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Verlag Langgasse 21

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Montag. 29. Juni 1914.

Kbend-Kusgabe.

Nr. 296. 62. Jahrgang.

Oie Ermordung öe§ Öster­reichischen ThronfolgerZ unö seiner Gemahlin.

Dem einen Attentat entronnen, dem zweiten zum Opfer gefallen! wb. Serajewo, 28. Juni. Als sich der Thronfolger Erzherzog Franz Ferdinand mit seiner Gemahlin heute vormittag zum Empfang ins Rathaus begab, wurde gegen sein Automobil eine Bombe geschleudert, die der Erzherzog mit dem Arm zuriickstietz. Die Bombe explodierte, nachdem das erzherzogliche Automobil die Stelle passiert hatte. Die in dem nachfolgenden Auto­mobil befindlichen beiden Herren des Gefolges wurden leicht verletzt. Vom Publikum wurden sechs Personen verletzt. Der Attentäter, der Typograph Cnbre- n o v i c aus Trebinze, wurde sofort festzenommen.

Nach dem Empfang im RathanS setzte der Thron­folger mit seiner Gemahlin die Rundfahrt fort. Ein Gymnasiast der 8 Klaffe namens Princip ans Grahowo feuerte aus einem Browning mehrere Schüsse auf den Thronfolger und dessen Gemahlin ab. Der Thronfolger wurde im Gesicht, die Herzogin in den Unterleib getroffen. Beide wurden in den Konak übergeführt, wo sie ihren Verletzungen erlegen sind. Der Attentäter wurde verhaftet. Die erbitterte Menge lynchte nahezu beide Attentäter.

Mit tiefstem Abscheu, mit aufrichtigster Teilnahme mr den treu verbündeten hochbetagten Kaiser des Nach- darreiches uild mit ernster Sorge vernehmen wir die Kunde von dieser furchtbaren Schandtat eines serbischen -ucordbuben, die ein politisches Ereignis von aller- llroßter Bedeutung , darstellü Zu der Ermordung des serbischen Königspaares Alexander und Draga am Juni '1903 sowie der des Königs Karl von P o r t u- ffa l und des Thronfolgers am 1. Februar 1908 gesellt ich nun als dritte furchtbarste Bluttat der neuesten Ge- \ Achte das gestrige schreckliche Attentat in Serajewo. Was sind Hoffnungen, was sind Entwürfe, was sind Befürchtungen! Lange Monate hatte man um das Aben des greisen Kaisers Franz Joseph gebangt, schon hatten sorgsame Zeitungen die Nachrufe vorbereitet für °ert greisen Herrscher und die Biographie sür den kom­menden Mann. Aber es kam anders. Kaiser Franz Joseph, der im 84. Lebensjahre steht, hat sich von der Krankheit, die seine Gesundheit ernstlich erschüttert ^tte, wieder erholt, und der kommende Mann, die ungg Kraft, die ihm auf dem Throne folgen sollte, ist An. von meuchlerischer Hand gefällt, vor ihm ins sflab gesunken. Den Toten muß man beklagen, auch den Lebe n d-e n, den greisen Herrscher, dem E dem unendlichen Leid, das ihm sein langes gebracht, nun noch ein neues, grausiges Agesügt worden ist. Der Bruder des in Qucretaro I ^gemordeten Erzherzogs Maximilian, der durch Mn jähen Tod des Kronprinzen Rudolf gramge- -W>gte Vater, der durch den Dolch Lucchenis der hoch- "wigen Lebensgefährtin beraubte Gatte hat jetzt den ^rhältnismäßig noch jungen Thronfolger, seinen Affen, auf den er seine Hoffnungen für das Wohl Jv Monarchie setzte, vor sich ins Grab sinken sehen. Die " u g e n d st i r b t, und das A l t e r l e b t und leidet! Jr f Von tiefster Tragik ist auch das Geschick des Asiiordeten und seiner Gattin. Als der Erzherzog Manz Ferdinand Karl Ludwig Joseph Maria von Österreich am 18. Dezember 1863 in Graz geboren Arde, konnte niemand ahnen, daß er dereinst der be- Lstme Thronanwärter werden würde. Er kam als ,Mter Sohn des Erzherzogs Karl Ludwig, des Metten von den drei jüngeren Brüdern des Kaisers Jstnnz Joseph, zur Welt und entstammt der schon im Mbre 1871 durch den Tod gelosten zweiten Elle seines Mters mit der Prinzessin Annunziata von Bourbon- Mlilien. Nach dem tragischen Ende des Kron- Ainzen Rudolf am 30. Januar 1889 ging die Mrynanwartschaft ailf seinen Pater und nach dessen M 19. Mai 1896 erfolgten Tode ans ihn selbst über. Iw entsinnt sich noch der allgemeinen Sensation, seine am 1. Juli 1900 geschlossene morganatische mit der Gräfin Sofie Chotek von Cbotkowa v'oWagnin, der am I.März 1868 u,Stuttgart geborenen .".Mer des österreichisch-ungarischen Gesandten am ,.KAtenlberai scheu Hose, des Grafen Borrslav Chotek. m der Gräfin Wilhelmine Kinskv erregte. Man weiß, .Ache heftigen Kämpfe dieser Eheschließung voran- ksi^llen, auf welch scharten Widerstand der Er-herzog IS-,den er zum Schluß doch überwand. So überwand, b die morganatische, ietzt mit ibm der Mörderhand > Dvfer gefallene Gattin des Thronfolgers, die als ar^irstin von Hohenberg hieß, 1905 zur Durch- ANl und 1909 zur Hoheit und zur Herzogin von zj, Zubern ernannt wurde. Freilich hatte der Erz- feierlich auf die Erbberechtigung seiner Kinder

