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Nr. 4.

Sonntag, 5. Januar 1936.

84. Jahrgang.

Winie Wim König LeoM?

Neue Gerüchte über den Londoner Besuch des belgischen Königs. Die dynastischen Interessen.

Der Vatikan hofft.

as. Berlin. 4. Jan. (Drahtbericht unserer Berliner Abteilung.) Da es schwer vorstellbar ist, Satz nach Sem Scheitern des Pariser Friedensplanes Sie diplomati- schen Bemühungen um die Beilegung Ses Abessinien- Konfliktes ganz ruhen sollen, so rauchen immer wieder neue Gerüchte über angebliche Vermittlungsbeinühun- gen auf. Es ist nicht weiter verwunderlich, wenn im Mittelpunkt dieser Gerüchte jetzt Sie Londonreise des belgischen Königs Leopold steht, zumal Ser König schon einmal in Sem gleichen Zusammenhang genannt wurde. Ihn mit diesen Dingen in Verbindung zu bringen, ist nicht schwer, Senn die Schwester des Königs ist bekanntlich an den italienischen Kronprinzen verheiratet. So hieß es schon einmal, datz das italienische Königshaus sich an den belgischen König mit der Bitte nm eine Vermittlung gewandt habe, wobei man schon damals wissen wollte, datz König Leopold mit dem König von England in Verbindung getreten sei. Es kommt hinzu, Satz die amtlichen belgischen Stellen sich hartnäckig über die England reise des Königs ausschweigen. Das holländische Blatt Tjd" geht in seinen Kombinationen allerdings nicht so weit, datz es sich gleich um einen neuen Friedensplan handele, sondern dies Blatt will lediglich wissen, datz König Leopold aus dem Wege über den e.igluche. König auf die englische Regierung einzuwirken versuchen solle, daß England seinen Standpunkt in der Frage Ser Ll- sankttonen aufgeben möge. Gerade diese Frage ist nun in den letzten Tagen in England selbst wieder stärker in den Vordergrund getreten, wobei Ser Bombenabwurf italienischer Flieger aus das schwedische Lazarett bei Dolo von Sen Freunden der verschärften Sanktionen als Argument für ihre Forderungen benutzt wird. Zur gleichen Zeit läßt sich nun aber Sie französische Zeitung Jour" aus Ser Vatikanstadt melden, Satz Sie zustän­digen Kreise des Vatikans sich sehr zuversichtlich hin- sichllich Ser baldigen Beilegung -des Abessinien-Kon­fliktes zeigten. Da König Leopold über gute Beziehungen zum Vatikan verfügt,- so bringt man diese Hofsnungsfr eudigk eit der Vatikanstadt naturgemäß ebenfalls mit der geheimnisvollen Eng­

