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Nr. 301. Donnerstag, 2. Juli 1914. Wiesb^derler TlrUblaK»
gut benommen. Zeitweilig soll er ihn sogar mißhandelt haben;
er hat seinen Vater einmal vor die Tür geworfen, just an der Stelle, an der er selbst später als Leiche aufgcfnnden wurde.
Die Glieder der Familie Seck, sowohl die Frau wie auch deren Tochter Helene, welche gelegentlich ihrer Vernehmungen vor dem Untersuchungsrichter manches ausgesagt haben, was den Angeklagten indirekt belastete, sind zwischenzeitlich vorsichtiger geworden. Unter anderem hatten Mutter und Tochter übereinstimmend ursprünglich bekundet, daß Seck, der Vater, als er schwer verletzt auf dem Hofe lag, und der Angeklagte mit einem Gegenstand — anscheinend dem Revolver — aus ihn einschlug, gerufen habe: „Peter, hör' auf; ich bin ja doch dein Vater". Davon weiß man jedoch heute nichts mehr. Auch daß der Mann, nachdem sein Sohn die beiden Schüsse auf ihn abgegeben hatte, blutend vor dem Bett seiner kranken Frau niedergestürzt ist, will niemand bemerkt haben. Der Mann erlangte nach Wasser, und der Sohn holte ihm solches., Splster erbob sich der augenscheinlich schon schwer Verletzte wieder, an- i. blich, um oben seinen Dolch zu holen. Der Angeklagte folgte chm, redete anfänglich in Güte auf ihn ein, dann aber kam es zu der Szene, die wir bereits geschildert haben und bei der der Mann seinen Tod fand. Als er bereits in den letzten Zügen m Hof lag, hat Seck junior einem Polizeisergeanten gesagt, ein Vater sei noch nicht zu Hause, er treibe sich wohl wieder in Wirtschaften herum und werde dann Krach machen, wenn er betrunken nach Hause komme. Bevor er
am nächsten Morgen in die Messe ging, hat er einem Bekannten noch gesagt, der Vater liege betrunken im Hof. Man fand, als Fremde sich zunächst nach ihm umsahen, daß er tot und daß die Totenstarre bereits em- getreten war. Während der ganzen Januarnacht hatte er, ohne daß jemand von der Familie cs für nötig gehalten hätte, einmal nach ihm zu sehen, hilflos im Freien gelegen. Der Hut des Toten lag unter dessen Kopf, er schien dorthin gelegt zu sein, damit der Kops nicht mit der harten Erde in Berührung komme. — Die eine der Töchter des so elend ums Leben Gekommenen, die 8 Jahre alte Marie Seck, machte im Gegensatz zu den beiden anderen Familiengliedern von ihrem Zeugnis- oerweigerunqsrecht Gebrauch. — Ein Nachbar der Familie Seck hat um die Tatzeit zwar bemerkt, daß in deren Hause etwas vorginge, er wollte aber nicht Zeuge sein und ist daher ruhig daheim geblieben. Er nahm an, daß Seck senior seiner Frau ans Leder gehe, weil diese gegen seinen Willen einen Arzt zugezogen hatte. (Die Frau hatte schwere Brandwunden .an einem Bein.) Aus dem Revolver waren, wie später fest- gestellt wurde, zwei Schüsse, ein Schrotschuß und ein^ scharfer Schuß, abgegeben; zwei Patronen enthielt die Waffe noch.
