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Berliner Redaktion des Wiesbadener Tagblatts

12 Ausgaben.

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Oienstag, 39. Juni 1914.

Morgen'Ausgabe.

Nr. 2 ) 7 . ♦ 62 . Jahrgang.

i-;fc Blutlöt von berajewo.

(Von unserer Berliner Redaktion.)

Der am Sonntag der entsetzlichen Tat von Serajewo ^Um Lpser gefallene Thronfolger war unmittelbar von üönopischt aus, wo er noch in der vorvorigen Woche den ! putschen Kaiser als Gast hatte begrüßen dürfen und wo ^ noch die Einladung des Kaisers zu den diesjährigen deutschen, Kaisermanövern angenommen hatte, zu ! ?en südösterreichischen Manövern nach Bosnien ge­fahren; der Empfang in Serajewo sollte der Abschluß der aus diesem Anlaß veranstalteten Festlichkeiten sein.

Nach allen Berichten ist das Attentat, das wieder Einmal den Herzschlag der Welt aus einen Augenblick Mm Stocken und zum Erstarren gebracht hat, nicht ' stwa das Werk von Anarchisten oder von anderen Irr­sinnigen, sondern ein ausgesprochenpoliti- l ch e s Attentat; ebenso wie das Attentat, das im August dorigen Jahres in Agram auf den damals neu- drnannten Königlichen Kommissär, oder wie das andere Attentat, das im Sommer 1912 auf dessen Amts- dorgänger verübt wurde, beide allerdings mit gerin­gerem Erfolg. Damals ergab die Untersuchung ) g u t h e n t i s ch e Beweise dafür, daß es sich um ein südslawisches Komplott handelte, dessen Fäden ganz deutlich nach Belgrad, der Metropole der ^vnigsmörder, Hinüberliesen, und es ergibt sich aus der ügenen Aussagen der jetzigen Attentäter, daß auch dies- Mal wieder die Beweggründe, die dem Buchdrucker die Bombe, dem Primaner die Pistole in die Hand gedrückt, Un der vielberufenen „südslawischen Frage" zu 'uchen sind.

Seit dem Frühling vergangenen Jahres war in den Maßgebenden Kreisen in Wien in dieser „südslawischen 'frage" ein Umschwung eingetreten oder doch angedroht Nlld eingeleitet worden; man war des trockenen und niilden Tones satt geworden, der Landgraf sollte und wollte hart werden und im österreichischen Herren- iiause zum Beispiel hatten ein paar Magnaten gerade­zu frenetischen Beifall gehabt, als sie mit einem un- 'weideutigen Wink nach der Hofburg hinüber erklärten, Man nlüsse den Bosniaken und Kroaten, kurz der gan­zen serbischen Jrredenta gegenüber nun endlich zu einer Aktiven Politik übergehen, um den südslawischen Bau liegen die Funken feuersicher zu machen, die der Wind der serbischen Propaganda immer wieder vom Balkan derübertrage.

Als der hauptsächlichste und einflußreichste Verfechter l solcher „aktiver" Politik wie bekanntermaßen auch als ^ das Haupt der sog. Militärpartei galt von je, diesseits Mie jenseits der Leitha, der nun ermordete Thron­folger. Als im Fahre 1908 die Gefahr eines Krieges mit Rußland drohend am Himmel stand, LZ 1911, während Italien mit der Türkei im .Kriege lag, Österreich feindlicher Absichten gegen den j Bruder vom Dreibund bezichtigt wurde, auch noch in ^allerletzter Zeit, als die albanische Frage von Tag zu Aag brenzliger, die Stimmung zwischen ^tasten und Österreich so „verdächtig freundlich" wurde und in lronovischt die Spatzen von den Dächern pfiffen, daß ">» ... > .

Dingelstedt.

3u seinem 100. Geburtstag (30. Juni). Bon Dr. Paul Landau.