landreise des- Königs in Verbindung. Ganz abgesehen von den moralischen und ideellen Gründen würde der Vatikan sicherlich auch aus finanziellen Gründen eine baldige Beilegung des Abessinien-Konfliktes sehr be­grüßen. Englische Blätter haben nämlich dieser Tage darauf hingewiesen, daß infolge der Wirtschafts­sanktionen gegen Italien der Vatikan in Schwierig­keiten kommt, Sa es nicht möglich ist, die über- weisu ng des Pet er sps e n uig s, der Sie Haupt­einnahmequelle des Vatikans 'darstellt, zu voll­ziehen. Auch hier haben schon Bemühungen einge­setzt, eine Erleichterung.zu schaffen und es wäre nahe­liegend nun auch mit diesen Dingen die Londonreise des Königs Leopold in Zusammenhang zu bringen. Es bliebe freilich immer noch die Frage offen, wieweit sich der englische König für die Wünsche einzusetzen vermag, Sie ihm vom König Leopold vorgetragen werden sollten. Man ist in Siefen Dingen in England sehr vorsichtig und nach dem Mißgeschick Hoares wird in London Sie Neigung zu irgend einer kühnen Initiative nicht sehr groß sein. Im übrigen muß man sich aber immer wieder vor Augen halten, wie außerordentlich groß die Gegensätze sind Den Pariser Vorschlag hat Mussolini zwar nicht mit einem kräftigen Nein abgelehnt, aber doch als keineswegs ausreichend bezeichnet, während der Mehrheit des englischen Volkes dieser Plan schon viel ,,a weit ging. In der kur ,'en Ze.'f feit dem Scheitern des Pariser Planes hat sich aber weder in Rom noch in London ein Wandel der Anschauungen vollzogen. So wird man alle Nachrichten über eine angebliche neue Ve rmi tt l u n g s a k tio n, mag sie nun von Brüssel, von Paris oder von Ser Vatikanstadt ausgehen, doch wohl mit großer Vorsicht auf­nehmen müssen. Eine ganz andere Frage aber ist, ob König Leopold sich nicht in London auch stark für Sie französisch-englischen Militärverhandlungen interessiert hat, die ja Belgien nicht unberührt lassen können. Auch Belgien dürfte sich durchaus für die Frage in­teressieren, mit welchen Zugeständnissen England das Beistandsversprecheii Frankreichs bezahlt Hal und wie es trotz, aller englischer Dementis mit Ser englischen Grenze am Rhein", von der Baldwin früher einmal gesprochen hat, heute in Wahrheit steht.

Wir warnen alle Länder vor Litauen."

Die Anklagerede int Prozeß gegen die Pieracki-Mörder.

Warschau, 3. San. Sn dem Prozeß gegen die ukrainischen Terroristen, die wegen der Ermordung des polnischen Innenministers Pieracki mrgeklagt sind, I)at der Staats­anwalt, der, wie berichtet, gegen drei Angeklagte die Todes­strafe und gegen zwei weitere lebenslängliches Zuchthaus beantragt hatte, in seiner Anklagerede u. a. auch auf die unheilvolle Rolle hingewiesen, die gewisse aus­ländische Staaten, vor allem Litauen, in diesem Zu­sammenhang gespielt haben. Nach einem Bericht der pol­nischen Telegraphenagentur hat Staatsanwalt Zelenski in seiner Rede an die Unterredung des Angeklagten Kono- walec mit dem litauischen Außenminister Zaunius in Genf erinnert, die sich um die Unterstützungen drehte, die die litauische Regierung den ukrainischen Terroristen gewährt hat im gleichen Augenblick, wo sie im Lande streng« Spar­maßnahmen durchführte. Litauen habe auch den Mitgliedern der ukrainischen Terronstenvereinigung falsche Paste besorgt. ..Wir warnen alle Länder vor Litauen", ries der Staatsanwalt aus,das sich zu derartigen Machenschaf­ten hergibt."

Der Staatsanwall sprach ferner von der Rolle der Tschechoslowakei, die den Terroristen Aufenthaltsrecht und Hilfe gewährt habe und wo die Zeitung der Terroristenver­einigung erschienen sei. Dies habe unmöglich ohne die Zu­stimmung gewistcr tschechoslowakischer Behörden geschehen können.

Um den Beistand im Mittelmeer.

Der britische Gesandte beim griechischen Ministerpräsidenten und König.

Athen, 3. Ian. Der britische Gesandte in Athen hatte am Freitag eine längere Besprechung mit Ministerprä­sident Domerdzis. Kurz darauf hatte der Ministerprä­sident eine Unterredung mit dem König von Griechenland. In der kommenden Woche wird der griechische Nationalverteidigungsrat unter dem Vorsitz des Königs zu einer Sitzung guiammentreten.

Versöhnrmgsbereüschaft Venizelos.

