Witsbs-ener TagliM
21 12 Ausgaben. „Tagblatt^aus" Nr. 6850-53.
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„Tagblatt-Haus" Nr. 6850-53.
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Morgen-klusgabe.
Donnerstag. 16. Iuli 1914.
Italien und der österreichisch- serbische Konflikt.
lVon unserem römischen Mitarbeiter.)
8. Rom, 14. Juli.
Die von Wiener regierungsoffiziösen Organen verbreitete, , im übrigen aber in Österreich-Ungarn nicht allgemein als gültig anerkannte These, daß Italien im knalle einer Verschärfung des Streites zwischen den Kabinetten in Wien und Belgrad seiner bundes- genössischen Pflicht Nachkommen würde, hat in der italienischen Presse nicht das in Wien offenbar erwartete Echo gefunden. An und für sich ist die Auslegung von den Pflichten, die Italien innerhalb des Dreibundes für den Fall eines Waffenganges Deutschlands und Österreichs gegen einen seiner Feinde zu erfüllen hätte, recht dehnungsfähig, wenn man sich die Stinunung der Organe der öffentlichen Meinung Italiens vor Augen hält. Man hat sich hier wahrhaftig nicht allzusehr über die österreichisch-serbischen Händel seit dem Tode des unglücklichen Erzherzogs Franz Ferdinand aufgeregt. Und der vom Auswärtigen Amt oft als Mundstück für die jeweilig herr- ichcnde Tendenz der höheren Negierungsinstanzen gebrauchte „Cvrriere della Sera" trifft durchaus den Nagel auf den Kopf, wenn er unter der Spitzmarke „Die Versöhnungsaktion Italiens" wörtlich schreibt: „In bezug auf die österreichisch-serbische
Spannung und die möglichen Komplikationen zwischen Rußland und Österreich hat das offizielle Dementi der österreichischen Regierung gegenüber allen alarmierenden Gerüchten, die in diesen letzten Tagen von Wien ihren Ausgangspunkt wegen der Übergabe einer österreichischen Note in Belgrad nahmen, in den politischen Kreisen Noms ein wahres Gefühl der E r l e i ch lest u n g hcrvorgerufen." Nachdem dann die Regierung in Belgrad inständig gebeten worden ist, doch einigen outen Willen zu zeigen, wenn Wien wegen der Führung oer Untersuchung vorstellig werden sollte, schließt diese offiziöse Auslassung mit der Versicherung, „daß die italienische Negierung in diesen Tagen alle ihren Einfluß aufgeboten hat im Interesse des europäischen Friedens".
An einer anderen Stelle derselben Nummer bezeichnet das Blatt die Auffassung der Wiener „Neuen Freien Presse", welche die ebenbezeichnete These am kühnsten vorgetragen hatte, als „charakteristisch" und in der gleichen Nummer bringt der „Corriere" einen Leitartikel ans der Feder des bekannten Deputierten Professor T o r r e, der sich eingehend mit der Frage des LowzenHerges, mit dem Gleichgewicht in der Adria beschäftigt und mit großer Schärfe gegen den bier und da in Österreich gemachten Versuch sich wendet, Montenegro zur Abtretung des den Hafen von Eattaro beherrschenden Lowzen zu bewegen. Dabei führt der einflußreiche „Corriere" den Reigen der italienischen Dreibundfreunde! Vergeblich habe ich mich innestbalb der 14 Tage, die seit der Tragödie von
Andreas Gryphius.
Au seinem 250. Todestage, 16. Juli.
Von Dr. Paul Landau.
