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Verlag Langgasse 21

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Freitag. 24. Juli 1914 , Msvgen - KUSgllbE. Nr. 339. . 62. Jahrgang.

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DrohEN VerMMungeu?

Die österreichisch-serbische Frage ist nur ein Teil des großen Fragenkomplexes, der zwischen den beiden Mächtegruppen anhängig ist, sie wird sür sich allein n i ch t als so gefährlich zu beurteilen sein, wie sie sich beim ersten Hinsehen Larstellt. Solange der Prozeß nur zwischen Wien und Belgrad schwebt, sind sein Ver­laufs und sein Ende leicht zu überblicken. Das Kräfte­verhältnis ist zu ungleich, als daß Serbien es wagen könnte, sich gegen die Donaumonarchie in Kampfstellung zu werfen, und wenn das Wagnis doch unternommen wurde, so müßte es mit der völligen Besiegung des kleineren Staatswesens abschließen. Serbien zieht nun aber seinen Hochmut, seine moralische und seine wirk­liche Kraft aus seinem Verhältnis zu Rußland, und darum muß man untersuchen, ob die Wahrscheinlichkeit sür ein Heraustreten Rußlands aus der bisherigen, trotz aller Wühlereien doch bestimmend gewesenen Zurückhaltung zu erwarten ist. Wir sind der Meinung, daß diese Frage verneint werden muß. In Wien ist der Wille zur endgültigen Abrechnung mit Serbien vorhanden, man will Bürgschaften gegen die Fort­setzung der Unterminierungskünste haben, mit denen von Belgrad aus der Boden der Doppelmonarchie ge­lockert wird. Werden diese Bürgschaften gegeben, dann ist nicht nur ein besseres Verhältnis der beiden Staaten möglich, sondern es ist sogar mit ziemlicher Sicherheit zu erhoffen, schon weil Österreich-Ungarn dem König­reich Serbien Vorteile zu bieten vermag, die es kampflos und mühelos zu seinem Wirtschaft- l > ch e n wie zu seinem politischen Nutzen erwerben könnte. Eine Anpassung Serbiens an die Wiener For­derungen brauchte durchaus nicht gleichbedeutend mit einer demütigenden Unterwerfung zu sein. Spricht hiernach die Vernunft dafür, daß man in Belgrad der Stimme der Klugheit Gehör schenkt, so kann der immerhin vorauszusetzende Wille zur Klugheit und Mäßigung allerdings wieder umgebogen werden durch entgegenwirkende russische Einflüsse, aber, wie gesagt, an derartige verhetzende Einwirkungen möchten wir im Zusammenhang der gegenwärtigen europäischen Lage nicht glauben.

Rußland mag sich Österreich-Ungarn gegenüber als der Stärkere fühlen, indessen betrachtet es sich, inso­weit es auf die Einsicht der verantwortlichen Personen ankommt, schwerlich als stärker u n s gegenüber, und um diese russisch-deutsche Abrechnung kommt man in Petersburg doch nicht herum. An der Newa wird man sehr gut wissen, daß die eigene, auf dem Papier, so im­posante-Wehrmacht in Wahrheit nur eben auf dem Papier vorhanden ist, und daß die Wirklichkeit an­ders nussieht. Man weiß gleiches auch von Frank­reich, und so ernst selbstverständlich die russischen wie die französischen Rüstungen bei uns. genommen werden, so fest wird in Petersburg wie in Paris die Über­zeugung aller Sachkundigen sein, daß zwar nicht die numerische, aber doch die. t a t s 8 ch l i ch e Über­legenheit ans unserer Seite ist. Solange mit dem Kriegsgedanken nur gespielt zu werden braucht, so­lange wird dieses Flackerfeuer auch sprühen und glühen. (Sfhins ist es, ob eine akute Frage zum Anlaß

Frank Medrkmd.

Zu seinem 50. Geburtstag, 24. Juli.

Von Peter Hamechcr.