Neujahrsglückwünsche an Georg IL

Athen. 3. Jan. Venizelos hat durch Vermittlung des früheren Ministers Rufos dem König zum Jahreswechsel seine Glückwünsche ausgesprochen. Venizelos brachte den Wunsch zum Ausdruck, daß sich unter der Herrschaft Georg II. dasRegime der gekrönten Demokratie" so festigen möge, wie es Griechenland unter der Herrschaft Georg I. kennengelernt habe. Auf diese Weise werde die nationale Einheit, die feit 2t) Jahren erschüttert worden sei, wiederhergestellt werden und das Land werde dem König dankbar sein.

Abessinier beschießen englische Flugzeuge.

Loudon, 4. San. 3n Nairobi (Kenia) ist ein Bericht eingelaufen, wonach am 2 4. und 26. Dezember bri­tische Erkundungsflugzeuge in der Nähe des Dawaflustes, an der Grenze zwischen Abessinien und Kenia von abessinischen Truppen beschossen worden K). Die britischen Behörden haben den abessinischen Be- lshaber. der ein Grieche sein soll, ausgefordert, seine Leute Über den Unterschied zwischen britischen und italienischen Flugzeugen aufzuklären. Seit dielen beiden Zwischenfällen sind keine britischen Flugzeuge mehr von Abessiniern ange­griffen worden.

Durn-Durn- und Erplosivpatronen?

Gens, 3. Jan. In Fortsetzung der Polemik wegen der Verwendung von Dum-Dum- und Explostopa fronen hat die italienische Regierung dem Völkerbundssekretariat eine An­zahl Photographien übermittelt, aus denen her vor gehen soll, daß die abessinischen Truppen Explosiogeschoste englischer Herkunft verwenden. Die erste Photographie gibt dos Eti­kett der Packung wieder, in der die erwähnten Patronen ge­sunden worden sein sollen. Danach sind die Patronen von der Firma Eley Bros. Ltd., London, geliefert worden. Fer­ner sind a-bgebildet eine Explosivpatrone und das Firmen­zeichen eines Vickers-Armstrong-Maschinengewehrs, das gleichfalls in der abessinischen Garnison Tasari Schetema ge­funden wurde, und in besten Patronenstreifen sich neben ge­wöhnlichen auch Explosivkugeln befunden haben sollen.

Die Dardanellenfrage.

Zn öer polirischen Spannung der Mi tte l meer - frage taucht plötzlich ein neues Problem auf. Von der großen internationalen Politik fast vergessen, aber von der Türkei noch keinen Augenblick feit dem denkwür­digen 24. Juli 1923, dem Abschluß der Meerengen- konvention in Lausanne, verschmerzt, drängt sich wieder einmal in die Weltgeschichte die Dardanellen- frage. Die Eingeweihten wissen, warum sich gerade in diesen Tagen der türkische Außenminister Rüfchtü Aras in Paris aufhält und erwarten fogar feine baldige Weiterreife nach London. Seit dem Abschluß des Lau­sanner Meerengenvertrages 1923 hat die Türkei noch keine Gelegenheit ungenützt gelassen, um eine Änderung dieses Vertrages herbeizuführen, den sie stets als eine politische Niederlage empfunden hat. Endlich ergibt sich in diesen Tagen für dies Land eine Chance, die es nun mit aller Macht ausnutzen will. Als Folge der geplan­ten Sanktionsverischärfungen im -italieNifch-abessitrifchen Krieg sah sich England gezwungen, ferne allseits be­kannte Frage bei den Mittelmeermächten zu stellen. Tie türkische Zustimmung ist anscheinend vorbehaltlos wenigstens offiziell sofort gegeben worden, aber wir wissen, daß die Rechnung noch von der Türkei dafür vor­gelegt werden wird. Und diesmal wird es die Darda­nellenfrage fein. Umsomehr, als man hört, daß die Mächte des Lausanner Friedensvertrages von 1923, be­sonders aber England und Frankreich, unter diesen ge­gebenen Umständen doch mit einer Änderung der Meer- engenkonoention in 'den wichtigsten Punkten für die Türkei einverstanden fein werden.

