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Mittwoch. 15. Juli 1914.

Morgen. Kusgabe.

Nr. 325. . 62. Jahrgang.

8rdeiismmrtz und innere Kolonifatioit.

Von Dr. H. Pachnicke,

Mitglied ldes Reichstags und des Preuh. Abgeordnetenhauses.

Man kann den Großgrundbesitz nicht zugleich binden und aufteilen. Entweder wird das Fideikommiß oder die innere Kolonisation be­günstigt, je nachdem die Rücksicht auf die Land- Magnaten oder auf die Kleinbauern und Landarbeiter vorherrscht. Beides zur selben Zeit zu wollen, ist ein Widerspruch.

Aber in Preußen schreckt man vor einer Politik der Widersprüche nicht zurück. Hier wird ein F l d e i- kominttzgesietz mit der Begründung vorgelegt, daß ein leistungsfähiger Großgrundbesitz zur Festigung der Familengemeinschaft und zur Forderung der Landes­kultur erhalten werden müsse. In Wahrheit liefe das Gesetz nicht bloß auf die Erhaltung, sondern auch auf die L e r m e h r u n g des gebundenen Besitzes in der Praxis hinaus. Denn wenn die Widmung landwirt­schaftlichen Grundbesitzes zu eineni Familtenfidel- kommiß in der Regel bis zu 10 vom Hundert der Fläche eines Landratskreises zulässig fern soll, so be­deutet dies für die meisten Kreise eine ganz erhebliche Zunahmemöglichkeit. Zunächst wird an dem gegen» Martinen Bestände, der in einzelnen, Kreisen wen über 10 Prozent hinausreicht io,m Plbn brs zu 45,4, m. Wittgenstein bis zu 53, in Hirschberg bis zu 35,6, n Moldenbura bis zu, 33,9, in Rügen brs zu 29,1, rn Adelnau bis zu 39,6, in Schlochau 20,1, in Mohrungen 20 1 nichts' geändert. In anderen Krenen dagegen, tue bisher eine gesundere Besitzverteilung ausweisim, könnte ein Fideikommiß nach dem anderen neu ge­schaffen werden, ehe die Grenze von 10 Prozent erreicht ist Das Herrenhaus hat den Regierungsentwnrf noch überschritten: es will die Zehnvomhundertgrenze über- Haupt nicht gelten lassen, wenn das Stammgui sich be­reits 50 Jahre im Besitz des Mannesstammes der zum Fideikommißbesitz berufenen Familien Befindet. Ob diese fünfzig Jahre aufrecht erhalten bleiben oder durch sechzig ersetzt werden, wie die Kommission de^ Abge­ordnetenhauses beschlossen hat, ist dabei ziemlich gleich-

^Rnn dehnt sich aber schon unter der Herrschaft des jetzigen Rechtszustandes das Fideikammiß- weien fortgesetzt aus. Entfielen auf ^idei- komm'sse von der Gesamtfläche des vrsiißischen Staates am Ende des Jahres 1895 bereits 6,1 Prozent, so war ffk%Kcr im Me M J912 o«f 7

gestiegen, absolut genommen auf 2 449 225 Hekuir.^. er siberbandnabme der Bindung wird auch keineswegs eine Schranke dadurch gesetzt, daß zu wder Errichtung eines neuen Fideikommsisses die staatliche m der Reg fnp röinrrTrrhp Menelimnnmg em-ubolen ist. Der König

wird durch Mnister beraten, deren Auge sich auf das Herrenhaus und auf die deutschkonservative Partei dch Abgeordnetenhauses zu richten pflegt Die Perspektive ist also den liberalen Bestrebungen sehr ungünstig. Bel einer Zunahme nach dem Durchschnitt der letzten s ^ zehn Jahre wurden tn 54 Jahren 10 Prozent oes Staatsgebietes fideikommissarisch gebunden MM bei dem Wachstum der letzten fünf ^ahre sogar schon m 39 Jahren. Das neue Gesetz kann unter dem Driicke der jetzigen Regierungsmehrheit den landwirtschaftlichen Besitz dem freien Markt noch mehr und noch schneller

entziehen. r ,.

