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Nr. 390, » 62. Jahrgang.
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Mittwoch, 1. Juli 1914.
Oie grotzseebische Gefahr.
Schon der bisherige Gang der Untersuchung hat bestätigt, was wir alsbald aussprachen, daß der Erzherzog Franz Ferdinand und seine Gemahlrn der grotz- serbischeri Propaganda der Tat zum Opfer gefallen sind, und daß die Fäden der Verschwörung, wenn auch den Drahtziehern diese blutige Katastrophe möglicherweise über das Programm hinausging, nach Belgrad lansen. An dieser m o r a l i s ch e n M r t v e r a n t° Wörtlichkeit der leitenden Kreise m Serbien können auch die feierlichen Versicherungen der offizrosen „Samouprava" nichts ändern, und wenn das Belgrader Regierungsblatt meint, man werde wie gewöhnlich sogar Serbien selbsi anschuldigen, so dürfte das schon zutrefsin. Beide Attentäter, Princip wie CabreuoMc, siod siua-r österreichische Staatsangehörige, aber serbisch- orthodoxen Glaubens, und beide haben sich erst vor kurzer Feit in Belgrad aufgehalten. CabrenoMc hat eingestanden, daß seine Bomben serbisches Fabrikat — nach einer neuen von uns schon mitgeteilten Meldung sogar serbische Militärbomben! — waren, und Princip erklärte bei dein Verhör mit brutaler Offen- heit, daß er seit seiner Rückkehr aus Belgrad dcm Vor- sah gehabt habe, eine hochstehende Person zu erschießen, um dadurch die serbische Nation für die Unterdrückung
zu rächen. ...
Diese Feststellungen und Äußerungen bilden mit den bereits bekannten Tatsachen eine geschlossene Beweiskette. Die von Belgrad ausgehende nationalistische Propaganda hat in den letzten Jahren unter den österreichischen Südslawen und ganz besonders m Bosnien und der Herzegowina plangematz, skrupellos und mit reichlichen Geldmitteln gearbeitet. Ihre Organisation fand diese Bewegung in der Narodna Och ran a, dm in allen größeren Orten Österreich-Ungarns, Nordalbamens und Montenegros ihre Vertrauensmänner hat,, und deren Zusammenhang mit den serbischen Offizrcrs- kressen wiederholt einwandsfrei sestgestellt worden ist. Es fft bezeichnend, daß der setzt ermordete Erzherzog Franr Ferdinand sich konstant geweigert hat, den ferbi- schen' Gesandten Johanowitsch in Antrff.saudrenz zu empfangen, weil dieser als einer der HauptorMM- lawr?'' dm Narodna Ochrana bekannt war. Es ist dem' Erzherzog .sicherlich auch nicht unbekannt gewesen daß diese Betze "sich in erster Reihe gegen ihn sei oft,
' her sich den besonderen Haß der Großserben zugezogen hatte, richtete. Auf das Konto dieser Hetze kommen dre mannigfachen teils gelungenen, teils mißlungenen Utten- tate. die in den letzten Jahren „m Bosnien am hochstehende Persönlichkeiten ausgeubt wurden und dre ihre Krönung jetzt in der verabscheuungswurdigen Bluttat von Serasewo gefunden haben.
Die Gefahr der großserbischcn Propaganda stur den Bestand der Donaumonarchie ist ganz offenbar. Die Ermordung des Königs Alexander und leiner Gacffn Draga sind ja nicht das einzige Beispiel für die Verwendung des Mordes als politisches Propagandamittel in ^l-'rbien. Zar Nikolaus aber hatte alli. lirzac^, ernstlich darüber nachzudenken, ob die Folgen welche die ja gerade auch von Rußland aus gpchur.e H----e gegen Österreich gezeitigt hat. nicht, allzu bedenklich sind. ob die Spuren des, in erster Reche v°n den Pan- slawisten geschürten Nationalitätenhasse-> nach, doch am Ende schrecken!
Dev Eindruck des Attentats in Itnlien.
