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® <tI .s?gw«8 Ä c 21 wöchentlich 12 Ausgaben. „Tagl.l°tt.H-i,s" Nr. 6850-53.

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„Tagblatt-Hans" Nr. 6650-53.

Bon 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntags.

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miilagi: für die Morgen-Ausg. bis 8 Uhr nachmittags.

Samstag- 18. Juli 1914°

Morgen« Ausgabe.

Nr. 329. - 62. Jahrgang.

Das preutzische wohnungs- gejetz.

Von Stadtrat Dr. Fleich (Frankfurt a. M.), Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses.

I.

Der Entwurf des Wohnungsgesetzes liegt in zweiter Lesung vor und wird im Herbst ziemlich unverändert angenommen werden, denn die konservativen Fraktio­nen und das Zentrum sind einig. Auch soll nicht ge­leugnet werden, daß der Entwurf eine Reihe neuer Be- stimmungen enthält, die nützlich wirken können, und einzelne, die Mängel oder Unklarheiten des gegenwär­tigen Rechtszustandes beseitigen. Zu den letzteren rech­nen wir z. B. die Vorschrift, daß künftig auch hinter die Straßenfluchtlinie. zurückweichende Baufluchtlinien festgesetzt werden können; daß über die Dispensver- weigecung (beim Bau an unfertigen Straßen) im Streitfall der Bezirksausschuß entscheidet; ferner, daß die Gemeinde das Recht erhält, die sogenannten Bau- inasken (zur Bebauung ungeeignete, an die Fluchtlinie einer Straße angrenzende Grundstücke) zu enteignen, und endlich, daß das Gesetz wegen der zwangsweisen Zusammenlegung von Grundstücken die sogenannte Lex Adickes künftig auf Antrag jeder Gemeinde durch den Oberpräsidenten unter Zustimmung des Provinzialrats eingeführt werden kann.

Zu den anderen Vorschriften des Gesetzes, die auf Besserung der Wohnungsverhältnisse jedenfalls 'ab­zielen, rechnen wir den Artikel 3, nach welchem Woh­nungsordnungen in allen Gemeinden mit mehr als 10 000 Einwohnern erlassen werden müssen, und die Vorschriften des Artikels 4 über die Wohnungsauf­licht. Allerdings ist ohne weiteres ersichtlich, daß die mitgeteilten Verbesserungen des geltenden Rechts kaum solche sind, die mrt den Ursachen unserer Wohnungsnot zusammenhängen — und daß die Vorschriften über Wohnungsordnungen und Wohnüngsaufsicht, so gut sie gemeint sind, leicht zu einer Verschlimmerung des Übels, nämlich zu einer Verteuerung der Wohnungen führen können. Die typische Familien­wohnung, d. h. die Wohnungskategorie, die zurzeit von den Familien weitaus am meisten benutzt wird, umfaßt nicht mehr als Zimmer und Küche oder zwei Zimmer und Küche. In Berlin hatten 1905 unter 524 441 überhaupt vorhandenen Wohnungen 223 691 nur ein Zimmer mit oder ohne Küche und 147 586 nur zwei Zimmer mit oder ohne Küche. Von den 63 832 Wohnungen, die 1910 von der Eisenbahnverwaltung aus Staatsfonds hergestellt waren, hatten 33 861 nur ein, zwei oder drei Räume (Küche eingerechnet)! Wenn die Familien sich so eng zusammendrängen, geschieht es nicht, weil sie die engen Wohnungen lieben, sondern weil sie die geräumigeren nicht z a h l e n f ö rt _n e rt. He' größer b»e Familie, je höher die Bedürfnisse, je

weniger Geld bleibt für die Wohnung übrig. Der Lohn aber ist gleich, einerlei wie groß die Familie ist. Die Bedingungen, nach denen sich der Arbeitslohn reguliert, und die Bedingungen, nach denen sich das Wohnungs­bedürfnis bestimmt, stehen miteinander im Widerspruch. Auf diesen — vielleicht den wundesten Punkt unserer gesamten Volkswirtschaft — zielt das bekannte Schlag­wort, daß die Wohnfrage Lohn frage ist. Und des­halb sind Bestimmungen, die den Preis der Wohnun­gen direkt oder indirekt erhöhen, bedenklich, auch wenn sie an sich noch so richtig sind. Deshalb auch betreffen alle auf das Wohnungswesen bezüglichen Gesetze oder Verwaltungsmaßregeln Nebenpunkte, wenn sie nicht da­zu helfen, daß den Unbemittelten größere Räume für ihre Familien, d. h. für die Kindererziehung und für die geistige und körperliche Erholung der Erwachsenen zur Verfügung gestellt werden können. .

