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Verlag Langgaffe 21

Tagblatr-Haus".

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mütag^,^Mr^dw'M?rgen-Ausg^bi»''s Mir^nachmittag^ Berliner Redaktisn des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf. Gündelstr. es, Fernfpr.: Amt Uhland 450 u. 4SI.

Sonntag, 5. Juli 1914.

ifiir die Ausnahme von Anzeigen an vorgeschriebeneu Tagen und Plätzen wird leine Gewähr übernommen.

Morgen - Ausgabe.

Nr. 507. . 62. Jahrgang.

Neuorientierung . der europäischen Politik?

Die Bluttat von Serajswo erfolgte in einem Moment, da sich innerhalb der europäischen Mächte­gruppierungen eine gewisse Umbildung vollzog. Der Zavenbesuch in Konstantza befiegelte das Abschwenken Rumäniens vom Dreibund oder wenigstens ton Öster­reich-Ungarn, und dem Beschauer der internationalen Dinge drängt sich jetzt die Frage auf, ob vom Tode des Erzherzog-Thronfolgers an nicht eine neue Epoche welt­politischer Umwälzungen datieren wird.

Unter geschichtlichen Gesichtspunkten betrachtet, hat sich unser Verhältnis zu Österreich-Ungarn mehrfach ge­wandelt. Als Bismarck das Gegenseitigkeitsbündnis mit der Donaumonarchie abschlotz, das später durch den Beitritt Italiens zum Dreibund erweitert ward, hat er sofort betont, daß es sich dabei nur um ein Defensiv­abkommen zurErhaltung desFriedens handele, und aus­drücklich hat Bismarck während und nach seiner Amts­zeit immer betont, daß das Bündnis mit Österreich nur die österreichisch-ungarische Monarchie selbst decke, doch nicht auch deren Orient Politik gegen Rußland. Für die österreichische Balkanpolitik hat der erste Reichskanz­ler den Wiener Staatsmännern immer geraten, Schutz durch Sonderabkommen mit gleichinteressierten Staaten wie England und Italien zu suchen. Von diesem Stand- Punkte rechtfertigte er auch den R ü ck v e r si che r u n g s. vertrag mit Rußland, nach dem sowohl Rußland wre Deutschland einander wohlwollende Neutralität zu­sicherten, wenn eins der beiden Reiche von einem dritten Staat angegriffen werden sollte. Man hat Bis­marck, als er 1896 von Friedrichsruh aus Mitteilungen über die Existenz der Sonderabmachungen mit Ruß­land in die Öffentlichkeit lancierte, sehr scharf ange­griffen. Er wurde des Doppelspiels und der Unehrlich­keit gegenüber unserem Verbündeten Österreich bezich­tigt. Bismarck verfügte in seiner Abwehr jedenfalls über den einen durchschlagenden Grund, daß der Rück- Versicherungsvertrag mit Rußland die Friedens­garantien in Europa wesentlich erhöht habe, und man wird ihm auch darin zustimmen müssen, daß die Nichterneuernng des Vertrages durch Deutschland dem Bündnis zwischen Frankreich und Rußland die Wege geebnet hat. Bismarcks Gegner haben zwar behauptet, daß schon währendder Bismarckschen Amtsführung der Draht zwischen Berlin und St. Peters bürg irreparabel zerrissen gewesen sei, und es ist auch zuzngeben, daß Bismarck scheiterte, als er me Quadra­tur des Zirkels, die Verbindung von schlechter Handels­politik und guter auswärtiger Politik versuchte. Uber auf Grund des bestehenden Vertrages war immer wie­der eine Festigung der deutsch-rnsstschen Beziehungen denkbar: entweder durch den Fürsten selbst oder semen Nachfolger. Caprivi aber erneuerte den Ruckverstche- rnngsvertraq nicht und erhoffte gute Beziehungen zu Rußland allein durch den Handelsvertrag. Das war ein Irrtum. Der Handelsvertrag mrt Rußland hrn derte" nicht die Koalition zwischen dem absoluten Zaren tum und der französischen Republik.