Während so der weiteren Zusammenballung me Bahn geebnet wird, erscheint auf der anderen Seite

. rundteilungsgesetz-entwurf zu dem

«weck,die innere Kolonisation Mittelbar und UN mittelbar zu fördern". Hierzu sollen nicht nur die Er böhung bei Rentenbankkredits für Kleinbetriebe auf neun Zehntel des Taxwertes und neue Mittel für Zwr schenkredit in Höhe von 75 Millionen Mark, sondern auch so umstrittene Maßregeln wie das Recht zum Rücktritt vom Vertrage und das V e r k a u f s- recht des Staates dienen. ,Das Rechr zum Rück­tritt vom Vertrage bei Kaufgeschäfte mit einem Guter Händler verstößt gegen Treu und Glauben, xxu Ber kaufsrecht soll der ungesunden Preissteigerung^ent aeaenwirken und den Erwerb von geeignetem sied lungsland erleichtern. Wer sich mit diesem starken Ern ariff in das Privateigentum befreunden kann, muß zum mindesten wünschen, daß alle Teile der Monarchie gleich- mäßig daran beteiligt werden, und daß das Verkaufs recht auch tatsächlich einzig und allem für die große Zukunstsaufgabe der Schaffung v°n Klembesitz au^ge' Wt. also auf größere Besitzungen beschrankt wird. Ent- aegen dieser Voraussetzung hat die Kommission des Abgeordnetenhauses einen konservativen Antrag ange­nommen, wonach das Verkaufsrecht schon bei fünf Hektar Land eintreten kann. Andererseils sollen nur die- jeniqen Grundstücke unter das Verkaufsrecht Men. die sich weniger als zehn Jahre m derselben Hand be finden. Damit entfernt man sich von dem Ziel der inneren Kolonisation in doppelter Hinsicht. Ernge zogen wird das Kleingut, das man ungestört fortbe stehen lassen sollte; ausgeschlossen wird der übrige Grundbesitz, dessen Zerkleinerung das. Verkauf-recht, er leichtern sollte. Was dann noch uorig bliebe, waren die sogenannten walzenden Güter, die sich erfahrungk mäßig für die Aufteilung nur ra seltenen Fallen erg neu. Die Zweckbestimmung ist 8 12:Forderung der inneren Kolonisation und Erhaltung einer den gomem- wirtschaftlichen Interessen,, entsprechenden Grundbesitz Verteilung" wird die ungünstige Wirkung, solcher Be schlüsse nicht korrigieren, schon deshalb nicht, weil der Begriff des gemeinwirtschastlichen Interesses viel ^zu

dehnbar ist. Dem Mißbrauch öffnet sich hier Tür und Tor, sowohl dem parteipolitischen wie dem, national- politischen Mißbrauch. Daß diese Vorlage eine Masse im Naffonalitätenkampf bilden soll, geht aus ihrer Ent. stehungsqeschichte deutlich genug hervor.

Die innere Kolonisation will der Landwirtschafts» minister allerdings fördern. Aber sie findet nach jeiner Auffassung und Äußerung ihre Schranks in dem gegen- wärtigen Stande der Preise für Grund und Boden und auch in der Erwägung, daßdas Ziel der inneren Kolo­nisation doch keineswegs die Aufteilung und Zertrüm­merung des ganzen Großgrundbesitzes, sondern nur die zweckmäßige Mischung von großem,, mittlerem und kleinerem Besitz sein kann". Nur in dieser Vogrenzung widmet sich das Ministerium der Aufgabe,, dabei stets betonend, daß eskeine Überstürzung, kein allzu be­schleunigtes Tempo" geben kann. Das ist nicht öw Sprache eines Mannes, der den eisernen Willen zu einer umfassenden Kolonisationsarbeit hat, sondern der behutsam nach einem Ausgleich zwischen den Forderun­gen der Zukunft und den Stimmungen der gegenwa^ tigen Landtagsmehrheit sucht. Darum ist denn auch bisher so wenig auf diesem Gebiete geschehen im Ver­gleich zur Größe und Bedeutung des Zieles., Ganze 6.. Domänen oder Teile von solchen waren es.,die wahrend der letzten zehn Jahre, von 1913 an zuruck gerechnet, für Aufteilungszwecke zur Verfügung gestellt werden. Die Schaffung von Landarbeiterstellen ging besonders langsam vor sich. Die Unterstützung der Siedlungs­gesellschaften hielt sich in verhältnismäßig engen Gren­zen Den gelegentlich auch von freikonservativer, immer aber von fortschrittlicher Seite vertretenen Gedanken, daß der Staat selbst als Kolonisator auftreten müsse, wies Herr v. Schorlemer beharrlich ab.