— Nach einer kurzen Mittagspause wird gegen 3y 2 Uhr mit Ser Vernehmung der S a ch v e r st ä n d i g e n begonnen. Die Sachv°: ständigen widersprechen sich in vielen nicht unwesentlichen Punkten. Einig sind die Herren lediglich in der Überzeugung, daß der Tod eine Folge des Bruchs des Schädelgrundes gewesen ist. Rach dem einen muß die Wunde am Jochbein durch einen Schuß beigebracht worden sein, nach dem inderen ist die Verletzung wahrscheinlich die Folge eines Schlags. Der Kreisarzt Dr. Pils hat von dem Angeklagten tut Gefängnis eine Schilderung von dem Vorfall erhalten, welche entschieden die Wahrscheinlichkeit für sich hat. Darnach bat er seinen Vater einen Treppentritt hinunter in ein Zimmer gestürzt. Laut krachend ist dabei der Kopf auf dem Fußboden aufgeschlageu. Der Angeklagte hat ihm gegenüber zn- aeaoben, auch m:t dem Revolver auf seinen Vater geschlagen ?u haben. Bestimmtes darüber wollte er nicht wissen. Einer der Sachverständigen, der Gerichtschemiker Dr. Popp, hat unten an dem Revolver und dem Schaft geringe Blutspuren entdeckt. Einer der Zeugen meint, sie könnten davon herrühren, daß er mit blutigen Händen die Waffe angefaßt habe. Gegen 8 Uhr wurde die Beweisaufnahme geschlossen
Der Riesenprozes, gegen Rosa Luxemburg.
8 & H- Berlin, 30. Juni.
In der heutigen, nur sehr kurzen Sitzung überreichten die beiden Verteidiger der Angeklagten Rosa Luxemburg, die Rechtsanwälte Dr. Kurt Rosenfeld (Berlin) und Dr. Levi (Frankfurt a. M.) die schriftlich formulierten, genau» suibstiantiierten Beweis anträ ge, und trugen sie zunächst mündlich vor. Sie behaupteten, daß die von ihnen benannten Zeugen genaue Einzelheiten über schwere Saldo t e n m i ß h a n d I n n g e n Mitteilen würden. Ein Zeuge Dr. Rosental solle bekunden, daß ein Unteroffizier bei einer Übung in Breisach i. Elf. täglich Sckldcrten mißhandelt hat. Da er dies nicht habe mitansehen können, halbe er >dem Unteroffizier gesagt, er wolle ihm den Schnaps bezahlen, den er täglich trank — und das sei nicht wenig ,grossen — wenn er auch nur einen Tag die Leute nicht mißhandelte. Der Unteroffizier habe das aber mit den Worten alhgelehnt, er müsse sich erst jeden Morgen munter prügeln. Auch der ReichstngsaNge-, ordnete Dr. Karl Liebknecht befindet sich unter den Mißhandelten. Er soll auch noch bekunden., daß ^sich niemand zu beschweren gewagt habe, da ein Sergeant gesagt hat, es gc^e ja ein sogenanntes Beschwerderecht, es haben sich auch schon Leute bescklwerit, der Unteroffizier hat auch drei Tage bekommen, aber der Soldat sei ein paar !Mona.te später in lder Ar- deitsabteilung gewesen. Besonders schwer. wird bas Infanterie-Regiment Nr. 143 tn Allenstein angegriffen.' Die Verteidiger benennen eine ganze Reihe von Zeugen, die in diesem Regiment gedient haben und schwere Mißhandlungen zu erdulden hatten. Ern besonders markanter Fall soll von dem Zeugen Markus bekundet werkden. Dort habe ein Unteroffizier im Winter die Leute sich dreimal in Schneewasser hineinlegen lassen, -und als ein Mann sich wmgerte, den Befehl weiterhin zu erfüllen, halbe der Unteroffizier tue. Mannschaften ans ein Feld geführt, wo >öin^ Bauer gerade Jauche fuhr. Dort habe er dem von dem schneewaßer ibe- reits gang durchnäßten Soldaten besohlen, sich in die Jauche zu legen, was. von den Leuten als eine schwere Mißhandlung empfunden wurde. — Beim 164. Infanterie-Regiment in P renzlau soll die Institution der „Kompagniehiebe" cin- aefnhrt lein. D. h., die Rekruten werden ncnbts von den alten Leuten überfallen und mit Klopfpeitschen