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Verlag Langgasse 21

„Tagdlan-PliuS".

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Berliner Redaktion des Wiesbadener TagblattS: Berlin-Wilmersdorf. Günbelstr. 68,Fernspr.: Amt Uhland 4SV u. 4o1. Tage» und Pläse» wird feine Gewähr übernommen.

Samstag 11. Juli 1914.

Morgen'Ausgabe.

Mnderlchutz.

Von Dr. Heinz Potthoff (Düsseldorf).

, Wenn der Reichstag im Herbst wieder Zusammen­tritt, wird ihm eine Petition zugehon, die das Ver­langen nach fünf verschiedenen Maßnahmen gegen den sogenannten Kinderhandel enthält. Die Eingabe ist auf dem, deutschen Vortrupp-Tage in Leipzig beschlossen und von dem Verfasser, Pfarrer Bruns in Stratzburg, teariutbct worden.

.Was unter dem Sammelnamen „Kinder­hände l" bezeichnet wird, sind eine Reihe von bedenk­lichen Erscheinungen, die sich nach Art und Zweck von­einander unterscheiden, aber das gemeinsam haben, daß sie Leben und Entwicklung neugeborener Kinder ge­fährden und in ihrer Gesamtheit eine wachsende Ge­fahr für das deutsche Volk darstellen. Die Haupt­erscheinungen sind:

1. Eltern, die der Sorge für ihr Kind (nament­lich bei unehelicher Geburt) überhoben sein möchten, geben es gegen einmalige Abfindung in Pflege oder lassen es adoptieren und kümmern sich nicht wei­ter um sein Schicksal. In vielen Fällen geht das Kind zugrunde, verkommt oder wird zu Erwerbszwecken aus­genutzt

2. Eltern, die aus wirtschaftlichen Zwecken einen Nachkommen brauchen (Erbrecht), verschaffen ihn sich durch Kindesunterschiebung oder Adoption und zahlen den Eltern dafür eine Abfindung. Dasselbe tun Personen, die das Kind wirtschaftlich ausnutzen wollen.

3. An der schweizerisch-französischen Grenze besteht ein blühendes Gewerbe, das sich aus „diskrete Ge­burten" (namentlich von deutschen Frauen) gründet. Die Kinder werden in Frankreich zur Welt gebracht, als französisch „von unbekannten Eltern" angemeldet und meist in Pflege gegeben oder in die französischen Fürsorgeanstalten gebracht, wo sie als „Kinder des Vaterlandes" auf : öffentliche Kosten erzogen werden. Auf dstse Weise sollen Tausende von deutschen Kindern nach Frankreich abgeschoben werden) die Eltern kaufen sich mit erheblichen Summen von jeder Sorge für ihr Kind, frei.

4. Der Verdienst aus der Adoption oder Pflege fremder Kinder beruht entweder auf Aussetzung und Engel mach er ei oder auf der Zuführung zur Prost i t u t i o n (Mädchenhandel) oder aus der Aus­nutzung der Kinderarbeit ober auf der Erziehung zum Bettel. Dafür gibt es noch ein besonders furcht­bares ; Steigernngsmittel in der Verstümmelung der Kinder (dafür sind allerdings tatsächliche Unter­lagen mir aus Rußland bekannt).

Alle diese Vorgänge sind Auswüchse und Mißbräuche von Einrichtungen, die an sich durchaus notwendig und sozial sind: Entbindungsanstalten, Fürsorgeanstalten,

Pslegeschaften. Adoptionen, Familienerziehung usw. Auch die wirtschaftliche Gegenleistung etwa der Eltern für die Erziehung bei Fremden usw. ist an sich nicht zu beanstanden, sondern unter der gegenwärtigen Wirt­schaftsordnung selbstverständlich. Was die als Kinder- Handel bewichneten schädlichen Vorgänge von jenen be-

Die schweizerische Landesausstellung in Bern.

Von Max Bittrich.