Wer kennt ihn noch, wer liest ihn noch an feinem 100. Ge­burtstag. Franz Dingelstedt, den „kosmopolitischen Nachtwäch- ^r", den Salonnavellisten, den Theatergewaltig.cn von einst? Und doch war er ein „representative man feiner Zeit, ein Achter „Moderner", ein Liebling des Publikums und der Ge- fssischaft, ja, mehr als das: eine Persönlichkeit von höchstem ftciz, ein Dichter von starkem Talent. Wer seinen Heine ge- ,f>\ Mett hat, lacht wohl noch über die komischen Anreden an den 1 "Ex-Nachtwächter mit den langen Fortschrittsbeinen , die m I -Aückschrittsbeine" sich verwandeln, über die „^erhofraterei I fts Freiheitslyrikers, der so rasch zum Königl. Wurttembergi- I 8^n Hosrat wurde. Wer die Geistesgeschichte des dritten I fierkels des 19. Jahrhunderts betrachtet, dem begegnet allent- j salben die elegante Gestalt des „langen Franz als ein wiri- iarncr und bedeutender Faktor, in dem München der „Dlchter- V schule" und der Historienmalerei, in Weimars „silbernem Zeitalter", im Wien der Mackart-Ära, und in den ^.ebens- ^schichten der Großen, eines Grillparzer, Hebbel, Wagner, toirb der tatkräftigen Förderung gedacht, die Dingelstedt ihrem schaffen angedeihen ließ. Aber seine eigenen Werke. Die wöhliHxn Wanderer, die an der Porta Westphanca sein schwungvolles Weserlied („Ich kenne einen deutschen Strom, ,1 "er ist mir wert und lieb vor allen") ertönen lassen, wissen . Uichts mehr von dem Namen dessen, der es gedichtet, und seine süchtigen „Münchener Bilderbogen" interessieren uns haupt­sächlich als historische Quelle, nicht als persönliches Bekennt­nis. Und doch war Dingelstedt weit mehr als eine Erschei­nung des Tages, als ein Halbtalent; über der Entfaltung st'ner vielen, allzu vielen Gaben aber hat ein ungünstiger > ^tern gewaltet, ein tragisches Geschick ließ ihn statt einer 'bleibenden Grüße" nur einen „interessanten Fall" werden.

der deutsche Marine-Moltke, Herr v. Tirpitz. nicht nur zu seinem Vergnügen dort weile, sondern um als Rar­geber für eine „Reorganisation" der österretchisäpun- garischen Marine gehört zu werden, deren Kanonen in ferner, ferner Zeit ja doch auch einmal_— so mun­kelte man wenigstens in Rom —• gegen Italien losgehen könnten: in allen solchen Lagen wies man unfehlbar immer auf den Erzherzog Franz Ferdinand als den Träger so kriegerischer, auf alle Falle gefährlicher Zu­kunftspläne.

Nickst nur deshalb war der Thronfolger m den Lan­dern der Monarchie — von den klerikalen und christlich­sozialen Kreisen abgesehen — nicht sonderlich beliebt. Man wird dem Toten nicht ungerecht, wenn man es ausspricht, daß man seinen Charakter und sein starkes Temperament bewunderte, aber fast noch mehr fürch­tete. Dieser Charakter hatte sich bei der Wahl seiner Gattin gezeigt, als er es gegegenüber den erbitterten Widerständen der Hofburg durchsetzte, die böhmische Gräfin Chstek zur — morganatischen — Gattin nehmen zu dürfen, die jetzt als Herzogin von Hohenberg so heldenhaft an seiner Seite gefallen ist. Sein Tem­perament führte vor zwei Jahren zu dem sensationellen Bruch mit seinem alten Lehrer, dem Gencralstabschef Konrad v. Hötzendorff, der iin Gegensatz zum Erzherzog allzuviel tür Italien übrig haben sollte, inzwischen allerdings wieder in der Gunst des Thronfolgers rehabilitiert worden war. Franz Ferdinand selber sollte, so wurde behauptet, schon wegen seiner gut katho­lischen oder richtiger gut klerikalen Überzeugun­gen so etwas wie eine „gefühlsmäßige" Abneigung gegen Italien haben. Auch sein Klerikalismus ist be­stritten worden, aber die anderer Meinung .waren, konn- ten sich auf den Papst selber berufen, der im Jahre 1903 österreichischen Pilgern gegenüber den Erzherzog seinen „Liebling" genannt hatte, auf tausend Äußerun­gen klerikaler. Blätter und Führer, nicht zuletzt aber auf die gewesene Gräfin Cliotek, deren Einfluß ganz zweifellos und in erster Linie in ultramonater Rich­tung tätig war.

Die Heirat mit der Gräfin Chotek hatte übrigens in keiner Weise verhindert, daß trotzdem auch die Tschechen in dem Thronfolger ihren geborenen und erbitterten Gegner sahen und fürchteten, zumal' seit der Erzherzog vor nun auch schon 10 Fahren sich an­geblich in einem Prager Cafa ein Spottlied aus die Böhmen hatte Vorsingen lassen. So etwas vergißt man dort drüben nicht so leicht und so war die Furcht vor dem, was kommen werde, wenn erst der greise Franz Joseph die Augen geschlossen, im Norden fast ebenso groß wie im Süden.

