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Wiksbs-ener Tagblstt.

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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf. Giinbelstr. 66, Fernspr.: Amt Ul, l and 450 u. 451. mISS

Samstag 25. 3uli 1914. MvrglM- AUSgabS. Nr. 3«. . 62. Jahrgang.

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Der politische Streik m Rußland.

Herr Kokowzow, der westeuropäisch gesinnte russische Premierminister, verkündete im vorigen Jahre bei seinem Besuche in Deutschland, daß Rußland der k n n ercn W : ederge s undung entgegengehe. Es läßt sich nicht leugnen, daß unter seinem Regime ernst­hafte Versuche zur Konsolidierung des Zarenreiches unternommen worden sind. Er setzte es durch, daß die innere Kolonisation unter Mithilfe von Beratungs- behörden, die sich zum Teil aus Bauern rekrutieren, auf der Grundlage der neuen Agrarverfassung energisch in Angriff genommen wurde. Herr Kokowzow hatte eben den Ehrgeiz, so etwas wie ein liberaler Minister zu sein, und das machte ihn den einflußreichen, reak­tionären und streng orthodoxen Kreisen verdächtig, die, wie man jetzt wieder gelegentlich der Rasputin-Affäre erfuhr, mit ihrem unheilvollen Einfluß auf Rußland lasten. Es dauerte darum nicht lange und Herr Kokowzow mußte dein reaktionären früheren Polizei- minister"Goremykin weichen.

Gleichwohl wäre es verfehlt, anzunehmen, daß Kokowzow imstande gewesen wäre, Rußland wirklich freieren Zuständen entgegenzuführen und eine ruhige Entwicklung des Landes zu gewährleisten. Möglichstst ja, daß er sich selbst über den wahren Zustand seines Landes hinwegtäuschte und vielleicht das Wünschens­werte für das Wirkliche hielt. Unter der Asche aber glomm der revolutionäre Funke weiter. War die Poli­zei unausgesetzt bemüht, Verdächtige aufzuspüren und sie nach Sibirien oder sonstwohin zu bringen, .so ver­mochte das die Erstarkung der revolutionären Organi­sation doch in keiner Weise zu hindern. Von der Poli­zei lernten die Revolutionäre, und ihre stille Arbeit ,hat offenbar große Erfolge davongetragen.

Mit blutiger Leidenschaft flammt jetzt die Revolu­tion wieder hervor. Darüber täusche man sich nicht. Was an zensurierten Telegrammen jetzt nach Westeuropa von Rußland herüberkommt, das gibt nur einen schwachen Abglanz der wahren Lage. Tatsache ist, daß der Generalstreik in Petersburg über 150 000 Personen ergriffen hat, daß Bahn und Post, Verkehr und Beleuchtung vollständig stocken. Die Polizei ist längst machtlos und hat schon bei Beginn des Streiks zur Unterstützung Militär herangezogen. Die Brutalität, mit der man versucht hat, zunächst den Ausbruch des Streiks niederzuhalten, hat wieder ein­mal den gegenteiligen Erfolg gehabt. Es war den russischen Machthabern natürlich sehr peinlich, daß im Augenblick, wo der französische Präsident bei ihnen als Gast weilte, die Öffentlichkeit erfuhr, wie wenig sicher heute Rußland vor schweren inneren Er- ichütterungen ist. Das mag für d>e Machthaber maß­gebend gewesen sein, daß man den zunächst lokalen Streik einiger tausend Petersburger Arbeiter durch Kosaken um jeden Preis unterdrücken wollte. Aber die Nagaika ist ein schlechtes Friedensinstrument auch siir den sozialen Frieden. Das schonungslose und ge- kiässiqe Vorgehen der Kosaken erbitterte die Arbeiter- fcstack und warb dem Streck Über Rächt qroße Svm-

Kpimischrs Natnrlelien.

Skizzen von Walther Schulte vom Brühl.

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LII.

Die Erle.