Nun Frank Wedekind fünfzig wird, sucht man aufs neue, das Rätsel seiner Erscheinung zu bannen und zu fassen; die düstere Dämonie und die tragischen Gegensätzlichkeiten dieser befremdenden, widerspruchsvollen Gestalt auf die Formel zu bringen, durch die der Sinn dieser .menschlich-dichterischen Existenz greifbar, fühlbar wird. Man liest die Werke. Man läßt sich hineinrcißen in brodelnde Abgründe des Mensch­lichen, in den wilden Reigen aufgepeitschten Schicksals; läßt sich verzehren vom Fieber rasender Sinne und sich schütteln von den Klagen und Blasphemien aufbäumender Revolte. Eine zerstörte Welt umfängt uns, eine Trümmerwelt der Schönheit, und auf den Ruinen sitzt einer und beschwört mit exotischen'Gesten ein Dasein gespenstischer Schatten aus den Urtiefen der Weltzeugung. Ungeheuerstes erlebt man, Kämpfe und Selbstzerfleischungen, in denen Schmerz und Wollust in ungekannter Steigerung ineinanderwachsen; eine Orgie satanisch verkehrter Instinkte, in die Gelächter der Hölle hineingellen. Titanisch emporgereckter Machthunger und Sinnenaier erschüttern mit ihren Tierschreien das All, daß unsere Nerven in der lähmenden Spannung des Grauens zu zerreißen droben. Und in diesen Hexensabbat zerstörerisch entfesselter Instinkte kichert der Wahnsinn des an der grotesken Relativität des Lebens irre gewordenen; singt ein tragischer Bajazzo frivole Bänkelsängerweisen voll des zer­setzenden Hohnes schmerzlicher Daseinsironie.

Das ist die Welt dieses Frank Wedekind, der uns mi» keinen seltsam aufreizenden Dichtungen seit zwanzig Jahren

genommen werden soll, unbestimmte Sehnsüchte in furchtbare Realität überzuleiten. Als ein solcher An­laß bietet sich allerdings die österreichisch-serbische Spannung dar, nur daß es uns eben nicht wahrschein­lich dünken will, daß man in Ost und West die Neigung verspürte, sie zu benutzen.

Die Möglichkeit des A u s w e i ch e n s ist nicht geringer geworden als in allen vorangegangenen Stadien der Balkanwirren, sie ist eher größer ge­worden. Denn was bedeutet am Ende eine etwaige Hineinmanövrierung Serbiens in Kampfpositur? Sie würde bedeuten, daß der Z a r und seine Ratgeber es a b l e h n e n, dem berechtigten Verlangen des Donau­reichs nach Sühne für eine Unterstützung von Ver­schwörern, die auf Fürstenmord ausgehen, Raum zu schassen. Solchen gefährlichen Weg kann man in Petersburg wohl nicht einschlagen, ja gerade dort am wenigsten. Fehlt den russischen Machthabern aber der Wille zum Krieg im gegenwärtigen Augenblick, so bietet sich die Formel, daß Serbien gut daran tun werde, nach den Geboten von Gerechtigkeit, Menschlichkeit, Selbst­achtung und Kultur zu handeln, als bequemes und zu­gleich würdiges Auskunftsmittel dar.

Man muß die Dinge beim rechten Namen nennen, und man kann somit sagen, daß weder Rußland noch Frankreich ein Unrecht geschieht, wenn man von beiden Staaten annimmt, daß sie, wenn ihre Gesinnun­gen gegen uns einzig bestimmend sein könnten, einen Waffengang wohl bald versuchen möchten. Aber die Gesinnungen allein reichen nicht hin, sie werden durch nüchterne Einsicht im Zaum gehalten. Dieser Sachverhalt, den man während der Liquidation der Balkanprobleme nun schon zwei Jahre lang beob­achten konnte, ist denn also auch gegenüber der öster­reichisch-serbischen Verwicklung unverändert iw Kraft, ja er hat sich eher noch zugunsten der Friedens­bewahrung verschoben. Denn was unseren feind­lichen Nachbarn zur Vollendung ihres Aufmarsches fehlt und was sie so lange hat zögern lassen und weiter zögern läßt, das ist die Weigerung Englands, mit­zutun. Man kann ruhig von einer Weigerung sprechen. Es ist kein Zweifel, daß Angebote gemacht worden sind, aber sie sind abgelehnt worden. Die deutsch-englischen Beziehungen sind ge-wiß noch weit von Freundschaft entfernt, jedoch ist das Verhältnis soweit gebessert, daß mit großer Sicherheit gesagt worden kann, England wird gegen uns nicht das Schwert ziehen, wenn wir ihm keine Veranlassung dazu geben. Wie aber kämen wir wohl dazu?

