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KreitlDg: 3. Juli 1914.
Morgen 'Ausgabe.
Nr. 393. ♦ 62. Jahrgang.
Nutzlanö und die grotzserdische Bluttat.
(Von unserem Petersburger Mitarbeiter.)
LI. II. Petersburg, 30. Juni.
Die _ Bluttat von Serajewo wird auf die politische Hage nicht ohne Folgen bleiben. Sie hat in Petersburg einen zu schweren Eindruck hervorgerufen. Gar leichtsinnig haben Verantwortliche und unverantwortliche Petersburger Politiker mit dem monarchischen Gedanken gespielt. Vor etwa einer Woche erhob bereits die am Hofe gelesene deutsche „St. Petersburger Zeitung" warnend ihre Stimme, man solle . die Verunglimpfung des Fürsten von Albanien nicht zu wert treiben, man solle an das Ende des Kaisers Maximilian von Mexiko denken und darüber Nachdenken, ob das Leben eines Herrschers wirklich eine derartige gunntrtä ntlgligeable sei, wie d i e Fürstenmorde aus dem Balkan es behaupten? Der Artikel war nach einem Gespräche mit einem Hofwürdenträger geschrieben, und er deutete aus die Adresse der schamlos gewordenen r u s s i s ch e n n a t i o n a l - d e m o k r a t i s ch e n Presse hin, der trotz ihres Byzantinismus die Achtung vor dem monarchischen Prinzip so fremd ist, daß die große revolutionäre Welt Rußlands aus ihr ebensoviel Begeisterung schöpfen kann wie aus der sog. „unterirdischen Literatur". Als die nationalistischen Demonstranten vor bald anderthalb Jahren durch die Straßen Petersburgs zogen, warnte die konservative deutsche Presse Petersburgs und Rigas vor diesen zugleich gegen den Zaren als den unverantwortlichen Leiter der russischen Außenpolitik gerichteten Straßenaufläufen, und ein paar Tage darauf wiesen durch die Straßen ziehende sozialdemokratische Massen auf jene erlaubten „patriotischen" Demonstrationen als auf einen Präzedenzfall hin. . . Die Nachricht vom Attentat auf den Zarenzug, der die kaiserliche Familie nach dem rumänischen Besuche und der bessarabischen Kundgebung nach Petersburg brachte, war eine glatte Erfindung. Aber wo Rauch ist, da ist auch F e u e r. Wo kommt der Gedanke her, der all den immer wieder durch die ausländische Presse gehenden Nachrichten von Attentaten auf den Zaren oder Mitglieder der zarischcn Familie zugrunde liegt? Ist da nicht der Wunsch der Vater des Gedankens? Und hat man bisher etwas von derartigen Attentatsnachrichten aus Österreich vernommen? Nein. Wer seine Russen kennt, der weiß, was das für eine Sorte von Byzantinern ist. Kaum ist der begeisterte Gesang der Kaiserhymne bei einer festlichen Gelegenheit verflogen, so sieht man die Leute sich scheu nach Spitzeln umschauen und dann die neuesten „Hofgeschichten" vortragen, die natürlich von Anfang bis zu Ende erfunden sind, aber, es sei gesagt, unseren Mikoschwitzen nicht nachstehen. Der Russe hat keinen Sinn für den monarchischen Gedanken, für das Prinzip der Monarchie, er hat nur Sinn für das — dum metuaut. Daher die erschütternde Wirkung der schrecklichen Nachricht aus Serajewo in Petersburg. Als sie eintraf, hatte in der „Nowoje, Wremsa" der .galiz-'che Russe" Vergnn seinen üblichen österreichfeindlichen Montagsartikel bereits geschrieben. Darin wird dem Habsburger Ha u s e vorgeworfcn, es
Dir Flottenreise nach Westafrikn und Südamerika.
XIII.
Santos—Sna Paulo—Heimfahrt.
