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Wiesbadener TagbIM.

Verlag Langgafse 21 »Sw, 12 flUSQöbSIt. '"W' ..xaqblatt-Haus- Jr. 6650 - 53 .

„Tagblatt-Hans". U/Ow“HIllw —- “ Von 8 Uhr morgens bis 8 Uhr abends, außer Sonntags.

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„Tagblatt-Haus" Nr. 6650-53.

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Montag, 13. 'Uli 1914.

klbend-klusgabe.

Nr. 320. - 62. Jahrgang.

lver tragt die Schuld an den albanischen wirren?

Eine Unterredung mit einem Albanesen.

II. K- Berlin, 12. Juli.

Ich hatte heute eine Unterredung mit dem Stell­vertreter des türkischen Generalkonsuls in Berlin Hakki- Bei, der ein Albanese ist und ,die Lage in Albanien gut kennt. Nach seiner Ansicht hat Zwar der Fürst Wilhelm mancherlei Fehler begangen, die seine Lage erschwert haben. Aber selbst ein tüchtigerer Mann wäre bei dem Verhalten der Großmächte nicht vor- angekommen. Die größere Schuld trifft die Groß­mächte, wenn die Regierung in Albanien heute so schwach ist. Den Hauptfehler hat der Fürst dadurch be­gangen, daß er zu früh — dem allgemeinen Drängen folgend — nach Albanien sich auf den Weg gemacht hat. Er hätte die Regierung nicht eher antreten sollen, als bis einerseits die Griechen aus Südalbanien ver­trieben und die Ruhe daselbst völlig gesichert war, und bis andererseits ihm genügend Geld — 75 Millionen sind sogar noch zu wenig — zur Verfügung stand. Da­durch, daß der Fürst in das entsetzlich arme Land ohne Geld gekommen ist und daß ihm,auch heute erst ein paar Bettelgroschen gegeben sind, ist er zur völligen Ohnmacht verurteilt. Als die Albanesen sahen, daß der Fürst kein Geld ins Land brachte, sahen sie. daß gegen früher nichts besser war und machten sich über den Fürsten lustig. _ .

Als dann durch den Vertrag von Korfu Sud­albanien halb selbständig geworden war — der wrch- i tigste christliche Teil des Landes — brach der Aufstand los. Fetzt, sagten sich die Mohammedaner, sind wir in der weitüberwiegenden Mehrheit, über % der Bevölke­rung, da wollen wir auch einen mohammedani­schen Fürsten haben.

Die Hauptschuld trifft Ö st e r r e t ch, das zu wenig Initiative entwickelt hat. Es hätte die Großmächte auf jeden Fall zur Flüssigmachung der Anleihe veran­lassen sollen. Nötigenfalls mutzte es selbst mit Geld- erschießen gegen entsprechende Sicherheit vorangehen. Fetzt ist anzunehmen, daß nach einiger Zeit ein moham­medanischer Fürst gewählt wird. Das verstärkt das Übergewicht der I t a l i e n e r, die es mit den Moham­medanern halten. Diese werden dann schon Geld ,n Bewegung bringen und dafür sich eine Kontrolle der albanischen Finanzen sichern. Österreich hat dann höch­stens noch die vaar Malissoren und Miriditen für sich und kann sie vielleicht abtrennen. Das ist, ia nicht, schwie­rig, denn eine albanische Nationalität gibt es nicht.

Eins Nslabsln-Versammlung beim Mbret.

Dnrazzo, 11. Juli, Heute fand unter dem Vor­sitze des F ü r st e n eine aroße Versammlung von Notabeln statt, an welcher Prenk Bibdoda, Jsmael Ke mal Und etwa 40 angesehene Vertr-ter auS Nord-, Mittel- und

Südalbanien teilnahmen. Einige Teilnehmer rieten dem Fürsten, sich wegen Entsendung fremder, Hmf-- truppen an die Mächte zu wenden, während die übrigen Teilnehmer sich dagegen aussprachen und ihre Stellung­nahme dahin präzisierten, daß der Fürst sich darauf beschran­ken möge, von den Mächten die Garantie der in London festgesetzten Grenzen Albaniens zu verlangen. Bei dieser Gelegenheit kam es von verschiedenen Seiten zu S Y m- p athi ekund geb ung en für den Fürsten. Am bemer­kenswertesten sprach sich in dieser Hinsicht I s s a t B o l j e t l - natz aus, der erklärte, obwohl der Fürst nicht aus unserer Wahl hervorgegangen ist, sondern uns von Europa bestimmt wurde, halten wir heute treu zu ihm. Sollte sich der Fürst gezwungen sehen, uns zu verlassen, so möge ein anderer das Mandat nicht übernehmen. Die Albanesen sind nicht Kinder, mit denen gespielt werden kann. Am Schluß der Beratung folgte eine abermalige Sympathiekundgebung für den Fürsten. Das Ergebnis der Beratung wurde von allen Teilnehmern als überaus befriedigend bezeichnet, da in ihrem Ver­laufe die vollständige Ü b e r e i n st i m m u n g zwischen den mohammedanischen und katholischen Teilnehmern zutage trat, ihren Fürsten zu stützen.