furchtbar zugerichtet. Die Unteroffiziere haben die Mannchaften zu solchen Mißhandlungen direkt aufgefordert. Ein gewisser Hempel, der etwas zu spät in die Kaserne gekommen war und deswegen auf Veranlassung des Unteroffiziers Kompagniehiebe bekommen sollte, habe sich aus Angst davor mit seinem Dienstgewehr erschossen. Von demselben Regiment sollen zwei weitere Sol- datenselvstmorde bekundet werden, die auf Mißhandlungen zurückzuführen sind. Ein Zeuge Jäckel soll bekunden, daß die Soldaten nicht nur Schläge zu erdulden hatten, sondern daß sie auch angespuckt und mit Stecknadeln gestochen wurden, bis das Blut die Beine hernnterlief. Ein Zeuge Pohlich hat folgende Prozedur erlebt: Ihm wurden die Hände auf dem
Rücken zusammengebunden. Der Unteroffizier steckte ihm dann den Säbel zwischen den zusammengebundenen Handrücken hindurch, und nun mutzte der Mann langsamen Schritt üben, so daß ihm der Säbel bei jedem Schritt in die Kniekehlen stach. Das mutzte er so lange tun, bis das Blut durch die Hosen hindurchsickerte. Eine große Reihe von Zeugen soll ferner aussagen, daß nicht nur die Unteroffiziere, sondern auch bie' Offiziere bis zu den höchsten Chargen hinaus dtc^ alten Lcu4e zu den Mißhandlungen der Rekruten geradezu aufgefordert haben sollen. Ein Zeuge Köppke soll u. a. bekunden, daß beim Bataillonsexerzieren der Major gerufen habe: „Habe ich denn keine alten Leute mehr?" Die alten ~eute hätten darauf sofort mit den Mißhandlungen der Rekruten begonnen, und einer von ihnen habe zu dem Zeugen unter ortwährenden Püffen gesagt: „Siehste, Jungeken, das ist der Schlachtruf vom Herrn Major". — Eine große Reihe weiterer Zeugen soll fortgesetzte Beleidigungen durch die Vorge- dtzten bekunden, bei denen Ausdrücke, wie gemeine San, Schwein, raffiniertes Aas, Verbrecher nsw., an der Tagesordnung gewesen seien. Die Elsässer seien Mackes, verfluchte Franzosenschädel und Franktireurs beschimpft worden. Eine Reihe von Beleidigungen, so erklären die Verteidiger, seien ;o gemein, daß sie sich in der Öffentlichkeit nicht wiederholen fielen. Die Sitzung wurde dann aus Freitag vertagt, um dem Staatsanwalt zu Erkundigungen Gelegenheit zu geben.
-§porL und Luftfahrt. '
vferderennen.
* Düsseldorf, 1. Juli. Golzheimer Flachrennen. 3000 M. l. E. v. Bennigsens Eider Ufer (Corton), 2. Bijou, 3. Annolet. 38:10; 11, 11, 11:10. — Kaiserpreis-Jagdrennen. 2000 M.
1. Rittm. Graf Hardenbergs Spanish Galleon (Bes.),
2. L'Aubepine, 3. Mariane. 32:10; 16, 17:10. —• Haus Morsbroich Jagdrennen. 3000 M. 1. I. G. Reimanns Silber Sea (Lt. v. Berchem), 2. La Cerritto, 3. Little Ben. 23:10. — Düssel-Handikap. 7000 M. 1. Erich Schmidts Ortrecht (H. Aumer), 2. Norton, 3. Edding Miß. 90:10; 26, 29, 66:10. — Rhein-Jagdrennen. 5000 M. 1. Dr. Rieses Coram poplllo (Bes.), 2. Arator 2, 3. Baillard. 11:10; 10, 10:10.
* Le Tremblay, 1. Juli. Prix Beauminet. 3000 Fran
ken. 1. I. Rütgers fe Roys Roseleaf (O'Neil), 2. In Pace, 8. Pleine Lnne 2. 19:10; 12, 22. 82:10. — Prix The Frisky Matron. 4000 Franken. 1. G. Wattinnes Eybens (Liner), 2. Pansy, 3. Miß Fire. 48:10; 18, 19, 35:10. — Prix
Cremarne. 4000 Franken. 1. H. Lowes Champgonbert (G. Stern). 2. Battle, 3. Goloub. 17:10; 12, 21, 15:10. — Prix Flageolet. 20 000 Franken. 1. H. B. Duryeas Frizzle (Mac Gee), 2. Amilcar,. 3. L'Adrorable. 40:10; 19, 19:10. — Prix La Favorite. 4000 Franken. 1. de Gheests Arabella 3 (M. Henry), 2. Balancoire, 3. Dame Noire. 34:10; 17, 19, 49:10. — Prix Plntnx. 4000 Franken. 1. I. Mellers Loch (O'Neil), 2. Sam, 3 .Palabre. 93:10; 31, 16, 43:10.