Wenn ich an einem Bächlein dahinspaziere und seine kseundliche Begleiterin, die Erle, sehe, muß ich immer inner­lich lachen, denn dieses Gewächs löst eine alte Erinnerung in Mir ans. Meine Gedanken Hüpfen um mehr als ein Menschen- olter zurück; im Geiste sehe ich mich als spirrigcr, langge- Mähnter Junge, und der schön gewachsene, wohl 15 Meter hohe Erlenbaum neben unserm Karpfenteich taucht vor mir auf Zum Schmerz meines Hösleins kletterte ich daran ^Mpor, fast bis zu dem Wipfel, wo die Rinde platter und praller wurde, und mich mühselig auf einem der dünnen Zweige haltend, begann ich mit scharfem Federmesser eine iunstvolle Tätigkeit. Ich schnitt nämlich in die Rinde meine Initialen und die eines andern Wesens entgegengesetzten Ge­schlechts — ich habe mich heute noch ini Verdacht, daß es die puserer neuen, wohlgerundeten „Stütze der Hausfrau" waren Ist und umgab das mit dem Contour eines veritablen Herzens. Da die Bastschicht der feuchtigkeitsliebenden Erle immer lehr wftig ist, löste sich der ausgeschnittene Rindenstreifen leicht, pstd da der Saft des Baumes eine orangenrote Färbung an- "'Mmt. so hatte das, was ich da eingeschnitten, auch gleich die Wichtige Liebescouleur und war viel schöner, als wenn ich die nach üblicher Art in die glatte Rinde einer Buche ge­schnitten hätte. Den profanen Blicken verborgen, hoch über ? er Erde im wispelnden Wipfel, bewahrte der wackere Baum Geheimnis meines leicht entzündbaren Knabenherzens, uud so iß schon eine Pflicht der Dankbarkeit, wenn ich der eine kleine feuilletonistischc Monographie widme.

pathien, und so erfährt man selbst aus den zensurierten Telegrammen, daß Petersburg einem Kriegslager gleicht. Die Arbeiter und Revolutionäre Haben alles Erreichbare zum Bau von Barrikaden verwendet: Telegrap h e n m a st e n und Eisenbahn­schienen; aufgerissenes Straßenpflaster und Wagen sperren den Verkehr und an vielen Stellen sind regu­läre Schlachten geschlagen worden. Die Stadt ist ohne Gas und elektrisches Licht, ohne elektrische Bahnen und auch ohne Zeitungen. Das ist .die Revolution oder doch ihr sicherer Anfangs Die Geschichte der ersten Revolution beweist, daß man in Rußland eine Volks­bewegung nicht sogleich im Blute ersticken kann. Die Opfer werben neue Anhänger und jedem Getöteten er­steht mindestens in einein Kameraden ein Rächer. Schon jetzt wird der Tod niehrerer Polizisten und Kosaken gemeldet, und wenn auch die Arbeiter größere Verluste haben werden, so steigert sich dadurch doch nur ihre Erbitterung.

Der Streik ist übrigens durchaus nicht lokal auf Petersburg beschränkt. Aus Moskau kommt die Nach­richt von Arbeiterunruhen, in Riga wird gestreikt, in Baku ist die Arbeit niedergelegt worden und alleZeichen deuten darauf hin, daß der Generalstreik, der Vor­läufer russischer Revolutionen, grohzügigange- l e g t und systematisch vorbereitet worden ist.

Außerordentlich interessant ist, daß in diesen Tagen der internationale Ausschuß der verschiedenen Richtun­gen der russischen und polnischen Sozialdemo­kratie in Brüssel getagt hat, um die Einigkeit her­zustellen. Nach der ersten Revolution zerfielen be­kanntlich die russischen, polnischen und lettischen Sozial­demokraten in unzählige Richtungen, die sich gegen­seitig befehdeten. Der. Ausschuß hat eine Entschließung angenommen, die zur Einigkeit mahnt, die auf einem sobald wie möglich einzuberufenden Kongreß endgültig hergestellt werden soll. Die sozialrevolutionären Organisationen in Rußland wollen wahrscheinlich bei der kommenden Einigung sich die Herrschaft sichern und die proletarische Bewegung durch den Generalstreik neu beleben. Es kann ihnen natürlich nicht verborgen sein, daß bei den russischen Zuständen ein Generalstreik so gut wie gleichbedeutend mit Revolution ist. Aber vom Blute erhoffen sie wohl den Kitt, der ihre Bewegung künftig fester zusammenhält. Die nächste Zeit wird zeigen, ob die revolutionären Ideen auch wieder in den Köpfen der Intelligenz lebendig geworden sind und ob Heer und Flotte von ihnen abermals erfaßt wurden. Dem Panslawismus stört die neue Bewegung am empfindlichsten die politischen Kreise. Die euro­päische Öffentlichkeit erkennt, daß Rußland noch immer der Koloß auf tönernen Füßen ist, und den f r a n z ö- fischen und pan s law i sti sche n K r i e g s h etz er n ist wieder einmal gerade zur rechten Zeit ein empfindlicher Dämpfer aufgesetzt worden.