Santos, der Erde Kaffeehafen, sollte unsere letzte Station in Südamerika werden, -Kenner hatten uns vorher diese Hafenstadt mit dem dahinter liegenden Sao Paulo nur mit büchgezogenen Brauen und erhobenem Zeigefinger genannt. Namentlich in Sao Paulo mutzte etwas Besonderes los sein. Aber was sollten wir nach den Höhepunkten, nach .mo, Buenos Aires und vor allem nach den chilenischen Häfen noch erwarten?! — Und doch: dieser letzte Hafen und ganz Sao Paulo wurde zu einem überaus würdigen, großartigen Abschluß unserer Reise,
In beiden Städten trat uns wieder der deutsche Kaufherr in erster Linie entgegen. Besonders deutlich sahen wir an der Stellung, die er hier einnimmt, daß er es ist, der zuerst Deutschland im Ausland groß und berühmt gemacht hat. Er Hai es unternommen, sein Kapital, seine Willens- und Schöpferkraft daran zu setzen, in fernen, fremden Landen durch Erkundung und Erfindung neuer Arten der Ausnutzung des Bodens, der Gewinnung der Früchte und Erträge des Landes einerseits und durch Einführung eines rationellen und besonders soliden durch und durch zuverlässigen Betriebes andererseits festen Fuß zu fassen und gleichzeitig am Erblühen des wirtschaftlichen Lebens, der Koloniüeruna des
unterdrücke das österreichische Slawen - , t u m, es verfolge die Veranstalter der slawischen Sokoltage, es kämpfe gegen den Gedanken des Allslawentums an, und der trialitische Gedanke des Erzherzogs-Thronfolgers sei nur ein Versuch, alle _ öui>= slawen unter das Habsburger Joch zu bringen. Von diesem hätten sich 1799 bis 1815 die Illyrier befreit, sie hätten unter dem Regime der Franzosen sich Wohl gefühlt. . .
Wir sehen, wo die g r o ß s e r b i s ch e n Ge- danken großgezogen werden, um mit den Gedanken Herrn Hartwigs ausgetauscht zu werden, wir sehen, wo die Begeisterung der Herrn Princrp — oder, wie der hiesige serbische Gesandte Spalaikovic den Interviewern gegenüber feststellt, und er muß es ja besser wissen, Principalo — herkommt. Nun, wir sind diese Propagandaartikel der „Nowoja Wremja" gewohnt und würden uns auch über diesen nicht weiter aufhalten, wenn er ein paar Tage später erschienen wäre, aber die Redaktion des Blattes ist so schamlos, daß sie diesen Artikel nicht z n r ü ck z i e h t, als die schreckliche Nachricht aus Sarajewo eintrifft, sondern ihn gleichsam als Erklärung der Mordtat an die erste Stelle setzt und darunter eine Notiz mit dem Bemerken, daß der ermordete Erzherzog zwar ein Feind Rußlands gewesen sei, immerhin aber die Mordtat zu verurteilen sei. Und in ihrer Abendausgabe heißt es in einem Interview des Herrn Spalaikovic etwa, der Erzherzog sei selber schuld am Ereignis; die serbische Regierung sei vom Kommenden unterrichtet gewesen und habe die Wiener Regierung gewarnt; der Erzherzog sei in Bosnien als der Urheber der Unterdrückung der Serben verhaßt gewesen, er habe das ganze „nationalistische Bosnien" zum Feinde gehabt, und doch habe er geglaubt, es würde ihm nichts geschehen. Etwas diplomatischer ist das Interview allerdings gehalten als die obige Wiedergabe, aber diese bringt nur den Extrakt ves Interviews, dessen Über- schrift hätte lauten können: „Warum hat der Erzherzog serbischen Boden betreten?" . . .
Belgrader Telegramme stellen den Mordbuben als Mitglied einer Anarchistenbande hin, und Herr Spalaikovic erklärt, in Belgrad gebe es keine revolutionären Verbände, selbst die „Schwarze Hand" sei eine Wiener Erfindung, wie denn Österreich überhaupt die öffentliche Meinung Europas gegen Serbien aufhetzen wolle, . . . K ei ns.der Petersburger Blätter dagegen, die zur Mordtat Stellung nehmen, stellt es in Abrede, daß die Mordtat nicht anarchistisch, sondern großserbisch ist. Und diese Feststellung ging nicht von Wien aus, vielmehr wußte man am Hofe gleich nach dem Eintreffen der ersten Meldungen, wen die Schuld treffe. Wie verlautet, glaubte auch der Zar anfangs an einen anarchistischen Anschlag, doch das Ministerium des Äußeren veranlaßte eine Änderung der Ansicht.