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sr. Die Lawntennis-Wcltmeisterschaften auf Grasplätze,» wurden in Wimbledon fortgesetzt. Der deutsche Meister- spieler Froitzheim hatte in der fünften Runde den Engländer Parke zum Gegner, den er erst nach hartnäckigem Widerstand mit 5:7, 6:2, 9:7, 6:2 abfertigen konnte. Nicht minder aufregend gestaltete sich die Begegnung zwischen dem Franzosen Germot und dem Engländer Mavrogordato. Der letztere zeigte eine überraschend gute Form und schlug seinen starken Gegner mit 6:3, 2:6, 6:4, 6:1. Beamish (England) blieb ferner über seinen Landsmann Warson mit 6:4,'6:2, 6:1 siegreich. Im Doppelspiel wurde ebenfalls scharf gekämpft. Das deutsche Paar Heyden-Spieß hatte die Engländer Hope Crisp-Eltringham zum Gegner. Den ersten Satz holten sich die Deutschen nach schönem Spiel mit 8:6. Die beiden nächsten sielen an die Engländer jedesmal mit 6:4, 6:4. Dann gelang es Heyden-Spieß wiederum zu gewinnen, und zwar 7:6. Einen leichten Sieg errangen die Franzosen D e c u g i s - G e r m o t mit 6:0, 6:2, 6:3 über Bullock-Thol (England), und ebenfalls das favorisierte ausländische Paar Brookes-Wilding mit 6:2, 6:1, 6:4 über Clements- Watson (Belgien). Die vierte Runde der Damenmeisterschaft brachte das Zusammentreffen von Mlle. Broqnedis-Wilding mit Mrs. Morton-Doust. Die französisch-australische Kombination siegte schließlich mit 7:5, 6:8, 6:3. In der dritten Runde der Herrenweltmeisterschaft ans Grasplätzen schlug Froitzheim den Engländer Loioe nach ^Mündigem Spiel mit 6:3, 6:4, 5:7, 10:8 und später Mavrogordato 6:3, 6:2, 7:5.
Neues aus aller Welt.
Eine Fabrik niedergebrannt. Breisach, 1. Juli. Vergangene nacht ist die Gasofenfabrik von Keller u. Popken bis auf die Grundmctzievn niedergebrannt. Den Besitzer, Fabrikanten Keller, fanden die Feuerwehrleute tot im Fabrikgebäude auf. Man nimmt an, daß er den Tod durch Ersticken gesunden bat.
Tod eines Widerspenstigen. Danzig, 1. Juli. In Poggenpfnhl hat ein Schutzmann einen Arbeiter, den er im Auftrag der Staatsanwaltschaft verhaften wollte, e r - s ch o s s e n, nachdem dieser ihm an die Gurgel gesprungen war. Mit dem ersten Schuß verletzte der Schutzmann einen Passanten am Schenkel, mit dem zweiten traf er den Arbeiter ins Herz.
Der unglückliche Henker. Kiew, 30. Juni. Das Bezirksgericht verurteilte den Henker Schkada, der Bogrom, den Mörder Siolypins, hingerichtet hat, wegen Diebstahls zu 8 Monaten Gefängnis. Schkada erzählte vor Gericht, er habe durch die Hinrichtung Bogrows sein Unglück heraufbeschworen. Er sei geächtet. Seine Frau habe ihn verlassen, seine Gemeinde habe ihn ausgestoßen und selbst gemeine Verbrecher hätten ihn verfolgt. Arbeit habe er nirgends mehr erhalten können, und so sei ihm in seiner Rot nichts anderes übrig geblieben, als Dieb zu werden. Bekanntlich lehnten auch die Kiewer Rechtsanwälte die Verteidigung Schkadas ab.