aus dieser Ehe verzichten müssen, die nach österreichi­schem Recht als nicht sukzessionsfähig gilt. Es sind dies gürftin Soft e, geboren 24. Juli 1901, Fürst Maximilian, geboren 28. September 1902, und Fürst Ern st, geboren 27. Mai 1904.

Am Grabe des Erzherzogs Franz Ferdinand, der ein langjähriger Freund des deutschen Kaisers war und mit ihm im Lause der letzten Monate noch wiederholt zusamnientraf, mag man nicht der mancherlei Irrungen und Wirrungen in seinem Leben gedenken, nicht der Gerüchte, die ihn als tschechenfreundlich hinzustellen wußten, nicht auch der Tatsache, daß er der Vertreter einer ganz ausgesprochen klerikalen Rich­tung war, sondern nur seiner hervorragenden menschlichen, staatsmännischjtzn und mili- tärischen Eigenschaften, seiner a u ß e r- ordentlichcn Verdienste um die Kräfti­gung der Monarchie. Der Charakter des Er­mordeten — denn eine charaktervolle Persönlichkeit war er gewiß — ruhte auf einer dreifachen Grundlage: Religiosität, Familiensinn, Vaterlands­liebe. Hierzu kamen drei treibende Eigenschaften: ein scharfer Verstand — er war ein kühl wägen­der, klar denkender und selbständig urteilender Kopf —, eine starke Energie und ein ausgeprägtes S e l b st b e w u ß t s e i n.

Einer der stärksten Beweise seiner Energie und seines Familiensinnes war ja seine Vermählung. Das aus schlaggenb ende, alles überragende Gefühl des Erzherzogs war seine Vaterlandsliebe, sein warmes Enrpsinden sür die Monarchie und ihre Völker. Die Einheit der Monarchie und ihre Großmacht­stellung ivaren die Grundprinzipien, an denen er sesthielt. Aus ihnen erklärte sich sein gesamtes mili­tärisches und politisches Wirken. Er sah die sicherste Gewähr für eine glückliche Zukunft des Reiches in einer starken, zuverlässigen Armee und in einer mächtigen Flotte. In früheren Jahren in der Armee wenig beliebt und als strenger, rücksichtsloser Kritiker gefürchtet, war Franz Ferdinand dann, nach­dem es ihm gelungen war, unter den alterbgesessenen Generalen, sogar bis zun: Generalstabschef v. B e ck hin, einem persönlichen Freunde des Kaisers, gehörig aufzu­räumen und der Tüchtigkeit den Vorrang zu sichern, beinahe populär, obwohl er persönlich durchaus kein besonders gütiger Mensch war. In der ganzen Armee wurde er, der bekanntlich seit Jahren an der Spitze der sogenannten Aktionspartei stand, als der berufenste F ü h r e r für den Ernstfall bezeichnet, der alle Eigen­schaften eines modernen Heerführers, Kaltblütigkeit, Umsicht und rasche Entschlußkraft besaß. Dabei war Franz Ferdinand kein miles gloriosus, der auf die Märkte zieht und den Ruhm seiner Taten, verkündet, er war vielmehr ein sehr ernst zu nehmender Herr, kein Schwätzer, sondern ein Arbeiter, kein Phantast, sondern durchaus Realist. Zugleich ein Mann, der den so oft prophezeiten Verfall der Monarchie ver­hindern wollte, indem er eine _ Politik der Aktion an die Stelle der müden Passivität setzte. So ist wirklich — mag es auch unmöglich sein jetzt, zu sagen, ob dem W> o l l e n dieser Kraft das Vollbringen entsprochen haben würde — so ist ein M a U n, ein ganzer Mann, der in der Tat für die Habsburgische Monarchie und das Kaiserhaus etwas bedeutete, der Träger ihrer Zukunftshoffnungen, dem Mordstahl zum Opfer gefallen. Die Schreckens­tat wird dadurch um so viel tragischer, der von uns mitemvfundene Verlust für den befreundeten österreichi­schen Kaiserstaat um so größer und schmerzlicher!

