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Sonntag» 19. Juli 1914.

Morgen'Kusgabr.

Nr. 331. ♦ 62. Jahrgang.

Beligfon unb Politik-

Ein schmales Heft liegt vor uns und doch zugleich itn Dokument der Zeit! Ein evangelischer Geistlicher, ein Mitglied des Reichstags, steht vor uns aus, der sich müht, die Zusammenhänge zwischen Religion und Poli­tik aufzusuchen, um auf Grund solcher Untersuchung in geist- und temperamentvoller Weise gegen die Ver­quickung von Religion und Politik zu protestieren, mit der heutzutage leider nicht mehr allein das Zen­trum, sondern auch andere Parteien zu operieren pflegen! Ein Geistlicher der Landeskirche, der schon darum gehört zu werden verdient, weil er sich auf den Boden der Forderung: „Trennung von Kirche und

Staat!" oder, besser gesagt, der Försterschen Formel: „Die Entkirchlichung des Staates und Entstaalichung der Kirche!" stellt.

Immanuel Heyn, fortschrittlicher Rcichstags- abgeordneter und Pfarrer an der Kaiser-Wilhelin-Ge- dächtnis-Kirche zu Berlin, hat schon früher eine Samm­lung von Predigten und eine Studie: „Jesus im

Lichte moderner Theologie" erscheinen lassen; auch als Tagesschriststeller hat er sich vielfach — auch in unserer Zeitung — betätigt. Jetzt tritt er mit einer neuen Veröffentlichung: „Religion und Politik. Gedanken

über Fragen ' der Gegenwart." (Ratsbuchhandlung 1 L. Bamberg, Greifswald) hervor, einer Sammlung von Aufsätzen verschiedener Art und verschiedenen In­halts, die sich aber doch zuletzt alle auf eine Quelle -urückrühren, auf eine Formel bringen lassen, eben auf die von Heyn betonten, aber zugleich auf rhr rechtes Matz zurückgeführten Zusammenhänge« zwischen Reli- gion und Politik. r v 0

Religion und Politik — so ungefähr lasten sich des Verfassers Gedankenqänge skizzieren — sind sicherlich verschiedene Größen. Die Religion geht den inneren Menschen an, den sie vertiefen, durchdrungen, beseligen will, die Politik hat es mit dem äußeren, wirtschaftlichen, staatlichen Menschen _ zu tun. , dessen Lage sie ordnen, regeln, bessern will. Religion ist Sache der Freiheit, Politik im Grunde eine Sache des Zwanges. In religiösen Fragen entscheidet der ein- zelne und sein Gewissen, in politischen Dingen entlche:- den die Mehrheiten. Die Politik ist nach dem alten Wort die Kunst des Möglichen, also die Kunst der Kom- broniisse während die Religion nichts leidenscyastlichcr haßt als Kompromisse. Und doch begegnen sich Religion Und Politik wieder auf so manchem Wege, vor allem ans ethischem und sozialen Gebiet. Beide, Staat und Kirche sind bestrebt, dem Menschen, dem Bruder zu helfen' beid- sind, um ein anderes Beispiel anzufuhren, grundsätzliche Gegner des Krieges, den auch der Staat und der König nur als n^tirnn ratio ans ehenundan- sehen dürfen.' Der Staats g e d a n k e als solcher wird selber sehr energisch durch die Religion oder durch d:e konfessionelle Stellung der Staatsglieder beeinflußt. Eine Kirche allerdings geht noch darüber hinaus: die

offizielle römische Lehre. Sie argumentiert so: wie der Leib von der Seele regiert werden muß, wie der Mond sein Licht von der Sonne empfängt, so sist auch das Verhältnis zwischen staatlicher und kirchlicher Autorität: für das weite Grenzgebiet, auf dem staatlickM und kirchliche, geistliche und weltliche Interessen sich berühren, hat der Staat der Kirche Gehorsam zu leisten.! Darin sieht Heyn — und das weiß Gott mit Recht! — die schlimmste Verquickung von Religion und Politik, die scharf bekämpft werden muß.