Woraus es ankommt, ist, daß künftig die Wohnun­gen billiger und in größerer Ausdehnung hergestellt werden können und daß den Leuten, die heute in allzu engen Wohnungen zusammengedrängt sind, die zur Kinderfürsorge und zur eigenen körperlichen und geistigen Erholung erforderlichen Räume sonstwie zur Verfügung gestellt werden können. Deshalb hatten die Abgeordneten der Volkspartei die Einführung von Bestimmungen beantragt, durch welche die öffentlichen Baulasten ermäßigt oder erlassen werden können, falls in hierfür geeigneten Straßen (Kleinwohnungsstraßen) Wohnungen für gering Bemittelte oder für solche Zwecke errichtet werden, die im besonderen Interesse der Familie liegen, welche solche Wohnungen benutzen (Kinderfürsorge, Erholung Erwachsener, Fortbildung usw.). In der Besprechung über diesen Antrag er­kannten alle Redner an, daß es notwendig sei, alsbald eine gesetzliche Regelung der Materie (Ermäßigung der Anliegerbeiträge bei Kleinwohnungs­bauten). herbeizuführen. Man war auch durchgehends der Auffassung, daß gerade diese Ermäßigung geeignet sei, eine Besserung auf dem Gebiete des Kleinwohnungs­wesens herbeizuführen. Aber — man lehnte den An­trag aus formellen Gründen ab, weil er mehr zum Kommunalabgabengesetz gehöre! Und fast HpÄ schlim­mer ging es dem weiteren Antrag der VolkHartei, daß Staatsmittel, ganz in der gleichen Art wie für die Verbesserung der Wohnungsverhältnisse für die Arbeiter in staatlichen Betrieben, auch zunächst in Höhe von 25 Millionen zur Förderung des Wohnungswesens im allgemeinen bewilligt werden sollten. Aus dem Betrag und den späteren Bewilligungen sollten Verwendungen zugunsten von Gemeinden gemacht wer­den. in denen Mangel an Wohnungen für Unbemittelte bestehe, und zwar im wesentlichen derart, daß ihnen Darlehen und Zuschüsse zu Einrichtungen und Veran­staltungen gegeben würden, die im Interesse des Familienlebens überall da notwendig werden, wo eme größere Zahl der heute leider allein möglichen engen Wohnungen für Unbemittelte neu errichtet wird

(Kindergärten, Spiel- und Erholungsplätze, Lesehallen usw.); ferner Beiträge zur Errichtung von Ledigen­heimen oder auch zur Gewährung zweiter Hypotheken an diejenigen, die gesunde, zweckmäßig eingerichtete Wohnungen für Unbemittelte bauen. Auch dieser An­trag fand allgemeine Sympathie, wurde aber „aus prinzipiellen Gründen" abgelehnt und statt dessen eine Resolution beschlossen, welche die Regierung ersucht, „im Sinn der praktischen Durchführung des Wohnungs­gesetzes zur Förderung des Kleinwohnungswesens Maßnahmen zu treffen und Mittel zur Verfügung zu stellen." Es haben also die Anträge zur materiellen Besserung des. Wohnungswesens in der Kommission platonische Sympathie und tatsächliche Zurückweisung erfahren. Dafür wurde aber eine Reihe bisher nicht erwähnter Bestimmungen beschlossen, deren Annahme nur möglich war, weil Konser­vative und Zentrum das Übel im Wohnungs­wesen hauptsächlich auf — Fehler der Gemeinde­verwaltung zurückführten! (Schluß folgt.)

Oie Politik der Woche.

Trotz drückender Sonnenhitze, trotz tropischer Sonnen­glut, trotzdem fast alle Staatsmänner und die sich's ein­bilden, zu sein, in der Sommerfrische weilen, will die heiß ersehnte Zeit politischer Stille nicht eintreten.