*

Einzelheiten über die Schreckenstat.

* Serajewo, 29. Juni. Auf den Straßen hatte sich eine große Menschenmenge cingefundcn, die das Erzherzogspaar ehrfurchtsvoll begrüßte. Plötzlich wurde gegen das Auto des Thronfolgers eine Bombe geschlendert. Der Erzherzog er­kannte rechtzeitig die Gefahr, sprang auf und schlug die Bombe zur Seite. Sie fiel hinter dem Anto zu Boden. Durch die Sprcngstücke wurden Oberstleutnant Graf Boos-Waldeck «nd Oberstleutnant Merezzi, der Adjutant des Landescheks von Bosnien, die in einem dem Erzherzog folgenden Auto Platz genommen hatten, leicht verletzt, während vier Zuschauer schwer verletzt wurden. Der Thronfolger begab sich nach diesem Vorfall mit seiner Gattin, die über die Katastrophe sehr be­unruhigt war, nach dem Rathaus, wo der Bürgermeister von Serajewo in einer Ansprache seiner Entrüstung über die feige Tat Ausdruck verlieh. Der Erzherzog ließ durch einen der ihn begleitenden Offiziere sich nach dem Befinden der Berltzten erkundigen. Er bestieg dann mit seiner Gattin wieder das Automobil, um, wie im Programm vorgesehen war, die Rundfahrt durch die Stadt zu beendigen. Kaum hatten der Erzherzog-Thronfolger und seine Gattin das Anto be­stiegen, als sich ans der Menge ein jüngerer Mensch an den Wagen drängte und, ehe ihn die zustürmenden Polizisten hindern konnten, rasch mehrere Schüsse ans den Erzherzog und die Herzogin von Hohenberg abgab. Der Erzherzog war

durch einen Schuß ins Gesicht getroffen und war blutüber­strömt. Die »Herzogin, die sich laut schreiend im Wagen er­hoben hatte, erhielt einen Schuß in den Unterleib und stürzte über ihren schwerverwundeten Gemahl. DaS Gefolge bemühte sich um die Schwerverletzten nnd bald darauf wurden der Erzherzog und seine Gattin in rasendem Tempo nach dem Konak verbracht. Auf dem Wege verschied der Erz­herzog bereits, während die Gattin wenige Minuten später ihr Leben aushauchte. Der Täter, der die tödlichen Schüsse abgefeuert hatte, konnte von den Polizisten nur mit Mühe der Wut des Volkes entzogen werden, das ihn zu lynchen versuchte. Es ist ein 17jähriger Gymnasiast der 8. Klaffe namens Princip, serbischer Abkunft und aus Grahowo an der serbischen Grenze gebürtig.

wb. Wien, 29. Juni. Der erste Schutz, welcher durch das Automobil hindurchging, durchbohrte die rechte Bauch­seite der Herzogin, der zweite traf den Erzherzog neben der Kähle und durchbohrte die Halsschlagader. Die Herzogin wurde sofort bewußtlos und fiel dem Erzherzog in den Schoß. Auch der Erzherzog verlor nach einigen Sekunden das Bewußtsein.

Im Konak.

wb. Wien, 29. Juni. Die „Neue Freie Presse" meldet weiter: Im Konak leisteten Oberstabsarzt Wolfgang und

Rogimentsärzt Payer die erste Hilfe; doch gaben der Erzher­zog urtd die Herzogin von Hohenberg keine Lebenszeichen mehr von sich. Der Spitalkommandant, Obebstabsargt Dr. Arn­stein, stellten den Eintritt des Todes .fest. Hierauf wurde sei­tens .der Zivil- .und Militärbehörden der Tatbestand ausge­nommen.