Das Land mit den 4 Millionen Einwohnern hat sich ver­anlaßt gesehen, das Feuer unter den Kesseln seines wrrt- s-chastlichen und sozialen Betriebs vor aller Welt zu schüren. auf einem günstigen Gelände bei Bern, 500 000 Quadrat­meter groß, hat das Schweizer Volt. eine Ausstellung ge­schaffen, die in herrlichem Rahmen eine Auslese hervor­ragender Merkmale bietet von Landwirtschaft usw., Gewerbe, Industrie und Technik. Handel und Verkehr, Staatswlrtschaft und Voltswohlfahrt, Wehrwesen, Künsten und Wissenschaften. Daneben zeigen uns internationale Bureaus, wie sehr die »Drehscheibe Europas" nicht nur Schnittpunkt ist wichtiger Schienensträng-e, sondern wie fremdes Wirtschaftsleben, fremde soziale und wissenschaftliche Arbeit heutigentags tausend Fäden leitet nach kleinen Staaten- Die Schweiz chat, ipre ein soeben herausgekommenes Werk der schweizerischen Zoll­behörde zeigt, 4912 an 179 Prozenl mehr Fabrikate emgefuhrt als 1886, die Ausfuhr in der gleichen Zeit stieg nur um 10« Prozent. Welche Wandlung in dieser vorgegangen ist, dafür nur wenig andere Zahlen: Zunahme der eingeführten Textil- fabrikate 91 Prozent, der ausaeführten 64 Prozent, der em- geführten MetallsabriLate 476 Prozent, der ausgeführten 214 Prozent, der eingeführten anderen Fabrikate 203 Prozent, der ausgeführten IW Prozent. Man hat also Grund genug, die Maschinen zu ölen und sich nicht zu Bett zu legen, sondern zu zeigen, wie geschult man sei auf allen Gebieten. Das Leben wird dem Kleineren trotzdem schwer gemacht.

Zum Beispiel die Textilindustrie, von der..einige der obigen Zahlen reden, mutz die Ellenbogen fleißig an­wenden, um Bewegungsfreiheit zu behalten. Die Banmwoll-

rechtigten scheidet, ist das ausschließliche Vorwiegen des E r w e r b s i n t'e r e s s e s an fremden Kindern, die vollständige Vernachlässigung der Lebens- und Ent- wicklungsmteressen des Kindes. Die Kinder werden rücksichtslos zugrunde gerichtet, vernichtet, um Geld zu verdienen.

Die Aufmerksamkeit ist auf diese Zustände zuerst von der Stuttgarter Polizeiassistentin Schwester Hen­riette Arendt gelenkt worden. Sie hat einen langen und heftigen Kamps deswegen mit den verschiedensten Reichs-, Staats- und Kommunalbehörden gekämpft, weil diese bis in neueste Zeit hinein das. Bestehen des „Kinderhandels" nicht anerkennen wollen. Nun kann man natürlich darüber streiten, ob der Ausdruck „Kinderhandel" glücklich gewählt ist, oll alle die ange- deuteten Vorgänge sich als Handel darstellen; man kann gern zugeben, daß nicht in allen Fällen das Miß- rrauen von Schwester Arendt berechtigt war, daß manche Dinge, hinter denen sie Kinderhandel witterte, sich als harmlos erwiesen . . . aber in vielen anderen Fällen ist ganz zweifelsfrei festgestellt worden, daß Kinder verkauft, gegen Abfindung ab geschoben wur­den, daß sie dann a u s g e s e tz t, u m g e b r a ch t, ge­werblich ausgenutzt, in Bordelle geschleppt, zum Betteln angehalten oder gar verstümmelt worden sind. Diese Tatsachen sind nicht mehr zu bestreiten. Und deswegen ist es nötig, daß die Staatsgewalt ihr Mög­lichstes tut, um dagegen einzuschreiten.

Was in der Eingabe des deutschen Vortvuppes vom Reichstag verlangt wird, sind drei negative und zwei positive Maßnahmen:

1. Verbot der Abgabe eines Kindes (mit oder ohne Abfindung) an andere Personen ohne Genehmi­gung des Vormund sch astsgericbts;

2. Verbot öffentlicher Anpreisung von Gelegenheiten zu diskreter Geburt.

3. Verbot öffentlicher -Udoptionsanzsigen:

4. Schaffung von amtlich beaufsichtigten E n t b i n d u n g s h 8 u s e r n, die, abgesehen von der standesamtlichen Meldung: durchaus „diskret" sind;

