Verlag Langgaffe 21
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Sanoonffe 21 otae Srtnafrlol)t| B M. 3.— virNeljShrlich durch alle dkutichen PostauftultkN. ausichlieblich feefleSactb - Bezues^Bcftellnnacn nehmen uußerdem entgezen: in WicSduden die Zweigstelle Bls- marckring 19 . Ä die Ausgabestellen in allen Teilen der Stadt; m Biebrich; die d-rngen Ausgabestellen und in den benachbarten Landorten und ;m Rhemgau die betreffenden Tagblarr-Träger.
WnÄfbÄÄ Berliner Redakti-n d-S Wiesbadener T-sblattS
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„Tagblakt - Hand- Nr. 6650- 53.
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Tonntag» 12. Juli 1914.
Morgen'Ausgabe.
Nr. 319. * 62. Jahrgang.
Em KppeLl an die deutschen
Mschose.
Aus Süddeutschland wird uns geschrieben: _
Wer durch Beruf oder durch gesellschaftliche Beziehungen oder vielfach dadurch, datz er glerÄ mir inmitten einer durchweg katholischen Bevölkerung lebt, Manche Gelegenheit hat, die Empfindungen deutfcl>er Katholiken über die gegenwärtige römische Politik zu erfahren, der kann das Vorhandensein einer tiefen Unzufriedenheit bezeugen. Das Papsttum rdentifiziert sich mit einem spanisch-jesuitischen Fanatismus, .der alles konfessionell einschnüren und sogar das wirtschaftliche Leben nach starren religiösen, eigentlich aber nur theologischen Grundsätzen lenken will. Was in den romanischen, katholischen Ländern erträglich sein mag, soll auch sür das- konfessionell gemischte, geistig vorgeschrittene Deutschland gelten. Und Uwr ist m Deutsch- land noch sicher, nicht nächstens in Rom als Modermst verschrien und versehmt zu werden? In dem einen berühren sich ja Scholastiker und gewisse Neuere: sie stellen irgendwelche -ismen auf, Kategorien, deren Umfang sich beliebig weit bestimmen lafet und denen gegenüber der einzelne und das Einzelne jedes Recht verliert; wer nicht anerkennt, wird verdammt: die
Schablone regiert. Bei den Geistlichen und den gebildeten Katholiken ist es der Perstand der sich empört Bei der Masse des Volkes bekommt die Unzu- sriedenheit einen sittlichen Zug. Man sagt: Wir Kotho- Ufen in S)6titjd)XciTtb haben uns als treue Sahne der Kirche bewährt und im Kulturkampf ihren Sieg er- fechten helfen; zum Danke dafür erklärt man uns jetzt für schlechte Katholiken und halbe Ketzer. Den katho- lischen Mitgliedern der christlichen Gewerkvereme, die in dielen wahrlich nicht die Geduldeten, sondern die Mehrzahl und der bestimmende Teil sind, so Latz ein unkatbolUckes Handeln dieser Organisationen als ausgeschlossen gelten darf, wirst man in Rom fortwährend ' Knüppel zwischen die Beine; man gefährdet so ihre Wirksamkeit, ja ihre Existenz, und ahnt nicht, datz man danat letzten Endes die Sozialdemokratie begünstigt. Ein' paar Integrale, deutsch: Quertreiber, gelten dem 1 väpstl chen Stuhl mehr als das Gros der Kacholiken Deutschlands. So ist eine Lage entstanden, die fast unerträglich geworden ist.