Unter einer solchen Leitung würde das Grund- teilungsqesetz schwerlich zu einer großMgigen koloni­satorischen Arbeit führen, selbst wenn die Entfernung der Schlacken gelänge, die chm anhaften,. Tatsächlich droht es unter den Händen der Kommission eine noch bedenklichere Form anzunchmen. Die Interessenver­tretung des Großgrundbesitzes kann eben nicht aus ihrer Haut heraus. Ihr Ideal ist es, einen möglichst großen Stand politisch einflußreicher Gutsbesitzer zu erhalten, und sie machen dem Siedlungsgedanken nur so wert Zugeständnisse, als dieses ihr Standesinteresse dadurch nicht gefährdet wird.

Die Liberalen dagegen treiben Bauern- voffittzk und gehen freudig mit, wo sie hoffen dürfen, das Übergewicht des Großguts zu beseitigen, Bauern­dorf an Bauerndorf zu reihen und Landarbeiterstellen in einem Umfang zu schaffen, der den auslän­

discher Arbeitskräfte entbehrlich macht. Aber der übe- rale Zweck wird sich mit konservativen Mitteln nicht erreichen lassen.

Nackidruü «erböte»

Wem Einbrecher.

Einem wirklichen Erlebnis nacherzählt von Frau H. Bohrmann.

Vor etwa einem Jahre bewohnten wir in eine- Stadt Neu-Mexikos das typische Ndobehaus mit seinem P (D nnmwrter Lol der von allen Seiten vom Hause umgeben wird und dem gedeckten Gange, der zu den hinteren Raum- lichkeiten führte. Mein Mann, bereits längere Zeit ein In­genieur der A-T.-S.-F.-Bahngesellschaft, hatte einige Tage vor meinem h er zu berichtenden Erlebnisse unsere ganzen vor meinem Y 3 *L 0 m um baS Geld anderweitig

SS. w» wi- bi, SU»»,

im Hause, welches ziemlich abseits von denen der übrigen Angestellten lag, aber doch nahe an den Werkstätten.

war bereits spät nachmittags geworden, ich befand .Jz kleinen Kammer, deren Ausgang nach dem

Patio lag, und war emsig beschäftigt, einige Kaktuspflanzen zu verpacken, welche als Kuriositäten nach dem Osten geschickt werden sollten. Plötzlich ertönten neben mir, von einer rauhen Stimme gesprochen, die Worte: ..Kann ich hier 'n bgsen wat

6U e L" ersten" Augenblick war ich fast gelähmt vor Entsetzen, dann aber mich mit aller Gewalt zusammcnnehmend, wandte iL meinen Blick 7er Tür zu und sah in deren Rahmen einen riesengroßen Kerl stehen, der mich mit einem ganz meder-

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fangen als möglich. ..Wie sind Sie d-nn hereingekommen?

Der Stromer musterte mich sekundenlang mit einem Blick, der mir das Herz stillstehen machte, und knurrte dann:Durch die Haustür/und jetzt hören Sie mir md 3«: ^ von Ihnen ein gutes Nachtessen, aber n brßchm, plötzlich, und obendrein will ich das Geld, nach dem 'ch schon das ganze Haus durchsucht Hab' - da ist es - also müssen Sie es be.

^ Ä? stotterte ich entsetzt, denn ich trug dasselbe wohl verwahrt in meiner Kleidertasche und hatte keinesfalls die Absicht, es gutwillig herzugeben,wir haben kern Geld. __

.Sie laufen mich wohl für 'neu Dummen, Madamcyen ,

höhnte er und kam auf mich zuMachen Sie keine Umstände und geben Sie es mir her, haben mutz und will ich es. Ich Hab' gestern abend aufgepatzt, wie Sie es emsteckten und bm den aanzen Tag auf der Lauer gelegen, um es ^hnen abzu- nchmen? also her damit, ehe Ihr Alter kommt, sonst . . . und

Cr ^NiechMelch geglaubt, daß der Mensch, selbst^« solcher verzweifelten Lage, so rasend schnell denken kann > ,

Tank! Während ich anscheinend ratlos umherblickte, fanb td) einen Ausweg. Der Schlüssel steckte von außen ^ Schloß, wenn ich nun den Schurken mit irgend etwas beschäftigen könnte, wäre es möglich, unbemerkt zur ^uri hmauszu- schlüpfen, diese von draußen zu versperren und Hilfe herbe,- zuholen. Fenster hatte der Raum, den wir als Vorrats- und Gerümpelkammer benutzten, wicht, und dre Dir war aus starkem Holze gearbeitet. Möglich war der Plan, aber ferne Ausführung stellten sich einige Schwierigkeiten ensizegen.