5. Amtliche Ädoptionsvermittlung unter Ver­bot der privat e n.

Das ist eine Reihe von verschiedenen, weittragen­den Forderungen, die hier, nicht dos näheren erörtert werden sollen. Wahrscheinlich werden auch über die Frage ihrer Notwendigkeit, Zweckmäßigkeit und Durch­führbarkeit die Ansichten der Sachverständigen aus­einandergehen. Mögen sic darüber diskutieren. Der Zweck dieser Zeilen ist nur, die Aufmerksamkeit aller Berufenen darauf zu lenken. Denn daß hier ein Stück K u l t u r s ch a n d e liegt, über deren Umfang wir noch nicht zuverlässig unterrichtet sind, ist unbestreitbar. Je rascher und energischer Gesetzgebung, Verwaltung, soziale Organisation und Einzelperstmen sich der Fest­stellung und Bekämpfung des Übels zuwenden, desto besser. Bei der Fülle von Eingaben, die auf den Reichstag niederregnen, ist ja die Aussicht gering, daß die Forderungen des Vorl uppes gleich die nötige Be­achtung finden. Das ist nur der Fall, wenn einzelne Abgeordnete oder Fraktionen von vornherein der An-

indnstrie gab am Ausgang des 18. Jahrhunderts 150 000 Menschen in der Schweiz ihr täglich Brot. Die Spinnma­schine kam über den Kanal uüd erleichterte die Fabrikation. Aber die gleiche Spinnmaschine drehte sich auch in anderen Ländern, konnte dort sogar unter günstigeren Bedingungen arbeiten und verdrängte so einen Teil der Schweizer Spinne­reien. Der zähe Bestand sucht sich auf dem Weltmarkt tapfer zu behaupten. Weltbekannt geworden sind die Schweizer Er- zeugniffe der Stickerei, die zugleich der Weberei einen starken Habt gegeben hat. Die Textilindustrie steht auch in der Aus­stellung Nicht mit gekreuzten Armen, sondern leiht sich von den bewundernswerten Elektrizitätsanlagen die Kraft, uns die technisch vollkommenen Betriebe in lauter Arbeit vorzu­führen. Die Elektrizität, — das ist überhaupt ein Feld, auf dem die Schweiz viel Zweckdienliches geschaffen hat. Wir schauen da auf ein Gebiet, auf . dem sich alle staatliche Ober­hoheit noch mehr wird rühren müssen als bisher, wenn die weiße Kohle ihre höchsten Segnungen, der Allgemeinheit schenken soll. Die Art, wie die Wasserkräfte ausgenützt wenden, läßt nicht immer den klarsten Blick in die Zukunft erkennen. Natürlich haben auch die privaten Industrien, jede zu ihrem Teil, angesichts der Entwicklungsmöglichkeiten tüch­tige Arbeit geleistet. Die Schweiz — die nach einer Berech­nung drei Millionen Pferdekräfte aus' dem Wasser soll ge­winnen können, von denen zu Beginn dieses Jahres 808 000 ausgenützt waren und über 2 Millionen verfügbar sind — zeigt uns in der Ausstellung.durch tätige Anlagen, durch Bild und Wort achtunggebietende Größe. Schon allein auf fcenx Gebiet der Stromverteilung — welche Wunder! Wie­viel Energie, des Hirns hat schon tätig sein müssen zur Her­stellung von Schaltern, uni etwa hunderttausend Pferdekräfte blitzartig aufzuhalten oder ihnen freien Lauf zu geben 1 Mit hunderttausend Volt will z. B. das neue Werk Olten-Gösgen seine Energie ins Ausland führen, besonders nach Lothringen, während der andere Teil des Reichslands schon das Groß-

Nr. 317. - 62 , Jahrgang.

Gelegenheit die nötige Beachtung entgegenbringen. Und eine Sache, wie die Bekämpfung des Kinderhandels, darf nicht Sache einer einzelnen Partei werden, sondern muß von den Menschenfreunden all­gemein aufgegriffen und durchgesührt werden.

Der „Korridor Zur Kdria".

Über dem Sarge, Franz Ferdinands in dem stillen Artstetten hat sich die Gruft geschlossen; draußen geht der Lärm des Tages weiter, der nicht mehr den Toten stören kann, wohl aber den Lebenden unbehaglich zu werden beginnt. Weit über die Grenzen der Balkan­staaten, weit über die Grenzen der vielsprachigen habs- burgischen Monarchie hinaus beschäftigt man sich mit der schicksalschwercn Frage, welche Folgen die entsetz­liche Bluttat von Serajewo, dieses wahnwitzige Ver­brechen großserbischer Fanatiker, auf die künftige Ge­staltung der Diplomatie haben wird.

