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Mittwoch/ 22. Juli 1914.
Rumänien, die europäische Sphinx.
Unter der nicht gerade geringen Anzahl von Balkan- ■ Problemen, die trotz aller offiziellen Anstrengungen und geheimen Intrigen der Großmächte noch immer den armen Staatsbürger ungelöst in Schrecken sagen, ist — io seltsam es aus den ersten Blick auch scheinen mag — das größte und rätselhafteste das rumänische. Ob Serbien, Bulgarien, Montenegro oder Griechenland sich offenkundig zu der oder jener Mächtegruppe schlagen, ob selbst die Türkei ihre Kräfte an die Entente oder die Allianz bindet — das große europäische Gleichgewicht wird dadurch nicht berührt. Anders aber steht es mit Rumänien. Das Königreich hat bisher in engster Militärehe mit Österreich gelebt. Alles, die ganzen Aufmarsch-, Angriffs- und Verte i d i g u n g s P l ä n e des Dreibundes waren bis vor wenigen Monaten auf die Mitwirkung der rumänischen Armee eingestellt, die direkt die flanke des Dreibundes gegen Rußland decken sollte und offenbar zur Entlastung der österreichischen Aktion zu einem Vorstoß auf Odessa zu bestimmt war. Nun plötzlich, nach dem Frieden von Bukarest, hat sich das Bild gedreht. Die rumänische Regierung hat, nachdem.. die Dementiermaschine die Welt mit der Erklärung überraschte, es Hobe sich nichts, auch nicht das geringste an der Lage der Dinge gegen früher geändert, in verschämter Form doch endlich zugeben müssen, daß sich alles Mögliche geändert hat. Rumänien will nicht gebunden sein! es will sich alle Freiheiten der Wahl vlber Vorbehalten, hieß es damals zuletzt. Es kam der si a r e n b e s u ch und es mehrten sich die Stimmen, die -sicht nur von einem Abrücken von Österreich-Ungarn, sondern sogar von festen Abmachungen mit dessen Antipoden und Erzfeind, mit Rußland, wissen wollten. Die D a r d a n e l l e n f r a g e, hieß es, sei tsir Rumänien ein Lebensbedürfnis unb es könne nicht von neuem mit Möglichkeiten rechnen, die Meerenge — wie im ersten Balkankrieg — für seinen Getreideexport auf Wochen und vielleicht auf Monate hinaus gesperrt m sehen. Die Dardanellen seien der einzige direkte Weg zur großen Handelsstraße der Völker. Die Macht nun, die von ganz den gleichen Erwägungen heraus die Öffnung der Dardanellen fordere, sei einzig und allein Rußland. Also sei natürlich, daß Rumänien sich an die Seite des „großen Bruders" stelle, der sicherlich. wenn auch nicht heute oder morgen, die Macht haben würde, seinem Wunsche Geltung zu verschaffen. Es kam dazu, daß die durch den leichten Erfolg gegen Bulgarien erhitzten Chauvinistenkreise ihre Blicke nach der Nordseite des s i e b e n b ü r g i s ch e n Grenz- gedirges wandern ließen, wo unter sin gar ns An dreaskrone Millionen von „unbefreiten Brüdern wolmen. Ein enges Verhältnis zu Österreich verhinderte von vornherein diele Hoffnungen und Pläne, eins zu Rußland gab alle Perspektiven. ... König C a r o I selbst ist indessen von jeher em viel zu n u ch- ferner Rmlvositiker gewesen, um sich auf Abenteuer und Itferlosiakeiten einzulassen. Aber auch er kann,
Morgen-klusgabe.
Uv. 335. ♦ 62. Jahrgang.