°?n Baden, wo in der Verurteilung der „Quertreiber" fast alle einig sind, verschafft sich der Unmut besonders starken Ausdruck. Dem leitenden badischen Zentrumsblatte schreibt ein der aktiven Politik fern stehender Geistlicher:
„Es liegt wie ein Verhängnis , über unß^ beut scheu Katholiken. Was haben wir polstr ch und religiös gearbeitet in den letzten Jahrzehnten! Kein anderes Land kann sagen, daß wir ihm an kirchlicher Treue und Liebe zum Heiligen Vater nachstehen. Aber auch kein anderes Land kann sagen, datz ihm so wenig Verständnis in seiner treuen Arbeit ent- gegengebracht wird wie uns Deutschen. Woran mag die Schuld liegen? Wenn man an das Hirten-
schreiben des Bischofs von Como denkt, so wird einem klar: deutsche Verhältnisse sind italienischen Kreisen durchaus unbekannt, ^n Laienkreisen fängt man nachgerade an, unmutig zu.wer- den, wenn man sieht, batz jeder Tag neue Überraschungen bringt. Der Jubel der liberalen Presse, die sich zu Verteidigern Roms aufwirft, mutz aus die katholischen Laien in allen Ständen einen böelendenden Eindruck machen. Ein k l a r e s. e n t- schiedenes Wort unserer deutschen Bischöfe gegenüber Rom wäre endlich a m Platze. Geschieht nichts, so wird sich eme Per- sönlichkeit um die andere, die bisher im parlamentarischen Leben im Kampfe für die Rechte und Freiheiten der katholischen Kirche gestanden ist. aus den Reihen der Kämpfer zurückziehen und den Integralen Platz machen, damit diese es besser machen. ^ Den gegenwärtigen, ungesunden Zustand als Kampfer in der Front längere Zeit zu ertragen, ist Mir moralisch möglich. w«rn man sich mit christlicher Geduld wappnet, physisch aber zerrüttet er den, der sich nicht beizeiten zurückzieht." ,
Datz dieses Stimmungsbild echt ist, datz es die Gefühle der badischen Katholiken treu widerspiegelt, latzt sich nicht in Abrede stellen. In Rom wird man es freilich als einen weiteren Beleg der schlechten, un- katholischen Gesinnung, die angeblich einen Teil der deutschen Geistlichen und Laien erfüllt, den Wen ent. oerleiben und sich des gewonnenen neuen Beweisstückes freuen. Mehr als in Norddeutschland und mehr noch als in Bayern steht in Baden das Zentrum unter g e t st- sicher Führung. Deshalb fühlt sich der Klerus durch die schroffe Stellungmchme Roms und durch die «in- ander jagenden Verurteilungen hauptsächlich getroffen und hegt das Verlangen gesammelten, entschlossenen Widerstandes. Gefährdet ist nicht blotz die Persönlich keit des einzelnen Katholiken; gefährdet ist der deut sche Katholizismus. Daher ergeht der Ruf, rn die vereinte Abwehr einzutreten, an die berufenen kirchlichen Organ«, an die Bischöfe. Das ist der Kern
^""sDie Annahme, datz die liberale Presse Rom oder die Integralen begünstige oder unterstütze, ist übrigens irrig. Diese Presse wirst wohl die Frage aus, ob die Integralen gegenüber den Zentrumsleuten nicht die folgerichtigeren seien und ob der von der Jndexkommission verurteilte Standpunkt Wackers nicht wirklich dem vatikanischen Dogma in seiner strengen Auslegung widerspreche. Aber sie kann den Integralen unmöglich Erfolg wünschen und relativ näher steht sie natürlich den Ge m ä tz i g t e n, Ve r n ü n f t i g e r e n Es ist ein eigentümliches Zusammentreffen, datz gleichzeitig die „Stimmen aus Maria-Laach , das Organ der Jesuiten deutscher Zunge, scharf gegen die „Quertreiber" Stellung nehmen. Der Aufsatzf tft unterzeichnet: „Die Redaktion". Das gibt ihm erhöhte Bedeutung. Inhalt und Tendenz gehen aus folgenden, ihm entnommenen Sätzen hervor: __ ,
„Ein internationaler publizistischer Konzern nimmt diese Bezeichnung („Integrals Amu 8 ) fitr sich
in Anspruch, als haste er das Monopol der Glaubensintegrität und Papsttreue. Er begeht, sachlich genommen, die Anmatzung, sich. zwischen den Heiligen Stuhl und die katholische Christenheit eindrängen zu wollen; er gebärdet sich, als gebühre ihm ein Richteramt in Glaubenssachen, als ser er der berufene Wächter über kirchliche Treue, als sei er so solidarisch mit dem Heiligen Stuhl verbunden, datz, wer wider ihn etwas zu sagen wagt, Weisungen des Heiligen Vaters entgegenhandle. . . Das Vorgehen des internationalen Konzerns ist geeignet, die Einheit der Katholiken zu sprengen, die Tatkraft zu lähmen, das gegenseitige Vertrauen m Misstrauen aller gegen alle zu wandeln; sie drangt sich anmatzlich in das Walten des amtlichen Apostolats. ... Es ist hauptsächlich dem integralen Katho- lizismius zu danken, wenn die heilige Kirche in den letzten Monaten mit so viel bitterem Hohn über- schüttet wurde. Nichts imponiert der Welt mehr, ms dae geschlossene Einheit von Hirt und Herde, wre st & nur unsere Kirche kennt. Es stimmt traurig, wenn man sehen mutz, datz gerade diejenigen, die sich als die einzig berufenen Schützer der Kirche hinstellen, ihr in Wirklichkeit so tiefe Wunden schlagen."
