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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts: Berlin-Wilmersdorf, GUnYelstr. 66, Fernspr.: Amt Uhland 456 u. 451. Tagen und Platzen wird leine Gewähr übernommen.

Donnerstag. 2. Juli 1914.

Morgen-ktusgabe.

Nr. 301. * 62. Jahrgang.

Was wird aus Österreich?

Von Dr. Joseph Bayer.

Die Mordtat von Serajewo fällt aus der Reihe der gewöhnlichen Attentate heraus. Das war nicht ein Ausdruck des gemeinen Anarchistenwahns, der gewöhn- uchen Zerstörungswut, die nur Schrecken verbreiten, die nur den einen vernichten will, damit ein -anderer komme und zittere. Dieses Attentat war wirklich eine politische Untat. Es hat ein großes Reich im Herzen 'einer Existenz getroffen.

. Österreich-Ungarn wird, wenn von seiner Gesamt­heit die Rede ist, im üblichen Sprachgebrauch meist lchlechtweg „die Monarchie" genannt und das hat feinen besonderen, im komplizierten und labilen Aus­bau dieses Staatswesen begründeten Sinn. Die Krone, und die Krone allein ist es, die dieses Reich der auseinanderstrebenden Tendenzen zusammenhält. Heute mehr als je, da die Mächte, die es in seine Teile auflösen wollen, von innen und außen wirkend, stärker und zahlreicher geworden sind als irgend zuvor. Un­denkbar wäre eine Republik, bestehend aus diesem, ge- Uleinpolitischer Einsicht baren Völkergemisch, das sich eben erst wieder zum parlamentarischen Leben unfähig Erwiesen hat und den Absolitismus geduldig erträgt. So kommt aus den Träger der Krone alles an. Man hatte sich darum seit Jahrzehnten an die Frage pewöhnt: „Was wird werden, wenn der alte Kaiser die Augen schließt," und lange Zeit hatte die Antwort der Meisten regelmäßig gelautet: „Dann wird alles aus­einandergehen." Gerechterweise aber muß man an der Bahre des nun ermordeten Thronfolgers anerkennen, j daß dies, etwa in den letzten zehn Jahren, seit er stär­ker in den Mittelpunkt des politischen Handelns gerückt svar. seit er aus dem Anwärter sich in den vielfach ent- lcheidenden Mitregenten gewandelt hatte, anders geworden war. Dian war über seine Ziele vielfach im unklaren, man war mit manchem von dem. was damals bekannt geworden, ganz und gar nicht einverstanden. Aber inan wußte doch: dies war eine starke Individuali­tät, eine Persönlichkeit, die entschlossen war, Ö st e r- r e t cf) z u s am menzuhalten und zu verteidi­gen. Dies war der M a n n, den Österreich haben wußte.

Der Mann ist gefällt worden, und nun steht das Schicksal des Reiches auf vier Augen, denen _ eines Greises und denen eines Jünglings. Der Greis hat -ben erst gefährliche Krankheit und einen neuen schweren Schicksalsschlag zu den furchtbaren, die seine Lebensbahn bezeichnen, überwunden. Aber niemand f kann sagen, ob seine Lebenskraft sich so lange erhalten feird, bis es dem Jüngling, der bis dahin das frohe Äumendasein des fungverheirateten Prinzen-Offiziers geführt hat, möglich sein wird, sich für das schwere Verk, das seiner wartet, hinreichend vorbereiten zu

lassen. Aus den: Wirrsal der auseinandergehenden Tendenzen und der sich bekämpfenden Parteiungen in einem Lande, wo kein einheitlicher Wille der Staats­männer vorhanden ist, seinen eigenen Weg zu finden, seinen Eickschluß zu schöpfen, dazu bedarf es der Zeit. Ein Blick auf Rnßllrnd lehrt ja, wie schwer es unter solchen Verhältnissen ist, ein Fürst zu werden, der nicht geschoben wird, sondern selber schiebt. Karl Franz Joseph, der die weichen freundlichen Züge seines sächsi­schen Oheims zeigt, mag verborgene Energien in sich tragen. Es besteht kein Grund zum Mißtrauen gegen seine Fähigkeiten, aber bis diese sich entfaltet, bleibt immer, im Gedanken an des Kaisers hohes Alter, die Zukunft Österreichs ein Fragezeichen.