siehe zweiter Balkankrieg, nicht immer wie er will. Er hat heute mit einer vorwärtsdrängenden VolksstiM- m n n g zu rechnen, der der Sinn für das wirklich E r reichvare vollständig fehlt. Ganz klar ist v o r den Kulissen des großen Welttheaters die neue Stellung Rumäniens bisher nicht geworden und es scheint fast, als ob man selbst in den Ämtern der Dreibundstaaten nicht imstande wäre, den Schleier der europäischen Sphinx zu lüften. Immerhin — mit der Möglichkeit muß gerechnet werden, daß die nicht mehr im Drerbund- laaer marschierende rumänische Armee mit der Front nach Norden döstehen würde. Das hat die verhängnisvolle Folge, daß nicht nur auf die Hilfe von der unteren Donau nicht mehr gerechnet werden konnte, alls ein Konflikt mit Rußland ausbräche, sondern daß auch mindestens 4 österreichische Armeekorps in Siebenbürgen und der Bukowina gebunden wären — eine unter ltmständen verhängnisvolle Schwächung der Doppelmonarchie. Die Bluttat von S e r a j c w o ist inzwischen geschehen und der oster reichisch-serbische Konflikt nähert sich seinem entscheiden den Stadium. Da plötzlich heißt , es wieder an Wiener diplomatischen Stellen: König und Thron folger in Bukarest sind aufs tiefste e n t r u st e t. Auch die Stimmung im Volke (das erst vor kurzem rsieuer und flamme für Serbien wnr) ändere sich rcrprb. Man rücke energisch von Serbien ab und man erinnere sich jetzt auch - spät genug! — des großen geliebten Franz Ferdinand, der ein so inniger Freund der nngarländischen Rumänen und des Königreiches dazu gewesen sei. Man kommt plötzlich darauf, daß nach einem Zerfall Österreichs auch Rumänien wehrlose Beute der panslawisti scheu Aasgeier sein würde. Dazu kommt dw Wiener Meldung, man sei in Wien fest uberzeugt, daß frd. dem dedor sieh enden — Schriii tti Belg rnd Ru m a nien sich „streng-korrekt ünd neutral ver halten würde. Ist das nun ein Versuchsballon, den die Schachspieler am Ballhausplatz gegen den Garanten des Balkangleichgewichts aus eigenen Gna den abschießen, um ihn zur klaren Stellungnahme wenig siens in dieser abgetrennten Angelegenheit zu veran lassen oder sind schon Versicherungen ergangen, denen das beruhigte Bureau in Wien ans diese Art den Weg in die Öffentlichkeit freigibt? Selbst wenn diese Versicherungen aber auch erfolgt sein sollten, das europäische Rätsel ist trotzdem nicht gelöst und die Öffentlichkeit hat eigentlich ein Recht darauf zu erfahren, wie sich Rumänien in einem zukünftigen Konflikt zwischen Österreich und Rußland, zwischen Dreibund und Drei verband verhalten wird. Bis jetzt ist diese Frage noch ungeklärt. .. . . _ _
Offizier und Soldat.
Von Generalmajor z. D. von Loebell.
So lange Kriege geführt werden, wird dos Offizier' korps das Rückgrat des Feldheeres bilden, und der Geist, der es beseelt, ist der Geist des Heeres. Alle Kriege sind ein Beweis dafür, und wder Krieg erhartel die Tatsache, daß der Soldat zu Zeiten der Gefahr und
Not vertrauensvoll auf seinen Offizier blickt, ja daß Erfolge nur möglich sind, wenn dieses Vertrauen vorhanden und gerechtfertigt ist. „Alles sieht auf den Offizier, willig vertraut sich der Soldat dessen Führung an", so ist in meinem Kriegstagebuche vom 18. August 1870 zu lesen, und dasselbe erfahren wir aus dem Hefte des Großen Generalstabes „Kämpfe der deutschen Truppen in Sübwestasrika". Dort ist dev Brief eines Unteroffiziers abgedruckt, der unter Hauvtmann Franke stand: „Wie grenzenlos jeder an seinem Hauptmann
hing, trat erst im Gefecht ganz hervor. Jeder einzelne ging unter ihm gern ins Feuer: denn er wußte genau, wenn der Hauptmann führt, kann es nicht schief gehen; dann müssen wir gewinnen. Jeder einzelne wußte, daß wir ohne unseren Hauptmann nichts machen könnten. Der Hauptmann kann Unmögliches von jedem verlanaen und jeder tut es freudig." Und dem Leutnant v. Böllwarth wird folgendes ehrendes Zeugnis ausgestellt: „Er hatte ein warmes Herz für seine Unter- gebenen. Wo es Anstrengungen und Entbehrungen zu überwinden galt, war er immer der erste gewesen, und wo es für seine Leute zu sorgen galt, hatte er tue an sitz seihst gedacht." Und von seinem Heldentod schrieb ein Mitkämpfer: „Die ganze Kompagnie ist tieftraurig; sic liebten ihn, den netten, flotten Kerl, alle zärtlich.