Es ist wohl kluge Taktik, wenn die „Stimmen' die Anmatzung richteramtlicher, also dem Papste Kustehen- der Befugnisse durch die Integralen, ihre Eingriffe m das Apostolat sa stark betonen. Soviel aber ist klar: die deutschen Katholiken, Geistliche wie Laien, und die Jesuiten deutscher Nationalität eingeschlossen, sind m ihrer ungeheuren Mehrheit mit dem in Rom herrschenden Regime äußerst unzufrieden. Von den Bischdstn wird verlangt, datz sie ein kräfstges Wort sprechen. Wie werden die Bischöfe sich verhalten? Und, wenn sie der Aufforderung entsprechen, wird es etwas nützen?
Ist die Masse irreligiös?
Bon Pfarrer Fritz Philippi.
Es ist doch ungemein beruhigend wahrzunehmen, wie das Perpendikel in der Menschenbrust unerbittlich und unbeirrt immer wieder zurückkehrt zu seinem Ruhepunkt. dem Bedürfnis nach Wahrhaftigkeit, so hefstg es auch seiüings ausgeschlagen hat. Eine Bewegung muß immer wieder die andere korrigieren. Wir hasten uns gewöhnt, von einer neuen „religiösen Flutwelle" zu reden. Wir hörten es überall, fctfe der Bildungsphilister voriger Jahrzehnte, der sich seiner Unkenntnis in religiösen Fragen rühmen durfte und sich s als einm Orden auf die Männerbrust heftete, seit seiner Konfirmation nicht mehr die Bibel aufschlug, fang- und klanglos begraben sei oder noch in Krahwinkel als Alterspensionär verkümmere. Man witterte Morgenluft eines neuen religiösen Tages. Und Me von dem neuesten Werk einer schriftstellerischen Tages- berühmtheit schon vor der Drucklegung weissagend in den Zeitungen steht, so rief man die Zukunftsreligion aus. ebenso wie das endlich erfundene Heilmittel gegen Lungentuberkulose, Krebs oder ein anderes. Alle mit
Die Meint Putzmacherin.
Von Will,. Scharrelmann.
Die hätte sich ganz gut auf Jahrmärkten und Messen sehen lassen können. In einem zrerltchen Kleidchen nnt falschen Spitzen und Troddeln daran, mit einem koketten Hütchen auf dem Kopfe, einem Strauß künstlicher Blumen in der Hand und den bei jeder Begrüßung wiederholten Worten: „Gestatten Sie, meine Herrschaften, daß ich muh Ihnen vorstelle: Ich bin die Zwergin Chrysantheme, zwei Fuß neun Zoll groß, wiege 68 Pfund und bin 23 Jahre alt , toäre sie eine Attraktion für eine Schaubude geweien.
Wirklich, sie war zum Erbarmen klein geblieben, und Nur der Kopf, -der plump und ungefüge auf i.en schwachen Schultern faß und den Hals tief in die Brust hrnabgedruckt Su haben schien, hatte ferne natürliche Große. Das Kleinste und Zierlichste aber an ihr waren die Hände. Man konnte sich kauni etwas Zierlicheres, Behenderes und Gewandteres senken als Jeanettens Hände. Die kleinen, fernen Finger Arbeiteten so sauber und nett mit Nadel und Faden, wußten die kleinen Blumen so zierlich zu legen, die feinen Drahte, suit denen die Rosen -- und Fliederzweige sich auftecht htel-en, s° natürlich zu biegen, daß alle Kunden ihre Helle Freude ^man hatten. Die meisten wünschten sich gleich, -nenn sie einen Hut bestellten, daß ihn „Di« kleine Dame und sonst niemand garnieren solle — und darum saß sie den ganzen Aag hinter den Gardinen an dem großen Putztrsche auf einem hinderst ühlchen, daS zum Hinauf- und Hrnunterschrauben eingerichtet war, und garnierte die Hüte, mit denen. Sonntags He jungen Damen auf der Promenade einherstokzierten und uch bewundern ließen.
Sie war die Tochter armer Leute gewesen und als Zreh- 'ind zu der Frau HauSner gekommen, als ihre Eltern gestorben waren, und die hatte sie zur Putzmacherin ausgebibdet.