Hat sich nun die evangelische Kirche von solcher Verquickung freigehalten? Hier darf man zunächst an den Antisemitismus erinnern, der vielfach ge­rade von Geistlichen der Landeskirche geführt wurde. Auch Heyn meint, daß die Frage nach den Vorzügen und Mängeln des semitischen Volkes und der Rassen­art ruhig aufgeworfen und beantwortet werden dürfe, aber d er Antisemitismus, der an rohe germanische Volksinstinkte appelliere, der nach Gewalt rufe, weil er selbst geistig zu schwach sei, uni das Judentum zu überwinden, der bleibe des deutschen Staatsbürgers wie des Christen unwürdig.

Dem, der Religion und Politik „treibt , stellt sich aber bald noch eine andere Frage entgegen:, wie soll sich die Religion zur Sozialdemokratie stellen? Kami ein Christ Sozialdemokrat und kann ein Sozial­demokrat Christ sein? Heyn kommt zum Resultat, daß man gegen die Sozialdemokratie und ihr Programm die stärksten geschichtlichen, ethischen und volkswirtschaft­lichen Bedenken haben kann, aber religiöse Beden-- ken nicht im g erin gsten. Religion sei m der Tat Privatsache, und der andere Satz: dem Volke soll die Religion erhalten werden, sei an sich gewiß gut, wenn er aber so gemeint sei, daß die Religion der Kappzanm sein solle, die „Masse" niederzuhalten, dann sei die Losung geradezu gottlos. Viel ernstere Bedenken hegt Heyn vom religiösen Standpunkt aus gegen das Programm derjenigen Partei, die sich mit besonderem Nachdruck als die „Stütze des Altars an- preist, und mit Recht meint er, eine politische Partei als solche könne Religion und Christentum überhaupt

nicht stützen. c» r 77 ,

Von solchen Grundsätzen aus kommt der Verfasser dann in drei Sonderfragen zu bemerkenswerten Schlüssen: er wendet sich gegen die religiöse Eides- forinel, er verurteilt den Versuch, die Soldaten zum Kirchenbesuch oder auch (vergl. den „Fall Charlotten- biirg") zum Verlassen der Kirche und damit zur Störung des Gottesdienstes zu zwingen, und er spricht endlich die Meinung aus, daß die jetzigen Versuche neben den staatlichen Eheschließungen durch, die be­kannte Bemerkung auf den Eheschließungsscheinen die jungen Eheleute auch zur kirchlichen Trauung zu über­reden, ein untaugliches Mittelseien.

Das Buch handelt im übrigen die verschiedensten Fragen ab. Heyn gibt unter anderem den Vortrag wieder, den er vor anderthalb Jahren im verein zur

Abwehr des Antisemitismus in Wien über die „Ent­wickelung und bleibende Bedeutung der jüdischen Reli­gion" gehalten hat und es ist interessant, daß er z. B. auch dein älteren Jesaia zum Vorwurf macht, daß er die Religion mit Politik verquickt und dadurch den Gottesglauben schwerer Gefahr ausgesetzt habe. Er er­örtert die religiöse und die sexuelle Frage auf Grund der Dichtungen seines Amtsbruders Gustav Frenssen. Er schildert den gegenwärtigen Stand der Jesuiten- llage. Er wirft die Frage auf: „Warum bleiben wir Liberalen in der Kirche?", und er untersucht endlich den Protestantismus des regierenden Kaisers und, seinen Einfluß auf kirchliche Dinge. Der Appell, mit dem dieser Aufsatz schließt, daß der Kaiser es sein möge, der im Fall. Traub das letzte Wort sprechen und auch in diesem Falle dem Recht zum Siege verhelfen werde, hat freilich bisher keinen Widerhall gesunden. Aus dem ganzen Buch aber spricht ein so vorbildlich starker Charakter, daß man annehmen kann, , der Verfasser werde in seinem Kampfe gegen das „offizielle Kirchen- tum", d. h. gegen die politische und politisierende „Religion", trotzdem nicht ermüden. Möge er viele Leser und Helfer finden!

Das preußische Wohnungs­gesetz.

Von Stadtrat Dr. Flcich (Frankfurt a. M.), Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses.

