mehr die Ratschläge erteilen zu können, die ihm augenblicklich von einigen friedliebenden europäischen Mächten gegeben würden. Man befürchte aber ganz besonders, daß ein Abbruch der diplomatischen Beziehungen notgedrungen zu einer A n - Näherung Italiens an Japan,' Deutschland und Ungarn führen werde. In Paris und London sei man sich jetzt auch darüber klar, daß Mustolini es heute lebhaft bedauere, die Pariser Einigungsvorschläge ab-gelehnt zu haben. Man glaube zu wißen, daß Italien diese Haltung deshalb eingenommen habe, weil cs angenommen hab«, ein- flugreiche abessinische Fürsten mit Hilfe von etwa 125 Millionen Franken für sich gewonnen zu haben und Abessinien in einigen Wochen ohne die Einmischung des Völkerbundes erobern zu können. Dies« Rechnung sei jedoch falsch gewesen. Auf alle Fälle werde man jetzt damit rechnen müßen, daß sowohl Paris als auch London den Dreizehnerausschuß ermutigen würden, neue Vorschläge au-szuarbeiten. In zuständigen politische Kreisen verlautet jedoch, daß dies« Vorschläge. zum mindesten was di« wirtschaftlichen Zugeständnisse an Italien anlange, nicht sehr weitgehend sein würden, da man von Abessinien nur sehr schwer mehr verlangen könne als es geben wolle.