Ein Vierteljahrtausend ist dahingegangen, seit der größte deutsche Dichter des 17. Jahrhunderts in das so oft von ihm besungene dunkle Tal des Todes gestiegen. Und wieder, wie vor 200, wie vor 100 Jahren scheint ihm, der lange Zeit vergessen. ja verachtet war, eine freundlichere Sonne des Ruhms zu lächeln. 1714 umstrahlte ihn noch die volle Gloriole, in der seine Zeitgenossen ihn einst gesehen. „Kein deutscher Dichter kann Gryphius den ersten Rang im Tragischen streitig machen", erklärte Ulrich König, und auch Gottsched, der ihn gern gegen ihm unbequeme Ausländer ausspielte, bezerchnete ihn als den, der es „in der Dichtkunst am weitesten'gebracht" habe. So war denn noch 1741 Johann Elias Schlegels „Vergleichung Shakespeares und Andreas Gryphs", der erste Aussatz in deutscher Sprache, der von dem britischen Dichterkönig handelt, nach Ansicht der damaligen Zeit für Gryphius durch- auS nich schmeichelhaft. „Die meisten Liebhaber der deutschen Poesie", berichtet Joh. H. Schlegel, „fanden Gryphen nicht . sonderlich geehrt, wenn man ihn nicht über feinen so unregelmäßigen und seltsamen Schriftsteller erhöhete, als ihnen Shakefpear abgemalet ward." Johan Elias Reffe freilich, der Romantiker August Wilhelm Schlegel, hat über diese Parallelisierung des deutschen Barockdichters mit dem Großmeister des Dramas vornehm gelächelt, und doch sollte bald nach seinen Vorlesungen über die dramatische Literatur, in denen er so abfällig über Gryphius urteilte, eine neue Verehrung dieses Poeten einsetzen. Achim v. Arnim fand in seinem leidenschaftlich tragischen Liebesdrama „Cardenio und Cclinde" den Stoff für sein genialisches Studentenfpiel „Halle", und wenn man von ihm sagen mutz, daß er das Beste von Gryphius lernte, so kann man in dem zweiten Bearbeiter von „Cardenio und
Serajswo verflossen sind, bemüht, in dein Blätterwald eine Stimme zu vernehmen, die in dem das Tagesinteresse von ganz Europa beherrschenden Streit um die politische Schuld an dem Verbrechen innerhalb Italiens etwas wärmer für Ö st erreich sprechen würde. Man kam nicht über den Ausdruck des Abscheus vor der Greueltat hinaus, und nur, wenn, vom neuen Thronfolger und seiner italienischen Gattin die Rede war, durfte man von Hoffnungen auf einen besseren Dreibund lesen. Oder glaubt man etwa in Wien, die Organe der öffentlichen Meinung gäben die wahre Stimmung im Volke falsch oder tendenziös wieder? Im gegenwärtigen Ministerium Salandra ist die Mehrheit der Mitglieder vublizistisch hervorragend tätig gewesen, und manche Minister schreiben nach wie vor für ihre Zeitungen. Es wäre ein W a h n, der sich bitter rächen müßte, wollte man in Wien annehmen, Italien würde bei einer kriegerischen Aktion Österreichs gegen Serbien zugunsten seines Bundesgenossen ein greifen. Dreimal innerhalb eines Jahres hat der Minister des Auswärtigen Marquis di eait Giuliano in der Deputiertenkammer (im Februar v. I., im Dezember v. I. und im März d. I.) mit allem Nachdruck, hervorgehoben, wie sehr sich Italien um Serbien und M o n t e n e g r o verdient gemacht habe, damit ihnen die Früchte ihrer Siege nicht von anderer Seite verkümmert würden. Liest man denn in Wien nicht die Inbelausbrüche sehr maßgeblicher italienischer Blätter über das Vordringen Serbiens an die Adria, über die neuen verbesserten (auf Kosten Österreichs ^er- bessert!) Handelsbeziehungen zwischen Italien und Serbien und über den Schaden der serbischen Boykottierung des österreichischen Handels?? Ja, wollte Österreich gegen Griechenland Vorgehen, das sich Italien in wenig angenehmer Weise bemerklich macht, so würde dieses gewiß Nicht zaudern, an einer bundesgenössischen Aktion t e i l z u n e h m e n. Abet g e g e n S e r b i e n» Montenegro . . .? Davon träumt in Italien kein einziger Politiker. Sie alle wünschen ein starkes Serbenreich, namantlich als Konkurrenten an der Adria gegenüber Österreich, und werden alles andere zugeben als einen Sieg der Habsburger.
politische Übersicht.
Marokko.
O Berlin, 14 Juli.