Sie war immer lustig und schwatzhaft, trotzdem ste niemals das Haus verließ und den ganzen geschlagenen Dig hinter den weißen Gardinen in der dunkelen Stube saß, he auf einem großen, weißen Plakat, daS man ans Fenster geklebt hatte, allen Vorübergehenden die Aufschrift zeigte: „Hier wird Putz gemacht!" Denn draußen auf der Straße durfte sie sich nicht sehen lassen, ohne daß die Kinder hinter chr drein liefen und riefen: „Eine Zwergin! Eine Zwergin! Und das war so peinlich und beschämend, daß sie es sich Mt langem abgewöhnt hatte, überhaupt das Haus zu v,erlassen. Rur in den Garten schlüpfte sie zuweilen, der hinter dem Hanse lag und der so eng und dunkel war, daß nicht einmal die beiden Geranien recht weiter wachsen wollten, he dort auf einem kleinen tzolzgestell standen und feuerrote Bluten aus übermäßig langen Stielen trugen. _ ,
Nein, auf die Straße ging sie so leicht nicht wieder. Sie vergaß den Auflauf nicht, der damals entstanden war, als sie eines Mittags bei warmem Frühlingswetter ahnungslos auf die Straße gegangen war, um sich einmal umzusehen in der neuen Eilend. Sogar die großen Leute blieben auf der Straße stehen, sahen ihr nach und lächelten, und di« Kinder zogen in Hellen Haufen mit ihr, so daß sie zuletzt die Schürze vor das Gesicht nahm und davonlief, schneller und immer schneller, bis sie sich mit den Füßen in ihr Kleid verwickelte und auf das Pflaster stürzte und die Kinder johlten und schrien und hinter ihr dreinlachten und die Fenster in den Häusern aufgeriffen wurden und neugierige Weiber herunterblickten — ach, es war entsetzlich gewesen! Es schauderte sie noch, wenn sie daran dachte.
So begnügte sie sich damit, hinter ihrer Gardine die Leute zu beobachten, die durch Re enge Gaffe gingen oder aus den gegenüberliegenden Fenstern schauten. Darum lernte sie mit der Zeit jeden kennen, der in den Häusern herum wohnte. Die meisten kannte sie am Schritt, wenn sie die Gasse heraüf- kamen, oder an der Stimme, wenn ps. sich einen Gruß zu
riefen, sie kannte ihre Gewohnheiten, ihre Alltags- und Sonntagskleider. Ihrem Hause gegenüber wohnte eine Witwe, die sich eines Tages entschloß, cm Lagisleute zu vermieten. Alle paar Wochen schaute nun ans ihren Fenstern ein Fremder hervor, zuerst ein Friseurgehilfe mit feingebranntem Haar, dann lein Schreiber, später ein Reisender, der nur wenige Tage blieb. Dann stand die Wohnung eine Zort lang
©tmeS Abends gewahrte sie dort plötzlich wieder einen neuen Gast. Es war «in junger Mann, der mit yelang- weiltem Gesicht aus dem offenen Fenster auf he Gasse sah und die Fronten der Häuser musterte. Er hatte em hübsches Gesicht, trug einen Schnurrbart mit emporgewirbelten ^P u ^- n und ließ eine mächtige, bunte Krawatte mit langen Enden
im Winde flattern. , . u
Eine ganze Zeit lang bewunderte sie ihn heimlich von ihrem Fenster aus, bis er sie plötzlich bemerkte, wer! sie di« Gardine ein wenig zur Seite gejchooen hatte, selben
Augenblick begegneten sich ihre Augen und ^er warf ihr eine
^^^^sch^cken ließ sie die Gardine fallen und errötete über und über ....
Einige Stunden nachher wußte ste, daß er „Künstler" hvrr Sgr Walhalla", allabendlich Vorstellungen gab und einen 'steinen', dressierten Seiden-Pudel besaß, den er behütete wie seinen Auzv-pffl. .
Unb dann wurden sie Mit ;edem Tage bekannter nrib- einander. Er grüßte lächelnd zu ihr hinüber, wenn sie wegen des schwülen Sommerwetters das Fenster geöffne!t hatte und er sie hinter dem Tisch bei ihren Hüten, Fäden, Blumen und seidenen Bändern sitzen sah, und eines Tages, als er die Straße hinunterschlenderte, guckte er durch das Fenster und rief: »Guten Abend, Fräuleinchen!" f
Sie wurde feuerrot und bückte sich tiesÄt auf ihre Arbeit und stach sich mit der feinen Nadel in den Finger.
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