Selbst dem Reichskanzler gönnt man den ge­wiß verdienten Urlaub nicht. Kaum hat er sich von der Mißtrauenskundgebung, die ihm die Mehrheit des Reichstags gab, erholt, da beginnen die, die scheinbar seine Freunde sind, gegen ihn Sturm zu laufen. Man ist in heller Aufregung unter den Konservativen, daß zwei Staatssekretäre zu Mitgliedern des preußischen Staatsministeriums ernannt worden sind. Man fürch­tet, daß der verfassungsmäßige, geschichtliche Zustand, wie ihn Bismarck sich dachte, dadurch gefährdet werde. Der Tadel gegen den Reichskanzler zielt an eine hphere Stelle. Denn schließlich ernennt er ja nicht die Staats­sekretäre zu preußischen Ministern. Aber es ist nicht zu befürchten, daß solch plötzliches Sturmlaufen der Konservativen gegen den philosophischen Kanzler vor­zeitig die N o r d l an d s r e i s e des Kaisers be­enden wird. Am Himmel der inneren Politik des Deutschen Reiches sind nur kleine Gewitterwolken. Weder die Stichwahl in K o b u r g noch der Wahl­kampf in Labiau-Wehlau, selbst nicht die Fan- farentöne des Herrn v. O l d e n b u r g - I a n u s ch a u brauchen die Gemüter sonderlich aufzuregen. Bedenk­licher sieht es schon mit dem wirtschaftlichen Kampfe aus, der in der Lausitz auszubrechen droht. Um der sechzig Walker willen, die in Forst streiken, wird es allem Anschein nach zu einem gewalti­gen Ringen zwischen Arbeitern und Arbeitgebern kom­men. Schon sind mehr als 30 000 Textilarbeiter im Lausitzer Gebiet gekündigt worden. Weitere Aus-

Ricarda Buch.

Zu ihrem 50. Geburtstag, 18. Juli.

Von Dr. Paul Landau.

Wenn die deutsche Frauenbewegung einen Namen aus ihre Fahne schreiben wollte, dann müßte es der dieser Frau sein. Nicht daß sie besonders gekämpft hätte für das Recht des schwächeren Geschlechts, für die Gleichstellung mit dem Dtanne; im Gegenteil, ihr Werk ist das weiblichste, das je eine große Dichterin geschaffen. Aber allein durch ihr Da­sein wirkt sie mehr als tausend Vereine; ihre Bücher ver­künden herrlich die Siegeskraft des Weibes, beschämen die Männer, die nichts Gleichwertiges ihnen zur Seite stellen können, offenbaren eine Harmonie von Seeleninbcunst und ^eistesklarheit, von leidenschaftlichster Hingabe und stolzester Selbstzucht, wie sie einzig dasteht in unserer Zeit. Wir wollen »icht den müßigen Streit heraufbeschwören, ob Ricarda Huch der größte heute lebende deutsche Dichter sei. Manche, und nicht die schlechtesten Beurteiler, glauben es. Mögen andere, Männliche Bewerber um diesen Rang begabter sein, mögen sk° heißer mit den Rätseln des Lebens ringen, heldenhafter den Geist unserer Zeit erfassen; ihr Weg ging abwärts, ihr Schicksal ist ein Erliegen und Ermatten, eine Niederlage, snenn auch die eines Heros. Der Weg dieser Frau ging empor, Nniner steiler der Sonne zu, der Vollendung entgegen. Un­endlich viel Schönes, eine verschwenderische Fülle der Poesie W sie auf dieser Bahn gespendet. Aber sie wurde zugleich SU einem Pfad der härtesten Arbeit, der zähesten Entsagung ^nd Erziehung. Nun steht die Künstlerin allein auf dem goldenen Triumphbogen, den sie zwischen Wirklichkeit und ^raum in den Himmel geschlagen, -und bewundernd und nnunend, mißverstehend und nicht verstehend auch, blickt die Mitwelt zu ihr empor.

Wäre Ricarda Huch ein Knabe gewesen, so wäre sie wohl vüher zu Studium und Dichten gekommen. Die mehr als

