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Freitag. 17. Iuli 1914.
Morgen-Kusgabe.
Hr. 327. . 62. Jahrgang.
Die französische Rüstung.
Wir müssen vorsichtig mit linserem Urteil sein, die Selbstbezichtigungen der Schwäche und Lückenhastigkeit, wie sie von Paris jetzt zu uns dringen, sind wohl besser mit einer guten Beigabe von Mißtrauen als mit bereitwilligem Glauben aufzunehmen. Es ist etwas gar zu kräftig und laut, etwas gar zu absichtsvoll und zugespitzt, was wir da zu hören bekommen. Wir erinnern uns, ähnliche Alarmrufe vor Jahren und dann in gemessenen Zwischenräumen immer wieder aus England vernommen zu haben. Es gab englische Kritiker, und zwar berufene, nach denen, wenn man ihnen hätte glauben und vertrauen müssen, die englische Marine so gut wie wertlos geworden sein sollte. Wir sind überzeugt davon, daß bei uns kein Marinefachmann jemals gemeint hat, diese düsteren Schilderungen von Verfall und Minderwertigkeit entsprächen der Wahrheit. Wir sind der Ansicht, daß auch jetzt unsere Militärs die französische Rüstung ganz anders bewerten, als es die Herren Humbert und Clemenceau soeben im Senat getan haben. Jedenfalls bestehen dringende Gründe dazu, unsere westlichen Nachbarn unb ihre Rüstung so ernst wie nur möglich zu nehmen. Vieles von dem, was im Senat klagend und anklagend vorgebracht. wurde, trifft gewiß zu, und trotzdem braucht es nicht so schlimm damit zu stehen. Der leidenschaftliche Eifer,.. mit dem an der Vervollständigung der französischen Rüstung gearbeitet wird, will cs bogreislicherweise nicht dulden, daß sich an irgendeinem Punkte Schwächen zeigen könnten. Gibt es deren doch, so soll das Äußerste ^auf- geboten werden, um sie schnell und gründlich zu beseiti- aen; zu diesem Äußersten aber gehört es, daß nicht nur -ichts vertnM und beschönigt, sondern daß alles aufs n-ellste und Wohl gar mit taktisch verständlichen Über- wibunqen koloriert wird. Um so eher, so wird die 'irnndempfindung sein, wird alsdann jedes nur denk- Opfer gebracht werden, um auch die letzte "'stimgslücke zu schließen.
Auf alle Fälle werden wir vom deutschen Stand- unkt aus gut daran tun, die Dinge so anzusehen und ns nicht durch die französischen Alarmrufe in das jährliche Gefühl einer garantierten Über- egenyeit hineinmanövrieren zu lassen. Gewiß ist s wahr, unsere Nachbarn haben mit der dreijährigen Dienstzeit und mit den durch sie bedingten Änderungen stirer Heeresverfassung etwas geradezu Ungeheures auf sich genommen, von dem es schwer zu sagen ist, wie sich die Last auf die Dauer tragen und ertragen lassen könnte. Die unheimlichen Zahlen über Krankenbestand und Todesfälle in der französischen Armee reden eine deutliche Sprache und die finanzielle wie die wirtschaftl'che Belastung von Staat und Nation grenzt an das Unmögliche an. Trotzdem wird sich bet uns kein verständiger Beurteiler beifallen lassen dürfen, ch.e französische Rüstung zu unterschätzen. Dies wird schon darum nicht statthaben, weil wir uns doch stets sagen müssen, daß die Republik es im Kriegsfall immer nur mit einem c i n z i q en starken Gegner zu tun hat, nämlich knit uns, während wir unsere Kräfte m Ost und Messt werden teilen müssen. Die überraschende Teilmob'lisierunq in Italien mag welche Gründe immer haben, so zeigt sich jedenfalls ber dresem ungewöhnliches Anlaß, wie gering die wirkliche Starke des italienischest Heeres ist. Die Kompagmestärke von achtzig MMn ist bisher kaum jemals erreicht worden,
es herrscht zu dem ein bedrohlicher Mangel «n Offizieren und Unteroffizieren, und mit der Ausbildung der Truppen soll es, wie auch von italienischen Fachblättern zugegeben wird, nicht besonders gut stehen. Frankreich würde an seiner italienischen Grenze in keinem Falle solche Anstrengungen zu machen brauchen wie an der deutschen, seine Armee könnte fast in ihrem ganzen, trotz aller Mängel und Schwächen gewaltigen Umfange ihre ganze Stoßkraft gegen uns richten. Das weiß man bei uns, und darum bleibt unser westlicher Nachbar furchtbar und gefährlich, so unzufrieden er selber mit dem Ergebnis seiner jüngsten militärischen Anstrengungen auch sein mag.