Es braucht wohl nicht besonders hervorgehoben zu werden, daß am Hofe andere Anschauungen über einen Fürstenmord herrschen als in den nationalistischen Krei- scn. Es hat auch in Petersburg lange gedauert, bis König Peter von Serbien nach den blutigen Ereignissen im Belgrader Konak in Petersburg empfangen wurde, es hat viel Überwindung gekostet, bis die dynastischen Beziehungen enger wurden, und es herrscht setzt gar kein Zweifel darüber, daß die s e r b i-
kremden Landes und an der Ausbreitung des Deutschtums dort vorwärts zu arbeiten. Viele Existenzen mögen bei diesen Versuchen durch Unglück, durch allzu kühne Spekulation, durch Mißtrauen und Konkurrenzneid zugrunde gegangen sein; wer aber nur für kurzen Aufenthalt, als Besucher, in diese fremden Großstädte kommt, der sieht nur die, die es zu etwas gebracht haben, und er kann Bewunderung und hohe Freude über die deutschen Persönlichkeiten empfinden, denen die höchste Achtung des ganzen fremden Volkes, unter dem sie leben, zuteil wird.
Und wer es gesehen hat, mit welcher Freude diese reichen, unabhängigen, stolzen Männer, deren Vermögen oft dem unserer Fürsten nicht nachsteht, deren Befehlsbereich schwer zu überblicken und oft von enormer Ausdehnung ist, mit welcher Freude diese Persönlichkeiten der Machtentfaltung entgegenblickten, welche ihnen zur Genugtuung und zum Rückhalt das deutsche Vaterland in Gestalt der gewaltigen Schisse der Division zum Besuch hinaussandte, der wird einen Neid auf die Offiziere und Besatzungen der Schiffe empfinden. Sie hatten es wahrlich nicht schlecht. Und in den großartigen Empfängen war einmal der enge, augenfällige Zusammenhang zwischen dem Kaufherrn im Ausland und der Kriegsmarine zu erkennen, zum andern aber auch der Einfluß und das Ansehen, in dem unsere Landsleute bei den leitenden Persönlichkeiten der fremden Staaten draußen standen. Das beides- kam in Santos und besonders in Sao Paulo in hervorragender Weise zum Ausdruck.
Am 10. Mai, einem Sonntag, waren 1200 Mann von den deutschen Kriegsschiffen zu einem Ausflug nach Sao Urente
s ch e Militärpartei, die im Konak die Säbelklingen in den Leib der Königin Draga gestoßen hat, auch bei der Ermordung des Fürstenpaares in Serajewo die Hand im Spiele gehabt hat, zum größeren Ruhme Großserbiens.
Nicht nur auf die innere Politik wird die Untat von Serajewo in Rußland Folgen haben, sie hat viele sehend gemacht, sondern auch auf die auswärtige, und wenn die erschütternde Wirkung der Mordnachricht am Hofe anhält, wird die russische Regierung wohl das schwere Odrum kaum tragen wollen, daß s i e es ist, die der groß serbischen Propaganda den Rücken steift. In Petersburg hat man bisher Serbien als seine unfreie Provinz betrachtet, als seinen Vorposten gegen Österreich; die Konsequenzen werden nun wohl noch gezogen werden müssen. Nach der Stimmung am Zarenhofe zu urteilen, wird es auch geschehen.
politische Übersicht.
Serbien an der Kdria.