Das sind nun Zeugnisse einzelner über einzelne. Der italienische Oberstleutnant Mangiazotti hat aber durch Befragen von etwa 2000 Teilnehmern des libyschen Feldzuges psychologisches Material gesammelt und auch hierbei die Tatsache festgestellt, daß alles in Zeiten der Not und Gefahr auf den Offizier blickt. Der Soldat beobachtet, ob der Offizier sein Kommando laut und ruhig, wie aus dem Exerzierplatz abgibt, ob der Kompagniechef seine Zigarre so ruhig raucht wie sonst. Die Erregung, die den Vorgesetzten beherrscht, teilt sich unwillkürlich dem Soldaten mit, eine einzelne Bewegung, ein einzelnes Wort, eine noch so kleine Handlung des Offiziers reißt den Soldaten zur Nacheiferung fort. Kurz zusammengefaßt: der Einfluß des Offiziers auf den Soldaten ist im Kriege außerordentlich stark. Der Oberstleutnant hat die einzelnen Soldaten auch nach den Empfindungen befragt, die sie zur Pflichterfüllung im Augenblick der Gefahr angetrieben hatten, ob es der Gedanke an das Vaterland oder an den Komg oder an den Fahneneid, das Strafgesetzbuch gewesen sei. Die Antwort lautete stets: Nein. Ich bin vorwärts gegangen, wenn er vorwärts ging: ich habe Halt gemacht^ wenn er Halt machte. Entscheidend war es für den Einfluß des Offiziers, ob er den Leuten schon länger bekannt war, dann wurden sie nicht müde, seine Worte, seine Taten, Gebärden zu schildern und die Bande der Sympathie, die sie an ihn ketteten, zu betonen. Ähnliche Beobachtungen über die Serben im Balkankriege sind nach dem Werke von Kuschbach fol- gendermaßen zusammenzufassen: „Bei den serbischen
Soldaten ist der Offizier alles. So wie der Offizier handelt, so handeln auch seine Untergebenen. Wenn der Kommandant einer Kompagnie fallt, entsteht Unruhe und Aufregung. Die Hauptleute und die Leut- nants bilden heutzutage im Kampf das ^Mark der Truppe. Die Offiziere müssen die Psychologie ihrer
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Nachdruck verboten.
Vadebekranntscksst.
Skizze von Freifrau Irene v. Klöcktcr.
Frau Lilli langweilte sich in dem kleinen Ostseebade Besonders jetzt, nachdem ihre zahlreichen Bekannten schon alle heimgereist waren. ' Die Glücklichen, - die hatten auch mch so eine lange, nervenberuhigende Kur verordnet bekommen!
Gräßlich, daß die Tage so kurz wurden Man wußte gar nicht, was anfangen mit den einsamen Abenden Und die törichten Gedanken, die einem durch den Kopf wirbelten Gedanken, auf die man im Trubel des häuslichen und geselligen Lebens gar nicht gekommen wäre und die letzt tn allen gehermen Schubfächern des Herzens kramten.
Heute hatte sie das Fräulein Doktor zum Tee geladen, die sie neulich am Strand kennen gelernt hatte. Frau Lilli war wie alle Müßigen, Satten, immer auf der Suche nach Erlebnissen, und für diese ulkige Person hatte sie plötzlich ein kleines spöttisches Interesse gefaßt
Die kleine kümmerliche Gestalt der neuen Bekannten verschwand fast in den großen bunten Seidenkissen mit denen der Korbsessel bedeckt war. Es dämmerte. Ern fahle», graues Licht nahm den Gegenständen im Zimmer die festen, sicheren Konturen und löschte allmählich Re Farben aus. Zum weitgeöffneten Fenster blickte ein blasser, perlmutter- schillernder Himmel herein. Uber den leuchtend grünen Rasen d°rm Hause tanzte auf leichten Füßen der Abendwind, so daß Heine silberne Wellen über die seidigglänzenden Halme Uesen. Die Brandung sang dazu ihr zorniges Lied.
Die heisere tonlose Stimme der Ärztin erzählte. Von ihrer.Praxis in der Großstadt unter den Ärmsten der Armen, itzon Krankheit und Not, Elend und Laster.