In Belgrad, dessen Konak ja mit Fürstenblut be­sudelt ist, verhüllt man nur sehr schlecht seine Freude über die bübische Tat, der der Träger des Gedankens eines starken Österreichs und seine ihm bis in den Tod getreue Gattin jäh zuni Opfer fielen. Man rechnet insgeheim auf die Unterstützung des großen Zaren und denkt an alles eher als mitzuhelfen bei der Sühnung - des Fürstenmordes. Aus dem anklagenden Österreich sucht man ein angeklagtes zu machen und findet willige Helfer an der N-ewa. Brachte doch die „Nowose Wremsa" am letzten Samstag in einer Beilage auf­reizende Bilder und der Leitartikel nnt dem schönen Titel: „Kulissen der bosnischen Metzeleien" schloß mit den Worten: „An dem offenen Grabe des unglücklichen Erzherzogs begeht die österreichische Politik setzt eine blutige Leichenfeier". Bei solchen starken Helfern ist man kaum geneigt, den berechtigten Wünschen der Wiener Hofburg bei all ihrer Entschiedenheit irgendwie tatsächlich entgegenzukommen. Schon werden die Kar­ten dort unten von neuem gemischt. Von Paris her wurde — vielleicht allzufrüh -— die Meldung von der Vereinigung .Montenegros, mit Serbien lanciert. .Es folgte freilich ein schwaches Dementi, aber ^diese bevor­stehende Vereinigung Montenegros und Serbiens ist keine bloße Ausgeburt der Sommerhitze, sie ist doch . wohl ernsthaft geplant. Ob sie unter dem Mantel einer engen Personalunion oder nur einer gemeinsa rtte n VcrwaI tu n g sich vollziehen wird, das ist eine Frage untergeordneter Art.

Eines ist aber sicher, diese Vereinigung, sa der Ge­ld anke dieser Vereinigung richtet sich gegen Ö st e r- r eich-Ungarn, dem man seine ausschlaggebende Stellung auf die Balkanverhältnisse nehmen will. Ruß­land, die Vormacht des Panslawismus, hat hierbei — natürlich auch im eigensten Interesse — seine Hand sehr geschickt im Spiele gehabt. Serbien bedarf, um sich wirtschaftlich entfalten zu können, um seine landwirt- schaftlichen Erzeugnisse und seine Bodenschätze einiger­maßen vorteilhaft verwerten zu können, eines Hafens am Adriatischen Meer. Es hat unter der österreichi- schen Grenzpolitik, die oft — mitunter etwas

Herzogtum Baden mit versorgt. Man sieht, wie sich an die Kette-der Kräfte Glied an Glied schließt.

Was uns in der mächtigen Maschinenhalle staunen läßt — neben den riesigen Dampfmotoren und Dampf­maschinen—, die blitzblanken Ungetüme von Lokomotiven, die geleckt sauberen Magen verschiedener Bahnen, dann in den, teilweise historischen, Abteilungen für_ Verkehrs- und Transportwesen die Autos, Postwagen, Zweiräder usw., hat sich zum Teil schon die Elektrizität dienstbar gemacht. Aber der Siegeszug wird größer werden, darf auch nicht halten vor den Flugapparaten, die nach Bern nicht nur aus der Schweiz gekommen sind. Was bisher elektrisch fährt, dürfen wir als Plänk5er -auf foiefem Gebiet ansehen. rrmt Ausnahme der ete!- irischen Vollbahnen lvie der neuen Lötschbergbahn, in deren Gebiet man von Bern aus so leicht dringt, um Wunder übe» Wunder zu erleben. Das gewaltige Werk läßt noch gewaltigere Zukunftsbilder erstehen. Wenn sich der elektrische Betrieb der Bahnen ausbreitet — in der Schweiz plant ihn schon wieder die Gotthardbahn —, so werden die neuesten Riesen unter den Kraftquellen bald überboten wenden. Die neu« Kraft siegt täglich und ist doch erst flügge geworden. Mit dem Blick in die Ferne stehen in Verbindung die zahlreichen Pläne, nicht nur die Flüsse auszunützen, sondern in Stauweihern Hochfluten aufzufangen und Vorrat an Kräften zu schaffen, sogar große Seen von verschiedener Höhenlage zu verbinden, nicht nur um dem Verkehr zu dienen, sondern um zugleich das Gefall auszUnützen zur Gewinnung elektrischer Energie.

Von den Schlfsahrtsplänen werden alle, an denen der D a t c r R h e i n beteiligt ist, in Bern die meisten Angen aus sich lenken. Der Verein für die Schiffahrt auf dem Oben­rhein zeigt uns, welch starken Anlauf Basel bereits zur Hafenstadl genommen hat, während viele Orte am Bodensee schon den^Plon für ihren Hafen fix und fertig vor uns aus- breiten. Schwarz auf weiß liegt der Entwurf vor, den Rhein bis zum Bodens« zu bezwingen: Der Rheinfall soll unter-