Demission des Kriegsministers.

Dnrazzo, 12. Juli. Der Kriegsminister M u f i d B e h hat gestern seine Demission überreicht. Sicherem Vernehmen noch wird der Fürst morgen die Demission annehmen. Übertragung der Rcgierungsgcwalt an die Internationale Kontrollkommission?

Nom, 11. Jul'.. Nach einem in hiesigen maßgebenden Kreisen umlaufenden Gerücht find die Großmächte über- eingekommen, zum Vorsitzenden, in der Internationalen Kon­trollkommission, wenn diese an Stelle des Fürsten die höchste Staatsgewalt in Albanien übernehmen sollte, den englischen Kommissär Lamb zu berufen.

Schlechtes Benehmen der Regierungstruppen vor Koritza.

Dnrazzo, 12. Juli. Aus V a l o n a wird gemeldet, daß die holländischen Offiziere nach der Besetzung Koritzas durch die Epiroten am 9. Juli mit nur 80 Mann nach Valona zu­rückgekehrt sind, da die 2000 Mann betragenden Regierungs­truppen vor dem Feinde sich vollständig auflösten.

Das Vordringen der „Epiroten" (regulären griechischen Militärs?)

Dnrazzo, 11. Juli. Einer Meldung aus dem Süden zufolge rücken die Epi roten unaufhaltsam vor und haben bereits den Distrikt Skropar besetzt. Nach den Aussagen des heute hier eingetroffenen Präfekten von Valona bestehen die vorrückenden Truppenteile aus regu­lären griechischen Mannschaften. Berat ist ge­fallen.

Griechische Grcueltatcn in Südalbanicn.

Rom, 13. Juli. . Sämtliche italienischen Blätter berich­ten über unerhörte Greuel, die angeblich seitens griechischer Offiziere bei der Einnahme von Koritza begangen worden sein sollen. Wehrlos wurden Männer, Frauen und Kin­der massenhaft hingeschlachtet. 200 . Frauen und , Kinder wurden zusammengetrieben, vergewaltigt, nieder­kart ä sch t. Ms die größten Scheusale erwiesen sich die griechischen Geistlichen, die dem „Giornale d'Jtalia" zu­folge die Serie der Gewalttätigkeiten eröffneten und uner­

hörte Grausamkeiten verübten. Holländische Offiziere haben mit wenigen Truppen bis zuletzt einen heldenmütigen Ver­zweiflungskampf gekämpft. Die italienischen Blätter appel­lieren an das humanitäre Gewissen Europas. Kein Athener Dementi könne, so wird hinzugefügt, die fürchterliche Wayr- heit aus der Welt schaffen.

Zographos und das Abkommen von Korfu.

Valona, 11. Juli. Die Kontrollkommission hat gegen­über dem Präsidenten der provisorischen Regierung für Nord- epirus, Zographos, unter dem Hinweis auf die Ab­machungen von Korfu gegen das Vorrücken der Epiroten uru die Überschreitung der vereinbarten neutralen Zone Ver­wahrung eingelegt. Zographos erklärte, daß die Aktionen gegen seinen Willen erfolgt seien und er habe bereits Gegenbefehl erteilt.

Turkhan-Pascha in Berlin.

Berlin, 13. Juli. Der gestern abend aus Petersburg hier eingetrosfene albanische Ministerpräsident Turkhan- Pascha sagte einem Mitarbeiter der „Voss. Ztg.", daß er vor­aussichtlich drei Tage in Berlin bleiben wolle und dann seine Weiterreise nach Paris fortsetzen werde.

Eine österreichische Gebietserwerbung an der albanischen Küste?

Rom, 12. Juli. Der „Corriere della Sera" veröffent­licht eine Depesche aus Durazzo, wonach Österreich im Be­orisse sei, ein ausgedehntes Gelände in der Nähe von Valona, den sogen. Hügel Pascha Bimani, zu erwerben. Das Terrain besitze einen der besten strategischen Punkte der Bucht von Valona. (Die Meldung klingt sehr unwahrscheinlich, da bei einer solchen Erwerbung Österreichs Italien nicht ruhig zu- sehen könnte.)