Mein bißchen Mut zusammennehmend, sagte ich so gleich­mütig als möglich:Gut, ich will Ihnen etwas zu etzen hown - setzen Sie sich hier an den Tisch da haben Sie auch das Geld", und zögernd nahm ich den Leinenbeutel aus der Tasche, zog einen Stuhl so herbei, daß der Tisch zwischen dem Ver­brecher und mir war, und legte das Säckchen, rn welchem dre Goldstücke so lockend klirrten, auf den Platz vor dem Stuhle, dann schob ich meine Packlisten mit den Kaktusstauden. Bet- feite.Ich mutz der Gewalt weichen", fügte ich mrt einem

resignierten Aufseufzen hinzu. .

Der Kerl trat hinter den Tisch, leerte den Sack aus und fing an, das Geld zu sortieren. Er schien zu glauben, daß er von mir nichts zu befürchten habe - was konnte eine schwache Frari gegen seine Riesenkraft tun? Sich sicher fühlend, nahm er auf dem Stuhl Platz, schob die Kisten verächtlich weiter ab und sagte barsch:Jetzt aber schnell mit dem Futter, Madam­chen, sonst wird es mir zu spät für meinen Zug.

AH right", erwiderte ich widerstandslos rnem Herz klopfte so laut, ich meinte, er müsse cs hören. Achtlos fast packte ich die Wurzel des Stachelbirnenkaktus, als wolle ich die Pflanze aus seinem Wege räumen; statt detzen schlug ich die Zweige mit aller Kraft in sein Gesicht, schoß zur Tur hinaus und hatte diese blitzschnell zugeschlagen und verschlossen, ehe mein Gast sich rühren konnte. Drautzen lehnte ,ch mich.

einen Augenblick gegen die Wand, um das Zittern meiner Glieder zu überwinden, dann aber eilte ich so schnell,^ als miL dies möglich, nach den Werkstätten um Hilfe. Rach einer mrr endlos erscheinenden Zeit in Wirklichkeit mögen ^es kaum fünf Minuten gewesen sein, war ich dort und erzählte mir fliegendem Atem, was mir zugestotzen. Zwei Männer, der eine davon war der bekannte DetektivDiamond Dick , be­gaben sich sofort mit mir zurück.

Als wir vor der Tür standen, konnte man die fluche und Verwünschungen des geprellten Einbrechers deutlich verstehen. Dick rief ihm zu, sich zu ergeben, sonst würde man ihn nieder- schietzen. Mit aller Vorsicht öffnete Dick die Tür, wahrend der zweite Mann mit gespannter Waffe dastand, um beim geringsten Widerstand des Kerls loszudrücken. Aber der aik das Tageslicht tretende Tramp war völlig ungefährlich, und wie sah er aus! Das ganze Gesicht mit Stacheln wie be;at, denn die leiseste Berührung löst diese und es ist fast unmöglich, sie aus der Haut zu entfernen; und wo enngc der stärkeren. Dornen eingedrungen waren, rannen kleine Blutstrome herab. Als er mich hinter den Männern gewahr ward, warf er mir einen so haßerfüllten Blick zu, daß nur k>as Blut zu Eis gerann. Ohne jeglichen Widerstand petz cr sich Handschellen anlegen und ins Gefängnis abfuhren. Kaum waren die drei ! Männer um die Straßenecke verschwunden, «... mein Mcrml heimkam; ehe ich jedoch ein Wort Hervorbringen konnte, ward es schwarz vor meinen Augen, und ohnmächtig lag ich in den Armen meines erschrockenen Liebsten der solcherlei Er- scheinungen bei mir noch me erlebt hat.e.

Mein Stromer erwies sich als ein entflohener Sträfling, auf dessen Kopf eine sehr große Belohnung gesetzt war. Der Richwr vor welchem die Verhandlung geführt ward, schien überrascht, daß ich kleine, schwache Frau durch eine so autzer- aewöhnliche Waffe den riesigen Mann bezwungen.

U Unser wiedererlangtes Geld, von welchem ich mich aus kurze Zeit hatte trennen müssen, zusammen mit der hohen Prämie/die mir der Staat zahlte, ermöglichte es uns, in meiner Vaterstadt ein schönes Heim zu erwerben, in welchem wir ein glückliches Leben führen, frei von Sorgen. und Kümmernissen. Die Pflanze, welche mir so gute Dienste leistete, habe ich mitgenommen; sie scheint in ihrer neuen Umgebung sich heimisch zu fühlen.