Nun aber kommt noch ein Moment in Betracht, das besonders betont werden muß, nämlich, daß die scharfe Kritik an der militärischen Rüstung zweifellos ebensosehr, wenn nicht mehr, durch innerpolitische Rücksichten und Taktiken als durch die. in der Sache selber liegenden veranlaßt wird. Es sind die Feinde des heutigen Ministeriums, welche die lautesten Warnungsrufe ausstoßen, und die Gegner haben sich gerade den Augenblick ausgesucht, in welchem der Präsident Poincarä sich anschickt, seine Reise nach Petersburg anzutreten, auf der ihn der Miuisterprasi- dent Di Viani begleiten sollte. Wir deutschen Beobachter werden wohl daran tun, diese Sache mehr unter dem Gesichtspunkte innerer Kämpfe, die uns schließlich doch nur wenig angehen, als unter dem einer objektiven Sachdarstellung zu- betrachten. Dabei hindert uns selbstverständlich nichts, die französischen Kritiken an der eigenen Rüstung auf ihren wirklichen Wert hm mit aller Genauigkeit zu prüfen, was denn von unseren Militärs als den nächsten dazu zweifellos kühl und mit fachmännischer Vertrautheit geschehen wird.
Papst, Bischöfe und Zentrum.
Vom Annuarius Heldenberg.
In der Wochenschrift des Grafen Oppersdorfs „Klarheit und Wahrheit" (12. Juli) wird die Zuschrift eines badischen Geistlichen wiedergegeben, welche die ganze Verwirrung grell beleuchtet, welche durch die Verurteilung der Wackerschen Schrift entstanden ist. Sie lautet:
„Das Hauptorgan der badischen Zentrumspartei, der „Badische Beobachter", registriert in seiner Nummer 178 die Nachricht vom Schreiben des Papstes an den Bischof von Como und erlaubt sich dazu die Bemerkung' „Um die Bedeutung dieser Nachricht würdigen zu kön neu, müßte man . . . wissen, ob der Papst aus eigener Initiative dieses Schreiben verfaßt hat, oder ob er von anderen dazu veranlaßt wurde." Muß man diese zentrumsjournalistische Behandlung des Hl. Vaters nicht als eine unerhörte Leistung bezeichnen?
Zur Indizierung Wackers schrieb das „St. Lroba Matt", Sonntagsblatt der Erzdiözese Freiburg: „Seinen Anhängern ist es schwer, den Ausgleich zu frn den zwischen ihrer Ehrfurcht vor dem Heiligen Stuhl und ihrem unbedingten G l a u b e n a n W a ck e r." Jetzt scheut man sich nicht, auf diesen Ausgleich in aller Form zu verzichten. Wäh rend der indizierte Wacker mit einer Unmasse unbe dingtsster Vertrauenskundgebungen prunken kann, die ihm unwandelbare Treue versichern, wird der Stellvertreter Christi, der die Kirche Gottes zu leiten hat, vor aller Öffentlichkeit als ein Mann hingestellt, der
nicht einmal in seinen Briefen „aus eigener Initiative pricht, sondern gänzlich das Instrument einer ihn völlig beherrschenden Kamarilla i st, die ihn zu seinen Kundgebungen „veranlaßt". Das ist die Ehrfurcht) welche die Wacker-Be- geisterung dem Heiligen Vater überläßt, und die, wenn ie schon in einem katholischen Hauptorgan so offen zum Ausdruck, kommt, in Privatgesprächen Formen annimmt, daß es einem dem Heiligen Stuhl ergebenen Herzen geradezu grausen mag. Was man vor 80 und 40 Jahren in katholischen Kreisen für Wahn, Bosheit und Unmöglichkeit gehalten hätte, das beginnt besonders seit der Indizierung Wackers fast zu einer Selbstverständlichkeit zu werden. Die wegwerfendsten Redensarten kann man von zentrumstüchtigen Laren und Geistlichen hören über „die in Rom". „Dene n sollt' man einfach keinen P eterspfennrg mehr schicken für das, was sie unserem Wacker angetan haben", sprach dieser Tage ein Priester; und ein anderer gar verstieg sich zu der unerhörten Äußerung: „Wenn dieser Papst nur einmal sterben tät'." Das müssen allerdings die wünschen, die ü ln „Badischer Beobachter" den gottqestellten Lenker der Krrche als eine so trost- und hoffnungslose Figur betrachten, daß ihm sogar in seinen Briefen die „eigene Initiative abgeht."