Auflösung des Berliner Werbeburcaus.

Berlin, 12. Juli. Das hiesige Werbebureau für Albanien hat sich nunmehr offiziell, wie sein Leiter mitteilt, wegen „unüberwindlicher Schwierigkeiten" aufgelöst.

Oke österreichisch-serbische Spannung.

Der österreichische Schritt in Belgrad.

* Wien, 12. Juli. Die „Reichspost" meldet, daß in der kommenden Woche der österveichischqungarische Gesang in Belgrad die ersten Schritte bck der serbischen Regie­rung unternehmen wird. Der gemeinsame Ministerrat werde dann, den Be'dü-rfmssen dar Verhandlungen entsprechend, weitere Beratungen halten.

Italienisch-deutsche Vorstellungen in Belgrad.

* Wien, 12. Juli. Rach einen Meldung der „Reuen Freien Presse" aus"Rom wird der italienische Ge­sandte in Belgrad im gegebenen Fall die diplomatische Aktion Ssterreich-Unga-rns gegen die gro-ßferbischen Umtriebe im Interesse des gemsinsamen Friedens mit seinem deut­schen Kollegen, Freiherrn v. Griesinger, in versöhnlichst- fteundschaftlicher Form u n t e r ft ü tz e n. In hiesigen leiten­den Kreisen ist man indessen überzeugt, daß die serbische Regierung die billigen Forderungen Österrsich-Ungarns freiwillig erfüllen wird, ohne eine diplomatische Intervention der Mächte abzuwavten.

Aus dem Leben Jul.Aodenbergs.

Nun ist Julius Rodenberg dem Lebensfreunde Karl Fvenzel rasch nachaefolgt in jenes bessere Leben, auf das auch er sich schon seit langem mir dem klaren Sinn des Philosophen vorbereitet. Wie der tapfere Kapitän als Letzter seiner Mannen das Schiff verläßt, so ist er, der Begründer der ..Deutschen Rundschau", als der Letzte aus jenem Kreise da­hingegangen, der sich dereinst um ihn geschart und mit ihm zusammen eine glänzende Epoche unseres Schrifttums her­ausgeführt hatte. Noch im Juliheft seiner Zeitschrift hat er,

. der'so vielen in diesen Blättern die Leichenrede gehalten. Karl Frenzel den Nekrolog geschrieben. „Als wir in das Sterbezimmer traten, in das durch das Grün der Bäume vor dem Fenster die Morgensonne schien, sahen wir ihn hinge- i streckt auf dem Lager, ruhig schlummernd und ohne jede Spur von Schmerz, so daß auch wir mit dem Gefühl tiefer Ruhe von dem teuren Toten schieden." So ruhig ist auch er nun w eine andere Welt hinübergeschlummert, nachdem er noch vor kurzem sein Saus bestellt und die Redaktion der „Deut­schen Rundschau" in andere Hände gelegt hatte. Ein „Stratege der Literatur" ist in Rodenberg dahingeschieden, ein Meister der Organisation, der genug Herzensgute und Lebenskraft um in anderen poetische Kräfte zu entbinden und ihr ' Schaffen zu befruchten; er war ein Genie der Freundschaft vnd der geborene Herausgeber einer Zeitschrift, die durch ihn äu m Kulturfaktor wurde. Dieser Trieb regte sich schon in *>ein Gymnasiasten auf der Schule in Rinteln, wo er eine Zeitschrift „Blätter und Blüten" begründete und seine Mit­schüler zur Mitarbeit heranzog. Wie stolz war er auf diese 1 -Revue", die von einem befreundeten Gerichtsschreiber kali- Naphisch zu Papier gebracht wurde und allsamstäglich in vinein Exemplar erschien. Damals tat er die ersten, ehr- chrchtig scheuen Blicke in die wirklich gedruckten Zeitschriften jZner Zeit. „Ach, wer es mir damals gesagt hätte, als der Ehrgeiz, in eines dieser Blätter zu kommen,-zaghaft in mir