In der dritten Lesung des Etats des Auswärtigen Amtes tm-Reichstag erklärte der Staatssekretär v. Jaaow auf eine Anfrage von links, die Regierung sei entschlossen, auf Erfüllung der Bestimmungen im Marakkovertrag zu bestehen, wonach bei Lieferungen für öffentliche Zwecke deutsche Unternehmer nach den vereinbarten Verhältniszahlen zu beteiligen seien. Gegebenenfalls werde die Angelegenheit vor das Haager Schiedsncricht gebracht werden. Nunmehr wird gemeldet, daß die Verhandlungen nicht weiter vorrücken, daß die französische Regierung auf dem Standpunkt beharre, der Vertrag gelte nicht für kommunale Lieferungen, und daß
Celinde", in Jmmermann, nur einen Stümper sehen, der das düstere Pathos und dump-e «trauen des Gryphiusschen Stils in unerträglichem Schwulst und Schauder steigerte. Ludwig Tieck wies Gryphius in seiner Sammlung „Deutsches Theater" damals vor hundert Jahren einen Ehrenplatz an,, indem er drei Dramen von ihm, neben „Cardenio und Celinde noch die beiden tollen Lustspiele „Horrilbilicribifax" und den „Peter Squentz", dem Publikum zugänglich machte, und Jakob Grimm erkannte seine hohe Bedeutung für die Sprachgeschichte an. Auch wir Heutigen stehen dem Hauptlmeister des deutschen Barocks in der Dichtung wieder mit einem feiner gestimmten Gefühl für den innnern Rhythmus und die tragische Größe seines Schaffens gegenüber. Wie in der Kunstgeschichte sich eine gerechte Würdigung des Barockstils Bahn gebrochen hat, so fängt mau auch in der Literaturgeschichte an, die eigentümlichen Reize des lange geschmähten „Schwulstes" zu empfinden, und wie die bildenden Künstler zuerst für diese verachtete Periode Partei ergriffen, so lebt auch in unserer heutigen Dichtung ein starkes Empfinden für die Wirkungen dieses Stils, das sich nicht nur in den Spielereien Arno Ho-tzens, Vonbern auch in der dunklen Rhewrik Stephan Georges und der Dramcnik Hofmannsthals ausspricht.
Die dumpfe Trauer und die tiefe Tragik, die auf dem deutschen Wolke während des dreißigjährigen Krieges und nachher lasteten, haben ,n Andreas Gryphius' Dichtung ihren stärksten, innerlich erleb testen Ausdruck gefunden. Wohl h at Grimmelshausen in seinem Simplizissimus-Roman die Schrecken des „großen Krieges" realistischer geschildert, aber der Lyriker und' Dramatiker vollbrachte erst, was dem Epiker versagt war: den Seelenton, das leidenschaftliche Pathos für all dies Leiden zu finden. Wle eine seiner Tragödien selbst mutet uns die'Geschichte seiner Jugend an. Den Vater verlor e- früh, vielleicht durch das Gift eines falschen Freundes. Die Mutter starb, nachdem sie wieder geheiratet, im zwölften Jahre des Sohnes, und nun mutz er die Willkür des Stiefvaters erdulden, von dem er sagt: „Wer hat der Güter Rest
Nr. 32?. ♦ 62. Jahrgang.
die Anrufung des Schiedsgerichtshofes von Haag in der Tat erfolgen werde. Man erkennt aus der Erklärung des Herrn v. Jagow und aus der jüngsten betreffenden Mitteilung, „daß es sich um eine schon ziemlich alte Streitfrage handelt, über die zwischen Berlin und Paris jetzt bereits seit Monaten Auseinandersetzungen stattfinden. Die Weigerung der französischen Regierung, die deutsche Auffassung anzuerkennen, ist angesichts des klaren Wortlauts des Vertrages schwer zu begreifen. Wir haben nach dem Marokkovertrag den vollbegründeten Anspruch darauf, bei Lieferungen bis zum Betrage von 30 Prozent beteiligt zu werden, und nichts kann gewisser sein, als daß das Haager Schiedsgericht seine Entscheidung für uns und gegen Frankreich wird treffen müssen. Die Sache hat ihre grundsätzliche Bedeutung, insofern man in Paris der Meinung zu sein scheint, daß unsere freilich stark verkürzten, doch aber in ihrem beschränkten Rahmen unantastbaren Rechte allmählich in Vergessenheit geraten oder durch Nichtausübung hinfällig werden könnten. Davon aber darf und kann keine Rede sein. Wir sind wohl politisch, nicht aber wirtschaftlich aus Marokko hinausmanövriert worden, und von unseren volkswirtschaftlichen Befugnissen und Forderungen wird nichts aufgegeben werden. Die Verhandlungen mit Paris werden selbstverständlich mit aller Sachlichkeit und Ruhe geführt. Bei der Unerschütterlichkeit unseres Standpunktes ist zu Gereiztheit unsererseits auch gar kein Anlaß vorhanden.
postlagernde Sendungen.