Österreichs Balkanpolitik gegenüber blieben dm Bis

marckschen Grundsätze noch eine Zeitlang m Zuwen­dung. Sie wurden offen aufgegeben, als Gras Aehrenthal Bosnien und Herzegowina annektierte und wir uns in vielgerühmter sttibelungentreue mrt der 'chimmerndM Wehr an Österreichs Seite stellten. Zum zweiten Male ging Deutschland über seine Bündm»- Pflichten im Bismarckschen Sinne hinaus, als es tn den beiden letzten Balkankriegen Seite an Seite mrt Österreich stand. ,

Wenn heute die Frage auftaucht, ob wir nnt der strengen Anlehnung an unseren Verbündeten Österreich recht gehandelt haben, so liegt die Schwierigkeit der Antwort in der Schwierigkeit aller politischen Ver­mutungen und Voraussagen. Gewiß ist der Friede erhalten geblieben. Wer hätte wirklich Rußland los- geschlagen, wenn wir Wien gegenüber zurückhal­tender gewesen wären? Die Existenz des Dreibundes hätte doch wohl vollauf genügt, Rußland zurückzuhalten. Andererseits hat Österreich doch recht viel verdor­ben. Seine unbegreifliche Haltung im zweiten Bal- kankriege entfremdete Rumänien dem Dreibund, und wir nehmen eben wieder österreichische Inter­essen wahr, wenn wir Rumänien erklären, daß das Ab- rücken von Österreich auch eine Kündigung der Freund­schaft an Deutschland sei. Letzten Endes aber ist die deutsch-feindliche Stimmung in Rußland, abgesehen von wirtschaftlichen Gründen, das Produkt unserer Haltung zu Österreich. Wir bringen hier Qpfer über Opfer, und man hat in Deutschland sehr oft den Eindruck, daß das am Wiener Ballplatz nicht genügend gewürdigt wird. Niemand weiß jetzt, welches die neuen Wege öer österreichischen auswärtigen Politik sein werden. In Albanien liegen unzählige Keime eines österreichisch-italienischen Konfliktes. Die gereizte Stimmung und die menschlich allzu erklärliche Gesnhls- aufwallung kann Österreich noch mehrtn «me falsche ^ofitton oer&tcn brärt$TL SJtcirt tottb iti wnd bei aller menschlich-herzlichen Teilnahme an dem Schicksal des Thronfolgers doch nicht die Gefahren einer Gefühlspolitik verkennen dürfen. Unsere Diplomatie muß den kommenden Ereignissen kühl ins Auge schauen und sich nur an den w o h l v e r st a n d e- nen Interessen des eigenen Landes orien­tieren. Treibt Österreich eine gefahrvolle Politik, so er­gibt sich ganz naturgemäß für u n s das Interesse, recht­zeitig auch in ein freundschaftliches Verhältnis zu a ri­tz eren Mächten zu kommen. Die Wege dafür sind mannigfach', wir können uns trotz der gegenwärtigen Verstimmungen mit Rußland handelspolitisch und auch sonst verständigen. Die Verständigung mit England ast bereits auf dem Wege und die letzten französischen Wahlen beweisen, daß auch in: französischen Volke trotz der Pariser Hetzpresse der Wille zur Verständigung mrt Deutschland vorhanden ist. Sollte aber Rußland an das Drama von Serajewo politische Hoffnungen knüp­fen und eine Abenteuerpolitik versuchen, so wird das natürliche Interesse Frankreich und vor allem England direkt an die deutsche Seite Wersen. In iedem Falle wird die nächste Zeit eine kraftvolle und wert aus schau ende auswärtige Politik von un^> erfor­dern und man kann nur wünschen, daß unsere Staats­männer allen Situationen gewachsen fern werden.

Zehkunst.

Mach dir klare Augen eigen, Alles wird sich herrlich zeigen.

Mancher wird es vielleicht eigentümlich empfinden, daß Hier ton der saunst des Sehens geredet werden soll. Denn es ist doch Wohl klar, daß der, der zwei gesunde Augen im Kopfe hat, eben sehen kann und nur der Blinde oder Kranke sein Augenlicht nicht gebrauchen kann. Wer das ist eben nicht imnrer der Fall. Es gibt im Gegenteil viele Menschen, die nicht blind und augenkrank sind und dennoch nicht sehen können. So sonderbar es auch scheinen mag, so ist es doch wahr, daß die meisten Menschen, besonders aber gerade die Kultur- menschen, wirklich nicht sehen, nicht sehen mögen und nicht sehen können.