Bände, die wir heute von ihr besitzen, stammen alle aus

der zweiten Hälfte ihres 50jährigen Daseins. So manche Kämpfe muß die Braunschweiger Patrizierstochter durchge­macht haben, bevor sie in ihrem 23. Jahre zum Studium nach Zürich ziehen durfte, erlöst von der prunkvollen Schwere und der vornehmen Enge einer bürgerlichen Kultursphäre, wie Michael Unger, der Held ihres sicherlich viel Autobiographi­sches enthaltenden Romans „Vita somnium breve". Von ent­scheidender Wirkung ist dieser mehrjährige. Schweizer Aufent­halt aut ihre Entwicklung gewesen. Hier hat sie in tüchtiger historischer Gelehrtenarbeit den Grund für ihr gewaltiges geschichtliches Wissen gelegt, das sie sogar später durch die ent­sagungsvolle und schwierige Herausgabe einer Urkunden­sammlung vertiefte; hier hat sie die Kunst der großen Schweizer Poeten tief durchlebt, an die sie zunächst in ihrem eigenen Dichten anknüpfte. Ihre dramatischen Erstlinge, gleichsam Präludien ihres eigentlichen Schaffens, ihr erster Gcdichtband (1891), sie stehen deutlich in ihrem stilisierenden Pathos, in ihrer gedämpften Formenfülle unter dem Stern Konrad Ferdinand Meyers; ihr ftühester Roman „Erinne­rungen von Ludolf Ursleu, dem Jüngeren" aber, durch den sie mit einem Schlage berühmt wurde, zeigt in der wunder­vollen Rhythmik ihrer Prosa, in dem bunten Bilderreichtum wie in manchen spielenden Arabesken aufs klarste das Vorbild Gottfried Kellers.

Das Renaissancedrama „Evoö" (1892) dringt mit seinem bacchantischen Hymnus an den Rausch des Lebens jedoch schon über den bedächtigeren Kreis der Schweizer hinaus, wie auch die lyrisch reich blühende Wirrnis des entzückenden Märchen­spiels „Dornröschen" sich in den Traumtänzen ausgelassener Romantik verliert. Im „Ursleu" (1893) ist die Allgewalt einer ekstatisch beglückenden, düster vernichtenden Leidenschäft mit schrankenloser Einseitigkeit dargestellt. Ricarda Huch ist lange Zeit für das Publikum nur die Dichterin dieses Buches gewesen; trotz aller Genialität des frühreifen Meisterwerks sehr zu Unrecht, denn die künstliche Ruhe und Geschlossenheit des Chrchnkstils verleiht den Gestalten etwas Unwirklich- Maskenhaftes, und die Dichterin mußte erst diese. über­nommene Form zerschlagen, um eine originale, organisch ge­

wachsene Gestalt für ihre Werke zu gewinnen. Wie ein Er­holen und Versuchen muten die Novellen-Bände an, die folgen, auch sie noch Kellers Wesensart fortspinnend, bald phantastisch-barock, wie manch Gebilde des „Sinngedichts" („Mondreigen von Schlaraffis"), dann graziös-ironisch, voll schalkhaften Humors, eine Tonart, in der sie später, in den juwelenhaft schillernden „Seifenblasen" und dem gravitätisch­komischen „Hahn von Quakenbrück" ihre Höhepunkte erreichte, oder historisch-psychologisch,, wie in „Fra Celeste", oder der eigenartigen Neudichtung des „Armen Heinrich". Mit über­mütiger Lust und genialer Ungebundenheit tummelt sie sich' in den reichen Irrgärten der Neu-Romantik, während sie gleichzeitig in ernstester Forschung ein meisterhaft objektives Bild der alten Romantik erstehen ließ. Mit ihren beiden Bänden „Blütezeit" und „Ausbreitung und Verfall der Romantik" (1899, 1902) hat Frau Huch ein literargeschichtliches Standardwork geschaffen, das der Wissenschaft neue Wege wies in den wundervollen Charakteristiken des ersten Teils und der Erschließung eines vorher kaum geahnten roman­tischen Weltbildes im zweiten Teil.. So stand Ricarda um die Jahrhundertwende da: als ein Dichter von Gottes . Gnaden und als eine wissenschaftliche Größe ersten Ranges, der kein Professor ebenbürtig war. _ Das neue Jahrhundert sollte die Verschmelzung und innerliche Durchdringung dieser beiden getrennten Mächte bringen.

Ihr zweiter großer Roman, der 1901 bei Engen Diederichs erschien — die anderen wichtigen Werke hat jetzt der Insel- Verlag — sind die „Lebensskizzen", „Aus der Triumphgasse". Auch hier ist noch ern fremder, männlicher Erzähler vorge­schoben und in ferner warmherzig anteilnehmenden, dennoch vornehm egoistischen Art dem ungeheuren Elend des Armen- gäßchens fein gegenübergestellt. Aber viel gewaltiger als im „Ursleu" bricht hier das Empfinden der Dichterin hervor, und durch diese persönliche Glut wird die lange Reihe der Figuren und Episoden zu einem unvergeßlichen Bilde menschlichen Jammers und Elends zusammengeschweitzt, über dem sich leuchtender Schöne der Triumphbogen der Phantasie wölbt. Nie ist die enge Dumpfheit der armen Leute^ der Ver-