„Mein Gott, liebes Fräulein Doktor, weshalb haben Sre sich gerade so ein schreckliches Feld der Betätigung ausgesucht? Armut, Proletariat —, Sie kommen da ja mit dem Abhub der Menschheit in Berührung. Die Stimme der jungen Frau klang ordentlich kindlich in ihrem Entsetzen.
„Gerade beim Abhub sind die helfenden Kräfte doch am
notigster ^ uwer so viel Roheit und Häßlichkeit,
fürchten Sie sich denn gar nicht? .
fiter das scharfgeschnittene Gesicht huschte em Lächeln. „Nein, wovor soll ich mich fürchten? Und ich habe ja nur mit
Frauen und Kindern zu tun."
„Glauben Sie wirklich, Sie können helfen. Sie als einzelne in all dem Jammer?" , . .... , u ,
„Sßcnn jcbct fo bcttlcn tnürbC/ iüö foHtc bet uüCXQCtubr
Hilfe Herkommen?" _ ■ , „
„Unb wie leben Sie denn, wenn Sie nur Arme behandeln^ Die können doch nur wenig bezahlen." Als Frau eines jungen, aufstrebenden Rechtsanwalts war ihr die Honorarfrage von nicht geringer Wichtigkeit.
„Ich nehme überhaupt keine Bezahlung. Es klang ganz einfach und selbstverständlich.
„Keine Bezahlung?" Frau Lilli machte große ungläubige Augen. Die Doktorin war entschieden nicht ganz normal. „Aber wie leben Sie denn?'
„Ich brauche wenig, — kaum mehr als die Armen, R- ich behandle. Dazu langt mein kleines Kapital gerade noch.
„Aber liebes Fräulein Doktor, — das ist ja ganz unmöglich. Wohnung, Bedienung, das alles kostet doch."
„Ich wohne in einer billigen Gegend. Und Bedienung
brauche ich nicht."
„Bedienung brauchen Sie nicht?"
.„Ich stehe früh aus, mache alles allein."
„Und in der Sprechstunde? Jemand muß doch die Tür
^"^„Die bleibt offen während der Zeit. Zu stehlen gibt es
bei mir nichts." ^
Frau Lilli schwieg. Ihr graute vor der Harte, und Strerrge eines solchen Lebens. Da war nichts von Schönheit und Behagen. Nein, sie hätte so nicht leben können. Aber es paßte wohl zu der Frau mit dem herben, schmalen Gesicht. „Wie eine Märtyrerin sieht sie aus, — erne von den fanatischen Schwärmerinnen, wie sie die alten Meister aus ihren Bildern verherrlichen", dachte Frau Lilli. »Und sind Sie denn glücklich?" frug sie endlich zaghaft.
In die grauen Augen unter den starken, zusammengewachsenen Brauen kam ein eigenes Leuchten. ,,^a, ich bin glücklich. Ich weiß, wofür ich lebe, wenn ich auch nur einer Frau unter Hunderten helfen kann, wenn w,r s gelingt, ihr kin Brett unter die Füße z' Leben, um ste aus dem Sumpf zu retten." Das bleiche Gesichr, das aus der Dämmerung fast unheimlich hervorleuchtete, schien i-tzt beinahe schon, trotz der zu scharf ausgeprägten Züge. Das machte wohl Re Begeiste- runa. Re das Fräulein >me em magisches Licht verklärte.
Frau Lilli seufzte. Sre war eigentlich me recht zufrieden, obwohl sie alles hatte was ste begehrte; und m den letzten Taaen war das unbestimmte Sehnen starker geworden. . . . Mit einem fast neidischen Gefühl betrachtete sie jetzt die Ärztin. % die besaß doch einen überströmenden Reichtum trotz ihres armseligen Lebens, die lebte für Ideale und fiberzeugungen. Und sie? Sie ließ sich treiben von flüchtigen Launen und eitlen Begierden. ...
Das Fräulein Doktor erhob sich jetzt. „Ich danke Ihnen, gnädige Frau, für die gemütliche Stunde, die Sie einer zufälligen Badebekanntschaft bereitet haben. Wenn wir uns nicht wieder treffen sollten, wünsche ich Ihnen alles Gute."