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Der Verlaus der Nacht zum Freitag.

+ + Petersburg, 24. Juli. Die heutige Nacht ver­lief ziemlich still, wozu freilich die stärkere Besetzung aller Posten durch Militär, das abends aus Krasnoje Sselo eintraf, beitrug. Einige Barrikaden, die offen-

Wir haben der heimischen Erlengewächse mehrere. Der Gärtner kennt auch eine Anzahl aus dem Kaukasus oder aus Amerika eingeführter Arten als Ziergehölz. Bodenständig ist in Europa und Asien vor allen unsere an allen Wasserläufen als Strauch oder als wohlgewachsener, aber schwachzweigiger Baum vorkommende „Schwarzerle" (Eller, Else), so genannt von der Farbe ihrer mit weißen Wärzchen besetzten Rinde, die sich, wie schon gesagt, sehr leicht abschälen läßt, worauf die Schälstellen alsbald, wie auch das geschlagene Holz, eine kräf­tig orangcrote Färbung annehmen. Nach dieser Eigenschaft hat die Pflanze auch wohl die Bezeichnung „Roterle". Die leichte Ablösung ihrer Rinde bringt der Erle viel Gefahr. Ich selber bekenne mich schuldig, in meiner Jugend unzählige „Waldhörner" und Maikäferschachteln aus abgeschälten Erlen- rinden fabriziert zu haben, und sicher hat das häufig das Ab­sterben des so geschundenen Astes oder StämmchenS zur Folge gehabt. Die Schwarzerle hat keilförmig gerundete, breite Blätter, die an den jungen Trieben fast wie lackiert aussehen und dann klebrig sind, von einem würzig bitterlichen Geschmack; hingegen sind die unserer zweiten Erlenart, die nach ihrem weißlichen Stamme genannte Weiß- oder Grau­erle, aus der nach der nordischen Mythologie die Frau ent­stand, spitzer, weichhaarig und niemals klebrig. Diese Erle steigt höher ins Gebirge und geht auch weiter nach Norden. Die Klebrigkeit der Schwarzerlenblätter'ist so charakteristisch, daß dies im botanischen Namen des Baumes: Ainus giutinosa (giutinosus klebrig) zum Ausdruck kommt. Eine

dritte, einheimische Erlenart ist dje Grünerle mit ihren leb­haft grünen, scharf gesägten Blättern. Sie kommt fast nur im Gebirge, hoch bis zur Baumesgrenze, vor, ein Strauch mit knieförmigem Gezweigs und Genosse der ähnlich gewachse­nen „Legföhre".

Wenn wir von der Erle sprechen, ist eigentlich immer

bar von früheren Soldaten errichtet worden waren, und mit Drahtgeflecht kunstgerecht zu Hindernissen ausgebaut wurden, wurden zerstört. Im übrigen kam es zu einem Zwischenfall durch eine Weiber schlacht zwischen Arbeiterinnen . einer Zigarrenfabrik. Die streikende Hälfte der Arbeiterin­nen suchte die andere Hälfte zur Niederlegung der Ar­beit zu zwingen. Während des Kampfes der wütenden Frauen wurde ein Schutzmann schwer verletzt. Auf der Nikolaibahn kam es zu einer kurzen Verkehrs­störung, weil außerhalb der Stadt die Schienen beschädigt waren. Auch der Telephonkabel nach Finnland ist zerschnitten.

Nene Zusammenstöße in Petersburg und Borortm wb. Petersburg, 24. Juli. In den Vororten Staraja und Derewnja rückten berittene Schutzleute gegen Streikende vor, die mit Steinen warfen und Schüsse abfeuerten. Mehrere Arbeiter wurden verwun­det. Fm Schlüssetburger Stadtteile richteten die Ar­beiter mittags in zwei Gastwirtschaften Verwüstungen an. Bei dem Einschreiten der Polfizei wurden mehrere Arbeiter verwundet, einige verhaftet. Gestern nacht fand außerhalb der Stadt eine Arbeiterver- s a m m l u n g statt, woran 8- bis 10 000 Arbeiter teil- ncchmen.