Dvppclselbstmord aus Nahrungssorgen. Berlin, 1. Juli. In der vergangenen Nacht verübte ein Kaufmann in der Lnckauer Straße und seine Ehefrau Selbstmord durch Einatmen von Leuchtgas. Finanzielle Sorgen sollen die Leute in den Tod getrieben haben. Wiederbelebungsversuche waren erfolglos.
Ein Eisenbahnunfall. Küstrin, 1. Juli. (Amtlich.) Gestern nachmittag 5.20 Uhr fuhr auf dem Bahnhofe Küstrin- Neustadt der Personenzug 814 beim Zurückdrücken auf den durchgehenden Personenzug 909 auf. Von dem Personenzug 314 jinb 3 Wagen und von dem Zuge 909 2 Wagen entgleist. 12 Personen sind ganz leicht verletzt; der BgtviaH ist nicht gestört.
MorgcN'Nirsgabe, 1. Man. Seite 3.
Zur Bluttat in Serajewo.
Zur Leichenfeier in Wien.
wb. Wien, 1. Juli. Eine Beteiligung von ausländischen Offiziersdeputationen derjenigen Regimenter, deren Chef der verstorbene Thronfolger gewesen ist, an der Leichenfeier in Wien ist dankend abgelehnt worden.
Die verwaisten Kinder.
wb. Wien, 1. Juli. Die Erzherzoginnen Marie Therese und 'Maria Annunziata sind heute vormittag nach Chlumetz abgereist, um den Kindern des Erzherzogs Franz Ferdinand zur Seite zu stehen und sie nach Wien zu bringen.
Der österreichische Botschafter in Berlin an den Reichstag.
wb. Berlin, 1. Juli. Auf die Beileidskundgebung des Präsidenten des Reichstags anläßlich des Attentats ans den Erzherzog Franz Ferdinand an den österreichisch-ungarischen Botschafter in Berlin ist am 29. Juni folgende telegraphische Antwort des Botschafters eingegangen: „Indem ich Ew. Hochwohlgeboren für die mir im Namen des deutschen Reichstags übermittelten teilnahmsvollen Worte innigen Dank sage, beehre ich mich, demselben mitzuteilen, daß ich dieselben dem Grafen Berchtold behufs Weiterleitung an die Stufen des Allerhöchsten Thrones zur Kenntnis gebracht habe v. SzöghLny."
Ein Geständnis des Attentäters Princip.
* Wien, 1. Juli. Der Attentäter Princip, der an Tuberkulose leidet, hat neuerdings dem Untersuchungsrichter olgendcs Geständnis gemacht: „Ich bin schuldig. Ich habe die Absicht gefaßt, das Attentat auszuführen. Fremder Einlutz ist dabei nicht zur Geltung gekommen. Durch die Lektüre anarchistischer Bücher bin ich zu der Überzeugung gelangt, daß es nichts Schöneres auf der Welt gibt, als Attentäter zu werden. Ich habe mir dann die Aufgabe gestellt, irgend eines der Häupter der österreichischen Monarchie zu ermorden, und das ist mir nun endlich gelungen. Den Revolver und die Patronen schenkte mir in Belgrad ein serbischer Komitatschi, doch habe ich diesem nichts von meiner Absicht gesagt. Ich begann zu schießen, als die Automobile tun die Ecke bogen. Im ersten Augenblick wallte ich wegen der Dame von dem Attentat absehen, dann dachte ich aber, ich muß das Attentat um jedeu Preis ausführen. Als ich hörte, daß eine Bombe explodiert sei, dachte ich mir, es gibt doch nock Leute, die ebenso denken wie ich."
Ganz Bosnien eine Falle.