Diese Zuschrift bestätigt das, was im Leitartikel des „Wiesbadener Tagblatts" „Ein Appell an die deutschen Bischöfe" über den Unmut in Zentrumskreisen im allgemeinen und unter den badischen Katholiken im besonderen ausgesührt wurde, sie legt aber darüber hinaus Zeugnis ab, daß Wacker auf einem falschen Wege ist und seine Anhänger auf einen Irrweg führt. Und das namentlich deswegen, weil Wacker gar nicht mehr weiß, was er eigentlich will. Die Erklärung, die Wacker seiner erzbischöflichen Behörde abgegeben hat, steht mit seiner Rede in Essen in Widerspruch. Er schreibt in seiner „Unterwerfungserklärung": „Die dogmatische und kanonistische Seite
der Sache, also die Frage nach der Z u st ä n d i feit der kirchlichen Autorität an s>ia,, habe ich mit Bedacht beiseite gelassen, wie ich ausdrücklich bemerkte. Es war also nicht mcrne Absicht die kirchliche Autorität in Frage zu stellen, son- dern auf Gefahren für dieselbe hinzuweisen. Niemals habe ich die Meinung gehegt oder ausgesprochen, daß die kirchliche Autorität kein Recht habe, katholischen Politikern im allgemeinen und Zentrumspolitikern rm besondern, seien sie Priester oder Laien, nach irgend- einer Richtung hin etwas zu sagen. Es smd aber zwei sehr verschiedene Fragen: Ob ein Recht besteht und ob von demselben Gebrauch gemacht werden soll und gemacht werden kann. Man kann die eine beMen und doch die andere verneinen müssen."
Ob Wacker nicht mehr weiß, was er in Essen gesagt, und nicht mehr nachgelesen hat, was er in seiner Broschüre in weiterer Ausführung geschrieben hat — die Erklärung ftinunt -mit seiner Rede nicht überein. Wacker hat ausdrücklich die Autorität der Bischöfe und des Papstes in weltlichen D i n g e n g e l e u g n e t. Auf Seite 13 seiner Schrift steht: ..Mr glauben, daß
die Bischöfe unserer Kirche Träger apostolischer Gewalt sind, wahre Fürsten im Sinne des göttlichen Wortes.
. mein Reich ist nicht von dreier Welt!
Also haben die Bischöfe in weltliche Dmge — und die
Um Finne Wieck dns Lnnd der nnberechtmien Superlative.
Origin,qlbricfe von E. Baron Bindcr-Krieglstein.
- San Antonio (Texas), Juni.
Seit drei Tagen geht es rum . . . rum . . . -rum . . . rum. ohne Aufenthalt bei Tag und Nacht durch Nordamerika nach dein Süden. Stationen fliegen vorbei — wogende, m Gluthitze der Ernte entgegenreifende, meilenlange Weizen-^ und Kornfelder — kleine saubere Farmen — dann wieder taufend- Iihriger Urwald — Brackwasser mit grünem Schlamw — ..wunderbare Badegelegenheit für Alligatoren", meint mem Gegenüber — dann elende, erbärmliche Negerdörfer — wei.er südwärts stundenlange Prairien in ewiger Sonntagsruhe — dann Busch und Käktuswälder ohne Schaven. . . . Vorbei!