Was nun? Dem 51jährigen Franz Ferdinand folgt nun als Anwärter auf den Thron der kaum 27jährige Erzherzog Karl Franz Joseph, ein völlig unbeschrlebe- nes Blatt. Wird selbst bis dahin, bis der junge Erbe das Szepter ergreifen wird, der Friede gewahrt werden können, der Friede nach außen und der Friede im Innern des bunten Völkergemenges? Wird nicht an­gesichts der Bluttat von Serajewo der Nationalitäten­haß vom neuem und mit unwiderstehlicher Gewalt auf­

slammen? Wird nicht nun um so eher und um so stärker der Ruf: „Los von Wien!" erschallen, nun, da die st a r k e Hand, welche die Völker Zusammenhalten sollte, sür immer erlahmt ist? Das sind die politischen Fragen, die unmittelbar nach dem ersten Schrecken auf­tauchen und die natürlich auch hier nur angedeutet, nicht beantwortet werden können.

*

Die Überführung der Leichen nach Triest.

* Wien, 29. Juni. Da die ernsten Unruhen in Serajewo große Dimensionen angenommen haben, ersuchte der Landes­kommissar das Obersthofmarschallamt, die beiden Leichen noch heute aus Serajewo zu entfernen, da er sonst den Belage­rungszustand verhängen müsse. Deshalb hat der Kaiser ver­fügt, daß die Leichen heute mit der Eisenbahn nach Met- kowitsch am Adriatischen Meer übergesührt werden. Ein Eskadre wird sie dort einholen. Am Donnerstagfrüh kommt das Escadre mit den Leichen nach Triest. Von Triest werden sie sofort nach Wien übergeführt, wo sie Donnerstagabend ein- treffcn. Freitag von 8 bis 12 Uhr werden sie in der Hofburg- Kapelle ausgestellt. Um 4 Uhr am Freitag erfolgt die Ein­segnung.

Ein Ministerrat in Wien.

* Wien, 29. Juni. In Wien wird der Kaiser mit dem Grafen Berchtold eine erste Unterredung haben. Um 12 Uhr findet ein gemeinsamer Ministerrat statt, zu dem auch der ungarische Ministerpräsident Graf Tisza aus Budapest bereits eingetroffen ist.

Das Standrccht in Serajewo. wb. Serajewo, 29. Juni. Über die Stadt und den Bezirk Serajewo ist das Standrecht verhängt worden. — Die Leich­name des Erzherzogs und der Herzogin wurden heute nacht einbalsamiert und ihnen dann die Totenmaske abge- nommen. Der Zeitpunkt der Überführung der Leichen nach Wien ist noch nicht bekannt. An der Bahre werden zahlreiche Kränze niedergelegt. — Der am Hinterhaupte verletzte Flügel­adjutant Oberstleutnant Merizzi befindet sich außer Ge­fahr. — Bei den von der kroatischen Schuljugend gestern ver­anstalteten Demonstrationen mit antiserbischem Cha­rakter mußte die Ruhe durch Militär wiederhergestellt werden. Das Militär wurde von den Demonstranten mit stürmischen Zivio-Rufen und Händeklatjchen empfangen. Sonst blieb die Ruhe ungestört.

Weitere Verhaftungen in Serajewo. w b. Wien, 29. Juni. Der „R. Fr. Pr." wird aus Sera­jewo gemeldet: Es finden zahlreiche weitere Verhaftun­gen von bosnischen Serben statt, auch von Frauen und Mädchen. Die Verhöre dauern fort. Gendarmerie-, Polizei- und Militärpatrouillen durchziehen die Stadt. Um 10,30 Uhr nachts wurden drei Montenegriner verhaftet, von denen einer ein Tischler ist, während die beiden andern angeben, Studenten zu sein. Allem Anschein nach handelt es sich um ein weitver­zweigtes Komplott. Es wird erzählt, daß Cabrenovic wieder­holt geäußert habe, es werde gelegentlich der Ankunft des Thronfolgers etwas geschehen. Es darf nicht vergessen wer­den, daß gestern der größte serbische Nationalfeiertag, der so­genannte „Befreiungstag der Serben", war. Aus diesem Anlaß brachte das serbische Oppositionsblatt „Narod" einen chauvinistischen Artikel, der mit den serbischen Farben umrahmt war. Dieses Blatt wurde auch bei dem Täter Cabrenovic gefunden.