Wenn man von diesem Fragezeichen vor ein oder zwei Jahrzehnten sprach, als die Weltlage noch freund­licher war denn heute, da dachte man vor allem an die Gefahr des inneren Zerfalls der Monarchie. Man sah den Ausstieg der ungarischen Unabhängigkeits­partei, die nicht endenden Nationalitätenkämpse im Wiener Reichsrat und so viel blutige Krawalle in Böhmen und der Steiermark, in Dalmatien und Kram. Man -ah die Ministerpräsidenten in Scharen kommen und gehen, parlamentarische Regierungen undGeschäfts- kabinette. man erlebte die Gewaltpolitik eines Taaffe, die aufreizenden Versuche Badems und die versöhnen­den Reden eines Gautsch. „Fortgewurschtelt" haben sie alle, nichts brachte eine Lösung, einen Ausweg zur Rettung, ein Programm. Im grimmigen Haß standen sich alle Nationalitäten gegenüber, und oft war es, als müßte der Bürgerkrieg das Ende dieses Reiches sein. Die Gegensätze haben sich nicht gemildert, und das Ringen zwischen Deutschen und Slawen in der einen, zwischen Magyaren und den unterdrückten Völkerschaf­ten in der anderen Reichshälfte ist erbittert wie zuvor. Auch zwischen den beiden Reichshälften selbst stehen neue Kämpfe zu erwarten, wenn es sich darum handelt, den in drei Jahren ablaufenden zehnjährigen Aus­gleich zu erneuern, der das ganze politische und wirt­schaftliche Verhältnis zwischen Österreich und Ungarn regelt. Überall dasselbe Klagen über Ungerechtigkeit und Unterdrückung, Unzufriedenheit und Verbitterung, nirgends eine Spur von Re i chs fr eu d e, n ir­gends ein einheitlicher Wille, ein gemein­sames Ziel.

Dennoch wird die Gefahr, die in diesen Verhältnissen liegt, heute nicht mehr ganz so unmittelbar und be­ängstigend eingeschätzt wie früher, denn ganz andere Gefahren bedrohen heute Österreich. Seine welt­politische Stellung ist immer stärkeren Bedrängun­gen ausgesetzt. Dreimal in den letzten Jahren hat es vor der Frage gestanden, den letzten großen Krieg um seine E x i st e n z zu führen, und die Gefahr, daß es W diesem großen Kriege kommen werde, vermindert sich nicht. Der Gegensatz zwischen Österreich und Ruß­

land hat, seit die Siege der Balkanstaaten der ganzen Süd front der Monarchie die große militärische Schwächung gebracht, sich immer mehr zugespitzt. Die Sprache der panslawistischen Presse ist drohend und übermütig geworden, und die panslawistischen Umtriebe im Reiche treten, wie die Prozesse von Marmaros- Sziget und an anderen Orten gezeigt -haben, immer unverfrorener auf. Alle strategischen Geheimnisse Öster­reichs sind, dank Oberst Redl und andern, längst an Rußland verraten und der Kriegsminister Suchom- lino-w wiegt sich in großer militärischer Sicherheit. Da­zu kommt, daß, durch die russische Diplomatie unterstützt, die großserbische Bewegung in den südslawischen Bezirken immer mehr Anhänger gewinnt. So besteht die Gefahr, daß die Parole der Zertrümmerung -der Akonarchie, der Losreißung aus ihrem Bestände, die Zuverlässigkeit der Bevölkerung in manchen Landesteilen, die Verläßlichkeit mancher Teile des Heeres sogar, in immer stärkerem Umfang erschüttert. Und das zu einer Zeit, wo Österreich dank der Kurzsichtigkeit seiner.eigenen und der Geschicklichkeit der moskowitischen Staatsmänner einen sicheren Bundesgenossen in Rumänien verloren hat. Wenn man auch nicht annehmen muß, daß König Carol sich mit den: Zaren unter 'der Parole -des „Firns Austriae!" verbunden hat, so ist es doch mit der Übereinstimmung der Ziele der österreichischen und der rumänischen Politik auf dem Balkan und mit der Einsetzung der militärischen Kräfte Rumäniens für diese Ziele für immer vorbei.

Der österreichischen Expansion nach dem Südosten ist heute eine furchtbare Mauer vorgebaut, es ist ganz in die Defensive gedrängt. Während früher der Kampf um die Vorherrschaft auf dem Balkan der nie eingestandene, aber s e I b st v e r st ä n d l i ch e Streitpunkt zwischen -der österreichischen und russischen Politik war, stellt heut? schon -der Panslawismus, der Österreich auf dem Balkan als e r I e -d i g t ansieht, ganz andere Ziele auf: Österreich muß im Innern zerwühlt und widerstandsunfähig gemacht, dann von außen an­gegriffen und z e r st ü ck e I t werden.