Mit gesunden empfänglichen Sinnen kommen wir wohl zur Welt, als Kinder gebrauchen wir auch noch unsere Augen; aber allmählich verlernen wir das Sehen. Die meisten Menschen gehen durch die sichtbare Welt, ohne sie zu sehen, genau zu beschauen. Mancher kann tagelang an einem bestimmten Baume vorübergehen, ohne chn überhaupt zu kennen. Wir haben vielleicht einen Menschen wer weiß wie oft gesehen, und können doch nicht einmal angeben, welches die Farbe seiner Haare, welches seine Kleidung ist. Gilt nicht auch da das Schriftwort: Sie haben Augen und sehen mcht,

haben Ohren und hören nicht!

Das ist es eben, was unseren Augen verloren , ge- gangen ist, die natürliche Kraft und Frische, die leichte 'Empfänglichkeit, das, was der Dichter Gottfried Keller seine Unbescholtenheit nennt. Das, was draußen all­täglich, unauffällig ist, das wird eben nicht geschen, davon erhält 'das Auge höchstens einen ganz, nebelhaften verschwommenen Eindruck. Was wir wirklich beachten, das muß sich schon in irgend einer Weise bemerkbar machen, das muß ein Ausnahmefall sein, da muß unsere Neugierde interessiert sein. Aber selbst da, wo wrr ge­nau sehen wollen, wo wir absichtlich Hinsehen, da sehen wir doch noch falsch. Wie sieht der Tisch aus? Nun natürlich braun, lautet die Antwort. Und doch ist es nicht wahr. Man betrachte chn nur einmal genau, wre jetzt das Sonnenlicht darüber liegt und wie in diesem Augenblick gar keine Rede von braun sein kann. Jene Ackerfläche, frisch gepflügt, zeigt sie in der Abendsonne nicht ein deutliches Violett? Aber man frage einen, der nie genau hingesehen hat, und man wird nicht die Wahrheit hören. Viele Leute folgern einfach von ihrem Wissen, aus dem, was sie bisher gelernt haben, statt ihre Augen wirklich zu öffnen. Es liegt ein wahrer Kern darin, wenn jemand gesagt hat, das Auge sei für unsere Durchschnittsgebildeten nur noch ein Organ zur geistigen Vermittlung von Gedrucktem und zur Ver­hütung des Anstoßens anLaternenpfahle auf devStvatze.

Infolge dieses schlechten Sehens verliertder Mensch vieles, was seine Lebensfreude recht sehr erhöhen konnte. Denn gerade das gesunde empfängliche Auge kann Mm unerschöpflichen F r e u d e n f p e n d e r, werden, auch im alltäglichen Leven. Und darum mochte man allen Menschen immer wieder die Mahnung Mrusen: Augen ans! Hier gilt das Dichterwort: x.rmkt, ihr ! Augen, was die Wimper hält von dem goldnen Uver-

Nachbruck verboten.

Enkeplah Nr. 7.

Eine Erinnerung von Martha Krüger (Wiesbaden).

Gerade das Eckhaus war es. Die eine Front ging nach der Besselstraße, die andere blickte auf den Erfleplatz Der Erckeplatz war eigentlich eine sogenannte Sackgasse. Das En . war ein prächtiger alter Garten, in dessen Mit e, rings von hohen alten Bäumen umgeben, die Sternwarte lag. Em hohes eisernes Gitter schloß den Garten von der Straße . Im Halbkreis wurde das Ganze von zwei- und dreistöckigen Häusern umrahmt, von denen jedes emen hstbschen kleinen Voraarten hatte. Enkeplatz Nr. 7 war das größte dieser ge­mütlichen alten Häuser und ganz mit wildem Wern bespounen. Bis unter das Dach waren die grünen Ranken an der -iLaser- rinne emporgeklettert, hier und dort streckten sie «in paar grüne Arme nach den Fenstern aus. Im Herbst hrngen lange Girlanden, in allen Farben spielend, vom Dach herab, das Ganze ein willkommener Tummelplatz für zahllose Spatzen, die sich hier in diesem stillen Winkel eines ungestörten Da­seins erfreuten. m .

Dieses stille Eckchen in dem geräuschvollen Berlin war so recht ein Zufluchtsort für ruhebedürftige Menschenkinder, und es wae ein guter Einfall von der Witwe Spranger, hier em Damenheim zu errichten.Internationales Heim" taufte sie ihre kleine Pension. Es dauerte auch gar nicht lange, so stellten sich Damen der verschiedensten Nationalitäten ein, an- gclockt durch die bequeme ruhige Lage und die bescheidenen Preise Die Witwe Spranger war eine adrette Ostpreußm; sie hielt strenge Zucht unter ihren Lämmlein, kochte gut, und schmackhaft und brachte den kleinen und großen W5er

Pensionärinnen liebevolles Verständnis entgegen, so daß sich jede in dem kleinen Heim behaglich fühlte. , .....