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Die öffentliche Meinung Italiens hat uEr dem Eindruck des grauenvollen Attentats ttt chßffifewo freundlicheren Gefühlen gegenicher ,dwn gWgj Thronanwärter Raum gegeben, der bis M.seinem trag: schon Lebensabschluß m Italien nur m emzelnen vatikanischen Kreisen sich Sympathien erworoen
hatte. ES ist ja für niemand ein ® e g b Ä e J irm in Italien bis Weit hinauf m die regierenoen Kreise einem ^Thronwechsel, der Franz Ferdinand zum Herrscher über die Donaumonarchie gemacht hatte auch nach dem großen Balkankrrsge mrt ur^rnmMer er Dänglichkeit entgegeniah, obgleich doch dwser Me mals so schroffen Gegensätze zwischen Österre ! Italien nach mancher Richtung hm ausgeglichen ) •
Dcr chlichte Bürger pflegte tn Franz Ferdinand den Feind Italiens kurzweg zu erblicken, W
'2 „„ s;„ i'hr « n apiprfrpjg m den ' intellektuellen
Kreffm' besitzen/ sparten nicht mit Angriffen auf den mutmaßlichen Nachfolger Kaiser Franz Josephs. , Das ^e chah namentlich zu der Zeit, da dm auch im Quirmol aff'inopportun empfundenen Reden des römischen wUra-nneistm« N a t b a n an der Porta P,a nn Heckst Mlg in den dem Erzherzog-Thronfolger nahestehenden Wiener klerikalen Kreisen ein lebhaftes Echo fanden.
Kbend' Kusgabe.
Anfänglich suchte die italienische Regierung Herrn Nathan durch ihre Organe zu desavouieren. Ars aber später der Wiener Bürgermeister Dr. Porzen m einer Rathausversammlung, an der auch zahlreiche Mitgtreoer des Hofes teilnahmen, sich in scharfen Attacken gegen Italien erging, da tönte es aus dem italienischen Blätterwald höchst ungemütlich zurück. Und der allgemeine Eindruck blieb, daß mit der wortreichen Kanonade in erster Linie der Thronfolger getroffen werden sollte, dessen iiahe Beziehungen zu dem ftalophoben Hauptorgan der Klerikalen, der Wiener „Rerchspost , iri Italien zu sehr bekannt waren, als daß sie hier von der Regierung hätten ignoriert werden können. , _
Dann kamen die betrüblichen Zwischenfalle m der ersten Phase des T r i p o l i s k r i e g e s, dre in Italien gleichfalls dem verstorbenen Thronfolger, aufs Konto geschrieben wurden. Infolge einer Wiener Preßekampagne gegen das Verhalten der Italiener m Libyen verbreiteten sich in Italien die Gerüchte, Österreich drohe mft einem Einfall oder sogar mft einem überfall. Man wollte sogar wissen, daß der ^ntimus des Thronfolgers, der Chef des Gsneralstabs Konrad von Hötzendorf, mit zwei auf den Kriegsfuß gebrachten Armeekorps die Überschreitung der italienischen Grenze vorbereite. Infolge der unkontrollierbaren Meldungen herrschte in Italien eine begreifliche Aufregung, die wiederum in feindseligen Zeitungsartikeln gegen den österreichischen Thronfolger ihren Niederschlag fand. Auch während der großen Balkanwirren identifizierte man in Italien den Erzherzog Franz Ferdinand mi. der Wiener Kriegspartei, und schließlich schrieb man ihm auch eine direkte Beeinflussung des Fürsten W i l- he'lm von Albanien zuungunsten Italiens zu. Kurz, in allem, was der Verstorbene tat und ließ, glaubte man in Italien mehr oder weniger feindselige Akte wittern zu sollen. Gingen doch einzelne Blatter vor nicht allzu langer Zeit soweit zu erklären, daß der Bestand des Dreibundes mit dem Tode Kaffer Franz Josephs ernstlich gefährdet sein würde! ,
So darf es denn nicht wundernehmen, wenn letzt m den Nachrufen aus den aus dieser Zeitlichkeit so sah Hinweggerissenen ein Teil jenes Mißtrauens nach- klingt,' das auf den Gemütern in Italien so lange Jahre gelastet hat. Die Blätter beklagen die Tragik des Geschickes und drücken ihren Abscheu vor dem ruchlosen Verbrechen aus, aber zwischen den Zellen laßt sich in der Mehrzahl der Organe noch einiges andere her- anslesen. Wäre Franz Ferdinand eines natürlichen Todes gestorben, schreibt ein Mailänder Blatt, so chatten wir keinen Grund gehabt, mit Anklagen zurückzuhalten. Allein die Furchtbarkeit seines Endes gebietet uns angesichts der Trauer der ganzen zivilisierten Welt das
"'Tr-,,, nunmehrigen Thronfolger aber scheinen die Sympathien der öffentlichen Meinung Italiens in nahezu 'unbeschränktem Matze gehören , zu „ wollen. Einige Blätter gefallen sich sogar in überschwänglichen Lobpreisungen aus seine Eigenschaften. Er and vor allem seine jugendliche Gattin, bekanntlich eine Prinzessin von Parma, stünden den Herzen der Italiener nahe. Und dann werden einige Ausspruche des neuen Thronfolgers zitiert, in denen er sich gelegentlich seiner Hochzeitsfeier sehr schmeichelhaft uoer dre Fort- schritte Italiens geäußert haben soll. Liuksradftale -Organe sprechen sogar von der Möglichkeit emer weiteren Annäherung zwischen den beiden Reichen nach dem Tode Franz Ferdinands und von einer Neube- lebung der F a m i l i e n b a n d e des Hauses Habsburg und Savoyen.