Nun sorgt ja freilich Österreichs Stellung im Drei­bund wie bisher dafür, daß die Bäume der panslawisti­schen Gewaltpolitiker nicht in den Himmel wachsen. Deutschland hat die militärische Schwä­ch u n g, die der Dreibund durch die Erfolge der Ver­bündeten Balkanstaaten an Österreichs Sü-dgrenze er­fahren, durch eine ungeheure Anstrengung rasch wettgem-acht. Trotz der gewaltigen Rüstungs-Ver­mehrungen in Frankreich und in Rußland würde eine Offensive gegen die Verbündeten Zentralmächte noch immer ein gewagtes Unternehmen bleiben. Aber das entbindet Österreich nicht von der Notwendigkeit zu eigener erhöhter K r a ft an st r e n g 11 n g, soll der Dreibund die Bedeutung behalten, die er bisher ge-

Gluck und wir.

Nachdenkliches zum 200. Geburtstag des Meisters, 2. Juli.

Von Hubert Maushagcn.

Wir sind sehr historisch geworden. Es vergeht heute so leicht kein 50. oder 100. Geburts- oder Todestag, der uns nicht Anlaß gäbe, des Geborenen oder Gestorbenen Leben und . Werk einmal von vorn bis hinten auszumessen und sauber I ttbzuklopfcn, um es als Baustein an die ihm zukommende Stelle des Gebäudes unserer Vorstellung von Welt und Zeit Einfügen zu können. Hat man ihn mit Kunst dort unter- Aebracht und sitzt er gut und sicher, so langt man sich unver- lveilt den nächsten heraus und übt an ihm dasselbe bewährte, Kvcckvolle Verfahren. So wächst allgemach ein gewaltig im­ponierender Gewölbebau hinauf, dessen solide Untermauern fein Grundwasser zu fürchten haben und dessen Riesenkuppel I s Zweifellos auch dem stärksten Winddruck trotzt. Aber finden wir nicht nach und nach, daß es sich in dem stolzen Hause ern lvenig kühl wohnt? Unserer deutschen Gründlichkeit macht ^er Ban ja alle Ehre, aber lebendiges Leben will in ihm nicht ^cht gedeihen. .

Diese Überlegung stellt sich ein, wenn wir einen Blick auf Ac geistige Persönlichkeit des Mannes werfen, dessen 200. Ge­burtstag zu feiern man sich in diesen Tagen anschickt. Das / Lebenswerk Christoph Glucks galt der Reformation der Oper, der Erneuerung einer Kunstgattung, die durch die Jahr­hunderte hindurch wie keine andere die spitzfindigsten Grübe­leien ästhetischer Haarspalter beschwingt, die Leidenschaften der Masten entzündet hat, und Gluck war es, dessen Reform- liedankcn zum erstenmal an den Lebenskern des musik» dramatischen Kunstwerks drangen und bis heutigen Tages für - dix weitere Entwicklung der Oper die Bahn gewiesen haben. Auch für die Zukunft werden sie der Geschickte des Musik­dramas die Richtung gebieten, denn sic leben heute mit einer Frische wie nur je. Seine Gedanken — um seine Werke üeht's heute anders aus. Wo sind heute die Sänger, die eine lÄlucksche Kantilene gluckisch singen können — das heißt nicht bloß technisch ohne Tadel (und schon die wären selten genug).