Der Verlauf des Empfanges im Nathans.

wb. Serajewo, 28. Juni. Ter heutige Empfang im Rat­haus verlief programmäßig. Um 9,50 Uhr erfolgte die An­kunft der Gäste mittels Hofzuges. Vor dem -Philipvic-Lager wurden der Erzherzog und die Herzogin von den militärischen Behörden empfangen. Auf der Fahrt zum Rathaus wurde, wie bereits gemeldet, das erste Attentat verübt. Nach der Weiterfahrt nach dem Attentatsversuch waren der Erzherzog und seine Gemahlin der Gegenstand stürmischer Ovationen, die um so herzlicher waren, als sich die Kunde von dem mißlungenen Anschlag bereits verbreitet hatte. Im Rathaus wurden die hohen Gäste von dem Bürgermeister und den Grmeinderäten festlich empfangen und mit stürmischen Zivio-Rufen begrüßt. Als der Erzherzog nach dem ersten Attentat den Rathaussaal betrat, sprach er in tiefer Bewegung den Bürgermeister mit folgenden Worten an:

„Wir kommen in der friedlichsten Absicht, um Serajewo zu besuchen, und man begrüßt u n s hier mit Bombe n."

Der Bürgermeister hielt an den Erzherzog eine Ansprache, in welcher er ihn der unerschütterlichen Untertanentreue und Liebe zum Kaiser und dem ganzen Herrscherhause Habsburg versicherte. Der Erzherzog erwiderte: Mit beson­derer Freude nehme ich die Versicherung Ihrer unerschütter­lichen Treue und Anhänglichkeit an unseren Allergnädigsten Kaiser und König entgegen und danke Ihnen, Herr Bürger- meister, herzlich erfreut für die mir und meiner Gemahlin bereiteten jubelnden Ovationen um so mehr, als ich darin auch den Ausdruck der Freude über das mißglückte Attentat er­blicke. Zu meiner aufrichtigen Genugtuung war e§ mir ver­gönnt, mich während des kurzen Aufenthalts in ihrer Mitte persönlich von der erfreulichen Entwicklung dieses prächtigen Landes zu überzeugen, an dessen Aufblühen ich jederzeit regsten Anteil genommen habe. In serbisch- kroatischer Sprache fortfahrend sagte der Erzherzog: Ich bitte Sie, den Bewohnern der schönen Landeshauptstadt meinen herzlichen Gruß zu entbieten und ich versichere Sie meiner unwandelbaren Huld und Gewogenheit. Der Erzherzog und die Herzogin waren ein wenig erregt, aber sonst in fröhlichster Stimmung. Sie streichelten liebevoll das Töchter- chen des Landesdirektors, das der Frau Herzogin einen Rosen­strauß überreichte. Nachdem die Herrschaften den Säulenhof des Rathauses besichtigt hatten, traten sie die Weiter.» fahrt zum Museum an, wo die ruchlose Tat erfolgte, dessen Opfer sie waren. Der Landeschef P o t o r e k, der sich in dem erzherzoglichen Automobil befand, blieb unverletzt. Die beideil Leichen bleiben vorläufig im Konak aufgebahrt.

wb. Serajewo, 28. Juni. Der Attentäter Princip i 1!» Jahre alt. Er gab bei dem Verhör an, schon lange die Al sich gehabt zu haben, irgendeine hohe Person auS n a t i o nalistischen Motiven 3« töten. Er habe einen Moniei gezögert, da auch die Herzogin sich nn Automobil befand, dan aber rasch gefeuert. Er leugnet, Komplicen zu haben. Di 21jährige Typograph E a br e n - v i c zeigte bei dem Berlsi ein sehr zynisches Wesen. Auch er erklärte, keir Komplicen zu haben. Eabrcnovic war nach dem Attentat i den Fluß gesprungen, wurde ,edoch fee „ nachspringcnde Wachtlcuten »nd Personen aus dem Publikum verhafte Wenige Schritte von dem Schauplatz des zweiten Attentat wurde eine unwirksam gebliebene Bombe aufgcfunden. Si dürfte von c,nc,n dritten Attentäter weggeworfe worben sein, nachdem er gesehen hatte, daß der Anschlag g, lungen war. Princip erklärte, er habe längere Zeit in B e l grab studiert. Cabrenovic erklärte, die Bombe von einer Anarchisten rn Belgrad, dessen Namen er nicht kenne, erhalte zu haben. Sowohl Princip, ein langaufgeschoffencr Mensck als auch Cabrenovic gaben bei der Vernehmung nnvcrhohlee