Die gestrige ZaHl der Ausständigen, wb. Petersburg, 24. Juli. Nach den amtlichen Mitteilungen betrug die Zahl der ausständigen Fabrik­arbeiter und Setzer gestern 135 000. Ein Teil davon suchte sich zusammenzurotten und revolutionäre Lieder zu singen, wurde jedoch sofort zerstreut. Kosaken und Schutzleute gaben an einigen Stellen Schüsse gegen offene F e n st e r ab, aus denen mit Steinen geworfen worden war. «Vier Polizeibeamte sind leicht verwundet worden. 61 Personen wurden wegen Ausschreitungen verhaftet. Der Straßenbahn- Verkehr ist wieder hergestellt.Die Arbeiter versuchten vergebens, an einigen Stellen den Verkehr zu hindern. Bei drei Wagen sind die Fensterscheiben eingeschlagen worden; ein Wagenführer -wurde durch einen Stein­wurf verletzt.

wb. Warschau, 24. Juli. Von 50 Fabriken streiken 15 000 Arbeiter.

Abflauen der Streikbewegung,

PTA, Petersburg, 24. Juli. Die Streikbewegung beginnt ab zu flauen. Die Mehrzahl der Fabriken, Druckereien und kleinen Betriebe arbeiten aber auch heute nicht. Einige Fabriken wurden auf Anordnung ihrer Verwaltung geschlossen. Der Straßenbahnver­kehr ist wieder ausgenommen worden, mit Ausnahme der V o r st a d t l i n i e n. Die Arbeiter verhalten sich ruhig. In Riga haben die Fabrik- und .Hafen­arbeiter die Arbeit wieder ausgenommen.

Eine Kundgebung des vom Kaiser nach Baku entsandten Generals.

wb. Baku, 24. Juli. Der vom Kaiser hierher ab- koinmandierte General Generalmajor ä la suite Dschunkoweski ist hier eingetroffen. Er ließ sofort in Tausenden von Exemplaren gedruckte Kundgebungen in der Stadt und dein Gouvernement Baku verteilen, in der er betont, daß er durch weitgehende Vollmachten

unsere Schwarzerle gemeint, diese treue Begleiterin unserer Bachläufe, wo sie aber oft gekröpft und zu Stockausschlägen veranlaßt, gewöhnlich in Buschform vorkommt. Diese ist de­korativer als die lichte, immer etwas spirrige, im Stamm selbst sich nie verzweigende Baumform mit der dünnen, wag­rechten Ästelung. Das Murmeln des Bachs und der Sang der Nachtigall gehören zu ihr wie das Aroma zum . Wald­meister, und so ist sie uns, die Gefährtin der Bachweide, zu einer poesieumgebenen Pflanze geworden. Sie ist die eigent­liche Charakterpflanze des Bruchwalds. Im Spreewald und in den sumpfigen Niederungen Ostpreußens, zumal am Kurischen Hass, ist ihr eigentliches Reich. Ihr starkes Aus­schlagsvermögen und ihre Raschwüchsigkeit machen sie für den Niederwald mit 20- bis 40jährigem Umtrieb in solchen Ge­bieten besonders geeignet. Dem Erlenhochwald aber gönnt man gewöhnlich das biblische Alter: „siebzig Jahre und wenn es hoch kommt, so sind es achtzig Jahre . Sonderlich wertvoll ist das erst rote, später bräunlich werdende Holz der Erle nicht. Nur im Wasser hält es sich vorzüglich. So wird es denn meist zu Brennholz vernutzt oder dient zu Zigarren­kistenbrettern minderer Sorten, da das Holz in der Farbe dem der für bessere Glimmstengel verwendeten amerikanischen „Zedrela" ähnlich ist, doch weniger Saftgefäße, aber ein festeres Gefüge hat. Auch bei der Holzschuhfabrikation und in der Modelltischlerei findet es reiche Verwendung, und wegen seiner schönen Wurzelmaserung wird es zu mancherlei

Drechslerwaren benutzt.

Die Verwendbarkeit einer Pflanze interessiert einen Naturfreund immer erst in zweiter Linie; die biologischen Verhältnisse erscheinen ihm weit fesselnder, und diese bieten bei der Erle mancherlei Bemerkenswertes. Sie gehört, wie viele unserer wichtigsten Laubbäume, der weitverbreiteten Ordnung der Kätzchenblütler an. Je nach Lage und Stand