„Er hat im Leben viel Glück gehabt / Und ist doch nie­mals glücklich gewesen." Dies Sprüchlein wollte Dingelstedt aus seinen Grabstein setzen lassen. Der Zwiespalt, der durch sein Wesen und Wirken ging, war diesem ironischen Selbst- bcobachter aus leidvollen Stunden eigner grausamer Anklagen und verzweifelter Ohnmacht am besten bekannt. Äußerlich hat er eine Laufbahn durchmessen, „so glänzend, wie sie seit Goethe nur wenigen deutschen Po.eten beschieden gewesen ist": vom Gymnasiallehrer in einem kleinen kurhessischen Städt­chen bei kargem Brot stieg er zum Direktor der berühmten deutschen Bühne, der Burg, und zum Reichsfreiherrn empor.' In seiner geistreich spöttischen Weise hat er einmal angemerkt, daß das „Märchen seines Lebens" in sieben Hauptstücke im eigentlichsten Sinn des Wortes „zerfällt". Nämlich: 1. Ein blinder Hesse; Geburt, Kindheit, Schule, Universität, 1814 bis 1834. 2. Lehrjahre (will sagen: Jahre, in denen ich gelehrt habe), 1835 bis 1841. 3. Wanderjahre, Paris, London, Wien 1842 bis 1844, 4. Schwabenstreiche, Stuttgart, 1844 bis 1850.

5. Münchener Bilderbogen, 1851 bis 1857. 6. Stilleben in Weimar, 1857 bis 1867. 7. Wiener Haupt- und Staatsaktio­nen, 1867 bis 19??". Die Fragezeichen, die so hoffnungsvoll in unser Jahrhundert weisen, müssen durch das Jahr seines Todes 1881 ersetzt werden. Fügt man noch hinzu, daß für den kecken Dichter der „Lieder eines kosmopolitischen Nachtwäch­ters" in der spießbürgerlichen Enge der Heimat kein Bleiben mehr war, daß er seine „Wanderjahre" als Korrespondent der „Allgemeinen Zeitung" zu glänzenden feuilletonistischen Ar­beiten benutzte und beim ersten Aufenthalt in Wien sich mit der gefeierten Sängerin Jenny Luher und dabei zugleich „mit dem Theater selbst verheiratete", dap' er in Stuttgart Hof­bibliothekar, in München, Weimar, Wien Theaterintendant war, so hat man wohl das Tatsächliche aus Dingelstedts Leben erschöpft

Man hat den Nachtwächter, der mit seinem Horn so tapfer zum Fortschritt geblasen und die stumpfen Gemüter aus trä- «

:r Ruhe aufgerüttelt hatte, Verräter und Renegat geschol- n, da er ein paar Jahre später „zu Hofe ging". Und doch ar es keine plötzliche Wandlung seiner Gesinnung, kein Ber- ugnen der alten Ideale; vielmehr lebt schon in dem Revo- tionär der Salonmensch, und der Hofinann ist trotzdem emokrat geblieben. Schon in seinen frühen Novellen zittert ne Sehnsucht nach der vornehmen Gesellschaft, nach der gro- :n Welt. In dem Chor der politischen Dichter vor 1848, in :n der „Kasseler Spaziergänger" und noch lauter der kosmo- ilitische Stundenrufer seine helle Stimme mischte, aber ist - wie Herwegh der Prediger, Hosfmann v. Fallersleben der ürger und Prutz der Journalist —, so Dingelstedt von An- ing an der Dandy und Aristokrat, der sich mit seinem irom- hen Witz, seinen scharf geschliffenen Epigrammen und ferner eganten Anmut der Form an die Schöngeister und Ästheten endet. Der auffallend schöne junge Mann, mit dem^inrer- santen Weltschmerz, der echten Glut der ^erdenschaft und :m deklamatorischen Schwung, dessen blendende) satrre und öttelnde Kritik eine „Revolution m Glacehsndschuhen vox- ■reitete, fesselte bereits damals mehr durch jerne Persönlich- :it als durch seine Dichtung, und drei- sajzrnierende Wirkung i ifint stets eiaen geblieben. Von dem gealterten Burgtheater- rekwr sagt der gewiß nicht enthusiastische Friedrich Uhl, üne Art von Verzauberung sei von ihm ausgegangen. „Ich rbe nie einen Mann gekannt, der, wie er, die Gabe besaß, e Zeit, während man sich im Gespräch mit ihm befand, so rsch vorüberfliegn zu lassen. Ein Wort DinKelstedts und er lachte sich klar, eine Andeutung, und er verstand." Wie im ^sprach, so entfaltete er auch im Brief, in der Rede seine un- iderstehliche Laune, seinen sarkastischen und doch nicht ver- tzenden Witz, die^ Leichtigkeit eines verschwenderisch begabten rtb mühelos schassenden Geistes, der freilich auch in obersläch- che Tändelei und gesuchte Unnatur verfallen konnte. So ist : auch in seinen Schriften ein entzückender Plauderer, ein :wandter Brieftchreiber, ein meisterlich die Technik beherr-