sondern als Trägerin wahren Empfindens und, was noch wichtiger ist, dramatischen Ausdrucks? Haben wir heute Opernschauspieler, die den zum höchsten Typus hinausstili- sierten, fast immer symbolischen Gestalten Glucks menschliches Leben zu verleihen möchten unter Erfüllung der beiden grund­legenden Forderungen: unbedingte dramatische Wahrhaftig­keit und künstlerisches Maß? Wir haben sie nicht, denn wie sollen wir auch! Wir sind „historisch" geworden. Wir kennen die vergangenen Epochen unserer Kulturgeschichte und wissen in ihren kleinsten Winkeln Bescheid, wie bei uns zu Hause. Aber sie sind uns eben historisch, und das bedeutet für uns leider nicht viel anderes als mumifiziert und jedenfalls tot. Auf einer Höhe historischen Erkennens, wo wir aus der Ver­gangenheit die lebendigen Flüsse in unsere Gegenwart rauschen hören, sind wir noch nicht. Wie wäre sonst wohl eine solche Rückentwicklung möglich gewesen, wie sie in den letzten Jahr­zehnten die Kunst der Operndarstellung und vornehmlich des Bühnengesangs durchgemacht hat! Nicht wegen Wagners, wie manche entschuldigen möchten, sondern trotz Wagner, der für seine Person ja immer die vollkommene Aufführung seiner Werke von der höchsten technischen Beherrschung des Kanti- lenengesanges abhängig sah und der gewiß über seine eignen Dramen staunen würde, wenn er sie in der naturalistischen Wiedergabe sähe, die unsere Sänger vielfach für die wirklich dramatische halten. Wir können in diesem Zusammenhänge sagen, daß die Erreichung des Wagnerschen Ideals auch heute noch, und nicht zuletzt nach dieser Seite, durch Gluck, seinen großen geistigen Ahn, gehen muß.

Wir sehen schon aus diesen Andeutungen, wie mannig­faltig . die unmittelbaren Fäden sind, die den Meister des 18. Jahrhunderts mit der gegenwärtigen Epoche der Opern­geschichte verknüpfen. Wie werden wir nun seinen Geburts­tag begehen? Wir werden gründliche Artikel über ihn lesen, da oder dort eine Festaufführung zu sehen bekommen und werden uns dann freuen, unserem historischen Gewissen wieder einmal genügt zu haben. Wir werden aber die Gelegenheit verpaßt haben, aus einer Versenkung in diese selbstsichere, fest umrissene Künstlerpersönlichkeit für unsere Orientierung in dem verhängnisvollen Stilwirrwarr unserer Zeit den Nutzen

zu ziehen, den uns die Gewinnung eines festen Augenpunktes bieten könnte. Das aber würde uns nichts anderes so sicher übermitteln, wie die unmittelbare Anschauung des lebendigen Kunstwerks.

Christoph Willibald Gluck, der am 2. Juli 1714 als Sohn eines herrschaftlichen Försters zu Weidenwang in der Ober­pfalz geboren worden war, ist als Musiker ganz und gar in der Atmosphäre der italienischen Oper ausgewachsen. Das deutsche Musikdrama, das im Anfang des 18. Jahrhunderts in manchen verheißungsvollen Ansätzen aufgelebt war, hatte sich nicht durchzusetzen vermocht. Die komponierenden deutschen Meister, allen voran der große Hasse, standen in der Gefolg­schaft der Italiener, und gerade in Wien, wo dem jungen Gluck die Gunst des fürstlich Lobkowizschen Hauses die ersten Kompositionsstudien ermöglichte, gelangte die italienische Kunst zu einer hohen Sonderblüte. Das Interesse des lom­bardischen Fürsten Melzi, der den jungen Musikbeflissenen durch vier Jahre bei dem ersten Lehrer seines Heimatlandes, dem berühmten Sammartini in Mailand, auf das sorgfältigste unterrichten ließ, machte aus ihm vollends einen Italiener, und als solcher begründete Gluck seinen Ruhm mit der Oper „Artaxerxcs", die ihn unmittelbar nach Abschluß seiner Studien, im Jahre 1741, mit einem Schlage zu einem der gesuchtesten Opernkompontsten seiner Zeit machte. In die stolze Freude über seine junge Berühmtheit fiel als bitterer Tropfen die kurze Episode in London, wo man den „giovine Tedeseo" gegen den alternden Handel auszuspielen gedachte, ohne daß et die Erwartungen ferner dortigen Auftraggeber, ganz zu erfüllen vermochte. Aber ern Gewinn aus diesem schicksalsvollen Jahre 1746 ist ihm geblieben für alle Zeit: eben jene Bekanntschaft mit Handel, vor dessen lapidarer Dramatik und virtuoser Chorstrategie ihm zum erstenmal eine Ahnung der Gedanken aufgegangen sein mag, die 16 Jahre später den neuen Stil begründen sollten.

Die italienische und also auch Glucks Oper der damaligen Zeit hatte sich von dem Ideal, das den Florentiner Begrün­dern des Musikdramas vorgeschwebt hatte, recht weit entfernt. Die „Wiederbelebung des hellenischen Dramas im Geiste der Musik" kümmerte die damaligen Bühnenkomponisten nur nock