Die Großstadt bringt erfahrungsgemäß für die Jugend, und namentlich für die gebildete, vielfach schwere sittliche Gefahren mit sich. Das beweist ganz besonders die Berliner Jugend, gegen deren exzentrisches Wesen bereits in der Tagespresse aller Richtungen zu Felde gezogen worden ist. Man braucht nur an die traurige Berühmtheit der Tauentzin- straße zu denken, deren abstoßende Verkehrsbilder in letzter Zeit ganz besonders den Unwillen aller Rechtdenkenden her- vorricfen. Aber was sich hier vor den Augen der Öffentlichkeit mit oft staunenswerter Nonchalance abspielt, mag noch nicht das Schlimmste sein. Viel gefährlicher für Sitte und Moral unserer Jugend sind die „Heimlichkeiten", mit. denen sie sich herumträgt und van denen niemand etwas wissen soll und darf. Sie sind natürlich sehr verschiedener Art und man kann ihnen oft nur dadurch beikommen, daß man die Mittel bekämpft, die ihnen Gelegenheit zu solchen Heimlichkeiten bieten. Da ist von nicht zu unterschätzender Bedeutung die Einrichtung der postlagernden Sendungen. Leider wird ihre Ausnutzung durch Jugendliche immer noch nicht in dem Umfang gewürdigt, wie es notwendig ist. Man gehe einmal auf die Berliner Postämter und beobachte die Ausgabeschalter; man wird staunen, wie erschreckend viel junge Burschen und Backfische dort zu- und abgehen. Es hat einmal eine Zeit gegeben, da man vergnüglich über diese Typen der Briefempfänger lächelte, heute aber wächst die Sorge um die Zukunft der Jugend, wenn man dies Treiben beobachtet. Das sittliche Niveau der zukünftigen Generation droht bedenklich zu sinken, wenn wir nicht mit eiserner Hand dazwischen- fabren, die erotischen Träumer aufrütteln und sie durch strenge Zucht zu brauchbaren Stützen der Gesellschaft machen. Und da scheint es eben vor allem notwendig, diesem gefährlichen Nachrichtenaustausch zu steuern.
Freilich, die Beantwortung der Frage: Wie? ist nicht eben einfach. Bisher hat sich auch die Reichspostverwaltung nicht
nicht diebisch mir entzogen / und mein«« Geist gekränkt und mich mit List betrogen!" Der ältere Bruder, der ihm Trost und Hilfe gewesen, erliegt dem großen Sterben; auch eine Schwester verliert er; die Geliebte wird ihm von der Pest dahingevafft, und er erlebt den Untergang dreier Städte, in denen er seine Jugend verbracht, von Glogau, Fraustadt und Freistadt, durch riesige Feuersbrünste. So wird der frühreif« Knäbe zwischen den grausigen Gespenstern des schwarzen Todes, zwischen dem schwelenden Qualm gefräßiger Brände und zwischen den Greueltaten einer entfesselten Soldateska zum Dichter, und tm Pestjahr 1633 entsteht seine erste Dcch- lung, das lateinische Heldengedicht „Die Wut des Herodes und die Tränen der Rahel", das lange verschollen war und ums erst vor kurzem in einer musterhaften Ausgabe neu geschenkt^ worden ist. Schon hier steht der junge Poet, der sich mit erstaun- licher VieHtvinertN bic Bausteine für fein ©po§ aus bet ganzen antiken und mittelalterlichen Li eratur hevberholt, cruf der Höhe künstlerischer Kraft und bietet m der schroffen Gegenüberstellung von Licht und schatten, in der Ausmalung blutiger Greuel und widerlicher Grausamkeit, in dem Pathos grandioser Deklamationen ein echtes Barockwerk. Die Wände- rung durch das Totenreich im 2. Teil atmet nicht nur die „Moderluft aus Dantes Hölle", sondern auch etwas von der ernsten Monumentalität des großen Florentiners, die Gryphius in seinen späteren Werken Hisjveilen zu erreichen weiß.
Hatte das Schicksal den jungen Gryphius tief hineinge- stotzen in die schweren Ängste und Nöte seiner Zeit, so verlieh es ihm, gleichsam um dem Dramatiker die so notwendige Allseitigkeit des Fuhlens zu gewähren, auch eine glückliche Periode voller Mut und Hoffen, die das Beste in seinem Schaffen her- anreifen ließ. Seinen Gönner und Freund, den kaiserlichen Pfalzgrasen Georg von Schönborn, mußte er freilich noch in seinen Armen sterben sehen. Dann aber ging er. 27 Jahre alt, als Begleiter einiger reicher Jünglinge nach Holland, Frankreich und Italien und lebte sorgenfrei, nur der Aus-