erwachte, daß es noch einmal meine Bestimmung sein sollte, den anderen den Eingang zu gestatten oder zu verwehren!" In seinen Studentensahren lernte er dann die hohe Schule der Diplomatie beim alten Varnhagen und traf in diesem er­lesenen Kreis mit den Führern des geistigen Berlin zu­sammen. Zu dieser vornehm höfischen Atmosphäre, die er uns in seinen Erinnerungen so lebendig geschildert, stand rn einem feinen Gegensatz die stille Gelehrtenluft im Hause der Brüder Grimm, von denen der hessische Landsmann freund­lich ausgenommen wurde. Hier beginnen die Beziehungen zu Hermann Grimm, der der getreueste Mitarbeiter RodenbergS wurde und während seines Schaffens an der „Deutschen Rundschau" zum klassischen Prosa-Schriftsteller heranrerfte. Niemals wird die deutsche Literatur vergessen dürfen, welch einen gewaltigen Impuls unser Schrifttum durch Rodenbergs Tätigkeit erhielt. Schon in seinem „Deutschen Magazin" ver­einigte er eine Reihe bedeutender Geister um sich; seine zweite Zeitschrift, „Der Salon für Literatur, Kunst und Gesellschaft", hat z. B. das deutsche Publikum zuerst Turgenjew kennen gelernt.

Aber das waren nur Vorstufen für die „Deutsche Rund­schau", die zu einem wahren Pantheon der deutschen Dich­tung im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde. In dem niedrigen Redaltionszimmer des Gartenhauses in der Lützowstraße, wo die drei „größten" Mitarbeiter, Dingelstedt, Turgenjew und Putlitz, mit den Köpfen an die Decke stießen, hat ein bedeutendes Stück Literatur das Licht der Welt er­blickt, das heute einen Ehrenplatz in unserer Kultur einnimmt. Die Hochblüte der Essaykunst, deren Meister Hillebränd, H. Grimm, Gildemeister, Scherer waren, wurde hier von Rodenberg gepflegt und entfaltet. Die Dichter, deren Werke heute zu unserm schönsten Besitz zählen, wurden hier für, ein größeres Publikum entdeckt, so Fontane, C. F. Meyer, Linse v. Frangois, Marie von Ebner-Eschenbach und vidle andere. Das größte Verdienst um unsere Dichtung aber hat sich Roden­berg dadurch erworben, daß er Gottfried Keller einige seiner köstlichsten Dichtungen entlockte. Man darf wohl iaaen. dan

ohne Rodenbergs diplomatisches Geschick weder die „Züricher Novellen" noch „Das Sinngedicht", noch der '„Martin Salan- der" entstanden wären. Durch seine kluge, eindringlich mahnende und liebenswürdig sonnige Art wußte er die alte. Unlust des Dichters, etwas fertig niederzuschreiben, zu über­winden. Freilich hat es dabei harte Kämpfe gekostet; beson­ders das Erscheinen des Kellerschen Altersromans war eine bittere Prüfungszeit für seinen „rundschaulichen Brotherrn"; er mutzte dem Züricher Meister die „Schmerzensbläiter" direkt abzwingen, und man begreift seinen „Hosiannaruf aus vollem Herzen", als er das letzte Manuskript in den Händen hielt. Das Manuskript des „Martin Salander", wie viele andere Manuskripte Kellers, Meyers, Heyses usw., hat Raden­berg als großherziges Geschenk dem Goethe- und Schiller- Archiv überwiesen, und wer dort die ausgelegten Schätze be­trachtet, bekommt einen deutlichen Begriff von der Fülle des Schönen, die durch die Hände dieses glücklichen Drchterfreun- des und Dichterentdeckers gegangen. In selbstloser Hingabe und Förderung, die er auch noch den modernen Dichtern, vor alleni Enrica v. Handel-Mazzetti, zuteil werden ließ, ließ er sein eigenes dichterisches Schassen zuruntreten, das durchaus nicht unbedeutend gewesen. Er begann mit anspruchslosen Eptoonengedichten, reiste als^ Reiseplauderer aus England und Belgien zum lichtvollen Prosaisten heran; seine bleibende Be­deutung jedoch wird er als Schilderen Berlins behalten. Schon 1854 schrieb er: „Und es mag kommen, wie's will, Berlin soll immer mein Ziel bleiben! Hätte ich nur so die Zeit dazu, ich wollte das vortrefflichste Buch über Berlin schreiben." Und dies hat er getan; in seinem erst kürzlich wieder neu aufge­legten Rornan^ „Die Grandidiers", der in seiner Mischung feiner Geisteskultur aus der französischen Kolonie und strengen Wirklichkeitssinns das anschaulichste Bild von dem Berlin der sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts erstehen läßt, und. in seinen köstlichen „Bildern aus dem Berliner Leben", die heute schon ganz als historisches Dokument an­muten, mag uns der prächtige Erzähler in das erwachende Berlin der „Frühen Leute" führen, zum Sonntagsausflug

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