0 Berlin, 2. Juli.
Tie „Figaro"-Meldung von den: bevorstehenden Zusammenschluß Serbiens und Montenegros wird in Berliner politischen Kreisen zunächst nur verzeichnet. Es läßt sich von hier aus in keiner Weise etwas darüber sagen, ob die Nachricht mehr ist als der Widerhall von Gerüchten, die schon seit einiger Zeit umgehen, aber die Notwendigkeit wird zugegeben, auf die Möglichkeit der angekündigten Vereinigung der beiden Staaten ein Augenmerk zu haben. Darüber ist man sich jedenfalls klar, daß die Wirkung der Tatsache selbst, falls sie eintreten sollte, außerordentlich weittragend sein müßte, und daß die Donaumonarchie eine solche Entwicklung nicht ruhig hinnehmen könnte. Indessen gerade darum, weil die Dinge auf die Schärfe des Schlvertes gestellt sein würden, ist zugleich auch die Erwartung gerechtfertigt, daß es zu dem Zusammenschluß nicht kommen wird. Man hat eher den Eindruck, als ob die serbische Regierung die Gelegenheit, mit der Ausstreuung derartiger Gerüchte in Wien Zorn und U n r u h e zu erregen, ganz gern benutzt, und dies Spiel könnte ja auch beliebig eneuert und fortgesetzt werden, ohne daß Serbien Schaden dabei nimmt, nämlich wenn es sich nur um Wünsche und Möglichkeiten handelt, nicht aber um bestimmte Abmachungen. Freilich kann die Sache auch anders liegen, und dann eben läge sie schlimmer. (Vergl. Letzte Drahtber.)
Die Aussichten der Mittellandkanal- durchfiihrung.
Es gibt Optimisten, die es für sicher halten, daß die Staatsregierung schon in verhältnismäßig kurzer Zeit dem Abgeordnetenhause einen Gesetzentwurf, betreffend die Fortsetzung des Rhein-Hannover-Kanals bis zur Elbe, zugehen lassen will. Vor so hochgespannten Erwartungen wird aber zu warnen sein. Wahr ist es, daß sich aus der Seite der Konservativen allmählich ein Umschlag in der Stellungnahme zu den Kanalfragen vorzubereiten beginnt, indessen kann es wohl noch lange dauern, bis sich diese Ansätze zu besserer Einsicht soweit entwickelt haben, daß die Regierung mit voller Sicherheit auf die Zustimmung der Rechten zur Vollen
geladen, wo die deutsche Kolonie ein ihr gehöriges großes, parkartiges Gelände zum Empfang der Gäste aufs reizendste hergerichtet hatte. Man mutete den Seeleuten nicht zu, sich zu Fuß dorthin zu begeben, sie sollten mit Automobilen h!n- fahren. Das erregte Erstaunen. 1200 Mann in Automobilen — wie sollte das möglich sein! Der Lösung dieser Frage sah man mit Spannung entgegen. Zur festgesetzten Stunde standen dann am Ufer etwa 30 riesige Lastautomobile, die zur Beförderung der Leute mit beguemen Bänken sehr nett hergerichtet waren, und deren Besetzung unter großem Jubel vor sich ging. Nach reichlicher Bewirtung der Leute und Spiel und Tanz im Freien, an denen sich alle Kreise, auch die gute Gesellschaft, in großer Menge beteiligte, ging es abends — eine wundervolle Mondscheinsahrt durch Wald und am Strande entlang zurück. Die Leute sangen ihre schönsten Lieder, und der ganze Aufzug, der dieses hübsche Fest beschloß, hat nicht nur bei unseren Unteroffizieren und Leuten, sondern besonders auch bei den Brasilianern großes Aufsehen und große Bewunderung erregt, denn alles verlief durchaus harmonisch und ohne jeden Zwischenfall,
Diese riesigen Automobile dienen zur Zeit der Kaffeeernte zum Transport des aus dem Innern kommenden Kaffees in die Lager und an Bord der Schiffe, und man gewann so gleichzeitig einen Begriff von dem enormen Umfang des Betriebes zur Zeit der Kaffee-Ernte.
Man pflegt bei uns Brasilien als eine Vereinigung halb- zivilisierter Staaten zu betrachten. Das trifft auf den Staat Sao Paulo, dessen Hauptstadt den gleichen Namen führt, und dessen Hasen eben Santos ist, keineswegs zu. Allerdings marschiert er^ durch günstige Lebensbedingungen in jeder