Beseelt von dem gleichen Wunsche, endgültig den Kriegszustand zu beenden, der feit 1914 den Orient in Aufruhr versetzt hat" beschlossen England, Frankreich, Japan, Rumänien, Jugoslawien und die Türker den Lauf a nn er Fr rede n. Da die Freiheit der Durch-, fahrt in der Meerenge der Dardanellen, dem Marmara­meer und dem Bosporus als Grundsatz anerkannt wird, werden auf Grund des Artikels 4die beiden Ufer der Meerenge der Dardanellen und der Meerenge des Bosporus e n t m i l i tarifier t. Was in der fahr- tausendalten Geschichte des Kampfes um die Meerenge noch nie möglich gewesen ist, wurde nun unter dem Be­streben,die freundschaftlichen und wirtschaftlichen Be­stehungen wiederherzustellen", für die Türkei grausam verwirklicht,'sagt doch >dcr Artikel 6 der Meerengen­konvention . . . es dürfen in den entmilitarisierten Landstrichen und Inseln keine Befestigungen, keine ständigen Einrichtungen für Artillerie oder Unterwasser- Kriegsmaschinen mit Ausnahme von Unterseebooten sowie keine Einrichtungen für das Militärflugwesen und keine Flottenstützpunkte vorhanden fein." Damit mußten die Gebiete um den Bosporus in einer Breite von 13 Kilometer auf beiden Seiten der Meerenge, ebenso im Nord westen die Halbinsel Gallipoli und weiter längs des Mamarameers ein Uferstreifen bis Kumbagli entmilitarisiert werben, während es im Südosten ein Streifen von 20 Kilometer Breite ist. Eine gewisse Milderung wurde nur für Konstantinopel getroffen, wo eine Garnison von höchstens 12 000 Mann untergebracht werden und ein Arsenal und Flotten­stützpunkt beiden durfte.

Es ist verständlich, daß die Türkei nur unter dem Druck der Mächte sich diesem Vertrag gefügt hat/ Der damalige türkische Außenminister Ismet Pascha äußerte sich bereits 1923 bei den Verhandlungen mit aller Schärfe wie folgt:Die Entmilitarisierung der Meer­engen ist gleichbedeutend mit dem Wehrlosmachen der türkischen Hauptstadt Konstantinpel, des Marmara- meeres und des östlichen Thrakien. Bei einem Krieg wird jede der kriegführenden Parteien sofort versuchen, in den Besitz der Meerengen zu gelangen." Die not­wendige Folge der Entmilitarisierung war wohl auch, daß die türkische Regierung dieKönigin Des Bos­porus", Konstantinopel, verließ, und am 14. Oktober 192.3 das ungefährdete Angora (Ankara) zur Haupt­stadt erklärte. Gelang es schon nicht Ismet Pascha, sich gegen die Konvention durchzusetzen, so stieß der russische Vertreter Tschitscherin mit seiner Behauptung, die Entmilitarisierung der Meerengen sei eine ständige Kriegsdrohung für Rußland", Direkt ins Schwarze. Denn keine Forts und keine Minen können nun feindlichen Schiffen den Zugang zum Schwarzen Meer, Dem russiischen Meer, unmöglich machen.

Aber all Das ist nur aus der gesamtpolitischen Situation zur Zeit des Vertragsschlusses zu verstehen. Die Spannung England-^Sowjetrußland war 1923 offensichtlich. Und nur aus Dieser Spannung heraus ist es auch nur zu verstehen, daß mit dem Grundsatz Der Schließung Der Meerengen für Kriegsschiffe zum ersten Male seil Jahrhunderten gebrochen wurde. England fürchtete Rußlands. Vormachtstellung am Schwarzen M eer, seinen politischen und wirt­schaftlichen Einfluß auf die Türkei und dann vielleicht