II-*)

Zurzeit haben die preußischen Gemeinden auf Grund des Gesetzes vom 2. Juni 1875 gerade in Beziehung auf Straßenbau, Städtebau usw. ein ausgedehntes Matz von Selbstverwaltung, was z. B. die englischen Verwaltungsmänner und Wohnungsreformer bei ihrem Besuch in Deutschland im Jahre 1907 mit einem ge­wissen Neid anerkannt haben. (Vergl. die Bemerkun­gen über Preußen in dem interessanten Werk von Lann und Gorst: Llunieipul Lessons from Southern

Germany; London, Fisher Unwin 1907.) Diese Selbstverwaltung soll jetzt eingeschränkt werden. Die Ortspolizeibehörde kann künftig die Festsetzung der Fluchtlinien verlangen, wenn die Rücksicht auf das Wohnungsbedürfnis dies fordert. Bei der vollständigen Unbestimmtheit dieses Begriffs ist damit die gesamte Festsetzung der Fluchtlinien, die gesamte bauliche Entwicklung und das gesamte Wohnungswesen überhaupt in Wahrheit der Gemeindeverwaltung ent­zogen und durchaus unter die Aufsicht und Kontrolle des Staates gestellt. .. ,

Hand in Hand mit dieser Beschränkung der Selbst­verwaltung der Gemeinden geht die Er Weiterung der Rechte der G r u n d s p e k u la n t e n und rns-

*) Vergl. Nr. 329 des „Wiesbadener Tagblatt".

Nachdruck vcrboie».

Der neue Simsvn.

Von Martin Prvskancr.

Vor den großen Glasscheiben des riesigen CafLs schaukelten grelle Bogenlampen und zerrissen das Dunkel der Straße. Unaufhörlich klappte die Drehtür, an der, ein goldbestickter Portier nachlässig grüßend die Hand hob; und immer neue Menschentrnpps drängten sich durch die kreisenden Turfingel, an denen, wie an allen Fensterscheiben, die großen roten Plakate klebten. Mit schwarzen hohen Buchstaben verkündeten sie, daß hier in diesem Monat „Signore Malcdetto, der ver­rückteste Kapellmeister der Welt", mit seiner Kapelle aufsprelte.

Drinnen im Caso drängten sich Stuhl an Stuhl die Dienschen. breit und schwarz lagerten sie auf Sesseln und Sofas lehnten die Arme auf die Marmortischchen und preßten sich in die Gänge. Wände und Geräte blinkten tn protzigem Lurus bunter Marmor fügte sich an goldene Mosaikstrcifcn, selbes' Holz und Messingbeschläge gaben einen unangenehm hellen Hintergrund. Und zwischen diesen unfeinen wohlbe­rechneten Effekten bewegte sich die Menge der Besucher, die »ngeheure Schar der halb Bürgerlichen, der innerlich unge­festigten Existenzen, die der Wunsch nach einer lichteren kost­bareren Umgebung als ihre eigenen nüchternen Stuben, eine Unreine dumpfe Sehnsucht nach äußerem Luxus und billigem Nervenreiz hierhergetrieben hatte.

Alle Köpfe waren nach dem Musikpodium gedreht wo gerade Signore Maledetto, die Berühmtheit der roten Plakate, einen amerikanischen Marsch dirigierte. Der eine Mauke Dinnn im Frack, der durch überlange, sorgfältig gekämmte Haare auffiel, gab die ersten Takte ganz ruhig. Aber mit der Melodie wurde" er beweglicher, schlenkert- die Gueder knickte ^im Paukenschlag zusammen, sprang hin und her daß die Haare um sein Gesicht flogen, und schlug zuletzt urt Rhythmus des Marsches einen Purzelbaum, um sofort wieder auf- idringend den Schluß ruhig stehend zu dirigieren.

Das laute Beifallklatschen übertönte den Lärm de.. S.vrechens und des Geschirrklapperns und ruhte nicht bis Maledetto das Zeichen zu einem zweiten Stuck gab. Wieder sprang er und wand er sich wie ein Clown, warf die Haare mit einem Ruck über das Gesicht und tanzte in grotesken

Gliederverrenkungen auf und nieder.