Der Zweibund kann auf England nur für eine Polit'k der Friedenssicherung rechnen. Und darum wird der Zweibund Friede halten, weil er muß.

Yolit-We Übersicht

Die Neliyionsprüfrmg der Oberlehrer.

Die neue Ordnung für die Oberlehverprüfung schreibt für die zweite Prüfung auch ein Examen in der Religion vor. Soweit wir sehen, hält man allge- mein diese Religionsprüfung für bedenklich oder wenigstens für überflüssig. Die „Köln. Ztg." zitiert

Rätsel um Rätstzl aufgibt, und dessen Gestalt uns immer wieder entgleitet,' wenn wir sie gefaßt zu haben glauben.

Wer ist dieser Frank Wedekind?

Ein Hanswurst, sagen die einen, die sich an die äußere Form seiner Lebensbetrachtung halten; an die zwiespältige Tragikomik, in der er Menschliches sieht. Ein Lästerer, dem es perverse Lust ist, alle Dinge aus den Kopf zu stellen, sagen die anderen, die den Gegensatz seiner Welt zu der ihrigen tiefer fühlen. Er selber' nennt sich einen Moralisten, dessen Verhängnis es ist, daß die Menschen seine heiligsten Über­zeugungen verkennen und für die frechen Ausgeburten eines zynischen Geistes halten. Mit leidenschaftlicher beschwörender Geste hat er in „So ist das Leben" und „Hidalla" über diese Dinge zu den Menschen gesprochen und hat sich sein blutendes Herz zum Zeugen der Wahrheit aus der Brust gerissen. Und dennoch fanden seine Werke keinen Glauben.

Jedenfalls ist die Einstellung ans keinen unserer Dichter schwerer als die auf KLedekind. Man kommt ihm nicht nahe, wenn man ihn nur ästhetisch zu werten versucht. Und eben­sowenig, wenn man sich einzig an seine Gedankenwelt klammert. Er ist mehr als seine Gestaltungen, mehr als seine Gedanken. Seine Werke sind brüchig, seine moralischen Para­doxe angreifbar. Über beiden lebt die Gestalt. Nur wer diese sieht, begreift das Werk und seine besondere Form; die Not­wendigkeit des Werkes. Woran man bei Wedekind nicht vorbei kann, "wenn man seine dichterischen Äußerungen begreifen will, ist die geistige Substanz, die Persönlichkeit und ihre not­wendige Form des Welterlebens aus der Situation der Zeit, Der erste Eindruck von Wedekind ist der eines durchaus bizarren und paradoxen Geistes,, der all unsere Denkgewohn- hciten einfach nmkehrt und frech an den Fundamenten der sittlichen Ordnung rüttelt. Die Freude an der Umkehrung

einen Satz, von dem sie meint, daß er für Sinn und Zweck der Bestimmung wichtig sei. Er lautet: „Für dieses Fach ist nötigenfalls die Kommission durch ein außerhalb des Lehrerkollegiums stehendes Mitglied zu verstärken." Die „Köln. Ztg." bemerkt dazu: „Das außerhalb des Lehrerkollegiums stehende Mitglied ist dann doch Wohl der Geistlich e, der an der betreffen­den Schule aushilfsweise evangelischen oder katholischen Religionsunterricht erteilt." Das dürfte zutreffen. Wir fragen aber weiter: Was ist der Zweck der Prüfung? Und was erwartet man vom Prüfling? Auch das lesen wir schwarz auf weiß. Aber es klingt sehr merk­würdig. „Der Kandidat soll sich vertraut zeigen mit der Aufgabe, die dem Religionsunterricht seines B e - kenntnisses an den höheren Lehranstalten gestellt ist." Hat denn der Religionsunterricht je nach dem Be­kenntnis verschiedene Zwecke? Und gerade diese für die beiden Bekenntnisse verschiedenen Zwecke soll der Philologe, der Mathematiker, der Historiker sich an­gelegen sein lassen? Nicht auf das Gemeinsame, son­dern auf das Trennende soll es ihm ankommen? Dieser Satz scheint uns ein recht unglücklicher zu sein. Aber er bleibt bezeichnend. „Sein Bekenntnis!" Die Lehrer sollen hübsch konfessionell einge­pfercht werden. Die höhere Schule hat bisher nicht den streng konfessionellen Charakter wie die Volksschule. Die meisten Schulen haben konfessionell gemischte Lehrerkollegien, und der Geist dieser Kollegien ist oft ein konfessionell freier; die gemeinsame pädagogische Aufgabe und die gleiche wissenschaft­liche Ausbildung - wirken . einigend und erzeugen eine versöhnliche, die Gegensätze überbrückende Gesin­nung. Das ist es, was mein nicht wünscht. Beim gegenwärtigen Examen in der Religion, nach beendetem Universitätsstudium, tritt schon oft genug die Erfor­schung der Gesinnung, ja die Kontrolle des Kirchenbesuchs durch indirekte Mittel (z. B. durch Fragen nach dem Evangelientext des vorigen Sonn­tags) in die Erscheinung. Liberale Katholiken sind un­liebsamem Eindringen in ihre persönlichsten Empfin­dungen ausgesetzt. Wenn man jetzt die Religion der zweiten Prüfung, nach dem Seminarjahr, zuweisen will, so hat das ohne Zweifel wohlüberlegte Gründe. Man könne nun denken, bei einer mehr in kollegialen Formen vor sich gehenden Prüfung werde auch das Religionsexamen einen milderen Charakter annehmen; nämlich milder, was die Feststellung der Gesinnung oder die Einwirkung auf sie angeht; das sei vielleicht sogar beabsichtigt. Dem widerspricht der angeführte Satz über die Aufgabe des Religionsunterrichts nach dem besonderen Bekenntnis. Und hier heißt es: Timeo Banaos et dona ferentes. Die neue Prü­fungsordnung zeigt in diesem Punkt ultramontaneEin- flüsse, gegen die man rechtzeitig auf der Hut zu sein hat.