ans Oesterreich.
Der Ministerrat. — Ein Ersuchen an Serbien.
^ Wien. 30. Juni. Die „N. Fr. Pr." meldet: Im Ministerium deS Äußern fand heute mittag (wie bereits an- aeknndigti eine Beratung statt, an welcher der Ministe, des Äußern Grat Bercht»ld, der Chef des Generalstabes Frhr. v. Conrad und der Kriegsminister Ritter v. Kr°patk,n te.l- nahmen. Wie verlautet, teilt- Graf B-rchtalb dem Chef des Generalstabes und dem Kriegsminister mit, daß dre^ kaiserliche und königliche Regierung die Absicht habe, an dre königlich serbische Regierung mit dem Ersuchen heran- zutreten, die in Bosnien gegen die Urheber der Attentate geführte Untersuchung im Königreich Serbien sortzusehen, da alle Spuren d-r Verschwörung unzwerfelhast nach Serbien führten. (Bcrgl. Letzte Drahtberichte.)
Der Unwille des Kaisers über die Sorglosigkeit der Polizei- Verwaltung in Serajewo.
* Wien, 1. Juli. Die österreichisch-ungarische Korrespondenz meldet von besonderer Seite: Der gemeinsame
Finänzminister Ritter v. B i li n S fi wurde _ ^kguntlich gestern von Kaiser Franz Joseph in fast einstündiger Audienz empfangen. Der Empfang, den der Minister durch den Kaffer fand, war äußerst ungnädig. Der Kaiser neß Minister nicht im Zweifel darüber, daß er fite den ttagi&en Abschluß der Reise des Thronfolgerpaares zum mlilöcs
moralisch verantwortlich sei. Der Minister mußte im Verlaufe seiner Audienz wenig schmeichelhafte Worte an- hören, wobei der Kaiser das ganze System der Verwaltung in Bosnien einer scharfen Kritik unterzog. Die Sorglosigkeit der Polizeibehörden in Serajewo erfuhr durch den Kaiser eine harte Beurteilung, zumal die militärischen Behörden der Polizei für den Bestich des Thronfolgers den ganzen militärischen Apparat zur Verfügung gestellt hatten. Es heißt, daß BilinSki dem Kaffer seine Demission angeboten habe, die der Kaiser nur mit Rücksicht auf die augenblicklich außerordentlich schwierigen Verhältnisse in Bosnien ablehnte. Gleichzeitig mit ^dem gemeinsamen Finanzminister werden sämtliche ^eilenden Funktionäre der Zivilverwaltung iw Bosnien durch andere Persönlichkeiten ersetzt werden, diesbezüglichen umfassenden Veränderungen werden sich vermutlich nach der Aufhebung deS Standrechts, zu besten Verhängung Bilinski in seiner gestrigen Audienz die Genehmigung des Kaisers erbat, vollziehen.
Das Testament des Erzherzogs.