Signore Maledetto war früher wirklich musikalischer Exzentrik in einem Zirkus gewesen und wre mancher andere auf den Gedanken gekommen, den immer magerer werdenden Boden der Zirkusarena zu verlassen und in die fetten Grunde der Musikcafos einznziehen, die gerade nach neuen Sen­sationen für ein kritikloses und ohne Geschmack gemeßerides Publikum suchten. Maledetto, der natürlich im bürgerlichen Leben aanz anders hieß, hatte Glück. Sein musikalisches Ge­fühl sicherte auch den tollsten Sprüngen seiner Kapelle den soliden Unterarund, und die frühere Laufbahn als Clown aab ihm die Fähigkeit, durch akrobatische Spasse bester als alle anderen exzentrischen Kapellmeister zu wirken. Er war allmählich eine Zugnummer geworden und verdiente sehr

viel Geld. ’ , ....

Zuerst hatte er noch, innerlich der ganzen Komodie über­legen, sich selbst und die anderen, die ihm zujubelten, ver­höhnt und bewußt empfunden, daß er dach nur der Musik­clown acblieben war. Aber langsam war ihm dieses Bewußt- sein erblaßt, der Beifall, der jeden Abend um ihn tobte, das viele leichtverdiente Geld weckten den schnell bereiten Kunstler- qlanben in ihm, und nach einiger Zeit war aus dem ironischen ernsthaft dreinschauenden Zirkusartisten der eitle, wohlge- fälliae glatte Liebling der Cafßbesucher geworden, der die üblichen leichten Erfolge in der Liebe hatte, sich selbst am wichtigsten nahm und in der Pflege seines langen Haarscyopfes eine der besten Tagesbeschäftigungen sah. Denn er wußte, wie gerade das weiche braune Haar, das ja so deutlich den Künstler beivies, auf die Frauen wirkte und damit einen wich­tigen Teil seines Erfolges ausmachte. ,

In eine Ecke des Cafes gequetscht, saß der Friseurgehilfe Bruno Brustmann mit seiner Braut und sah mit hestrgem Unbehagen, wie sie sinnverloren auf den berühmten Mann

dort auf dem Podium starrte, dem die braunen Haare gerade wieder in langen Strähnen um das Gesicht flogen.

Einige zärtliche Versuche seiner Hand wies Anna, Brust­manns Braut, ziemlich kurz ab, um sich wieder ungeniert dem Anblick des Signore Maledetto hinzugeben. Der Kapellmeister war, wie stets, auch heute wohlbeschäftigt, die vielen schmei­chelnden und bewundernden Blicke der Frauen ringsum aufzu­fangen und je nach Wärme und Tiefe mit einem Blitzen seiner schwarzen Augen zu beantworten. Eben jetzt fand er Annas Augen ans der Menge heraus und sah in ihnen den wahlbe­kannten Ausdruck, der ihn sofort zu einem ausdrucksvollen Gegenspiel veranlaßte.

Bruno Brustmann, der kleine, blonde Friseurgeh:;se, ^aß dabei und fühlte, obgleich er nichts davon gesehen hatte, mit dem tierartigen Instinkt der Liebenden, wie in dem Empfin­den des Mädchens, das ihm bisher gehört hatte, etwas ihm Fremdes, Feindseliges aufwnchs. ^ _ , rL

Dem kleinen Friseur tat das Herz weh. Er glaubte, e_> sei nür von Liebe, und merkte nicht, daß ihm mindestens ebenso weh der Gedanke an Annas ersparte dreitausend Mark tat, die die Gründunq des eigenen Frisiersalons ermöglicht hätten; aber das Resultat der Gefühle war das gleiche. Er kam sich entsetzlich unglücklich und betrogen vor.

Daß inzwischen Anna von dem Kellner ein Zettelchen in die Hand gesteckt worden war, das bewies, daß Signore Male­detto ihre Augen — für diesmal wenigstens — vor allen anderen auserwählt hatte, merkte er nicht einmal. Brustmann hatte die Lust zum Bleiben verloren und verließ mit Anna das Cafe- Auf der Straße, zwischen den trüben, unsicher leuchtenden Laternen der Vorstadt, folgte noch die Szene, wie sie Verliebte eben in solchen Fällen aufziiführen pflegen, dann begab sich Brustmann in sein enges Dachstübchen und horchte die ganze Nacht hindurch auf das 'Wchgefühl in seiner schmalen

Friseurbrust.

Am anderen Abend wartete er vergeblich auf seine Braut, stürmte nach einer Stunde nervösen ans der Straße Stehens vor das Cafe und sah durch die Fenster Anna, das vielgeliebte Mädchen, in nächster Nähe des Podiums sitzen. Er starrte auf