Schundliteratur für Mädchen.

Alle bunten GroschensammjUingen, die bis dahin ein skrupelloser Geschäftssinn entstehen ließ, waren auf den Ge­schmack der Jungen zugeschmtten. Eine neue Heftreche nun, die auf den Markt geworfen wird, ist den Mädchen Auged-acht. Es ist die erste ihrer Art und hoffentlich die letzte. „Prin- zefsin Übermut, eine Serie lustiger Backfisch-Streiche", nennt sie sich. Der Verfasser meidet die blutigen Wege der übrigen

erscheint als der Grundtrieb seines Schaffens; der moralische Satanismus als die Quelle seines Wesens. Man ist nicht gewillt, ihn anders zu nehmen als einen Frondeur ohne Ernst und Tiefe. Und doch steckt in chm eher ein Savanarola, ein moralischer Utopist, als ein geistiger Hochstapler, für den man ihn vielfach gehalten; als ein literarischer Abenteurer, dem es Vergnügen bereitet, durch die Kühnheit seiner Paradoxien den Bürger zu ärgern. Das Erlebnis Wedekind ist ein Mensch, heitserlebnis.

Wedekinds erstes Werk von Bedeutung . ist die Kinder- Tragödie „Frühlings Erwachen". Es ist die Tragödie des Menschen, der mit ganzer, reiner Seele in die Welt hinaus­tritt. Aber die Welt widersetzt sich ihm von allen Seiten, und ihr Streben scheint darauf gerichtet, ihn klein zu machen, mut­los, brauchbar. Im Mittelpunkt steht der Konflikt zwischen dem unabhängigen, natürlich sich auswirken wollenden Lebens­instinkt und den konventionellen Formen der Gesellung und Gesittung, die jede eigenwillige Daseinsäußerung hemmen. Melchi Gabor ist zu glühend und leidenschaftlich, um sich zu bescheiden, und er stößt sich wund an den Mauern der Kon­vention, die nur für die kleinen, ängstlichen Naturen gemacht sind. Hier aber entspringt für ihn die Überlegung, die Lebens- l entscheidung bedeutet. Er mißt die Welt mit seinem indi­viduellen Maßstab, und sie wird als unzulänglich befunden. Aus dem Wahrnehmen dieser Diskrepanz, aus dem Gefühl des Kontrastes entwickelt sich in furchtbaren Kämpfen eine innere Problematik, eine Zerrissenheit des Wesens, deren Frucht ein skeptischer Pessimismus, ein tragischer Zynismus ist. Melchi Gabor, ursprünglich rein und voll der Unschuld natürlichen, ungebrochenen Seins, wird zum Problematiker unserer sittlichen Kultur.""' Dieses Erlebnis formt Melchior Gabors Verhältnis zur Welt. In dem Willen, sich selbst zu