. . Vorbei' Mit hundert Kilometer Geschwindigkeit pro
Stunde — ein Hetzen und Jagen ohne Unterlaß. Wir poltern über Brücken . . . endlich für einige Stunden Ruhe, um dre Gedanken sammeln zu können — und morgen früh wieder weiter bis Laredo und dann über die Grenze nach Montercy ■—- auch dann wieder zwei oder drei oder fünf Tage Eisen- bahnrahrt, «s wir bei Villa vor Zacateoas stehen, und endlich statt des Pnllman-Car wieder Pserderücken besteigen können.
Das müssen Sie mitmachen, verehrter Leser! Man springt nicht von Berlin aus mit beiden Beinen in einem Schwupp gleich in eine mexikanische Schlacht herein es gilt
vorher Meere und Länder zu durchqueren, und die Reise dauert ja zwanzig Tuge, die auf vier ReifÄriefe verarbeitet, doch nur einen ganz flüchtigen Überblick über die ungeheueren Strecken zu geben vermögen, die man bewältigen muß, ehe wir auf den Kriegsschauplatz gelangen. .
Wie hieß der Wann, der mir in New York mit teuer Bescheidenheit, die dem Amerikaner eigen ist, vorschwärmte, wie wundevbar bequem und luxuriös das Reisen in Amerika sei?! Wie (hieß er nur — der Judas —, der Märchenerzähler, der behauptete, etwas Ähnliches sei in Europa unbekannt, und dem ich mit der Naiven Gläubigkeit eines, minderwertigen Europäers vertraute? Sein Name mag der Vergessenheit an- gehören und wenn er schlau ist, wird er eine Begegnung mit mir vermeiden, falls ich über New York g-urückkehre.
Der Engländer und der Franzose, sie schimpfen und kriti- steren im Auslände und sind absolut nicht schüchtern, zu behaupten, daß bei ihnen zu Lande alles besser, schöner und bequemer fei. Nur wir Deutschen — Gott sei's geklagt — bestaunen und bewundern alles Fremde. Dafür sind wir bekannt in fünf Weltteilen — dafür hält man uns im Auslande auch immer zum Narren. Allerdings nicht allzulange, denn schließlich wird auch der 'gutmütige Germane smart. Rur muß er es erst hageldicht gekriegt haben.
So stehe ich — ein im besten Mannesalier stehender, und wie ich es wohl von mir sagen darf, nicht ganz ungebildeter Deutscher — nicht an, über die amerikanischen Eisenbahnen ein allumfassendes Anathema auszusprechen. Kommen Sie. bitte, nur mit! Sie werden sehen! ..... Atemloser, schwü
ler, lürmdurchbrauster Morgen auf dem New Yorker Bahnhof der Pennslstvcmiabahn — der besten in den Vereinigten Staaten. Man zählt hier etwa ein Drittel mehr als "auf KonkurvenKahnen, denn es fuhren vier verjchiedene Lmien über St. Louis nach dem Süden. Ein Mulatte nimmt die Fahrkarte ab — ein Neger übernimmt das Handgepäck und wirft es aus einen schmalen, meterbreiten !fJ^ 000 .* von 40 Meter Länge, wie ein Straß (st Lahnwagen ein Mittelgaug — beiderseits schmale Sitze für je zwo. Personen. Neben mir ein HaMndianer (üble Ausdunstungen,, vor mir eine dicke, unförmliche Mulattin m -mom Zustande den dr» unlogische Menschheit als bereits 'ntereffant bezeich
nen würde - hinter mir eine GosfenMnmpe nnt zerknüllter Bluse und zerzaustem unmoguchen ^deryut - links davon ein italienischer Hausierer mit Orangen und Bananen und soweit ich blicke, keine Mitfühlende Seele — kein Men,ch, der als Reisegesellschaft oder nur als gelegentliche Ansprache in Frage kommen könnte.
gto _ ja!", lagen Sie, „wenn ein gebildeter Merpch aber auch Dritte fahrt.
„Hall, Schätzbarster! . . . Wer soll so leben? . . . Wie haben Sie gesagt? . . . Dritte? . . . Dritte!, haben Sie gesagt?"
Oho! Las. ist die erste — die erste und einzige Wagen- klafse, denn wir sind in einer freien Republik (frei nach Be- licben zu verhungern!), und da ist der Indianer, der Mulatte und das Fräulein aus dem Rinnstein genau so viel wert wie Sie ... ja — ia . . , schütteln Sie Nicht den Kops und sagen