* Wien, 1. Juli. Da§ Testament des Erzherzogs Franz- Ferdinand wurde gestern durch das Oberhofmeisteramt in Gegenwart des Notars sowie des langjährigen Rechtsanwalts des Erzherzogs, Dr. Tonder, der das Testament von Prag nach Wien gebracht hatte, eröfftret. Der Erzherzog hat seine drei Kinder zu einzigen Erben eingesetzt. Sem Nachlaß besteht aus den drei Gütern Konopischt, Chlnmetz und Artstetten. Konopischt repräsentiert einen Wert von 10 Millro- nett Kronen. Den gleichen Wert besitzt Chlurnetz, wahrenb Artstetten einen weit geringeren Wert hat. An Barvermogen ist kein nennenswerter Betrag hinterlaffen. Die Schlösser Miramare und Belvedere sind kaiserliche Krangnter.
DaS glückliche Familienleben des Thronfolgers.
Pest, 80. Juni. Das Organ der Volkspartei, „Alkoffnany", veröffentlicht ein Gespräch des ermordeten Erzherzogs mit dem Fürstenprimas von Ungarn, Kardinal Csernoch, an dem der Erzherzog erst vor kurzem die Zeremo nie der Baretiaufsetzung vorgenommen hatte. Zu dem KrrchenMiteN hatte der Verewigte eines Tages folgendes geanßert.- „Eminenz! Ich habe oft gehört, daß es Dinge im Leben ^St, die wir, wenn wir sie wiederholen könnten, anders machen würden. Aber, wenn ichnoch einmaleine Ehe «5» aeben müßte, würde ich genau so handeln, trne rch gehandelt habe. Ich fühle mich so glücklich, daß ich mich,M einen gottgeweihten Menschen halte. Wenn ich nach merner langen und mühevollen Tagesarbeit in den Kreis meiner Familie zurückkehre und meine Frau inmitten d^er
spie lenden Kinder bei ein erHandarbertseh-e,
dann lasse ich alle meine Sorgen hrnter mrr. Ich wünschte Eminenz, daß Sie einmal Zeuge unseres Familenglnckes sein könnten."
Stilles Begräbnis deS ermordeten Paares.
* Wien, 1. Juli. Wie jetzt feststeht, wird das Begrabms des verstorbenen Thronfolgers im engsten gamilieir« kreise stattfinden. Kein Mitglied des KafferhauseS wrrd daran teilnehmen. Kaiser Wilhelm wird am Freffag (wie schon erwähnt) nach der Einsegnung der Lerchen rn der Sofburg nach Berlin zurückkehren. „
' ' sh Wien, 1. Juli- (Eig. Drahtbericht) Das Herzogs- paarvonCumberland und das Herzogs paar von Braunschweig werden an den Trauersererlrchkerten in Wien teilnehmen.
Anonyme Warnungen an den Erzherzog.
X X Prag, 1. Juli. tEig. Drahtbericht) Wie ans Beneschau verlautet, trafen vor der Abreffe de»E^- Herzog - Thronfolgers im Schlosse Konoprscht Sahlrenhe anonyme Zuschriften ein, in denen der Erzherzog von der geplanten Reise nach Bosnien gewarnt wurde. Stndentenknndgel'ungen vor der serbischen Gesandtschaft in Wien. ^ , .
w’n Wien. 30. Juni. Heute abend um 9 Uhr fanden vor der hiesigen serbischen Gesandtschaft Demonstrationen gegen Serbien von etwa 200 deutschnationalcn Studenten state. Das Gekandtschaftsackäude steht bereits seit vorgestern unter dem Schutz von Geheimpolizisten. Die Studenten zogenffn kleinen
- Man der Gesandtschaft vorbei erhoben Einmal i^
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rtlifburfcV 0 Sie Studenten begaben sich dann nach dem ^ ^ iv e r a d e n k m a l, wo eine Ansprache ge- lmlten wurde welche in die Rufe ansklang: „Rache für die Ermordung des Thronfolgers! Krieg gegen Serbien!" Hierauf ging-n die Studenten auseinander.
Die Lage in Bosnien.
Reue Kundgebungen und Ausschreitungen.
Mostar, 1. Juli. Hier ereigneten sich gestern wiederum patriotische Kundgebungen der Muselmanen^ Und' Katholiken und antiserbische Demonstrationen, wobei an einigen' serbischen Häusern die Fenster teingeworfen wurden. Gestern kam ein Kroate in ein serbisches Geschäft, um etwas einzukaufen. Der Kaufmann machte dem Kroaten gegenüber