* Wien, 1. Juli. Nach Mitteilungen von Persönlichkeiten aus dem Gefolge des Erzherzogs, die jetzt aus Serajewo zurückgekehrt sind, war ganz Bosnien eine Falle, in der der Erzherzog untergehen mußte. Es war noch eine ganze Reihe von Anschlägen gegen ihn geplant. Nach der Rückkehr des Erzherzogs ans dem Rathaus sollte im Konak das Dejeuner um V /2 Uhr stattfinden. Unter den gedeckten Tafeln wurden zwei Bomben mit Uhrwerk gefunden. In demselben Gebäude fand man eine Bombe mit Uhrwerk im Rauchfang. Bei einer Frau in I l i z d e wurden 7 Bomben gefunden. In Serajewo hält die Ruhe an. Im Lause des gestrigen und heutigen Tages sind jedoch drei Personen wegen Verbrechens nach dem Standrecht verhaftet worden. Unter diesen befindet sich ein Handlungsgehilfe namens Nikolitsch, der aber noch nicht 20 Jahre alt ist, so daß er nicht zum Tode verurteilt werden kann. Ein anderer Verhafteter namens Radowanowitsch, der vorgestern, als das Standrecht bereits verhängt war, auf der Straße aufrührerische Reden hielt, in dhnen das Attentat gebilligt wurde, leugnete das ihm zur Last gelegte Verbrechen. Radowanowitsch ist serbischer Staatsangehöriger.
Die österreichische Presse zum herausfordernden Ton serbischer Blätter.
wb. Wien, 1. Juli. Das „F r e m d e n b l a t t" bezeichnet die Sprache einzelner serbischer Blätter als unerhört. — Die „SEeue Freie Presse" schreibt: Nur mit einem Gefühl der Scham für die Menschheit kann es vernommen werden, daß bei solchen Taten sich so traurige Helden finden, welche die eigene Schuld durch beleidigende Herausforderung zu verdecken suchen. — Die „Reichspost" führt aus: Daß mau in Serbien es wagen konnte, die Ermordung des Thronfolgers und seiner Gemahlin zu verherrlichen, übersteigt alles Maß der Bosheit, welches wir von Serbien gewöhnt find. Wird man sich denn angesichts dieser Tatsachen noch immer nicht zu dem unabwendbaren energischen Schritte gegen dieses Volk der Fürstenmörder auftaffen können?
Die gestrigen Unruhen in Agram, wb. Wien, 1. Juli. Nach Privatmeldungen ans Agram dauerten die gestrigen Kundgebungen gegen die Serben bis in die Morgenstunden fort. In den Gebäuden der serbischen Kirchengemeinden, des serbischen Sokolvereins sowie an zahlreichen Geschäftslokalen wurden die Fensterscheiben eingeschlagen und die Firmenschilder abgerissen. Das „Cafg National", aus dessen Innern Steine gegen das von der Menge getragene Bild des Thronfolgers geworfen wurden, wurde von der Volksmenge gestürmt. Die Tische, Stühle und Lüster, die herausgerissenen Fensterrahmen wurden auf die Straße geworfen. Mehrere serbische Gäste des CaftzhauseL wurden verletzt. Zwischen der Polizei und den Demonstranteil kam cs wiederholt zu Zusammenstößen. Die Polizei machte von der Waffe Gebrauch und verletzte eine Reihe von Demonstranten. Zahlreiche Verhaftungen wurden vorgenommen.
Die scrbcnseindlichen Kturdgebungen. wb. Serajewo, 1. Juli. In Livno, wo die serbischen iden und die serbischen Schulen bombardiert wurden, ferner S t 0 l a tz , O p l i c i c i, Sienitza, B 0 sn i sch J Sro d id Teschau veranstalteten die Muselmanen und Katholiken cauerfeiern und antiserbische Kundgebungen, wobei die mster an zahlreichen serbischen Hamern und Gebäuden ein- worfen und die Einrichtungen in Gasthofen und Geschäfts- Men zertrümmert wurden, _ allen fallen wurde die uhe wiederhergestellt. In Banialuka nahmen an der raucrfeier auch die serbisch-nationalen Vereine il. In Zavidovic lammeüe sich vorgestern abend eine ößere Anzahl von Muselmanen und Katholiken vor dem rbischen Sokolverein an. Man sah.durch das Fenster das ild König Peters an der Wand hängen. Die Menge drang bas Haus und zertrümmerte die Einrichtung. Die Polizei rftreute dann die Demonstranten.
Betr-cbSeinstellnng oppositioneller Blätter, wb- Serajewo, 1. Juli. Die drei oppositionellen Blätter, x r t e k a r i j e c , „N a r 0 b" und „Ot azb i n a“, werden «läufig nicht erscheinen, da ibre Druckereien ver - üstet ünd.