Natürlich kam cs manchmal vor, daß sich em räudiges Schaf unter diese Herde verirrte, aber das verschwand ebenso schnell, denn Herrenbesuche waren nicht erlaubt, Haus­schlüssel gab es nicht, und alle acht Tage mutzte der Pensions­preis entrichtet werden. Auf solchem Boden konnten kerne zweifelhaften Existenzen gedeihen.

Unser Bestand war zu meiner Zeit: ein paar Lehrerinnen, eine Frau Bürgermeister aus einer kleinen Stadt, eine Eng- tätiberin und eine Echmedin, bie alle auf möglichst ^billige Weise Berlin kennen lernen wollten, dann noch eine üppige, tiefbrünette ältere Dame, die sehr nervös war und Ruhe suchte. Zwei Tage später entpuppte sie sich als eine Schwie­germutter, die nicht nur ihre eigenen Angehörigen, sondern schließlich auch das ganzeInternationale Heim" nervös machte. Diese Frau hatte die Leidenschaft, zu singen! Sie sang morgens, mittags und abends die herzbrechendsten Liebeslieder mit einer Stimme,die Steine erweichen konnte"!

Während wir uns sonst abends noch zu einem gemüt­lichen Plauderstündchen zusammengefunden hatten, jagte uns jetzt die singende Schwiegermutter in unsere Stübchen. In diese Damenidylle trat eines schönen TageS wieder ein neuer Gast eine ältere würdige Dame, lang, hager, mit dunklen festangeklebten Scheiteln, etwas großer Nase, Witwe und glückliche Besitzerin einer Ziegelei, deren Ertrag ihr erlaubte, sorgenfrei zu leben.Tante Spranger", unsere Penftons- mutter, empfing sie mit großer Herzlichkeit und führte den Gast in das für ihn reservierte Zimmer. .

Es dauerte aber nicht lange, da kam Frau Berger m das gemeinschaftliche Zimmer und erklärte der Pensionsinhaberin, es wäre ihr unmöglich, in d e m Zimmer zu bleiben, da es tgi

zassuuA _ _ .. . . .

zu klein sei und dann wäre es auch ein Durchgangszimmer, das könnte sie nicht ertragen. ,

Ja, da war freilich guter Rat teuer; die kleinen Stübchen waren leider alle so. Natürlich die letzten auf beiden Seiten nicht, die waren denn auch die Sehnsucht aller und wurden denDauermietern" vorbehaflen, während Passanten sich mit den Durchgangszimmern begnügen muhten. ... .

Große Ansprüche durste man hier überhaupt mcht machen, und sie wurden auch nie gemacht angesichts der bescheidenen Preise und der guten Kost. , .

Ratlos standTante Spranger" dieser Revowtionarm gegenüber; es war absolut kein Eckchen mehr frei. Was tun. Alle Reize dieses kleinen Zimmerchens wurden nun m das beste Licht gesetzt: es lag am Flur, wie angenehm; man störte niemand falls man abends etwas spater nach Hause kam; eS war besonders hell und freundlich und es hatte sogar eigene Wasserleitung! Denn es war nämlich Küche gewesen, bevor das spekulativeTantchen" ihr Heim dichtete!!!

Alles vergebens! Frau Berger blieb bei ihrer Werge-

rUn0 ®a erbarmte ich mich und stellte der Dame mein Zimmer, eines der zweiletzten", zur Verfügung.Tante Spranger" drückte mir liebevoll dankbar die Hand. Das war Rettung denn ziehen lassen durfte und konnte sie niemand. Das Heim mutzte immer möglichst voll sein, wenn unsere Pensionsmutter auf ihre Kosten kommen sollte.

Also ich packte meine Siebensachen zusammen und siedelte in die ehemalige Küche über. Gerade war ich mit der Ein­richtung fertig geworden, da tauchte Frau Berger in meiner Stube auf. Ich dachte, sie hätte etwas vergessen oder wollte ins Eßzimmer, aber nein, die Dame blieb, sah sich ein paar- inal um und dann erklärte sie mir rund heraus: Da hinten